Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1923)
- Date
- 1923-12-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ar Der Israelit ßr. 5» i-rr f. Nach Berlin. Ein Kulturbild aus dem vorigen Jahrhundert von M. L. I. Auf einer Wiese in der Nähe von Dessau hatten sich zwei junge Leute niedergelassen, die sich eifrig miteinander unterhielten. Beide waren Gehilfen eines Pferdehändlers aus Dessau. Der Aeltere, Namens. David, mochte etwa achtzehn Jahre zählen, sein Gefährte, Daniel hieb er, war um zwei Jahre jünger. „Lch sage Dir, David," so ließ sich Daniel vernehmen, „ich habe dieses Leben satt, ich bleibe nicht länger bei unserem Prinzipal. Man bringt es da zu nichts und hat auch nicht Aussicht, etwas zu erringen: ich gehe fort." „Und wohin wolltest Du Dich wenden?" fragte sein Gefährte. „Ich gehe nach Berlin,- da bietet sich vielleicht Aussicht für einen jungen, strebsamen Mann, sich vorwärts zu bringen." „Nun, mir gefällt es nicht so übel: ich bleibe im Geschäft. Mir macht es Freude, mit Pferden zu hantieren. Es gibt doch nichts Schöneres unter allen Geschöpfen Gottes — den Menschen natürlich ausgenommen — als ein schönes, edles, stolzes Pferd. Und dann hat man auch Aussicht, etwas zu erübrigen. Wenn ein Kavalier ein schönes Pferd kauft, so fällt auch für den Gehilfen des Roßtäuschers ein erkleckliches Trinkgeld ab. Gestern führte ich, wie Du weißt, die zwei Rappen auf das Gut des Barons von Wiesengrund. Er schenkte mir einen doppelten Dukaten und noch obendrein dieses Federmesser." Bei diesen Worten zog David ein prachtvolles Federmesser aus der Tasche. Der Stil war von Horn, zierlich mit Perlmutt ausgelegt. David zog die feinen Stahlklingen aus, die in der Sonne gar herrlich glänzten. Da war eine größere Klinge und zwei kleine, ferner ein Pfropfenzieher, ein Radiermesser und ein Papierglätter. „Welch' ein schönes Messer!" rief Daniel. „Das ist gewiß zwei Thaler und noch mehr wert. Wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn ich ein solches Messer besäße!" „Nun, so kaufe es mir ab. Gibst Du mir zwei Thaler, so soll es Dir gehören." „Ja, wenn ich zwei Thaler hätte, so würde ich nicht einen Augenblick zögern. Dir das Messer abzukaufen. Allein meine ganze Barschaft besteht in fünf Groschen." David klappte die Klingen wieder zu und machte Miene, das Messer, welches Daniel mit begehrlichen Blicken betrachtete, wieder in die Tasche zu . stecken. Daniel erfaßte seinen Arm. „Verkaufe mir das Messer," sagte er. „Wir wollen ein Geschäft für die Zukunft abschließen. Gib mir das Messer, und ich gebe Dir heute übers Jahr fünf Thaler dafür." „Närrchen," entgegnete David lachend, „Du willst doch nach Berlin! Soll ich etwa übers Jahr nach Berlin kommen und die fünf Thaler abholen, oder willst Du mich etwa in der weiten Welt aufsuchen, in Hannover, in Ostfriesland, in Schlesien oder in Pommern, wohin mich gerade das Geschäft führt, und mir die fünf Thaler bringen? Der mir von Dir in Aussicht gestellte Gewinn ist zu klein, als daß ich deswegen auf mein Messer verzichten sollte." „So will ich Dir einen andern Vorschlag machen. Alles Geld, welches ich mehr erwerben werde als zehntausend Thaler soll Dir gehören." „Der zweite Vorschlag ist noch törichter als der erste. Wieso soll ein armer Junge, wie Du bist, mehr als zehntausend Thaler erwerben? Weil Du aber immer ein guter Junge gewesen bist