Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1923)
- Date
- 1923-12-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 51 Der Israelit 20. Dezember 1923 Casparys wieder zusammen. Außer den Berliner Mitgliedern, die fast vollzählig erschienen waren, waren mehrere auswärtige Gemeinden u. a. Hamburg, Leipzig und München vertreten, desgleichen wohnte ein Vertreter des Joint Distribution Committee in der Person des Herrn Dr. Werner Senator der Sitzung bei. Der Vorsitzende gab dem Reichsausschutz bekannt, daß das Joint Distribution Committee für das kommende Jahr wiederum eine größere Spende für die notleidenden jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen zur Verfügung gestellt hat. Er spricht dem Joint Distribution Committee und insbesondere Herrn Dr. Bernhard Kahn und Dr. Werner Senator herzlichen Dank für ihre unablässigen, erfolgreichen Bemühungen aus und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß auch in Zukunft die großherzige Hilfsbereitschaft des Joint für die Linderung der jüdischen Not nicht ausbleiben werde. Herr Dr. Segall erstattet ausführlichen Gesamtbericht über die Verwendung der diesjährigen Jointspende und vor allem ihre Wirkungen aus die gemeinnützigen Wohlfahrtscinrichtungen in Deutschland. Der Zweck der' Jointspende, der Erhaltung der durch die Notlage bedrohten jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen zu dienen und diesen die Angleichung an die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse in der schweren Uebergangszeit zu erleichtern, ist in vollem Umfange erfüllt worden. Man kann wohl sagen, daß die Jointspende eine ganze Reihe von Anstalten vor der Auflösung bewahrt und den meisten über die kritischste Notlage hinweggeholsen hat. Eine weitere Wirkung war die, daß die deutschen Juden, angespornt durch die Jointspende, sich ihrer Verpflichtungen zur Selbsthilfe stärker bewußt wurden, und die Jnlandssammlungen mit Energie und zum Teil mit gutem Erfolge betrieben. Die dritte außerordentlich hocheinzuschätzende Wirkung der Jointspende erstreckte sich auf die geforderte Sozialreform in den Anstalten, die durch die Organe der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden inzwischen in Angriff genommen wurde. Bei den Beratungen über die Verteilung der neuen Spende waren sich alle Beteiligten darüber einig, daß in diesem Jahre die Einrichtungen der offenen Fürsorge weit stärker bedacht werden müssen, als es bisher nröglich gewesen ist. Der Reichsausschuß erteilte dem engeren Ausschuß Vollmacht, die neuen Verteilungsvorschläge auszuarbeiten. Herr Dr. Strauß-München sprach der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden als der Geschäftsführerin des Reichsausschusses im Namen der jüdischen Gemeinden für ihre überaus tatkräftige und umsichtige Tätigkeit herzlichen Dank aus. Segen KatftoliKen und Juden. Bremen, 10. Dez. Während der jüngst stattgehabten Bürgerschaftswahlen in Bremen fand sich auf allen Anschlagsäulen und in den Zeitungen folgendes deutschvölkische Bekenntnis in hakenkreuzverziertem Rahmen: „Juda, Jesuiten und Völkische ringen um die Macht in Deutschland! Wer deutsch denkt und fühlt, verurteilt die Machenschaften der Juden und Jesuiten und wählt die deutschvölkische Lifte Senger." Bemerkenswert ist noch, daß die völkischen Führer in Bremen sich nicht ganz einig zu sein scheinen, ob dieser Kampf ehrlich oder unehrlich, offen oder versteckt geführt werden soll. Einmal hieß es: „Juda und Rom", ein andermal „Juda und Jesuiten". ittigdVtt. Mtl5««il»lrel>e Ausschreitungen I» Budapest. Budapest, 10. Dez. Unberufene Elemente drangen heute in die Lehrsäle der Universität ein, störten die Vorträge und entfernten die jüdischen Hörer mit Gewalt, wobei etwa zehn Juden blutig geschlagen wurden. Der Vertreter des nack Paris abgereisten Grafen Bethlen, Minister Vaß, erklärte in der Nationalversammlung, er werde weitere Unruhen unbedingt verhindern und eventuell die Universität schließen. Veranlassung zu den Störungen gaben Hehartikel der antisemitischen Presse, die den Umstand, daß vor einigen Tagen gelegentlich einer Kaffeehausrauferei ein Soldat von einem Juden erstochen worden war, als einen rituellen Mord erklärten und Rache verlangten. 