Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1924)
- Date
- 1924-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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31. Januar 1924 25. Schebat 5684 Nr. 5 65. Jahrgang Frankfurt a. M., den Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1924: Deutschland 1 Goldmart monatlich; Ausland: Viertel» jahrpreise tentsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: 50000 Kronen; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; Frankreich ifi Fr.; Belgien 15 Fr.; Holland8 fl.; Italien 3» Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.60 Lit.; Rumänien 100 Lei; Pole» 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 30 Kronen; Ungarn 16000 Kronen; Dänemark 6 Kronen; Norwegen 5 Kronen; Schweden 3.60 Kronen. Einzelnummer dreißig Gokdpfenniae. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 30 Goldpfennige, für Slelleniuchenve 80 Goldpf., für die stebengespaltene Nonpareille-Zeile. Die 80 mm breite Reklamezeiler letzte Tertsette 90 Pfg., vorletzte Terkseite 1.80 Pfg.; Chiffregebühr in Höhe eines doppelten Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnseratauftriigen tarifm. Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Inferatenannahme durch den Verlag des Israelit <3. m. d. H.. Frankfurt a. SW., Gr. Eschenheimer Straße 83. Tel. Hansa 6848 sowie durch sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Alleinige Inferatenannahme für Frankfurter Gelchästsanzeigen: Jul. Schmidt. Lanaestroüe ». Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. ^ä^!unger^dtre???rr?e»^!erla^?ü^^oftiche3?ont?^rm^ulr^(Äatn^!r7^ü8!di^^lu8erveu7^^8^Ipär?ä>s^Mei^lr^9E^^^^ Zürich Nr. VHI 7W4 — Postscheckamt Amsterdam Nr. 84839 — Böhmische Nnionbank kn Prag — Banra Marmarosch, Blank & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Bon der Notgemeinschast der Generationen. Eine historische Studie für die Gegenwart. „Jedwede Zeit hat ihre Wehen." Ueber „schlechte Zeiten" haben die Menschen gejammert, seitdem es Menschen und Zeiten gibt. Nur einer wußte es besser: Kohelet, der der Zeilen Lauf die Erfahrung abgewinnl-a'Q'NV^nv nv ionn m Vv nVap NV2NQ «*? '2 nbxn v'3iv i'n D’jircinn „Sprich nicht von dem, was war und daß die früheren Tage besser waren wie diese: denn nicht aus Weisheit sprichst du solches!" Der Weltschmerz bleibt aber Mittelpunkt der Lebensbetrachtung. Seit den Weisen Athens bis zu den Philosophen an der Schwelle unseres Jahrhunderts wird nach Zweck und Sinn des Lebens gesucht. Leibniz und Schopenhauer zerbrechm sich den Kopf darüber, ob unsere Welt die beste oder schlechteste der möglichen ist. U n s e r e Welsen fassen es drastischer, indem sie sagen: Vdki «ptm "»i r^iv'N '32 'sn nn«n »pvn. „Die Welt gleicht einem Hochzeitsmahl, nutze die Stunde für Erlangung der besten Bissen!" Aber das Wort ist deutbar. Einem re'chen Schmause bleibt die katzeniämmerliche Nachwirkung nicht erspart: min nnaw nnnx- Und ist das „Hochzeitsmahl" des Genußlebens unser, so denke man auch an die Kosten, . . Zweiundzwanzigundeinhalb Jahre lagen die Hauser S ch a m a i und H i l l e l im Streite darüber, ob nicht die Erschaffung des Menschen besser unterblieben wäre! Man einigte sich dahin: es wäre schon besser gewesen für den Menschen, er wäre gar nicht da, er ist aber da, darum achte er auf sein Lebenswerk: novs' «ims» i'V2vi i"py»2- Soll heißen: Du, Mensch, bist nicht Subjekt, sondern Objekt auf dieser Welt, deren Weilen und Tiefen zu ergründen, du dich anmatzet. Deine Welt, die Welt deines Denkens und Tuns kannst du aber kraft des Regulators des „freien Willens" zu der besten der möglichen gestalten. Aus dieser Einstellung, aus der uns so in die Hand gelegten Möglichkeit der freien Innengestaltung unseres Ich- und Gemeinschaftslebens, ergibt sich auch die Art, wie wir in unserer langen leidvollen Geschichte auf äußere Not und Bedrängnis reagierten, von der wir hier sprechen wollen. Wir wollen Zabv nicht allzuweit zurücksreifen, nur auf die Zeit der Mischna zu Beginn unserer bürgerlichen Zeitrechnung. Wie sah es damals um uns aus, wie sah eg in uns aus? Rom hält seine eiserne Hand über das zu Boden geworfene Judäa, und frisch brennt noch im Herzen die Wunde aus dem nationalen Zusammenbruche. Man muß sich selbst für solche interne Anliegen wie w*mn tfiTj? und mv.n ni3'v die Direktive in Zäsarea