Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1923)
- Date
- 1923-11-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Tcuillctonveilagr Der Israelit Lichter in der Nacht. Von Kart Aarmstädter. Dies ist das Zeichen unsrer dunklen Nächte: Daß Lichtflut täuscht und unsre Blicke blendet, Wenn wir binschreiten durch die großen Straßen. Hier fällt es lüstern aus den Lustpalästen, Dort liegt es bunt und grell, auf Tand und Glanz, Da glüht es weit hinaus aus weißen Lampen. Und steht es steil in Flammenschrift auf Dächern, Droht es bald rot, bald grün, wie Leuchtturmzeichen, Wo unaufhörlich — Flut und Ebbe, Flut und Ebbe — Hinein, hinaus der Züge Woge rollt, — — So ist es doch kein Licht, das Freude gibt, Das Ruhe bringt nach Unrast und Verwirrung. So will ich gehen, wahres Licht zu suchen! Ich wandere fort aus dem Lichtgegleis, Vis mich das Dunkel schwarzer Nacht umspinnt. Da fällt in enger, mondscheinleerer Gasse Aus trübem Fenster trübes Lampenflackern, Das nichts als dumpf-gepferchtes Elend zeigt Und matt des Iammerlagers Linien zeichnet. Dies ist kein Licht der Freude! Dies noch weniger: Wo finstres Sinnen Nacht zum Tage macht, Lichtchen mit Diebslaternen raubt und plündert. Freudlos und haßerfüllt das Leben fristet — Ich will den Blick von diesen Lichtern wenden Zu jenem, das die Stunde uns hier spendet. Dies dient ja nicht zu üppigem Gepränge, Noch will es heute Zeitennot erhellen. Es ist nicht Licht, das uns ein neues Sern Mit paradiesisch schönem Glanz beschert. Einmal wird dies auch sein. Doch bis dies wird. Brennt meines Lichts vielsagendes Symbol, Erinnernd an. die Zeit, die unsrer glich, Wo die Entweihung herrschte an Altären. — Wie klein es ist! Wie schlicht des Lichtes Leuchten! Doch wird der neue Abend es vermehren, Und ständig steigt die Zahl. Kein Wunder selbst! Doch mahnt es an des alten Festes Wunder. Auch dies Licht wird verlöschen! Doch das Bild Besteht und brennt in allen Finsternissen. Verachtest du, was draußen glänzt und flammt? Sinkst du ins Knie vor den entweihten Tempeln Und hast kein Auge für das Licht der Weihe? Bist im Gefolge der vom Schein Betrog'nen Und schreitest willig hinter falschen Lichtern? Reißt nicht die Sehnsucht dich zu neuer Sonne, Zu heiligen Lichtern, die in Reinheit strahlen? Lichtsuchend irren viele in den Nächten Und ringen schwer,- den rechten Weg zu schreiten. Wer führt, wenn keiner neue Pfade weist? Dies Licht, das strahlt, verlischt und wieder strahlt. War nie gewaltig und doch riesengroß, War nie der Welt, nur wenigen gegeben. — Wann wird es sein wie Urlicht ber der Schöpfung, Wann flutet es durch alle dunklen Nächte? Wann sehen Völker, die im Dunkel wandeln. Des siebenarmigen Leuchters heiliges Licht? — Die Antwort wird der Menschheit Ohr erreichen, Wenn sie entweihte Tempel wieder öffnet, Erlosch'ne Flammen feierlich entzündet, — Den Wenigen gleich, die seit Iahrtausenden Die Lichter brennen in der tiefsten Nacht. Die Charmka-Lampe. Nach dem Hebräischen. Es ist ja heute Chanuka. So will ich euch erzählen, wie ein Iude, — nie auf euch gesagt — ein Herabgekommener, durch die Chanukalampe vor Not gerettet wurde. Und glaubt ihr etwa, es war eine goldene oder silberne Lampe? Nein, gerade aus Kupfer und noch dazu zerbrochen, ein Familienerbstück aus uralten Zeiten, verrostet, verstaubt und ganz