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Der Israelit · 1923-12-13 · Heft 50 (13.12.1923) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 50 (13.12.1923)
Date
1923-12-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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13. Dezember 1923 Nr. 50 Seite 11 Rabbiners, Rabbi Gedaljah Tiktin, des Urgroßvaters des späteren Breslauer Rabbinen gleichen Namens, gewesen. Rabbi Daniel hatte die Berufung des Mannheimer Rabbinen durchgesetzt. In der Hitze des Disputs hatte Rabbi Lippmann gerufen: „Was wollt Ihr, Ihr Roßkamm!" — Dies Mort verzieh ihm Rabbi Daniel Itzig niemals. II. Der Jugendfreund Rabbi Daniel Itzigs, welcher mit ihm bei dem Pferdehändler in Dessau gedient hatte, war noch einige Jahre bei seinem Prinzipale geblieben und hatte sich ein ganz ansehnliches Sümmchen erspart. Dann war David Weschner in seine Heimat, nach Märkisch-Friedland, zurückgekehrt, hatte ein Weib genommen und hatte sich in seiner Vaterstadt als Handelsmann niedergelassen. Sein Geschäft war ein höchst mannigfaltiges;er kaufte und verkaufte Alles, was nur zu kaufen und rkaufen war. Pferde und getragene Kleider, Ochsen und Schafwolle, goldene Uhren und Schweineborsten, Juwelen und Ziegenfelle, Pferdehaare und Fuchsbälge und was sonst noch in das vielumfassende Geschäft eines Händlers hinempatzle. Aber trotz dieser großen Handelstätigkeit wollte ihm das Glück nicht lächeln. Seine Frau hatte hintereinander viele schwere Geburten, die Kinder starben in frühen Jahren, und Arzt und Apotheker erhielten die Ersparnisse Davids. Sein Haar fing an grau zu werden, schon stellten sich die Spuren des Alters ein, und David hatte es trotz Fleiß und Sparsamkeit zu nichts gebracht. Von allen seinen Kindern war ihm nur eine spätgeborene Tochter am Leben geblieben. Diese war jetzt herangewachsen, und die Versorgung derselben bereitete ihm und seiner kränkelnden Frau viele schlaflose Nächte. Es war an einem Sabbat-Nachmittage. David Weschner hatte sein Mittagsschläfchen beendet, seine Hornbrille aufgesetzt und war im Begriff, die Pirke Aboth zu lesen, als an die Türe geklopft wurde und der Nachbar, Rabbi Bär Kuttner, eintrat. „Scholaum Alechem, Rabbi Bär." rief ihm David entgegen, „das ist schön, daß Ihr uns einmal besucht! Perl, Klärchen, kommt herein, dar Nachbar Rabbi Bär ist da, er wird uns von Berlin erzählen!" Frau und Tochter kamen herein und begrüßten den Gast. „Ihr seid in Berlin gewesen, Rabbi Bär," sagte Klärchen, „o, wie beneide ich Euch! Wie ehne ich mich darnach, die große Stadt einmal M sehen!" „Nun," antwortete Rabbi Bär, „vielleicht ömmt einer aus Berlin und holt Dich." Klärchen schlug die Augen nieder; David md Perl ließen tiefe Seufzer vernehmen. „Ich war nicht allein in Berlin," fuhr Rabbi Bär zu reden fort, „ich war auch in Potsdam. Das ist noch schöner als Berlin. Da hat unser Meilech Schlösser und Paläste erbaut und Härten angelegt, wie man nichts Schöneres sehen hm. Und das Merkwürdigste, was man in Potsdam sehen kann, ist unser Meilech selber. Friedrich der Einzige, der große Kriegsheld." „Und Ihr habt den König gesehen?" fragte David, und mit Spannung blickten die Frauen mf den Mann, der da behauptete, das Wunder )er damaligen Zeit, den Helden des siebenjährigen Krieges, gesehen zu haben. „Wie heißt," rief Rabbi Bär Kuttner, „wie reißt, gesehen? Gesprochen hat er mit mir, vie ich