Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1923)
- Date
- 1923-11-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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15. November 1923 Der Israelit Nr. 46 Seite 11 in allen Ländern und Reichen suchen, aber er ist nirgends, wiewohl er, wenn es an der Zeit ist, überall ist. Die Herkunftsgeschichte keines anderen großen Propheten in Israel und Iuda ist so ins Dunkel gehüllt wie die Elias, wiewohl sein Wirken sich offen und vor aller Welt abspielt und er — wie auch das Lied am Sabbatausgang singt — eine Zeitdauer von zw'ölf Geschlechtern unter seinen Volksgenossen gesehen haben soll. Er führt bald ein düsteres Einsiedlerleben, wie am Bache Kerith, oder läßt sich für kurze Zeit häuslich nieder, wie bei der Witwe zu Sarpata. Bald zieht er unstet durch die Wüste oder übernachtet in einer Höhle, wie einmal nach einer vierzigtägigen und nächtlichen Wanderung am Horeb. Wo immer und wann immer er aber auch irgendwo weilt, eines ist er stets: ein Verfolgter. Er ist ein Mann, der nicht anders will und kann als die Wahrheit sagen und in Eifer geraten für Gott und Recht und das hat zu allen Zeiten, besonders aber in einer Zeit, wo ein Ach ab herrschte und eine Isebel Königin war; wo Götzendienst, Unzucht und Verbrechen regierten, eines immer zur Folge gehabt: Verfolger. Jetzt begreifen wir auch, wer Elia war. Er war das verkörperte Urbild des um der Wahrheit willen Verfolgten und damit war er zum Sinnbild geworden für Israel überhaupt. Was braucht es sonst noch der Biographie eines Mannes, in dem sich auf den ersten Blick das Judentum selber widerspiegelt. Darum geht die Bibel mit einem großzügigen Schritt über das sonst übliche einer Abstammungsbeschreibung bei Elia hinweg. Charakteristisch ist hierfür ein Wort des Midrasch: „Woher stammt Elia?" so lautete einmal die Frage, die im Lehrhause aufgeworfen wurde. Die Weisen stritten nun darüber. Die einen sagten seine Herkunft ist aus dem Stamme Gad und die anderen meinten, er stamme aus Benjamin. Da plötzlich, siehe, erschien er ihnen selber, stand vor ihnen und redete sie an: Meine Lieben, warum streitet ihr über so etwas, ich bin von den Kindeskindern der Stammutter Rachel. (Midr. Rabba 71, Midrasch Ialkut Ende Parschat Nizawim und Lhilim 90). Lr sagte nicht direkt, ich bin ein benjamitischer Abkömmling, sondern ein Sprößling der Stammmutter Rachel, d. h. die nähere Abstammungsgeschichte ist Nebensache, wenn ich nur ein Enkel der jüdischen Erzmutter Rachel bin (vgl. Tosfos Baba Mezia 114). Noch mehr bezeichnend für die vergeistigte Auffassung von der geschichtlichen Figur Elias als ein Wahrzeichen in Israel ist ein anderes Wort der Weisen, mit dem sie Elia kühn über die enge Grenze einer bestimmten Zeit und Oertlichkeit erheben. Es lautet: Pinchas, der Sohnes-Sohn des Hohepriesters Aharon, der Sittlichkeitseiferer für Gott gegen den entarteten Fürsten Simri, das ist Elia, der Prophet (vgl. Raschi Baba Mezia 114b). Das aber führt gleich zur Beantwortung der zweiten Frage: Wie war Elia? H. Wie Elia war. Ein kleiner Junge wurde einmal gefragt: „Du hast deinen Vater doch wohl lieb, wie ist er denn zu dir?" „Wie mein Vater ist?" war die schlagfertige Entgegnung. „Er ist wie ich bin." „Wie ist dein Vater?" hielt man ihm erstaunt vor. „Wie meinst du das, Kind?" „Ja," sagte der aufgeweckte Knabe, mein Vater ist wie ich bin. Bin ich gut, so ist auch mein Vater gut, bin ich aber böse, so ist auch mein Vater böse, aber für ihn ist es nicht schlimm, wenn er boise ist, denn die Prügel tun dann nur mir wehe." — Ein Prophet und zumal einer wie Elia, ist ein Vater seines Volkes und er ist wie seine Kinder sind, nämlich je nach ihrem Verhalten ist das seine. Während jedoch der kleine Junge in unserem Gleichnis meint, daß, wenn sein Vater „böse" ist und ihn schlägt und züchtigt, es nur er spürt, weiß doch jeder Vater, daß die Züchtigung seines Kindes ihm zumindest so, wenn nicht noch mehr wehe tut, als dem Kinde. — Einem wahren Volksvater wird es nicht anders ergehen und so erging es auch Elia. Elia war gut, herzensgut, voll des innigsten Mitleids mit seinen Volks- und Glaubensgenossen. Aber er erinnert in der Tragik seines Lebens vielfach an den späteren Jeremia. Gott hatte ihn in eine harte, grausame Zeit hineinversetzt