4P»I***. Liquidation. Warschau, 15. Dez. Der amerikanische Joint bekam vom Ministerium die ultimative Forderung, alle seine Anstalten so rasch wie möglich zu liquidieren. Ohne aus die Frage einzugehen, ob die Liquidation an sich berechtigt ist oder nicht, ist doch die Form des Befehles zumindest sehr beleidigend gegen die Amerikaner, die in uneigennütziger Weise ins Land gekommen sind, um Not zu lindern. Daß bei der Liquidation, wie früher bei der Verteilung, alle Richtungen vertreten sein müßten, sollte selbstverständlich sein. Nichtsdestoweniger wird dieselbe in aller Stille und unter völliger Ausschaltung der Orthodoxie durchgeführt. Es wäre schmerzlich, wenn die amerikanische Hilfsgesellschaft noch vor dem Abgang ihre Nichtberücksichtigung der Vertreter und somit auch der Interessen des größten Bevölkerungsteiles durch diese nöue Nichtachtung krönen sollte. prrlästt««. kl» Jubiläum. Jerusalem, 5. Dez. Vor kurzem wurde in Jerusalem das 50 jährige Jubiläum des großen Stadtviertels Meah Schear i m gefeiert. Dieser Stadtteil wurde im Jahre 5634 aus Initiative von Rabbi Salmen ben Lewi und Rabbi David Julius begründet. Der Name Meah Schearim rührt von dem Datum, dem Wochenabschnitte „Tauldaus" her, in dem das Wort als Segen für Isar gebraucht wird. Zusammen mit dem Stadtviertel wurden auch ein Beshamedrasch und ein Armenasyl errichtet, die jetzt ebenfalls ihr Jubiläum feiern. Für die Orthodoxie ist das Fest von besonderer Bedeutimg. da es eine Institution des alten Jischuw ist, die von Anfang an ihr Entstehen und ihre Entwicklung den Alten verdankt. Es soll aus Anlaß des Jubiläums eine Festschrift hecausgegeben werden, die über die Geschichte Jerusalems und Meah Schearim sehr interessante Daten enthalten wird. -Ins Palästina. Jerusalem, 5. Dez. ^Jn Liberias führte eine Vortragsversammlung in der Synagoge zu einem kleinen Skandal. Die Versammlung fand zu Ehren der hierhergekommenen Oberrabb. Kuck aus Jerusalem unw Rabbiner A r o n s o h n aus Jaffa statt. Als Oberrabb. Kuck die Kanzel betrat, erkundigte er sich, ob jemand wünschte, daß er hebräisch spreche. Da ein solcher Wunsch nicht geäußert wurde, fing er jüdisch an. Mitten in der Rede erhob ein sesardischer Jüngling, der etwas später gekommen war, Protest, und sofort lenkte der Oberrabbiner ein und meinte, auch des Einen Wunsch müßte berücksichtigt werden. Er setzte seine Rede auf Hebräisch fort. Die Versammlung, stark erbittert über die Herausforderung des jungen Sefardr, verhielt sich jedoch aus Respekt vor dem Oberrabbiner ruhig. Als aber auch Rabbiner Aronsohn seine Rede hebräisch ansing, worin man eine Konzession an den Jüngling sah. erhob sich ein furchtbarer Sturm, der den Rabbiner am Reden verhinderte. Im Prozesse der Verwaltung der „Bote Machse" gegen den Sekretär des Oberrabbinates Weber auf Räumung der Wohnung, die ihm in früheren Jahren unter Voraussetzungen, die heute nicht mehr zutresfen — er ist inzwischen ein reicher Mann geworden — überlassen wurde, entschied das Gericht auch in zweiter Instanz zu Ungunsten des Beklagten. Selbstverständlich fehlt es in der Weber nahestehenden Presse nicht an Angriffen gegen die „Bote Machse", die es gewagt hätten, ihr Recht vor den weltlichen Gerichten zu vertreten. (Das Besdin kam hier nicht in Betracht, da Beklagter Sekretär des Besdin des Oberrabbinates ist.) Eine neue Schrift au.