Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1923)
- Date
- 1923-11-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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29. November 1923 Der Israelit Nr. 48 Seite 11. etwas gebracht. Der eine ist in London als Ingenieur zu Ehren und Ansehen gelangt. Er hat auch bereits geheiratet und ladet die alten Eltern ein, ihn zu besuchen, damit sie ihre Schwiegertochter kennenlernen. Herr und Frau Salomon fahren nach England. Die Freude des Wiedersehens ist groß. Nachdem sie vom Wege ausgeruht sind, werden sie ausgeführt, um sich London anzuseyen. Warenhäuser, Fabriken, alles ist ihnen neu. Dann besucht man Theater, Konzertsaal, Ausstellung, Bildergalerie. Eines Tages sind sie im Museum, und da feiern sie ein Wiedersehen, aus das sie nie gerechnet hatten. Wie staunen die Alren, als sie unter einem Glaskasten ihre alte Chanutalampe entdecken. Es war diese, keine andere. Dm. waren dieselben kleinen Löwen, die mitihren Vordertatzen bte Thorarollen festhielten. . . . Die alte Lampe mit dem krummen Bein und dem halbgebrochenen Arm. „Er war ganz und gar nicht verrückt, der Engländer", denkt Herr Salomon. „Es war auch nicht der Prophet Elia," denkt Madame Salomon. Sie bleiben aber ganz still für sich. Laut davon zu sprechen, patzt, sich nicht, schon der jungen Schwiegertochter wegen . . . Beide stehen vertieft in ihre Gedanken. Vielleicht wollen auch wir ein wenig darüber Nachdenken J . . . Der Rabbiner.^ So waren die Jomim Nauroim des Jahres 1888 herangekommen — die letzten, die der Rabbiner erleben sollte. Und hier ists ein Ereignis, das mir noch heute in leuchtenden Farben vor der Seele steht. Es war am Ausgang des Jaum Kippur; wenige Minuten fehlten noch zu Nacht, da bemerkte ich von meinem Platze, daß die Kanzel aufgerichtet wurde, und der Rabbiner elastischen Schrittes zu ihr hinaufftieg. Ich sehe mich noch durch die Schul eilen, damit mir kein Wort der Predigt entgehen möchte. Die Stimme des Rabbiners drang scheinbar mühelos durch den hohen Raum, der bis zum letzten Winkel von Betern überfüllt war. Einer Eingebung des geweihten Augenblicks folgend, sprach er von dem letzten Omen, mit dem die Tefilloh soeben beendet war und wob aus ihm ein Bild der Wirkungen des Jaum Hakipurim; wenn immer sie im Lauf des Jahres schwinden wollten, wenn Vorsätze, die heute gefaßt, wieder wankend werden, wenn Freundschaften, die nach Zeiten der Entfremdung gestern aufs neue geschlossen, wieder erkalten sollten: dann „sprechet Omen, meine Brüder und Schwestern!" so hörte ich seine Stimme väterlich bittend herniederklingen. Unter dem weißen Käppchen leuchtete schneeweißes Haar, auf der hohen Stirn lagerte die Heiligkeit des. hohen Tages, und die ernsten, großen Augen wanderten über die Köpfe der lautlos verharrenden Gemeinde. Noch einmal kam das Omen von seinen Lippen — dann schwieg er, und der Tekioh-Rus zog machtvoll durch die Schul, um mählich zu verhallen. — Im Tewes dieses Jahres sollte des Meisters Leben zu Ende gehen, und unvergeßlich bleiben mir die schweren Stunden des letzten Erdenkampfes. Am Vorabend des siebenundzwanzigsten ging mein Vater, gegen seine sonstige Gewohnheit, nach Tisch noch einmal fort, und meine Mütter sagte uns, daß der Rabbiner sehr krank sei und Tehillim gesagt würden. Betreten gingen wir zu Bett. Am anderen Morgen erfuhren wir, daß der Vater sehr spät und wenig hoffnungsvoll nach Hause gekommen sei, und um zehn Uhr hörten wir auf der Straße die Todesbotschaft. Bereits um acht Uhr — während in Schul Tehillimworte emporstiegen — war der Rabbiner gestorben. Ich weiß mich des düsteren Dezembermorgens wohl zu entsinnen; ich wußte noch nicht viel vom Leben und Sterben, aber soviel war mir doch bewußt, daß wir den Rabbiner nie mehr Wiedersehen würden. Vierundzwanzig Stunden später versammelten sich die einzelnen Klassen unserer Schule im Schulgebäude am Tiergarten, um von dort aus gemein- *) Zm Hermon-Derlage kam unter dem Titel „Aus der Schützenstraße" ein Büchlein