und hart und grausam wie seine Befohlenen gegen das was er vertrat waren, so mußte er, wenn auch sein Herz darunter zu brechen drohte, gegen sie und die von ihnen vertretene Art sein. Wahres jüdisches Prophetentum ist eben identisch mit wahrem Herzensheldentum. Deshalb sehen wir denn auch Elia, den wir uns gewöhnt haben, als den Verkünder und Ueberbringer alles Glückes und aller Freude zu betrachten, in der Geschichte seines Lebens gerade umgekehrt, als der Verkünder und Ueberbringer alles Unheils und alles Unglücks auftreten. Wie ein Schreckgespenst mußte er den Zeitgenossen erscheinen, wenn er mit seinem langwallenden, wildgewachsenen Haar — wie er geschildert wird — in einem schwarzen härenen Gewände, das zusammengehalten war von einem breiten ledernen Gurt, feurig sprühenden Auges und mit geschwellten Zornesadern auf der Stirne plötzlich bald - hier und bald dort auftauchte und mit mächtiger, ungekünstelter Sprache, gleich einem Donnergerichte das mannigfachste Unheil verkündete. Dürre und Hungersnot das einemal, Tod und Verderben in einem anderen Falle; hier Zerfleischung durch bissige Hunde, dort Preisgabe dem Fräße der Vögel oder dem Flammenraube eines himmlischen Feuers und nach anderes Unheilvolles mehr waren seine Botschaften. In der Tat rief ihm König Achab, als er sich ihm wieder einmal zeigte, entgegen: „Bist du hier, du Unglücksbringer Israels?" Und in einem Falle fragte ihn derselbe König: „Hast du mich gefunden, mein Feind?" Aber Elia war nicht der Unglücksbringer Israels, auch nicht sein Feind, sondern die waren es — wie er selbst erwiderte — die Gott und sein Gesetz verließen, aus Israel einen Tummelplatz des Heidentums und der Entartung machten und den reinen Strafeifer des Propheten herausforderten. Nicht wer die Wahrheit verbirgt und den Frevel beschönigt, ist der Segensbringer, sondern wer kühn und freimütig das Böse geißelt und rügt. Der Rabe gilt bekanntlich in der Volksallegorie als Unglücksvogel. Aber siehe da, Elia brachten gerade die Raben, als er am Bache Kerith von aller Welt verfolgt und verlassen ein schweres Einsiedlerleben führte, Brot und Fleisch und erhielten ihn so am Leben. Das sollte vielleicht die feine Andeutung sein für Elia selber, daß er, als der Rabe seiner Zeit, doch in Wahrheit der Heilsbringer und Lebenserhalter seines Volkes war. Auf diese Art erkennen wir auch den inneren Grund, weshalb Elia in Ueberlieferung und Sage der Glücksengel und Heilsbote geworden ist. Gerade nämlich weil er es im wirklichen Leben aus Wahrheitseifer nicht sein mochte und konnte, ist er das im verklärten Leben nachher doch geworden. (Fortsetzung folgt.) Entwertung. Von Heinrich Einstädter. In manchen Familien erben sich gewisse Gepflogenheiten weiter, gute und schlechte. So erzählte man mir in einem Städtchen, das ich einst besucht habe: „Seitdem hier die Synagoge steht, hat sie ein Der gl e t n aufgeschlossen. Der alte „Eisik" (Isaak) hat noch als Achtziger an den Selichaustagen die Leute, die vor Tag Kaffee trinken wollten, geweckt, denn Weckuhren kannte man dazumal hier noch nicht. Vor seinem Sohne Daniel Berglein hatten wir Jungen gewaltigen Respekt; denn wenn wir einmal nach Beginn des Gottesdienstes zur Synagoge kamen, setzte es eine Rüge ab. Jetzt, wo wir keinen Kultusdiener mehr haben, sind die Synagogenschlüssel dem Markus Berglein, Daniels Sohn, übergeben worden; bei ihm kann man sicher sein, nie vor verschlossene Türen zu kommen, wenn man „Schulengehen" will, und seine Kinder zeigen heute schon die gleiche gute Gewohnheit wie ihre Ahnen. Sie fehlen an Werktagen ebensowenig im Gotteshause wie am Schabbos und an Festtagen." Ich war begierig, die Familie Berglein kennen zu lernen, und' da um fünf Uhr Mincha gebetet werden sollte, richtete ich es ein, daß ich eine Viertelstunde vorher an der Synagoge war. Richtig gerechnet! Gleichzeitig mit mir kamen zwei Männer und drei Knaben.' Einer schloß die Synagoge auf und ließ die Kinder ein; es war, wie ich aus der Unterhaltung entnehmen konnte, Markus Berglein. Der andre Mann hatte Jähheit. Er unterhielt sich noch einige Minuten mit Berglein über seinen Vater, dessen Sterbetag morgen war, und folgte dann mit ihm den Knaben, die schon eifrig dabei waren, „Tehillim zu sagen." Ich stellte mich in seine Nähe. Er reichte