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Der Israelit · 1923-11-08 · Heft 45 (8.11.1923) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 45 (8.11.1923)
Date
1923-11-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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8. November 1923 Der Israelit Nr. 45 Seite 11 Wasserschöpfens nicht mit Namen genannt. Aber in den Zeiten des Tempels war das Feiern dieses Festes eine Ueberlieferung des Moses vom Sinai. Hier im Schaarei Zedek-Hospital schlagen wir natürlich Hirsch' Pentateuch-Kommentar aus: Numeri XXIX: 19—33. Man sieht daraus, daß am Laubhüttenfest zwei Gutzopser dargebracht wurden. Ein Weinopfer und ein Wasseropser. Bevor man richtig begreift, was Wasser dem Lande ist, mutz man hier gewohnt und monatelang die Regenbehälter leer gesehen haben. Mit Pessach endet die Regenzeit. Und man bittet um Tau, ohne welchen das Land verdorren würde. Mit dem Laubhüttenfest endet der Sommer und man betet um Regen. Um Frühregen und um Spätregen. Die Freude des Wasserschöpfens mutz eine ganz gewaltige Freude gewesen sein. Die Mischnah sagt: Wer die Freude des Wasserschöpfens nicht gesehen hat, hat in seinem ganzen Leben keine rechte Freude erlebt. Die Tempelhöfe waren prächtig illuminiert und es war kein Hof in Jerusalem, der nicht von diesem Lichte erhellt wurde. Es wurde getanzt und die Tänzer führten Spiele mit angezündeten Lichtern vor. Und die Leviten standen auf den fünfzehn Stufen, die den einen Hof mit dem zweiten Hof verbanden. Und an den Hoftoren standen Priester. Sie bliesen auf Posaunen. Und sie vollführten den Dienst des Einzigen Gottes. Einmal gab das Fest des Wasserschöpfens Veranlassung zu einem Blutvergießen. Die Erzählung findet man bei Josephus, in seinen jüdischen Altertümern. Auch der Talmud berichtet darüber. Aber die Berichte sind nicht überall gleich. Einer der Hasmonäischen Fürsten, der gleichzeitig Hohepriester war, Johannes Hyrkanos oder Alexander Jannai, wollte sich den. Saduzäern anschlietzen und sich von den einstens durch ihn selbst unterstützten Pharisäern abwenden. Und beim Feste des Wasserschöpfens gotz er das Wasser nicht auf den Altar, sondern auf die Erde. Und wollte damit eine Veränderung einführen, an einem Brauch, der ja Ueberlieferung des Moses vom Sinai war. Das aufgebrachte Volk bewarf den Abtrünnigen mit Ethrogim. Aber der König hatte seine Soldaten bereitstehen und ein großer Teil des Volkes wurde erschlagen. IV. Wir feiern des abends das Fest in der Synagoge der Pekidim und Amarkalimhäuser. Der Oberrabbiner R. Chajim Sonnenfeld wohnt ganz bescheiden in einem der kleinen Häuser, die Aussicht auf die Klagemauer geben. Hier lebt er in der heiligen Versunkenheit seines Eottdienens. Und die frommen Leute aus Jerusalem gehen zu ihm hinauf, um Rat und Trost zu holen. So mutz man auch in alten Zeiten zu Gottes Propheten gewandert sein. Wir kommen etwas spät. Aber das macht nichts. Denn das Fest dauert doch bis tief in die Nacht hinein. Es ist natürlich Vollmond. Und Jeruscholajim liegt da in der wunderheiligen Atmosphäre von Mondschein und Friede. Und wenn wir kommen, ist das Fest schon in vollem Gange. In der Synagoge stehen die Leute schon alle in Festkleidern. Man tanzt. Natürlich tanzen nur Männer unter sich. Auch in den Zeiten des Tempels war es so. Es wird auch musiziert. Eine Klarinette. Eine Flöte. Und ein Junge schlägt