Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 65 (1924)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1924)
- Date
- 1924-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ES* Der Israelit Nt. r 1924 Nach Berlin.. Ein Kulturbild aus dem vorigen Jahrhundert von M. L. (Schluß Rabbi Daniel verabschiedete sich von dem Rabbinen und fuhr nach seinem Landhause zurück. Wie anders erschien ihm die Welt nunmehr, da die schwere Last von seinem Herzen genommen war. Die Sonne schien ihm freundlicher, zu leuchten, er glaubte, das Laub der Bäume sei unterdes saftiger und fr scher geworden. Zuvorkommend erwiderte er die Grütze der ihm Begegnenden, mit vollen Händen warf er kleine Münzen in die ihm entgegengestreckten Hüte der Bettler. Als er nach Hause kam, suchte er zuerst seine Frau auf und verkündete ihr freudestrahlend die Entscheidung des Rabbiners. Dann schlotz er sich in sein Privatzimmer ein, nahm die Psalmen Davids zur Hand und las darin, bis er zum Mittagessen gerufen wurde. Sich heute um dieses zu bekümmern, war ihm nach all den Aufregungen des Tages nicht möglich. Auch beim Essen war er, gegen seine Gewohnheit, höchst einsilbig: aber er lächelte vergnügt vor sich hin. Wohl fiel den Kindern und anderen Tischgenossen das Benehmen des Hausherrn auf: doch seine kluge Frau wutzte geschickt jede Frage zu verhindern. Sie führte heute Mittag ausnahmsweise das grotze Wort, damit ihr Gatte ungestört seinen Gedanken nachhangen konnte. Rabbi Daniel verzichtete heute auf sein Mittagsschläfchen. Nachdem das Tischgebet gesprochen war, begab er sich in die Kontorräume, suchte sein Privatkabinett auf und entnahm der grotzen eisernen Geldkfte eine Menge eingerollter Dukaten. Dann liefe er sich den schwarzen Kaffee auf die Veranda bringen, wo jetzt eine herniedergelassene grotze Marquise die Sonnenstrahlen abwehrte, nahm den Simchas Nephesch, der noch vom Morgen her dort lag, zur Hand und las darin, seinen Jugendfreund erwartend. Gegen vier Uhr nachmittags erschien David Weschner im Garten. Rabbi Daniel ging ihm entgegen, umarmte und kützte ihn. „Sei mir willkommen, mein guter Kamerad!" rief er. „Komm, setze Dich zu mir und trinke eine Tasse Kaffee." „Es freut mich," sagte David. Platz nehmend, „datz ihr wieder gesund seid." „Es war nur ein vorübergehender, unbedeutender Anfall. — Weitzt du, David, ich habe es mir überlegt, ich kann für dich nichts zufammenmachen. Was soll ich den Leuten sagen? Schickt's sich wohl, datz ich für einen alten Kameraden sammele, mit dem ich als Pferdeknecht bei Mendel Rotzkamm gedient habe? Würde das nicht meinem Renommee schaden?" „Ich kann euch nicht unrecht geben," entgegnete David traurig. „Allein, was. soll ich anfangen?" Rabbi Daniel holte aus seiner Rocktasche 10 Röllchen hervor, und legte sie vor sich auf den Tisch. „Hier sind zehn Röllchen," sagte er, „in jedem sind hundert Dukaten, macht zusammen tausend Dukaten. Davon kannst du tausend Taler zur Mitgift für deine Tochter verwenden: fünfhundert Taler wirst du wohl für Aus- Ofttung und Hochzeitskosten brauchen: den Rest magst du verzinslich anlegen, damit ihr, du und deine Frau, einen Notpfennig für euer Alter habt." „Rabbi Daniel," sagte er. „das ist viel zu viel!" „Närrchen", entgegnete Rabbi Daniel, „ich mutz dir doch dein Federmesser bezahlen! Ich behalte noch mehr als zehntausend Taler übrig." Da schob David Weschner das Geld weit von sich fort. „Nein," rief er, „das Geld darf ich nicht nehmen! Für das Federmesser seid ihr mir nichts schuldig. Das habe ich euch damals geschenkt bemattonoh gemuroh! *)" Ein freudiges Lächeln verklärte das Antlitz Rabbi Daniels: erst jetzt entwich ihm das letzte Bedenken. „So schenke ich dir heute," entgegnete er, „diese tausend Dukaten bemattonoh gemuroh. Du darfst sie von mir annehmen. Für dich ist es allerdings eine grotze Summe: für mich aber ist sie nur klein." David liefe sich nicht lang bitten. Zu Futz war er nach Berlin gekommen: für die Rückreise benutzte er den Postwagen: war er doch jetzt ein reicher Mann. Rabbi Bär Kuttner tat sich nicht wenig auf den Erfolg seines Rates zugute. Abraham und Klärchen wurden ein glückliches Paar. Zum Neujahrsfeste verehrte Rabbi Daniel Izig dem Berliner Rabbiner einen kostbaren türkischen Schlafrock, welcher die Bewunderung der ganzen Kehillah erregte. Als im Winter der berühmte Rabbi Löb, Verfasser des „Schaagas Arjeh" nach Berlin kam und bei einem Besuche bei Rabbi Hirsche! mit diesem in einen heftigen gelehrten Disput geriet, fatzte er unwillig den kostbaren Schlafrock an und rief: „Wenn man einen solchen Schlafrock trägt, so kann man kein Lamdon sein!" Rabbi Loeb Hatzte alles Ueberflüssige und lebte selbst in der einfachsten Weise auch dann noch, als er später als Rabbiner zu Metz ein reiches Einkommen hatte. Die Aussprüche des Verfassers des Schaagas Arjeh sind bekanntlich stets das Produkt des grötzten Scharfsinnes und des gediegensten Urteils gewesen: diesmal aber war er im Unrecht: Rabbi Hirsche! war doch ein grotzer Lamdon, trotz seines prächtigen türkischen Schlafrockes. Eine Schweizerreise nach Jahren. Fahrplan vnd Gebeizetten. Wenn man im Winter mit dem Frühzug» von Frankfurt abfährt, so entsteht die Frage des Tfillinlegens, dieweil die Winterfahrpläne den Gebetzeiten im „Israelit" keine Rechnung tragen. Wenn man aber im glücklichen Besitze eines Fenstereckplahes ist und zudem einen großen Pelzmantel von seinen Vätern ererbt hat, den man. als Deckmantel der Liebe für allerlei Anlässe gebrauchen kann, läßt sich das bei der starken Dunkelheit im Wagen, ohne im geringsten äufzufallen, ganz gut machen. Wie ich mit meinem Gebete fertig bin und aus meiner Pelzvermummung an die morgengraue Öffentlichkeit komme, sehe ich, datz nur einer an meiner gewagten Handlung Anstotz nahm. Ein Mann mir gegenüber, dem man es auch im Zwielicht anskeht, daß seine Väter am Sinai standen . . . Die Väter gerade nicht, die werden vielleicht in der Gegend von Krojanke oder Neutomischel kleinen Handel betrieben haben, die Ur-Urväter haben am Sinai gestanden. Aber der Ur-Urenkel hat bitterböse Blicke für den Mann, der es wagt, in einem weiland königlichen Eisenbahnwagen die Tefillin behutsam zusammenzulegen. Ich merke es an der Art, wie er wütend in sein Brot hineinbeitzt — es mutz nicht gerade Schinkenbrot sein, es ist nur Einbildung von mir. — Ich glaube, wenn ich in meinem Gebete noch länger verharrt, der gute Mann würde seine ganzen Vorräte auf einmal verzehrt haben ... In Karlsruhe stieg ein junger katholischer Geistlicher ein, der kaum datz er Platz genommen hatte, ein *) Vollkommen als Gescheut. schwerzes Buch aus der Tasche herauszog, sich bekreuzte und halblaut zu beten anfing. Da schämte ich mich. Zch schämte mich. für mein Gegenüber, aber auch für mich selbst, der ich Deckung hinter einem Pelzmantel suchen zu müssen glaubte . . . Am Odenwalde vorbei. Die Bäume des Odenwaldes stecken bis zum Knie in blendend weißem Schnee. Auch ihre Köpfe und verschlungenen Arme sind weitzgetupft. Aber die Sonne lacht schalkhaft über den Wipfeln und reißt ihnen die weiße Haube vom Kopfe. Wenn der Wald zu Ende ist, dann stehen hie und da kleine Baumgruppen am Fahrdamm. Als hätten sich die einzelnen Bäume hier zum Morgengebete versammelt! Abseits stehen