aus der Feder Hermann Schwads heraus, das mit Inhalt und Form Autor und Verlag gleich Ehre macht. Für Frankfurter und Kenner der Frankfurter Religionsgesellschaft kann man sich eine sinnigere Chanuckagabe schlechthin nicht denken. Doch ist manche Piece, so die erste: „Der Rabbiner", von gleicher kulturgeschichtlicher Bedeutung auch für den Nichtfrankfurter. Wir geben im obigen einiges aus der packenden, anmutigen wie schwungvollen Schilderung, mit Rücksicht auf die nahende Jahrzeit S. R. Hirschs^s(27. Teweth), wieder. Eine eingehendere Würdigung des Buches in seinem poetischen und sachlichen Gehalte behalten wir uns für später vor. Der Vertrieb des Büchleins erfolgt durch die Buchhandlung M. A. Wahr mann; Preis ged. 75 Goldpf. sam den Weg nach der Schönen Aussicht anzutreten. Am Hause des Rabbiners stand der schwarze Wagen weit geöffnet. Vor ihm die Schüler der Prima unserer Schule, die Werke des Rabbiners in den Händen — sie sollten ihm auf seinem letzten Weg voranziehen. Stockend setzte sich der Zug in Bewegung; sogleich hinter den Söhnen und Anverwandten des Rabbiners folgte die Schule, voran wir Sextaner, erregt und die ungekannten Vorgänge voll kindlicher Neugier anstaunend. Schon waren wir in der Schützenstraße,' als mein Blick an der Schul haften blieb, deren Türen weit geöffnet waren. Niemand befand sich auf den Gängen und Korridoren, und in tiefem Schweigen ' und einsamer Größe entbot sie ihrem Schöpfer den letzten Gruß. Wir Kinder dursten nur bis zum Hessendenkmal „mitgehen", so daß ich all die bedeutsamen Klageworte, die auf dem Friedhof ausgesprochen wurden, nicht hören konnte; aber ich weiß nicht, ob sie auf mich solch unvergeßlichen Eindruck gemacht hätten wie das beredte Schweigen der großen Schul. Der Trauerzug zog sich gleich einem schwarzen Band von der Schönen Aussicht bis zu dem Bes Aulom und hemmte den Pulsschlag der Stadt für eine Stunde; noch harrten die letzten Wagen am Hause der Abfahrt, als die Spitze des Zuges bereits den Friedhof erreicht hatte. Dort begannen die Hespedim, die am Nachmittag wegen der nahenden Minchoh-Zeit unterbrochen werden mußten. Mein Vater kam etwa um die dritte Nachmittagsstunde in großer Erschöpfung nach Hause; schweigend setzte er sich zu Tisch, und es deuchte uns, als ob ein lichter Schein verdunkelt, und eine große Leere sich um uns ausgetan habe. Noch vielfache Hespedim wurden gehalten — zuletzt in Schul von dem Schwiegersohn des Rabbiners, Dr. Plato und von Rabbiner Fromm, und am Ausgang der Schelauschim in der Aula unserer Schule von dem Direktor. Es gab Nachrufe in allen Zeitungen, Bilder, Gedächtnisschriften. bis der Alltag seine Rechte verlangte, und die laute Klage stiller ward. Des Meisters Leben war zu Ende — sein Werk aber lebte fort. Unlöslich ist die Israelitische Religionsgesellschast mit seinem Namen verbunden, und ein viertes Geschlecht erblüht aus dem Boden seiner Kehilloh. Und wenn unsere Kinder uns fragen, wie die beispiellose Entwicklung der Religionsgesellschaft möglich gewesen. so laßt uns ihnen von Samson Raphael Hirsch erzählen, der nach Frankfurt kam, das fast erloschene Licht der Tauroh aufs neue zu entfachen, und der im Strahlenkränze dieses Lichtes die Augen geschlossen. Uinderecke. Zurückerstattet. Aus den Jerusalemer Geschichten.!. Vor alter Zeit befand sich in Jerusalem ein Mann namens Abraham, Zimmermann seines Zeichens, hochgeachtet und beliebt wegen seiner Biederkeit, Ehrlichkeit und tiefen Frömmigkeit. Und der Segen Gottes ruhte auf Abrahams Händen, datz ihm die Arbeit gut vonstatten ging und alles glückte, was er unternahm. Alle kamen mit ihren Aufträgen gern zu ihm und er hatte alle Hände voll zu tun. In der Nachbarschaft Rabbi Abrahams wohnte aber der Araber Abu Kassim, ebenfalls Schreiner, aber faul und trunksüchtig, außerdem auch unehrlich und fahrlässig, sodaß keiner ihm Arbeit anvertrauen wollte. Abu Kassim neidete dem jüdischen Nachbar seinen Erfolg und nährte einen tiefen Haß gegen ihn. An einem Freitag Nachmittag schloß