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Der Israelit · 1923-11-15 · Heft 46 (15.11.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 46 (15.11.1923)
Date
1923-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 46 Der Israelit 15. November 1923 Art von innerer Politik aufs entschiedenste zurückweisen. Sie bedeutet ein Spiel mit den wahren jüdischen Interessen. Es ist nicht wahr, daß „nur wir Juden uns selbst helfen tonnen." Wir brauchen die Hilfe Gottes vor allem, die uns durch alle Zeiten geholfen hat; wir brauchen die Hilfe aller Edeldenkenden und Wohlmeinenden unter den Natione«, in Deutschland vor allem,und wir brauchen die Hilfe unsrer gesunden Vernunft, die sich an der Thora orientiert und in ruhigem Pflichtgefühl, mit fester Hand und mildem Verstehen auch im äußeren Geschehen bis zum Ausmatze menschlichen Könnens das ihre tut. Die Verfasser des Rundschau-Aufrufs scheinen uns die Eigenschaften jedenfalls nicht zu besitzen, die in so ernster Stunde zur geistigen Führung des jüdischen Voltes qualifizieren. Wochenrundschau. Die Sorgen des litauischen Judentums. Von vertrauenswürdiger und gut eingeweihte'r Seite wird uns - ein wenig tröstliches Bild über die Dinge in Litauen entworfen. Die allgemeine Lage der Juden im Lande hat sich verschlechtert. Wirtschaftlich infolge der Stabilisierung der Valuta und der Abschwächung des Verkehrs mit Deutschland, politisch durch eine Verschärfung des Verhältnisses zwischen Litauern und Juden. Es findet dieses schon äußerlich seinen Ausdruck durch Entfernung der jüdischen Straßen- und Häuserschilder, was mit teilweiser Duldung von Behörden durchgeführt wird. Daß die Regierung die jüdischen Autonomieorgane, vor allem das Ministerium abbauen will, ist bekannt; in dem soeben veröffentlichten Budgetentwurs für den Staatshaushalt des kommenden Jahres ist für das jüdische Ministerium nur eine ganz geringe Summe vorgesehen. Trotz der gespannten Lage nach außen hat sich das Verhältnis der zionistischen Partei zur orthodoxen nicht gebessert. Im Gegenteil! Immer mehr und mehr werden die Organe der Autonomie (Ministerium, Nationalrat) zu zionistischen Parteizwecken benutzt. Die Orthodoxie befindet sich zur Zeit deshalb in einer nicht zu unterschätzenden Gefahr. Der Minister Rosenbaum versucht, offenbar, um die Orthodoxie in ihrem Lebensnerv zu treffen, einen Angriff auf die Jeschiwoth und hat gerade in der letzten Woche eine Besprechung mit dem Misrachi gehabt, um mit dessen Hilfe das sogenannte Bildungsproblem in den Jeschiwoth zu lösen, d. h., um auf dem Weg über die litauische Regierung zwangsmäßig Reformen einzuführen. Selbstverständlich halten sich die gut jüdischen Kreise bereit und werden im gegebenen Fall alles zum Schutze der Jeschiwoth aufbieten. Datz die Orthodoxie an der Nationalversammlung nicht mitmacht, wird ihr nicht so bald vergessen werden. In der zionistischen Presse wird die Frage erörtert, ob man seitens der offiziellen Organe verpflichtet sei, an diejenigen Rabbiner und Gemeindebeamten Gehälter zu zahlen, die durch ihr passives und negatives Verhalten zur „Nationalversammlung" (bekanntlich hat die Orthodoxie die Teilnahme an deren Wahlen abgelehnt) das Vertrauen der „regierenden" jüdischen Kreise verloren haben. Ueber andere Symptome des gegenwärtigen scharfen Kampfes, wie die ständige Verächtlichmachung des „Chofez Chajim" und des „Gerrer Rebbe" sei hier hinweggesehen. All dieses zeigt uns das wahre Gchicht der zionistischen Volksbeglücker in Litauen und man darf hoffen, datz allen, die es gut