- der Feder des Oberrabbiner Kuck und zwar eine Sammlung von Briefen unter dem Titel "«i tivuk macht mit ihrem gemäßigten Tone auch in religiösen Kreisen, die die vinirm nao seinerzeit sehr verstimmt hatten, einen guten Eindruck. Auf den Inhalt kommen wir noch zurück. LÄvkei. CÜTUiscbor KnlirrniMsmiis. Konstantinopel, 3. Dez. Der schroff nationalistische Kurs mit starker Frontstellung gegen Juden, Armenier und Griechen macht verhängnisvolle Fortschritte. Die Juden von Tschataldja (des aus den Balkankriegen bekannten Ortes nördlich von Konstantinopel) sind mit kurzer Fristsamt und sonders ausgewiesen und vertrieben worden! Nicht einmal ihren Besitz konnten sie mitnehmen. Staatsbeamte jüdischen Glaubens wurden zu Hunderten entlassen. Von einer Intervention der Mächte, die den Vertrag von Lausanne unterschrieben, hört man bisher nichts. Rabbi Sebalom Elcbanan Joffe y'st. Newyork 5. Dez. Einer der ältesten Rabbiner und bedeutendsten Thoragelehrten Amerikas ist mit Rabbi Joffe dieser Tage dahingegangen. Vor 34 Jahren kam er aus Rußland, vrwo ihm der Ruf eines Gaon oorausging und bekam gleich das Rabbinat in St. Louis und bald darauf im großen Beshamidrafch zu Newyork. Seine Verdienste auf dem Gebiete des Kaschruswesens und im Kampfe gegen die Reformseuche in T-merika sind ganz hervorragend. Er ist auch der Begründer des Rabbinerverbandes für Amerika und Kanada und war fein langjähriger Präsident. Eine ganze Reihe von halachischen Schriften, die sich in rabbinischen Kreisen großer Beliebtheit erfreuen, entstammen seiner Feder. In den letzten Jahren gab er sich dem Agudagedanken mit ganzem Herzen hin und ist auch von der Agudazentrale in Amerika . als Vorsitzender gewählt worden. Amerika hat keinen Ueberfluß an solchen Männern, und ist es zu begreifen, daß die Trauer tief und allgemein ist. Personalien. Aezirksraböiner Ar. Leopold Lörvenstem Mosbach, Baden, 17. Dez. .Am Sonntag verstarb der in den weitesten jüdischen Kreisen bekannte Bezirksrabbiner Dr. L ö w e n st e i n im Alter von 81 Jahren. Ein reiches Leben der hingebungsvollen Arbeit im Dienste der jüdischen Lehre, der Thora und der Wissenschaft hat seinen harmonischen Abschluß gefunden. Den alten Lesern und Freunden des „Israelit" ist der' Name Löwenstein sehr wohl vertraut als Herausgeber der geschichtlichen und literarischen Beilage, in welcher Eigenschaft er seit der Begründung des Blattes Dr. Markus Lehmann y'xt treu zur Seite gestanden hat. Seine in diesen Beilagen niedergelegten Forschungen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte. Literatur und Volkskunde gelten heute geradezu als Quellenliteratur für den Historiker, aus die sich Gelehrte von Ansehn wiederholt berufen. Der jüdischen Schule hat er eine vorzügliche biblische und nachbiblische Geschichte geschenkt. Viele Schriften sind von ihm erschienen und viele harren im Nachlasse der Veröffentlichung. Von dem hohen Maß der Liebe und Verehrung, die er auch in nichtjüdischen Kreisen und insbesondere unter seinen Mitbürgern genoß, zeugt die Tatsache, daß er Ritter des Zäringer Löwenordens und Ehrenbürger der Stadt Mosbach war. Geschätzt von hoch und niedrig und geliebt _ von allen, die ihm nahe standen, so verbrachte er feinen Lebensabend in reicher Ernte der in einem langen Leben rastloser Arbeit ausgestreuten Saaten des Segens. Der Mann der Liebe und des Friedens konnte aber auch. Kämpfer sein, wo es galt, für die Ehre und Reinheit des überlieferten Judentums einzutreten. In bester Erinnerung ist noch die mannhaft entschiedene Art, wie er sich gegen den Badischen Oberrat und dessen Reformversuche durchsetzte. Die Freunde gingen mit ihm. Rührend war die Anhänglichkeit der gesamten Lehrerschaft des Bezirkes zu ihrem Führer und väterlichen Freunde, die aus Anlaß seines Amtsjubiläums im Jahre 1911 spontan zum Ausdruck kam. Auch sonst spiegelte sich bei dieser Gelegenheit d ie Verehrung, die der Verstorbene in allen Kreisen genoß, in den hellsten Farben wieder. Ein hervorragender von der das Gesetz lehrte und auch vorlebte, ein vorbildlicher Führer seiner Gemeinde bis in die neuesten schwersten Zeiten, ein Hüter der heiligen Tradition durch alle Fährnisse des letzten Jahrhunderts, ein Mehrer der jüdischen Geschichtswissenschaft, so wirkte Rabbiner Dr. Löwenstein und so wird er in unserer Erinnerung fortleben bis ans Ende der Zeiten. Die Beerdigung fand unter Beteiligung der ganzen Bevölkerung und aller Behörden, sowie vieler auswärtiger Rabbiner und Trauergäste von nah und fern, am Dienstag, den 18. Dez., nachm, in Mosbach statt. Einzelheiten über die Beerdigung und eine Würdigung