und wir uns bald trennen werden, so will ich daraus eingehen.. Hier hast Du das Messer." Voll Freude ergriff Daniel das ihm dargebotene Prachtstück. Dann umarmte und küßte er seinen Freund und rief: „Du sollst sehen, David, Du hast ein gutes Geschäft gemacht. Wenn ich' einmal ein reicher Mann bin, so lasse ich Dich kommen und gebe Dir Alles, was ich mehr besitze als zehntausend Thaler. Ich habe dann doch noch genug. Mit zehntausend Thalern, denke ich, kann man zufrieden sein." „Das wollte ich meinen," sagte David lachend. „Unsere Owauß Awoßenu haben keine zehntausend Thaler gehabt." Wenige Wochen nach diesem Gespräche führte der junge Daniel Jtzig seinen Vorsatz aus und ging nach Berlin. Nach vielen Mühen und vergeblichen Anstrengungen fand er endlich in einem größeren Geschäfte eine Stelle als Ausläufer. Daniel war der Sohn armer Eltern und dazu noch früh verwaist. So war er ohne jeglichen Unterricht aufgewachsen und hatte schon als kleiner Knabe hart arbeiten müssen, um seinen Lebensunterhalt zu erringen. Hier in Berlin suchte er nun so viel Kenntnisse als möglich zu erwerben. Jeden Groschen, den er ersparte, verwandte er auf Privatunterricht: jede freie Stunde brachte er mit Lernen zu. Unter vielen Mühen lernte er Hebräisch-Lesen- und Schreiben, auch etwas Rechnen. Jetzt besaß er die Kenntnisse, welche in damaliger Zeit ein jüdischer, ungelehrter, junger Mann zu besitzen pflegte. Allein Daniels Ehrgeiz ging weiter. In dem Geschäfte, in welchem er diente, gab es mehrere Kontoristen, welche die Bücher führten und die Korrespondenz besorgten. Daniels heißester Wunsch war, aus der untergeordneten Stellung eines Ausläufers zu der geachteten eines Buchhalters überzugehen. Er wendete sich, an einen armen Kandidaten der Theologie, der sich denn auch bereit finden ließ, gegen geringes Honorar den strebsamen Jüngling in allerlei Kenntnissen zu unterrichten. Bald vermochte Daniel deutsche Bücher zu lesen und einen fehlerfreien Brief in fester, kaufmännischer Handschrift zu schreiben. Die größten Schwierigkeiten waren jetzt überwunden, und der Weg zum Glück war nunmehr geebnet. Daniel nahm diesen Weg mit Riesenschritten. Nachdem er wenige Jahre als Buchhalter fungiert hatte, heiratete er ein wohlhabendes Mädchen, gründete ein Bank- und Geldwechselgeschäst und ward in kurzer Zeit eins der wohlhabendsten Mitglieder der durch großen Reichtum ausgezeichneten israelitischen Gemeinde zu Berlin. Rabbi Daniel Jtzig, so nannte man ihn jetzt, blieb aber stets ein einfacher, braver, frommer, streng rechtlicher Mann, den sein Glück nicht übermütig machte. Sein Geschäft dehnte sich immer mehr aus, seine Reichtümer häuften sich von Tag zu Tag. Er erwarb ein schönes, großes Haus in der Stadt und ein prachtvolles Landhaus mit großem parkähnlichen Garten an der Schönhauser Straße, wo er den Sommer über 'mit seiner Familie lebte. Sein Familienleben war ein äußerst glückliches: seine Söhne und Töchter gehörten zu den gebildetsten, wohlerzogensten jungen Männern und Damen von Berlin. Zwei seiner Töchter heirateten die ersten jüdischen Barone, sie wurden die Frauen der miteinander assozierten Freiherren von Arnstein und von Eskeles in Wien. Als der Erzähler dieser Geschichte in den fünfziger Jahren in Berlin studierte, lebte noch die Tochter Rabbi Daniel Jtzigs, die kinderlose Witwe, Frau Sara Levi, deren Haus noch damals