mit der Emunoh meinen, nun die Augen über die Gefahren aufgehen. In einer größeren Versammlung, die in der vorigen Woche stattgefunden hat und an welcher neben den Kownoern auch Gäste aus der Provinz (Rabbiner K. Hanemann, Rabb. Feiwelson und andere) teilgenommen haben, ist beschlossen worden, sofort in Kowno ein Büro zu gründen. das auch für die Verbreitung des Agudagedankens in der Provinz sorgen soll. Noch nie war in Litauen die Arbeit so dringend nötig wie jetzt. Die Jeschiwoth durchleben bei geistiger Blüte eine wirtschaftliche Krise, durch die nur ein fester, einheitlich geschlossener Wille zur Thora und zur Arbeit für die Thora heil durchbringen kann. Die Wiener Beschlüsse müssen hier je eher, je lieber zur vollen Ausführung gelangen. Von der sittlichen Wiedergeburt. In das Chaos der Zeit klingt ein menschlicher Ton hinein, der von sittlicher Wiedergeburt spricht. Der Reichskanzler Dr. Stresemann hatte an den Kardinal Faulhaber in München appelliert, seinen und der Kirche ungeheuren Einfluß für eine Beruhigung der Gemüter und eine Entgiftung der öffentlichen Meinung in Bayern einzusetzen. Kardinal Faulhaber mutz zwar ein direktes offizielles Hervortreten aus mannigfachen Gründen ablehnen. Aber das ablehnende Schreiben an den Reichskanzler enthält doch manches Positive, etliche mannhafte Worte, die, so hoffen wir, ihre Wirkung nicht verfehlen werden. „Wie wollen wir," fragt der Kirchenfürst, „über die ins Riesenhafte gewachsene wirtschaftliche Not, über das mit der Arbeitslosigkeit kommende Elend dieses Winters Herr werden, wenn nicht alle sittlichen Mächte ohne Unterschied der Konfession und der Standespflicht -und Partei zusammen helfen? Wie wollen wir sonst den Hatz abbauen, der blindwütig über unsere israelitischen Mitbürger oder über andere Volksgruppen in Bausch und Bogen ohne Schuldnachweis von Kopf zu Kopf den Stab bricht, den Bürgerkrieg nährt, der unabsehbare neue Verwüstungen anstiften und die Verelendung unseres armen Volkes durch Selbstzerfleischung besiegeln würde? Nach dem Zeugnis der Geschichte waren die Bürgerkriege noch immer die erbittertsten, blutigsten und wundenreichsten Kriege." Der Erzbischof betont noch, daß alle Reichsschulgesetzversuche die bisher zu Recht bestehende Bekenntnisschule in ihrem Re chtszu stände zu bedrohen und damit in die Freiheit des Elterngewissens einzugreifen und das Vertrauen weiter Kreise zum Reich zu erschüttern geeignet waren. Alle Änderungen dürfen aber nur auf verfassungsmäßigem und unblutigem Wege geschehen, nicht durch Umsturz und gewalttätige und blutige Eingriffe in den Gang der Entwicklung. Mögen diese Worte die nötige Beachtung finden, zunächst in der engsten Heimat des Herrn Kardinal Faulhaber! Ein Stimmungsbild aus Bayern. Von A. Mannheimer in Dettelbach. *) Nicht mehr und nicht weniger als ein Purim-Wunder erlebten Bayerns Juden am Neumond ite) 5684 : 9. November 1923. Wohl haben Ihre Leser durch die politische Tagespresse bereits den näheren Verlauf des Hitler- Ludendorff-Putsches in München kennengelernt. Für uns Juden jedoch, die wir im Brennpunkte der ganzen Hetze seit Jahren stehen, gilt es, all jene Momente der denkwürdigen Nacht des 9. November festzuhalten, die dem Geschehnis *) Obgleich der Herr Verfasser die Dinge, wie uns scheint, zunächst etwas zu optimistisch betrachtet, scheint uns sein Stimmungsbild doch interessant genug, um es wiederzugeben. treten, tji irniD'nn »wenn ich audj meine &anb erhebe" und sogar oft erhebe, um die upp^-Pflicht zu erfüllen, so habe ich noch immer nicht meine