Rabbi Abraham zeitig seine Werkstätte dem nahenden Sabbat zu Ehren, zog seine Sabbatgewänder an und begab sich mit Frau und Kindern hinauf zu der heiligen Tempelmauer, um dort in Gebet und Gesang den Sabbat zu empfangen. Abu Kassim sah dieses und nutzte die Gelegenheit aus. Er erbrach die Türe zum Hause Abrahams, stahl sein ganzes Vermögen und machte sich davon. Als die Zimmermannsleute von der Westmauer zurück nach Hause kamen, sahen sie, was ihnen Abu Kassim angerichtet hatte, und sie waren tief bestürzt, denn nun waren sie plötzlich zu Bettlern geworden. Allein Rabbi Abraham versündigte sich nicht. Statt nutzlos zu trauern und mit seinem Schicksal zu hadern, fing er wieder von vorne an. Und wieder schickte Gott seinen Segen, daß der Schaden bald ausgeglichen war . . . Rabbi Abraham dachte an den Diebstahl garnicht mehr. n. Abu Kassim flüchtete nach dem Dorfe „En Gedi" und suchte dort den Diebstahl zu vergraben. Da traf ihn in finsterer Nachtstunde die Hand Gottes und er starb, mit dem geraubten Gute in der Hand. Am folgenden Morgen kam ein Winzer namens Karmi des Weges, indem er sich gerade von seinen Weinbergen nach Jerusalem begab. Er fand Abu Kassim da liegen, und da dieser kein Lebenszeichen mehr von sich gab, begrub er ihn am Wege und steckte das Gut zu sich,'das er nach seinöm Dorfe En Gedi verbrachte. Keiner hatte von dem Vorgefallenen etwas erfahren. Des Nachts 'hatte aber Karmi einen sonderbaren Traum. Eine Lichtgestalt war ihm erschienen, und sie sprach mit drohendem Finger: „Hüte dich, Karmi, dir fremdes Gut anzueignen, um das du dich nicht gemüht hast . . . Der Tote, den du beerben zu können glaubtest, hatte diese Schätze gestohlen. Ihr rechtsmäßiger Eigentümer heißt Rabbi Abraham und wohnt in Jerusalem. Mache dich auf und bringe diesem sein Eigentum wieder, wenn du dich nicht für alle Tage vor Gott versündigen willst." Als Karmi des Morgens erwachte, sagte er sich: „Träume sind Schäume." und gab das fremde Gut nicht aus der Hand. Eines Tages erhielt Karmi die Nachricht, daß sein Vater, der in einem andern Dorfe wohnte, auf den Tod erkrankt war. Da nun Karmi an das Sterbebett des Vaters eilen mußte, versteckte er den Schatz im Garten und zwar in einem hohlen Baumstamm, der sich tit der hintersten Ecke befand. Hier glaubte er die Schätze vor Dieben und Räubern sicher, und er machte sich beruhigt auf den Weg. in. Karmis Vater starb, und sieben Tage blieb der Sohn im Sterbehause. Nach Ablauf der Trauerpause machte sich Karmi wieder aus den Weg nach En Gedi. In der Zwischenzeit hatte aber ein fürchterlicher Sturm in der Gegend gewütet und Regenströme waren vom Himmel herabgekommen, wie man sie nie erlebt hatte; alle Flüsse gingen über die Ufer und alle Dämme brachen. En Gedi war ganz überschwemmt, Häuser und Felder verwüstet. Als Karmi, nach Hause gekommen, die Verwüstung sah, jammerte er über den Verlust seiner Arbeit. Als er aber an sein Versteck dachte, tröstete er sich und meinte, dieses würde ihm schon über die Not der Zeit hinüberhelfen. Wie groß war aber seine Bestürzung, als er im Garten nach dem hohlen Baume suchte und ihn nicht mehr fand ... Der Orkan hatte ihn umgerissen und das Wasser weggeschwemmt. Dieses Unglück schien Karmi das größte, das ihn betroffen hatte, und er war untröstlich. Der gebrochene Stamm wurde von Wind und Wasser getragen bis zum Flusse. Dort fand ihn ein armer Fischer und zog ihn aus dem Wasser, um ihn in Jerusalem zu verkaufen und sich damit das Brot für den Tag zu verdienen. So kam er denn mit dem Holz an die Werkstätte Rabbi Abrahams, der ihm das brauchbare Material gern zu einem annehmbaren Preis abkaufte. Rabbi Abraham nahm das Holz in Arbeit. Und wie er es durchsägte, glaubte er ein Wunder zu erleben. All die Schätze, die ihm Abu Kassim gestohlen hatte, fielen aus dem Innern des Holzes auf den Boden der Werkstätte . . . Rabbi Abraham und seine Frau freuten sich gar sehr und dankten dem lieben Gott, der ihnen durch ein unerklärliches Wunder zu ihrem Eigentum oerholfen hatte.