verbogen. Besagter war in früheren Zeiten ein wohlhabender Mann, aber in bescheidenen Verhältnissen lebend. Ganz plötzlich, keiner wußte recht, woher kam er zu Vermögen. Wieso? das gehört nicht hierher. Ein Soldat, so sagte man, bot auf der Straße eine Eisenstange feil, und unser Iude kaufte sie. Es stellte sich aber zu Hause heraus, daß die Eisenstange hohl und darin ein Schatz enthalten war. Wenn nun ein Iude reich wird, so heißt es natürlich, das Alte vor dem Neuen wegschaffen. Alles wird umgewandet, das Haus, die Kleider, er-ist über Nacht ein „Daitsch" geworden und sie sogar eine Französin. Er geht barhäuptig im Hause herum, und sie streift den Scheitel vom Kopfe. Die Söhne werden aus dem Cheder getan und ins Gymnasium gegeben. Auch die innere Einrichtung, erfährt eine durchgreifende Aenderung. Dort steht ein Schrank voll heiliger Bücher. Wer braucht jetzt jüdische Bücher? Sie werden ins Lehrhaus geschickt, und der alte Kasten zu Kleinholz zerhackt. An Stelle des Bücherschranks steht nun der Kristallschrank. Allhändler kommen ins Haus, an die alles bisherige Möbel förmlich verschleudert wird. Neues Möbel kommt ins Haus, alles im Stile von Ludwig XIV. Kleine Sessel, gepolstert, mit krummen Beinen, aus prunkender Bronze: fast auf Nädern, ein Vergnügen anzusehn. Man getraut sich fast nicht hinzusetzen. Ein bißchen altes Silberzeug war auch im Hause. Eine Esrogbüchse, Bsomimdose und dergleichen mehr verkaufte man zum Einschmelzen oder verschenkte es nach und nach an Verwandte bei freudigen Anlässen. An de'-en Stelle kamen Kristallvasen, Büsten und Meißener Porzellan, Statuen aus edelstem Material und von vornehmster Kunstarbeit: alles ist bald von oben bis unten, von Anfang bis Ende umgemodelt. Es ist aber einmal so mit dem rollenden Rad des Schicksals. Heute unten, morgen oben, und übermorgen wieder unten. Man kann die Wechsel nicht mehr einlösen, d'e Schulden nicht mehr zahlen. Die Kinder sind im Ausland und brauchen viel Geld, man kann es ihnen nicht mehr so schicken. Man borgt da und dort, zablt einmal ja und einmal nicht, und bekommt nichts mehr geborgt. Es geht immer tiefer, das Geheimnis läßt sich nicht länger wahren. An Stelle von Achtung tritt Mitleid, das nichts einbringt. Man sieht sich im Hause um, was noch zum Verpfänden oder für. den Althändler geeignet wäre. Ludwig XIV. ist stark im Abbröckeln. Glied auf Glied wird ihm ausgerenkt. G^as und Kristall sind zum Teil zerbrochen. Was noch da ist, vegetiert, führt ein armselig Dasein. Und wenn man tief ist, erinnert man sich wieder ein bißchen an seinem jüdischen Stamm. Madame leiht sich zuweilen bei der Nachbarin das „Zeeno Ureno," und findet darin wieder ganz hübsche Dinge. Herrn Salomon, der wieder wie anno dazumal auf seinen alten Namen Schlome Salmen hört, sieht man wieder des Morgens im Talith und Tefillin, und da die Chanuckaabende da sind, verlangt es ihn wieder einmal nach Iahren die Lichtlein zu entzünden. Kerzen sind wohl da, aber worin, worauf sie anzünden? Da entsinnt sich Schlome Salmen, daß er einmal in Tagen der Größe, da das große Reinemachen im Hause begann, eine alte Chanukalampe hoch und weit auf den Ofen geschoben hatte, auf daß sie die Augen des Besuchers nicht störe und das Bild des Ganzen nicht beeinträchtige. „Hole einmal die alte Chanukalampe herunter", bittet