mit Euch spreche!" „Was," fragte David ungläubig, „der König mt mit Euch gesprochen?" „Laßt Euch erzählen," entgegnete Rabbi Bär Kuttner. „In Potsdam hat unser Meilech viele schöne Schlösser erbauen lassen. Eins davon heißt Sans-souci, zu deutsch „ohne Sorge". Das ist ein Schloß, sage ich Euch, schöner und größer als irgend eins in der ganzen Welt, und ein i) König. Der Israelit Garten ist dabei, ein Parrech2 3 4 5) nennen sie ihn — ich weiß nicht, wie man einen so schönen Garten Parrech heißen kann — ein Garten sage ich. Euch, wie es Schöneres nichts gibt in der ganzen Welt. Da sind Bäume und Büsche, die sind künstlich geschnitten, sodaß sie aussehen wie allerlei Figuren und spitze Türme, beinahe wie die Zuckerhüte, Pyramiden heißen sie es; da gibts Blumen, die verbreiten einen Reach^), wenn die ganze Killo ihre Beßomimbüchsen zusammenschütten würde, und alle Weiber ihre Iomkippur- Riechfläschchen dazu, so wird es nicht einen solchen Reach geben. Der Garten würde noch größer und schöner geworden.sein; da ist aber ein Chattest von Müller, der sich geweigert hat, seine Mühle herzugeben, als der Meilech sie ihm abkaufen wollte." „Was Ihr da sagt," rief Perl verwundert aus. „Warum hat ihm der König die Mühle nicht mit Gewalt hinweggenommen? Ist solch eine Mühle vielleicht schwerer zu erobern als das schlesische Land, welches der König genommen und festgeh alten hat?" „Ihr redet, wie Ihr es versteht, Frau Perl," sagte Rabbi Bär mit der Miene der Ueberlegenheit. „Unser Meilech ist ein sehr braver, rechtschaffener Mensch, kein König Achaw, der den Nowauß aus Iisroel hat umbringen lassen, weil er sich weigerte, seinen Weinberg dem Könige zu verkaufen. Unser Meilech ist ein großer Mann und ist auch gut gegen uns Iehudim. Rabbi Daniel Itzig und Rabbi Lippmann Mayer Wulf sind hochangesehen bei ihm und haben, als sie noch keine Sonim^) waren, gar manches große Geschäft gemeinschaftlich mit dem Könige gemacht. Doch ich wollte Euch erzählen, wie es gekommen ist, daß der Meilech zu mir gesprochen hat. Unser guter König hat erlaubt, daß jeder Fremde den Garten besuchen darf, nur ein Stück des Gartens hat er für sich allein behalten; da darf kein Fremder hinein. Ich habe das nicht gewußt. Es steht zwar angeschrieben; aber ich kann doch kein Galches 6) lainen. Als ich nun so in dem Garten spazieren ging, und die Bäume und die Blumen und die Springbrunnen und die steinerne Puppen betrachteten, da kommt auf einmal der Meilech zu gehen, ganz allein. Ich gehe gleich auf ihn zu und will Brochoh machen. Kaum sieht er mich, so hebt er seinen Krückstock gegen mich auf, und schreit: „Fort da, fort da!" So hat der Meilech zu mir gesprochen." „Und seid Ihr gleich fortgegangen?" fragte David. „Ich war glücklicherweise mit der Brochoh schon fertig, da nahm ich meinen Hut ab, verbeugte mich und sprach: „Gnädigster Herr König" . . Da schrie er: „ Wenn Er nicht gleich geht, so lasse ich Ihn hinausschmeißen."— Schon kamen auch die Bedienten gerannt, ich aber lief, was ich laufen konnte. — Jungfer Klärchen, willst Du nicht einen Besuch machen in der Nachbarschaft? Ich habe mit Deinen Eltern zu reden." Klärchen verließ errötend das Zimmer. Ob sie wohl wußte, was Rabbi Bär mit ihren Eltern zu reden hatte? Kaum hatte die Türe sich hinter Klärchen geschlossen, als Rabbi Bär zu reden fortfuhr: „Ihr wißt, meine lieben Freunde, daß wir am Freitag Abend, jetzt nicht, aber im Winter, in Semires singen: „Leschadech Habonauß." Mein Sohn Abraham hat den Narren gefressen an Euer Klärchen, und quält mich, daß ich mit Euch reden soll. Da ich nun an Wochentagen keine Zeit habe und es doch am Schabbos erlaubt ist, von solchen Dingen zu sprechen, so frage ich Euch, ob Euch der Schidduch paßt und was Ihr Eurer einzigen Tochter mitgebt." „Ob uns der Schidduch recht ist!" antwortete David. „Wir, meine au und ich, wünschen uns keinen besseren Schwiegersohn als Euren 2) Park. 3) Duft. 4) Eigentlich Sünder; hier soviel wie grober, unartiger Mensch. 5) Feinde. 6) Deutsche Schrift lesen. Abraham, und daß die jungen Leute sich gern haben, wissen wir schon lange. Was aber die Mitgift anbelangt ..." „Ihr braucht nicht zu reden, Dowid, ich weiß, Ihr seid nebbich ein Gascht?) und könnt Eurer Tochter keine hundert Thaler geben. Mein Abraham aber ist ein Junge, welcher die besten Partien machen kann. Es sind ihm schon Mädchen angetragen worden mit filnfzehnhundert Thalern, eine sogar, die etwas buckelig ist, mit dreitausend Thalern. Und nun sage ich Euch ein für allemal, wenn Euer Klärchen nicht wenigstens tausend Thaler hat, so gebe ich meine Einwilligung niemals." „Aber Rabbi Bär . . ." „Seid stille und laßt mich ausreden. Wie ich da in Berlin war, ist mir ein Gedanke gekommen, solch ein Gedanke, wie ihn dem Menschen manchmal ein guter Maloch eingibt. Ich habe Euch schon erzählt, daß die zwei reichsten Leute in Berlin sich miteinander Überwürfen haben. Und was meint Ihr, warum? Der Eine hat den Andern einen Roßkamm geschimpft. Ganz Berlin spricht davon. Da habe ich mich denn erkundigt, wie'^ Rabbi Lippmann Mayer Wulf dazu gekommen ist, den feinsten, reichsten und beliebtesten Mann in ganz Berlin einen Roßkamm zu nennen. Darauf hat man mir erzählt, daß Rabbi Daniel Itzig nicht immer so reich war, sondern, daß er in seiner Jugend Pferdeknecht bei Mendel Rotzkamm aus Dessau gewesen sei." „Bei Mendel Roßkamm aus Dessau?" fragte David Weschner in großer Erregung. „Bei ebendemselbigen. Da ist mir denn eingefallen, daß mein Nachbar Dowid auch längere Zeit bei Mendel Roßkamm in Diensten gestanden, daß er vielleicht den großen, reichen, berühmten Rabbi Daniel Itzig gut kennt." „Ob ich ihn kenne!" rief David Weschner. „Wir waren mehrere Jahre beisammen und waren immer die besten Freunde." „Da bestätigt sich also meine Vermutung. Jetzt will ich Euch sagen, was Ihr tun müßt. Ihr reist nach Berlin, sucht Euren alten Freund auf und stellt ihm vor, daß Ihr Euer einziges Kind mit dem jungen Mann verheiraten möchtet, den sie gerne hat, daß aber ein Achsor von einem Vater — das bin ich nämlich — nicht in die Heirat willigen will, wenn Ihr Eurer Tochter nicht tausend Thaler mitgebt. Solch ein reicher, vornehmer Mann spricht dann mit ein paar anderen reichen Leuten und die legen dann das Geld zusammen. Glaubt mir, hier in Friedland sind tausend Thaler viel Geld; aber für die reichen Leute in Berlin ist das garnicht viel, und wenn Ihr solch einen Fürsprecher habt, wie Rabbi Daniel Itzig, so ist das Geld in ein paar Tagen .zusammen. 7) Armer Mann. (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. LMM mvn 'Ö’iwi D’ipT 12 3 'D’Ttfjn 1MJHT» ^ipa -nrrnn am» nV npisoV •nnnun niwa *?a tor vvw' *bip b'bx 13 2 '•pays nnn ’rma ax •fnana nx D’p^x nix' tx Kreuznach. E. Agulnik. ZW

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