mir ein Gebetbuch, und ich nahm nach beendigtem Gottesdienste Gelegenheit, mich ihm vorzustellen und ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Wovon spricht man heute? Der Mann, der Jahrzeit hatte, war gerade vorher an Berglein herangetreten und hatte ihm einen Geldschein für die „Weißzeug-Kasse" übergeben, und so knüpfte ich mit einer Bemerkung über Geldentwertung an. Berglein schaute nur in die Augen und nickte zustimmend. „Sie haben recht," sagte er. „Aber nicht alles ist entwertet. Davon haben wir gerade hier ein Beispiel. Haben Sie gehört, für welchen Zweck ich soeben das Geld erhalten habe?" „Für die Weißzeug-Kasse, wenn ich recht verstand. Was ists damit?" „Sie haben sich nicht getäuscht. Kommen Sie, bitte, einmal mit mir!" Berglein führte mich in ein Nebenzimmer der Synagoge und öffnete dort einen großen Schrank. Und sieh! Der war von oben bis unten mit Weißwaren gefüllt: Leinen, Halbleinen, Woll- und Baumwollstoffe für Tisch-, Bett-, Leib- und Kinderwäsche lagen in schweren Ballen in den Fächern. „Welch ein Reichtum!" rief ich bewundernd aus, und lächelnd nickt^ Berglein, indem er wieder abschloß. „Nun will ich Ihnen auch erzählen, welche Bewandtnis es damit hat, wenn ich Ihnen nicht lästig falle." Ich beeilte mich, das Gegenteil zu beteuern, und begleitete meinen neuen Bekannten, damit er mir unterwegs die Sache erzählen könnte. Er begann: „Vor Jahren waren hier zwei junge Leute in Stellung, ein Uhrmacher und ein Schneider. Beide hätten sich gern selbständig gemacht, wenn sie das nötige Geld besessen hätten, was aber nicht der Fall war. Damals wurde die Synagoge in M. gebaut, und die Gemeinde veranstaltete eine Lotterie, um einen Teil der Kosten dadurch auftubringen. Die beiden Gesellen nahmen auch zusammen ein Los, und sie hatten das Glück, den Hauptgewinn zu machen. Der Schneider sah sich am Ziele. Er mietete alsbald eine Wohnung, richtete eine Werkstatt ein und schaffte sich Stoff an, und da er tüchtig war, bekam er bald eine ganz ansehnliche Kundschaft. Der Uhrmacher hingegen, der ein feinfühliger, charaktervoller Mensch war, konnte sich nicht entschließen, das gewonnene Kapital anzugreifen. „Es ist Hekdesch", sagte er und war vom ersten Augenblick an geneigt, es dem Synagogenbau zuzuwenden; aber in M. hatte man das nötige Geld bereits beisammen. So brachte er es einstweilen auf die Sparkasse, um zu warten, bis sich ein geeigneter Zweck ergeben werde. Durch diese Handlungsweise erhöhte er die Zuneigung seines Prinzipals, der ihn schon vorher geschätzt hatte, derart, daß er ihm die Hand seiner einzigen Tochter gab und ihn zuy^ Teilhaber seines Geschäftes machte. Die Rahel Eichholz war ein sehr schönes Mädchen und hatte, was noch mehr sagen will, ein selten gutes Herz. Sie half den Leuten in Freud und Leid. Als ihr erstes Söhnchen geboren war und die Eltern glücklich auf das kleine Wesen schauten, das so weich in neue, schneeweiße Kissen gebettet war, sagte Rahel zu ihrem Mann: „Schau, Eottlieb, gar mancher Mutter wird die Freude an ihrem Kind getrübt sein durch die Sorge, wie sie Bett und Windeln und Hemdchen und Jäckchen für es beschafft. Laß uns eine Weißzeug- Stiftung machen." Das war ein guter Vorschlag. Der Uhrmacher übergab das Geld der Gemeinde und bestimmte, daß ein Schrank voll mit Stoffen gekauft werde, von denen bedürftige Bräute und Mütter ihre Ausstattung und — Gott möge uns lang gesund und am Leben lassen — Tote ihre Sterbekleider erhalten könnten. Solang Geld da wäre, sollte der Vorstand stets das Verbrauchte wieder ergänzen. Die Stiftung hat seitdem segensreich gewirkt, und — ihr Kapital ist nicht kleiner geworden. Dadurch, daß der Vorstand freie Hand hat, mit dem Geld nach Gutdünken zu schalten, ist sein Wert noch nicht verkleinert worden. Der Schneider hat seinem einzigen Sohn ein hübsches Vermögen hinterlassen, und der hat dann, da er kinderlos blieb, als Fünfziger sein Geschäft ausgegeben, um von seinen Zinsen zu leben. Inzwischen aber ist die furchtbare Entwertung eingetreten, sodaß die Leute jetzt in großer Armut leben. Der Name des Uhrmachers aber wird stets in Ehren gehalten, und sein Andenken wird in unsrer Gemeinde immer gesegnet bleiben." Ich dankte meinem Begleiter für seine Erzählung, deren Verbreitung wohl heutzutage besonders am Platze sein mag.