nun auch Frau Salomon. Es geschieht unter schwierigen Umständen, fast unter Lebensgefahr. Ein Stuhl, der bedenklich wackelt, muß auf den Tisch gestellt werden, der auch seinerseits nicht mehr ganz bodenständig ist. Oben darauf steht der Hausherr, Tisch und Stuhl ächzen und wackeln, Ludwig XIV., alt und zerfallen, seufzt in Erinnerung alter, besserer Zeiten . . . Madame hält mit beiden Händen den Stuhl fest, daß der Ehegatte bei seiner gefährlichen Mission nicht verunglückt. Endlich ist die Lampe unten, sie ist in eine dicke Staubschicht eingehüllt. Mit einiger Schwierigkeit wird der dicke Staub entfernt und das Lichtlein angezündet. So geht es am ersten, zweiten, dritten, bis zum achten Abend. Die acht Lichtlein brennen alle, aber für Licht und Brot"hat es nicht gereicht. Darum werden sie heute ohne Abendessen zu Bette gehn. Das stimmt die Eheleute nicht sehr glücklich. Schlome Salmen sitzt an einem Tischende, Madame am andern, blasen Trübsal, seufzen und gähnen um die Wette. Da plötzlich klopft es draußen, beide springen auf, und öffnen die Türe. Herein hopst ein junger Mann, der ihnen wohl bekannt ist, ein Händler, ein Makler, oder Agent, wie er sich nennt. Ein Mann von allerlei Vermittlergeschäften. „Was gibts?" Er kann sich kaum vor Lachen halten. „In die Stadt kam ein verrückter Engländer, mit aalglattem Gesicht und schlank wie ein Weidenrohr. Kann auch eine Frau in Männerkleidern sein . . . Kauft, was er kaufen kann, Bilder, Bücher, Gestelle, Scherben, kurzum alles, was sonst kein Mensch anschaut und anrührt. Er steht draußen vor der Tür und wartet. Sicher gibt es doch auch hier im Hause einiges Gerümpel, das der verrückte Engländer wohl brauchen kann." Der junge Mann lacht, daß die Wände wackeln. Die Alten sehen sich an, was hätten sie noch mr alte Geräte zu verkaufen? Da steht aber auch schon der Engländer mit seinem weichen, glatten Mädchengesicht im Zimmer, es hat ihm dranßen zu lange gedauert, zieht die Sportmütze vom Kopf und sieht sich um. Da fällt sein Auge auf die Chanukalampe, und wie besessen greift er mit beiden Händen danach, seine Augen blitzen, als hätte er einen vergrabenen Schatz entdeckt. „Das heißt man aber einmal verrückt," flüstert der Agent. Er wiederholt es sogar fast laut, denn er sagt „meschugge", was der Engländer sicher nicht versteht und als Lob auffassen kann. „Wieviel?" fragt der Engländer in gebrochenem Deutsch. „Wieviel?" Man handelt nicht. Man gibt die Lampe dem Engländer und verläßt sich auf sein Rechtsgefühl. Er zahlt eine Summe, die ihnen keinen Zweifel darüber läßt, daß er komplett „meschugge" ist. „Verrückt," sagt Schlome Salmen, als er mit seiner Frau wieder allein ist. „Vorsicht!" mahnt die Frau, „es konnte auch der Prophet Elia gewesen sein, von Gott geschickt, um uns aus der Notlage zu helfen. Die Chanukalichter haben uns beigestanden." Wie dem auch sei, fürs Abendessen reicht es, und für Frühstück und Mittagstisch des kommenden Tages auch. Es langt auch, etwas Ware anzuschaffen. Das englische Geld hat neues Glück gebracht. Das Rad bewegt sich wieder nach oben, und in kurzer Frist ist Schlome Salmen wieder der Herr „Salomon" ... Und wenn es wieder nach oben geht, dann wendet sich alles wieder zum Guten. Es kommen erfreuliche Briefe von den Söhnen aus dem Auslande. Sie haben es aus eigner'-Kraft zu