ganze Pflicht erfüllt, sondern *opai ^ip ’Tnonn »ich mutz auch meine Stimme erheben und in inbrünstigem Gebete Ihn anrufen", dessen Dienst mein Leben geweiht ist. Wer so lebt und so handelt, von dem kann gesagt werden, ajto uro ^n'iD'nn, daß er sich vorteilhaft abhebt von der großen Volksmasse, die es selten versteht, diese zweierlei Pflichten harmonisch zu vereinen. Kurze Bemerkungen zum ersten Buche der Thora? Von Rabbiner Dr. Kekir Kanter, Zmittau (Mähren). (Fortsetzung.) „Ich erhebe meine Hand" usw. Der Ausdruck Tiiönn' kommt nach der Maffora außerdem noch zweimal vor.jnpw *blP THD'nn („Ich erhob meine Sttmme und rief") und nyn -nm 'möm („Ich erhob einen Auserwählten aus dem Volke"). Wer nämlich ein ttd »ein Auserwählter des Herrn" sein will, hat zweierlei Pflichten zu erfüllen, cipöb di« pp und rran!? d~n pp mo, die Pflichten gegen Gott und die Pflichten, gegen seine Nebenmenschen. Die Erfüllung der Pflicht der np"ft z. V. enthält noch lange keinen Freibrief, die Pflichten gegen Gott zu vernachlässigen oder sie gar zu über- *) Nach „Jalkul Hadrusch". i. Teil. Dieselbe Maffora wird auch noch anders gedeutet. Ein bekannter Ausspruch unserer Weisen lautet: n^n “piHD *npn bN »Die wahre P!^8-Pflicht besteht nicht darin, datz man Gott von seinem Ueberslusse (-vnnD -dd) opfert, sondern darin, daß man sich selbst Entbehrungen auserlegt, um andern, die sich noch in größerer Notlage befinden, hilsteich beizustehen." Dieses deutet auch die obige Maffora an: l-p iniD'nn »ich erhebe meine Hand" (um die Pflichten der np“U zu erfüllen), aber auch ^p vnö’nn »ich erhebe and) meine Stimme" (eine Anspielung auf -yniD)» dann erst kann ich mich dessen rühmen, meine Pflicht voll und ganz erfüllt zu haben (ayo -pro '•iriD'nn). Endlich enthält obige Maffora eine Anspielung auf den bekannten Grundsatz uni'» n&VDn biu nwn, andere zur Ausübung der np“H zu veranlassen. Mit dem i-p imü’nn ist. demnach noch nicht alles getan, dazu gehört noch -6ip TiiDn“» um auf das Prädikat C$2 -pra ’niQ’Hu mit Fug und Recht Anspruch zu erheben. „Du sollst wissen, daß deine Nachkommen Fremdlinge sein werden in einem Lande, das nicht ihnen gehört." Der Relativsatz *6 p*a — so faßt man gewöhnlich auf — bezieht sich aus -jjnj. Dann aber erscheint er überflüssig. Denn dies besagt doch schon der Ausdruck -tf, Fremdling. Fremdling ist und kann man doch nur sein in „einem Lande, dem man nicht angehört." Allein dieser Vers kündet die Leiden der Nachkommen Abrahams in fernen Zeiten an. Zu diesen Leiden gehört, datz sie auch von denen als Fremdlinge und Eindringlinge betrachtet und behandelt werden, — die selbst nicht bodenständig sind und zu den Altansässigen nicht gehören. Dies wurde schon Abraham angedeutet: Wisse, deine Nachkommen werden Fremdlinge sein in einem Lande, das auch ihnen (die sie als Fremdlinge betrachten) nicht gehören wird. Daß auch diese Verheißung voll und ganz in Erfüllung gegangen ist, ist leider zur Genüge bekannt. „Und sie werden sie knechten und peinigen vierhundert Jahre." In Wirklichkeit war Israel in Aegypten nur zweihundert und zehn Jahre; sie waren somit um 190 Jahre weniger in Aegypten, als ihnen bestimmt war. Und dafür danken wir Gott alljährlich am Peffachfeste in der Hagada" rnpnP Ul mpyb KP" riN/ daß der Heilige, gelobt fei er, die Zahl yp (die 190 beträgt) abgerechnet unb abgesogen hat, als es galt, sein Abraham gegebenes Versprechen von einer vierhundertjährigen Knechtschaft einzulösen, daher cran TD* (Fortsetzung folgt.)

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