Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1923)
- Date
- 1923-12-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Dezember 1923 Der Israelit Nr. 49 Seite 11 erleiden zu wollen, als viele Jahre vollkommen unjüdisch und menschenunwürdig zu leben, so wurde beschlossen, ihn schon in den nächsten Tagen über die Grenze zu schicken. Welche Gefühle dabei die Herzen der armen Eltern erfüllten, das läßt sich kaum schildern. II. In einer finsteren Nacht stand ein junger Mann am Waldessaum hinter einer starken Kiefer. Er vermochte nur wenige Schritte weit das Flachland zu überblicken, das sich vor dem Walde ausdehnte. Ein Bach bildete dort die Grenze zwischen Rußland und Deutschland. Doch er war zugefroren, und Schnee bedeckte das Eis, sodaß sein Lauf in der Nacht auch scharfen Augen nicht bemerkbar war. Saul, er war der einsame Wanderer, strengte alle seine Sinne an, und als sich auch nicht das geringste Geräusch vernehmen ließ, trat er in gebückter Haltung aus dem Walde hinaus. Doch keine zehn Schritte war er gegangen, als ein lautes „Halt!" ihn erschreckte. Ein russischer Gendarm trat aus dem Dunkel hervor, das Gewehr im Anschlag. Einen Augenblick dachte Saul an Flucht: aber die Entfernung von dem Beamten war zu gering. Die Kugel würde ihr Ziel gewiß nicht verfehlt haben. So mußte sich denn Saul aufs Verhandeln legen, und es fand sich, daß der Gendarm einer von jener Art war, die damals in Rußland keine Seltenheit bildete. Er raubte den jungen Menschen vollkommen aus und ließ ihn dann laufen. Völlig mittellos langte Saul jenseits der Grenze an. Und doch dankte er Gott, daß er wenigstens heil war. Barmherzige Glaubensgenossen ermöglichten ihm die Reise nach Hamburg, wo er gerade am Eingang des Chanukafesies eintraf. III. Die Winterfonne war untergegangen. Eine kühlere Luft zog durch die belebte Straße, in der Saul dahinschritt. Er musterte aufmerksam die ihm begegnenden Menschen, und als er endlich einen Mann erblickte, den sein Aeußeres als Juden kennzeichnete, trat er zu ihm hin und fragte nach der nächsten Synagoge. „Wollen Sie „Schehechejonu" hören?" fragte der Angeredete, „dann kommen Sie mit mir." Er bog in eine Seitenstraße ein und betrat einen Hof, in dem sich ein Betsaal befand, eine jener Nebensynagogen, wie sie in bedeutenderen Gemeinden öfters Vorkommen. Ein Kreis von etwa dreißig Betern fand sich dort zusammen. Neben der heiligen Lade stand der Chanuckaleuchter. auf dem schon die erste Kerze prangte. Mincha wurde gebetet. Als es beendet war, trat der Kantor vor den Leuchter, um in lieblicher Melodie den zu preisen, der einst unsern Vätern so wunderbar geholfen hatte und auch uns Kraft und Gesundheit geschenkt hat, sodaß wir diese Zeit wiederum erleben. Saul wandte kein Auge von dem Leuchter. In seinen Gedanken war er daheim bei seinen Lieben, wanderte dann wiederum in jener Schreckensnacht über die Grenze, wo Not und Tod so nahe ihn umgeben hatten und blickte dann in eine Zukunft, die ihm bisher so trüb und freudlos geschienen hatte, daß aus seinem Herzen seitdem die Heimat hinter ihm lag, der Frohsinn vollkommen verbannt war. Doch jetzt zum ersten Male sah er ein Licht, das seinen Weg erleuchtete und Hoffnung erstehen ließ, einen Strahl, der sein Innerstes erwärmte und sein Auge erglänzen ließ hinter einem Schleier von Tränen. „Es gibt noch Wunder," tönte es in ihm, „und Gott kann helfen und wird helfen," und ein Seufzer der Erleichterung stahl sich aus seinem Munde, so tief und so voll, daß sich die Augen aller Umstehenden auf ihn richteten. Saul geriet in Verlegenheit. Aber einer hatte ihn schon vorher beobachtet, hatte nicht allein den Seufzer gehört, sondern auch die Tränen gesehen und mit wachsendem Interesse das Mienenspiel verfolgt, das sich auf dem Gesichte des Fremden ausgeprägt hatte. Dieser Mann trat nach beendetem Gottesdienste auf Saul zu und lud ihn ein, den ersten Chanuckaabend in seinem Hause zu feiern. Dankbar nahm Saul die Einladung an, und im Laufe des Abends erzählte er seinem freundlichen Wirte seine Geschichte. Dieser hörte mitfühlend zu, und gern wollte er dazu beitragen, daß dem Armen geholfen werde. Ueber den Weg war er sich noch nicht klar, und so bestellte er Saul auf den nächsten Morgen, um mit ihm einen Bekannten zu besuchen, und sich mit diesem zu beraten. IV. Ein trüber Winterlag hatte langsam die Nacht verdrängt. Das Wetter war umgeschlagen. Ein linder West hatte den Schnee zum Schmelzen gebracht, und auf den Straßen bildeten sich' allenthalben Pfützen und glatte Stellen. Saul war wiederum in der Synagoge gewesen. Er hatte in der Nacht im Traume immer das Licht erblickt, das ihm so freundlich und verheißend entgegenwinkte, und beim Erwachen den unwiderstehlichen Drang gefühlt, es abermals zu sehe.n. Als er die Synagoge betrat, siehe, da leuchtete es ihm schon entgegen, als ob es sagen wollte: „Komm nur, deine Hoffnung wird erfüllt werden." Zuversichtlicher als bisher verließ Saul die heilige Stätte. Er trat wieder kräftiger auf und hob das Haupt, das er seither meist gesenkt hatte. Aber dabei bemerkte er nicht eine abschüssige Stelle des Pflasters, kam ins Gleiten und fiel infolge des Eises, das sich gebildet hatte, der Länge nach hin. Rasch stützte er sich mit der Hand, um sich wieder zu erheben. Kinderecke. UW« Die Alterskrone Ein Kaiser in China, der im hohen Alter von 110 Jahren das Zeitliche segnete und dessen Erstgeborener inzwischen auch das Alter von 80 Jahren erreichte, konnte nicht ganz widerspruchslos den Thron. besteigen, da eine Partei der Meinung war, er wäre schon zu alt, um die erforderliche Energie zum Herrschen aufzubringen. Diese protegierten den jüngeren Bruder im Alter von 60 Jahren. Die Partei des älteren Sohnes siegte und er bestieg den Thron. Nach kurzer Zeit bereiste er seine Lande, um sich dem Volke zu zeigen, wurde überall mit großem Pomp mit seiner Suite empfangen. In der großen Industrie- und Handelsstadt, nennen wir sie Shanghai, wurden dem Herrscher besondere Ovationen bereitet. Sämtliche Handwerkerzünfte, wie: Maurer, Schlosser, Schuster, Schneider, Buchbinder usw. erschienen mit über Vereinsfahnen und Musikkapellen defilierten in festlicher Kleidung vor dem Monarchen. Am Abend war großer Fackelzug, wobei tausende von Lampions die Stadt hell erleuchteten. Der Monarch erschien auf dem Balkon des Statthaltereipalais, um dem Volke zu danken und empfing die Vorsteher der einzelnen Genossenschaften. Am Nachmittag bemerkte der Kaiser zu seinem Adjutanten, daß von der Maurergenossenschaft nur weißhaarige Greise erschienen seien. Ob nicht hier geteilte Meinung herrschte und die Jungen zur Gegenpartei gehören? Es wurde ihm die Aufklärung zuteil, daß es zum großen *) Aus dem Nachlaß Rabbi Akiba Schreibers aus Dapa.^des Sohnes des Rabbi Schimon Soser, Rabbiner zu Krakau (Bruder des -idid Dro und Sohn des -veid nnn) aus dem hebräischen Manuskript übersetzt. und ergriff dabei in dem schmelzenden Schnee ein hartes Ding, das sich als — ein Zehntalerstück erwies. Ueberrascht blieb er stehen und blickte bald auf seinen Fund, bald auf die Leute, die vorbeigingen und sich wenig um ihn kümmerten. Es war ihm klar, daß der Verlierer nicht zu ermitteln war: denn die Münze lag wohl schon lange im Schnee, und ihm schien es fast, als ob die wundersame Lösung seines Geschickes, auf die er seit gestern zu hoffen angefangen hatte, sich schon auf dem Wege befand. Er suchte seinen Bekannten auf und erzählte ihm von seinem Fund, und als sich beide dann mit dem Vorsteher berieten, zu dem sie sogleich gegangen waren, stellte sich heraus, daß dieser einen Geschäftsfreund in einer schwedischen Stadt hatte, der einen jüdischen Mann zur Heranbildung und Verwendung in seinem Geschäfte suchte. Zur Aeberfahrt nach Schweden reichte das gefundene Geld aus. So kam Saul dorthin, und durch Fleiß und Treue gewann er die Zuneigung seines Prinzipals, sodaß er von Stufe zu Stufe stieg, bis er ein großes Geschäft sein eigen nannte. Und auch seinem Glauben blieb Saul treu. Zehn Jahre lang vermied er jeden Fleischgenuß, bis er in der Lage war, einen zuverlässigen Schächter zu bestellen. Er gründete eine kleine Gemeinde und erzog seine Kinder zu braven, religiösen Menschen, die sich auf allen Gebieten der Wohlfahrtspflege bewähren und in dem judenarmen Lande den Kern einer kleinen, für das Judentum begeisterten Gemeinde bilden. Teil junge Leute sind, die ihr Kopf- und Barthaar weißgefärbt und ihr Gesicht dementsprechend geschminkt hatten, um als Greise zu erscheinen. Das Alter stehe hier in Ehren. Der Kaiser war sehr befriedigt und beim Empfang zeichnete er die Maurergenossenschaft aus und erkundigte sich über ihre Verhältnisse. Des Morgens saß der Kaiser in tiefem Nachdenken, sodaß er das Eintreten des Adjutanten kaum bemerkte. „Wissen Sie, worüber ich mir den Kopf zerbreche?" fragte der Kaiser. „Ich möchte die Maurer irgendwie auszeichnen und weiß eben nicht wie." „Fehlts denn Eurer Majestät an INitteln?" erwiderte der Adjutant, „Möglichkeiten zur Auszeichnung sind genug vorhanden." „Gewiß," erwiderte der Monarch, „doch ist zu bedenken, daß nur die jungen Leute, die sonst bestrebt sind, jung und schön zu erscheinen und sich nun entstellt haben und mit fahlen Gesichtern kamen, Lob verdienen/ die Alten haben doch dagegen gar kein Verdienst. Andererseits ist es doch nicht gut angängig, daß i ch die Alten von der Auszeichnung ausschalte, darin liegt eben die Schwierigkeit." „Wenn Majestät gestatten, würde ich Vorschlägen, ein Ordenszeichen zu stiften in der Form einer kleinen Rosette aus grauem Haargeflecht und grauen Bindefäden, mit der Bestimmung. daß diese Auszeichnung vom Inhaber im Kopfhaare zu tragen ist. Den Besitzern dieses Ordens ist von allen Behörden, vor denen sie erscheinen, alle Achtung und alles Entgegenkommen zu zeigen. Damit kommen alle zu ihrem Rechte, die Alten sowohl wie die Jungen. Doch wird der Schmuck bei den ersteren nicht so zum Ausdrucke kommen, da die Rosette im Graukopfe nicht auffällt. Während sie im schwarzen Haare der Jungen sich sehr vorteilhaft ausnimmt. Der Vorschlag fand den Beifall des Herrscherrs und er tat also. Wie schön ist es, wenn sich Jugend mit der Weisheitskrone des Alters zu schmücken weiß.