holen, wo der römische Statthalter über Leben und Tod befiehlt. Dazu die Ungunst des hartgewordenen Bodens. Der Himmel versagt den Regen und die Erde den Segen. Kein Brot und kein Wasser. Das Vieh verschmachtet auf der Weide und die Pflanze verdorrt auf dem Felde. Was tat man? Hat man gellagt, gejammert, gehamstert, geschoben? Es gab welche, die auch letzteres taten und sie luden auf sich den Fluch ewiger Zeiten 121 nirra rrinn. Aber das Judentum, das Judentum in seiner Elite und Blüte, in seinen Massen, in seiner Ganzheit, verkörpert durch die Lehre der Mischna? Man tradierte alte und neue Thesen, sammelte und redigierte sie liebevoll und hatte die sechs Teile der Mischna, die keine Bücher der Klage und Not sind, die die höchsten Probleme umfassen, aber auch die niederen kleinmenschlichen Anliegen in Höhensphären, in den Strahlenglanz des Göttlichen ziehen, die hinabsteigen in den tiefen Schacht, wie die „Saaten" (D’jnt), Segen verheißend und Gotteslob erhäschend (ni232), keimen und hinauf zu den Höhen, die unser Leben weihen und reinigen (nvwi v'v?7p). Aber die Not war da, und man konnte nicht vor ihr die Angen schließen. So wurde sie, die ganze Qual der Zeit, sozusagen konzentriert auf einen Punkt, verbannt in einen kleinen Bezirk, in Traktat n'iyn- Als wollte man sagen: „Hier bleibst du und störst nicht unsere Hochgedanken und hemmst nicht den Höhenflug unseres Geistes! . . ." Und was finden wir im Traktate „Taanith" über die Not und ihre Abwehr? Hier sind sie fteilich alle enthalten, all die dunklen Gestalten aus der Hölle des Menschenleides: R^genmangel, Hunger, Dürre, Seuchen aller Art, Ueberschwemmung, Schiffsnot, Kriegsbedrängnis. Und was tat man, um diesen vielfältigen Nöten wirksam zu begegnen? Man fastete, und man fastete immer wieder, wenn die Wirkung ausblieb, x^i nasr. '121 min« nrnsm pm in gesteigertem Maße xrawmn nnn' V?«. Nützte es nicht, dann setzte man Nationaltrauer an, die Handel und Wandel, der Bautätigkeit und der Familiengründung Schranken auferlegte. awaa prarba *121 jnani. Die Menschen gingen daher wie von Gott Verstoßene aipan 'jdV )'ö)M2. In besonders schlimmen Fällen hat man im Trauern auch vor dem Sabbat nicht Halt gemacht naff3 f'V'inv. Wie ein solcher Trauergottesdienst im allgemeinen aussah, wird uns im zweiten Abschnitt des genannten Trattates anschaulich geschildert. Man trug die heilige Lade hinaus auf die Straße (Synagogenhof), streute Asche auf sie, auf die Häupter des Nassi und des Gerichtsvorsitzenden, dann auch auf das Haupt eines jeglichen. Ein weiser und ehrwürdiger Greis richtete darauf eindringliche Worte an das Volk: „Brüder, heißt es doch nicht von den Männern in Ninive: „Gott sah herab auf ihren Trauersack und ihr Fasten", sondern: „Gott sah ihre Werke, daß sie abließen von ihrem bösen Wandel." Und weiter heißt es in der Schrift (Joel 2): „Zerreißt euer Herz und nicht allein eure Kleider!" Begann man nun mit dem Gebete, so wählte man als Vorbeier einen würdigen Greis, der gewandt und bewandert war in den Gebeten, zudem auch Kinder hatte und dessen Haus leer war (nach einer Auffassung „guten Rufs" gemeint), damit fein Herz vollkommen und ungeteilt bei der Andacht sei. Soweit die Mischna, deren Thesen Traditionen von Jahrhunderten darstellen. Und die Amaraim bauen dreihundert Jahre auch an diesem Bezirke weiter: so entsteht die Gemara Taanith auf 31 Folioblättern. Aber es bleibt doch immerhin ein Bezirk innerhalb des großen geistigen Weltreiches des Talmuds, der allein alle Not der Zeiten in seinen Mauern einschließt. Daß es aber immer schon Menschen gegeben hat, die jenseits und über der Not stehend, weise vorgesorgt und auf die leidenden Massen herabsahen, ja sogar selbstsüchtig deren Lage ausnutzen und aus Volksnot Hochkonjunktur machten, ist menschlich, so menschlich wie die ewige Not selbst. Wie von der hohen Warte unserer talmudischen Sozialethik über diese kleinen, matten Seelen geurteilt wird, erhellt aus der Talmudstelle auf Seite 11 in „Taanith": „Wenn Israel im Schmerze seufzt, und sich einer aus der Gemeinschaft ausschließt, dann legen die beiden den Menschen begleitenden Schutzengel ihre Hände auf das Haupt des Pflichtvergessenen und sprechen: „Dieser hat sich von der Gemeinde in ihrer Not abgesondert, er soll auch nicht der Gemeinde Trost miterleben. — Wenn Israel im Schmerze weilt, so spreche nicht