in grenzenloser Aufregung kupferne Teller aneinander. Die Männer auf der linken Seite beginnen einen Rundgesang zu Ehren Gottes. Und die Männer auf der rechten Seite antworten. Alles ist in großer und frommer Erregung. Eine grenzenlose Unordnung herrscht und nur die Heiligkeil des Empfindens ordnet. Mehr ist aber auch nicht nötig. R. Jizchok Schwarz ist hier ein großer Mann. Er ist mit R. Leiser Schwarz, der aber auch ein großer Mann ist, nicht zu verwechseln. Ab und zu schafft R. Jizchok Ordnung. Aber es ist natürlich nur eine andere Art Unordnung. Dann werden Einzelne aufgerufen. Und die Aufgerufenen dürfen drei Verse aus den Hamaaloth-Liedern vorsagen und für Wohltätigkeit etwas spenden. Dann wechselt die Unordnung wieder. Und weiter geht der Rundgesang, die Pauken- und die Blechmusik. V. R. Chajim, ganz alt, sitzt aus seinem Platze. Rechts vor der heiligen Lade. Er hört natürlich nichts andres als Gottes himmlische Freude. Cr lächelt. Ist er nicht müde? Ehrlich gesagt, heute Abend bin ich in neuer Würde. Ein freigesprochener Missetäter. Ich habe es nicht verdient. Es war mehr Glück, als Verstand. Sozusagen bin ich der Schwanz des großes Prozesses zwischen Agudisten und Zionisten betreffs der ungerechten und erzwungenen Mazzosteuer, die die Agudisten nicht bezahlen wollen. Die Agudisten haben in erster Instanz ven Prozeß verloren. Kein Wunder, bei so einem Anwalt. Sie haben nun Berufung eingelegt. Die Zionisten behaupten nun, ich hätte in der Berufungsfrist ihre beiden Oberhäupter David und Joseph beleidigt. Sie haben Strafantrag gestellt. Eine gefährliche Sache. Wieviel Monate soll ich nun bekommen? Aber mit den Dummen ist das Glück. Der Richter ist ein gutherziger Mann. Er antwortet, daß ich beide Oberhäupter David und Joseph nicht beleidigt habe. „Der Name sei gelobt," sagte R. Chajim, als ich es ihm erzählte. VI. Um zwölf Uhr gehen wir alle in R. Chajims große Laubhütte, die ihm die Gemeinde alle Jahre errichtet. Man feiert nun ganz still. Die Nacht. So nahe an der Klagemauer. Und unten das Siloatal. Jeder bekommt ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen. Schöne Worte werden gesprochen. Essen und Trinken ist hier etwas Heiliges. In der Glut von R. Chajims Angesicht ist alles heilig. Wir haben den Oberrabbiner vieles zu fragen. Dieses Jahr haben wir das siebente Jahr, ein Ruhejahr für das Land. Was darf man nun im Garten des Schaarei Zedek arbeiten, der doch Eigentum des Schaarei Zedek ist? Und was darf Miß Landau in ihrem Schulgarten arbeiten lassen, der Abessiniern gehört? Und noch eine schwere Frage. Der Doktor hat einen Brith bei einem Kanaanitischen Kinde vorgenommen. Es wohnen noch einige Kanaaniten in Jerusalem. Und dabei hat der Doktor die jüdischen Gebete hergesagt. Zurecht oder nicht? Dann wohnen noch ungefähr hundertundfünfzig Samaritaner in Nablus, das wir Schechem nennen. Und mit der Auskunft beschließen wir das Fest, daß die Kanaaniten wohl Juden sind. Die Samaritaner aber nicht. VII Gegen zwei Uhr nachts sind wir wieder auf dem Wege zum Schaarei Zedek. Die alte Stadt ist so geheimnisvoll in der seltsamen, sonnigen Mondnacht. Auf der Jasfastraße ist kein Mensch mehr. Da, hinter, den hohen Bäumen liegt schon das Krankenhaus wieder. Der alte Esra, der'Nachtportier, der sonst immer direkt hinter dem Tore sitzt, sitzt nun im ' milden Mondlicht dec Laubhütte. Es ist ein geweihter Platz. