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Der Israelit · 1923-12-06 · Heft 49 (6.12.1923) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 49 (6.12.1923)
Date
1923-12-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ar Der Israelit Der „Lawownik". Eine ukrainische Geschichte. Weit und breit in der Gegend bekannt war Kalmen, der Glaser. Juden und Nichtjuden respektierten ihn und gaben ihm gerne zu verdienen. Man nannte ihn den Lawownik und meinte damit die „Lamedwow", die „sechsunddreißig geheimen Heiligen", zu denen man auch Kalmen zählte. Er war ein fleißiger Arbeiter und ein großer Schweiger dazu und verteilte den größten Teil feines Verdienstes an Bedürftige, wer sie auch waren und woher sie auch kamen. Alles, sich selbst sogar, gab er dahin, ohne ein Wort zu reden, und der Glaube, daß er zu den sechsunddreißig Auserwählten gehörte, war auch und erst recht unter den Nichtjuden so sehr verbreitet, daß man sich um seinen Segen riß. Er ging aber nicht darauf ein und bat beschämt, man möge sich seiner nicht lustig machen. Er sei ein einfacher Glasermeister und kaum für etwas anderes nütze, als Fensterscheiben einzusetzen. Er wohnte ganz allein in der nichtjüdischen Gasse in einem Bauernhäuschen, denn er war Witwer ohne Binder und führte in fremder Umgebung einfaches, frommes Leben. Aber je einfacher und bescheidener er tat, umso größer wuchs sein Ruhm allüberall. Den Namen Salmen „Lawownik" halten die Nichtjuden aufgebracht, die das Wort nicht richtig aussprechen tonnten, aber es ebenso ehrlich meinten. Es kam so weit, daß man anfing, sich Wunder von ihm zu erzählen. Wo er eine Scheibe einsetzte, so sagte man, kam Segen ins Haus, besuchte er einen Kranken, so genas er . . Es pflegte sich in besonders gutgläubigen Häusern zu ereignen, daß man dort in Krankheitsfällen mit Absicht Scheiben einschlug und dann Salmen bitten ließ, sie einzusetzen. Kam er noch am gleichen Tage, so war die Genesung sicher, wenn nicht, war längeres Krankenlager oder Tod zu befürchten. So hielten es gläubige Gemüter unter Juden und Nichtjuden. Salmen selbst wußte nichts davon. Und machte ihm jemand solche Andeutungen, konnte er ernstlich böse werden und nannte solches Gerede albern, abergläubisch und heidnisch. Um keinen Preis ließ er sich bewegen, Arbeit anzunehmen in einem Hause, von dem er wußte, daß man dort die Arbeit nur vortäuschte im Glauben an seine Wunderkraft. Daher sprach man denn mit ihm über diese Dinge garnicht und ließ ihn stillschweigend kommen, angeblich um Fenster zu reparieren, in Wahrheit, damit er den Segen ins Haus bringe. So vergingen Jahre, bis sich eines Tages die Mär verbreitete, Salmen habe seinen Fleiß und seine Zuverlässigkeit nicht mehr und hätte sich dem Trünke ergeben. Statt seinem Handwerke zu obliegen, pflege er ein gut Teil des Tages daheim zu trinken und den Rausch auszuschlafen. Man wunderte sich maßlos über diese Wandlung und war geteilter Meinung. Die wenigsten glaubten, Salmen sei abgekehrten Sinnes geworden, andere behaupteten, er tue nur so, damit die Gerüchte von seinen Wundertaten endlich aufhörten, daß er aber in Wahrheit noch sei was er immer war. Man fing an, seine Taten zu überwachen und fand heraus, daß er täglich bei Ätsche, dem Schanker, einen Liter Schnaps holte. Und wenn er dann im Hause oder auf dem Grase im Garten schlief, lag die leere Schnapsflasche dabei. Es kam noch hinzu, daß Salmen jetzt abgerissen und nachlässig daher ging, mit zerlumpten Gewändern und in trottelnder Haltung. Es war keine Frage mehr, er war ein Trunkenbold geworden. Er büßte alle Achtung ein und man machte sich auch schon über ihn ein wenig lustig. Man sprach auch davon, er sei vom „Bösen" besessen. Das dachten auch die Nichtjuden, deren mancher noch immer in ihm einen verkappten Heiligen sah. Da ereignete sich etwas km Städtchen, das Salmens Namen wieder zu Ruhm und Größe brachte. 2m Orte ließen sich ein neuer Polizeivorrsteher und ein neuer Pope nieder und beide waren eingeschworene Judenfeinde. Ähre erste Aufgabe war. die Bauern gegen die Juden aufzuhetzen, und an einem Markttage, da viele Bauern aus den umliegenden Dörfern im Flecken versammelt waren, war man schon nahe daran, die Juden anzugreifen und jüdische Häuser zu plündern. Die beiden Hetzer bearbeiteten die aus den Dörfern zum Markte herbeigeströmten Bauern in eigener Person, und die Gefahr ließ alle jüdischen Bewohner des Ortes erzittern. Man wußte sich keinen Rat, woher Hilfe kommen sollte gegen die Uebermacht der rohen Gesellen, die sich schon zusammenrotteten. Da passierte im letzten Augenblicke etwas Unerwartetes. Von der Anhöhe des Städtchens kam ein Zug von christlichen Bewohnern dahergezogen, an deren Spitze Salmen, der Glaser. Die Männer, mit Art und Beil und Eisenstangen bewaffnet, postierten sich in kleinen Gruppen vor den jüdischen Häusern und Läden und schworen, jedem erbarmungslos den Schädel einzuschlagen, der sich erkühnen sollte, einen Juden oder ein jüdisches Haus anzurühren. Da überlegten sich doch die Dorfbauern, ob sie es wagen sollten und ob es sich lohne, ihre Haut zum Markte zu tragen. Bald zogen sie zum Leidwesen des Popen und des Hüters der Ordnung in ihre Dörfer ab. Und mehr denn je stieg der Ruhm Salmens als eines Heiligen, dem zuliebe allein es schon nicht ratsam sei, einem Juden das Haar zu krümmen. Nachdem sich die Gemüter beruhigt hatten, fand man auch heraus, was vorgefallen war. An dem kritischen Morgen brachte Salmen seine ganze christliche Nachbarschaft auf die Beine. Er wollte jetzt wirklich eines der Wunder, die ihm so gern nachgesagt wurden, zeigen. Einige Schläge mit dem Hammer auf eine Glastafel und fein Dachboden füllte sich mit Schnapsflaschen, die die Leute nach Herzenslust leeren konnten. Es kamen alle, die man auftreiben konnte, machten große Gesichter und griffen gierig ohne sich weiter über das Wunder den Kopf zu zerbrechen, nach dem herbeigezauberten Schnaps: sie bewunderten Salmen und lobten den guten Trank über alle Maßen. Als die Flaschen leer und die Herzen dementsprechend voll waren, fragte er die Leute: „Glaubt ihr, Brüder, an mich und meinen Blick in die Zukunft?" „Ja, wir glauben!" Sie hoben ihn in ihrer Begeisterung und Verehrung auf ihre Schultern. Aber Solmen sprach: „So wisset, Brüder, Fremde, Verleitete sind hergekommen, um Schande und Schmach über euch und euren Ort zu häufen. Heute noch wird sich dörfisches Marktgesindel gegen die Juden, die euch nie was getan, zusammenrotten. Gelingt es ihnen, dann haben sie Pest und Fluch, Tod und Verderben über euch und unseren Ort gebracht, daß sein Name zum Schrecken für die ganze Gegend wird. Wollt ihr er zulassen?" „Nein, nein!" schrien die Einheimischen. Und einige jüngere Leute hoben Salmen wieder auf ihre Schultern und sprachen: „Du sollst uns führen, dir nach gegen die, welche Pest und Unheil über uns bringen wollen." So kamen sie mit Salmen, [frem Glafer, vor die jüdischen Häuser und Läden. . Am zweiten Morgen war Salmen verschwunden, als hätte ihn die Erde oder das Wasser ausgenommen. Aber bei den Nichtjuden stand es fest:. Er war ein „Lawownik", der mit einem Schlage auf die Glartafel sogar Schnaps herbeizaubern konnte, und fei, zu gut für diese Erde, wie der Prophet Elia zum Himmel hinaufgeftiegen. Ihm zu Ehren gelobten sie, ffets mit den Juden in Freundschaft zu leben und sie vor Unbill zu schützen. Die Juden ahnten jetzt wohl, welche natürliche Bewandtnis es mit den Schnapsflaschen und der Wandlung Salmens hatten Aber ein Heiliger — wenn auch kein Wundertäter — blieb er auch für sie. Das Licht der Wunder. CSt» Heinrich I. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts war es, da saßen an einem Abend in einem kleinen Hause des russischen Dorfes K. sieben Personen um einen Tisch, nachdem sie Tür und Fensterläden sorgfältig verschlossen hatten, um ungestört miteinander Rats zu pflegen. Es war November. Der Himmel hatte schon große Schneemassen zur Erde geworfen, die die Tritte der Leute auf der Straße dämpften. Da mußte man doppelt vorsichtig sein, damit kein Unberufener die Unterredung belauschen konnte; denn es handelte sich um wichtige und gefährliche Dinge. Der zweite Sohn des alten Mannes, der oben am Tische saß und trüb vor sich hinblickte, hatte heute den Befehl erhalten, sich in wenigen Wochen zur Musterung einzufinden. Er war gesund und groß gewachsen und mußte also darauf gefaßt sein, zu den Soldaten ausgehoben zzu werden. Das Los eines Soldaten war aber damals in Rußland ein sehr schweres, und wenn er dazu noch Jude war und gar ein frommer Jude, da war es doppelt und dreifach schlimm, sodaß mancher den Tod diesem Schicksal vorgezogen hätte; denn die größten körperlichen und seelischen Leiden waren damit verknüpft. Der jüdische Soldat war rechtlos und vogelfrei. Er war schutzlos allen Peinigungen roher Vorgesetzten und verhetzter Kameraden ausgesetzt. Der Reiche konnte sich noch zuweilen von manchen Quälereien loskaufen; der Arme dagegen war allen Bedrückungen hilflos preisgegeben. Und Saul war arm gleich den meisten Juden im Dorfe. Sein Vater hatte zeitlebens nicht mehr verdienen können, als was er zum Unterhalte seiner Familie brauchte. Als er und seine Söhne ihr mühsam Erspartes nun zusammen auf den Tisch legten, da fand es sich, daß es gerade dazu hinreichte, dem jungen Manne die Ueberfahrt von Hamburg nach Amerika zu ermöglichen. Mit schwerem Herzen erwogen sie diesen Ausweg, der mit großen Gefahren verbunden war, da der Uebertritt über die nahe Grenze scharf kontrolliert wurde, und zudem, wenn er selbst gelang, eine dauernde Trennung bedeutete.- Aber eine andere Rettung gab es nicht, und da Saul erklärte, lieber den- Tod

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