der Mittelpunkt der gelehrten und gebildeten Kreise Berlins war. Professor Heyse, der berühmte Verfasser einer deutschen Grammatik, der Vater des Dichters Paul Heyse, fungierte in ihrem Hause als Vorleser. Die alte Dame zeichnete sich durch schrankenlose Wohltätigkeit aus und stand' auch beim Könige Friedrich Wilhelm IV. im hohen Ansehen. Ihr Haus gehörte zu denjenigen, die wegen Erbauung des neuen Museums niedergerissen werden sollten. Als sie sich weigerte, zu verkaufen, trat das Erpropriations-Versahren ein. Da fuhr die alte Dame zum Könige und bat, daß man sie in dem alten Hause, in welchem sie länger als 60 Jahre viel Freude erlebt und viel Leid erduldet, unbehindert wohnen lassen möge, bis man sie hinaustrage auf die Ruhestätte der Toten: dann wollte sie ihr Haus unentgeltlich dem Staate überlassen. Der König gewährte ihre Bitte, und das neue Museum konnte erst nach dem Tode der Frau Levi vollendet werden. Ihr großes Vermögen hinterließ sie wohltätigen Stiftungen. Kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Wiewohl Rabbi Daniel Jtzig ein Ungelehrter war, so liebte er doch unsere heilige Gotteslehre mit heißer Liebe. Er besoldete einen Rabbi, der in seinem Hause eifrig dem Thorastudium obliegen mußte. Es war dies der später so berühmt gewordene Rabbi Joseph Theomim, später Rabbiner zu Frankfurt an der Oder, und Verfasser des großen Werkes Pri Megadim. — Im Hause Rabbi Daniels verkehrte'die vornehmste Berliner Gesellschaft, selbst Prinzen und Prinzessinnen erschienen dort: Prinz Louis Ferdinand, ein Vetter des Königs, welcher später in der' Schlacht bei Jena den Heldentod fand, war dort ein häufiger und gern gesehener Gast. Trotz dieses hervorragenden Umgangs blieben Rabbi Daniel und die Seinen schlichte und einfache Leute. Die Töchter des Hauses durften nicht einmal Juwelenschmuck tragen. Daß Rabbi Darrel auch in der israelitischen Gemeinde eine bevorzugte Stellung ennaihm, brauchen wir nicht erst zu erwähnen. Er war der erste Vorsteher und hatte den größten Einfluß bei allem, was in der Gemeinde vorging. Er hatte es durchgesetzt, daß der große Rabbi Hirschel, von dem wir später noch erzählen werden, von Mannheim nach Berlin als Rabbiner war berufen worden. Es ist selbstverständlich, daß Rabbi Daniel Jtzig sich durch große Wohltätigkeit auszeichnete. Aber eine Schwäche hatte er: er durfte nicht daran erinnert werden, daß er ehedem der Gehilfe eines Pferdehändlers gewesen war. Einst hatte ihm das sein Kollege im Vorstande, Rabbi Lippmann Mayer Wulf, in wegwerfender Weise vorgeworfen und hatte sich dadurch Rabbi Daniels unversöhnliche Feindschaft zugezogen. Rabbi Lippmann Mayer Wulf, der Großvater des berühmten Komponisten Mayerbeer, war ebenfalls einer der reichsten Männer Berlins, vielleicht noch reicher als Rabbi Daniel Jtzig. Auch er hatte seine kolossalen Reichtümer selbst erworben. Er vertraute blindlings auf sein beispielloses Glück. Einst hatte er einen Lieferungsvertrag mit dem Könige Friedrich, dem Großen, abgeschlossen. Hatte nun auch Rabbi Lippmann seine großen Reichtümer selbst erworben, so war er doch der Sohn wohlhabender Ellern gewesen und hatte in seiner Jugend eine sorgfältige Erziehung genossen. Infolgedessen schaute er stolz auf Rabbi Daniel Jtzig herab. Bei der Rabbinerwahl waren die Beiden hart aneinandergeraten. Rabbi Lippmann war für die Berufung des Breslauer