aber einzelne verschneite junge Buchen und Erlen, einsam und allein, die aussehen, als hätten sie ihre Hände in die Taschen vergraben und würden sie der betenden Baumgemeinde spotten . . . Oder fühlen sie sich verlassen und t. '.nern sie ob ihrer Einsamkeit? Vielleicht sind die unterirdischen Wurzelfäden. die von den abseits Stehenden zu den Baumgruppen führen, seiner und reicher als wir ahnen. Ich sehe dabei merkwürdigerweise mein Gegenüber an und er wird mir um einige Nasenweiten näher, sympathischer . . . Der Weg. Das feinste Wurzelwerk unserer Seel« ist die Erinnerung. Mehr denn anderthalb Jahrzehnte sind es her, datz ich diese Strecke fuhr, in umgekehrter Richtung. Der Odenwald war damals genau so verschneit wie heute. Was lag alles dazwischen? Den Weg zur Größe über Not und Tod, über Gerstensuppe und Dörrgemüse gingen wir — und zurück; den Weg von der Mark zur Billion — und zurück. Den Weg zum geeinten Volke von Brüdern — und zurück. . . Wie ich die Menschen von drüben und damals, denen all diese Wege und Rückwege erspart blieben, die noch scheinbar im Schnee von 1903 stecken, antreffen werde? Fever. ' An der Grenzbarriere im Badischen Bahnhof in Basel steht der grüne Zollbeamte auf dieser und der braune Käppi-Mann auf der andern Seite, und die Verhandlungen zwischen Deutschland und der Schweiz bewegen sich ohne Roten und Ultimata in den friedlichsten Bahnen. „Du, Eidgenosse, brennt Dein Stümpers fragt der Grüne. ft\UiU (JvUU Ultli Und die Schweiz feuert nach Deutschland hinüber, datz ein dichter Rauchqualm über die Grenze stiebt. Und dann unterhalten sich der Grüne und der Braune über das „Ehaibi Schwi", das bei „bester Fütterung" garnicht fett werden will und dergleichen mehr. Und ich denke: Wenn sich doch alle Völker von Grenze zu Grenze Zigarrenfeuer reichten — datz alle Bosheit wie Rauch vergehe — und sich nur von Wesen unterhielten, die im Stall nicht fett werden wollen. Alte Freunde. Alte Freunde begrüßen mich auf Schweizerboden (der Nachdruck ist auch auf alte zu legen.) Ueberall di« gleiche Begegnung. Man reicht sich die Hand und aus beider Mund kommt zugleich das Wort: „Sie sind aber grau geworden!" „Na ja, man kann auch in Deutschland alt und grau werden." „Ist es drüben immer noch so schlimm?" „Schlimm? Wir kamen hoch, bis zur Billion und wandern jetzt zurück zur Mark. Man wird bald wieder um Pfennige betteln." „Ihr habt schlimme Zeiten hinter euch." „Die Welt hatte schlimmere gesehen." „Wie das?" „Das steht im Konzepte meines Vortrages." „Konnte man bei den Zuständen überhaupt leben?" „Ja, man konnte es. Beweis: Wir leben . . ." „Womit haben di« Kinder bei euch am letzten Chanuka gespielt? . . ." Sie haben gar keine andern Sorgen, die dicken, lieben guten Freunde, die mich zuerst auf Schweizerboden begrüßen. Baseler Sabbat. In Basel ist das jüdische Leben im vollsten Flutz, besonders am Sabbat, da von Morgenfrühe bis zum Abend das Rad des geistigen Lebens nicht stille steht. Die Synagoge ist beim Morgengottesdienst, der von einem Ehasan mit nie versagender Tenorstimme geleitet wird^ **- A gut besetzt. „Rach Schul" ist im angesüllten Nebe^-A^" raum Vortrag des Herrn Rabbiners und nach Hem Minchogebet zähle ich bei dem Gemoroschiur im K hamedrasch über fünfzig Teilnehmer. Viel Iugend^aber^c^ die der Reihe nach die vom Rabbiner ooTftttwtkpr Gemorostellen wiederholt. Ein herrlicher Anblick Z Und ich erfahre, datz in diesem Raume/DcMMich fleitzig gelernt wird, unter der Leitung deS>' wie eines angestellten Lehrers, eines «rvaZaKp^n^^ c Thoragelehrten von ungarischer - Abstammmig^/Es^ soll auch „Andere" fo Basel geben, die m'a»s $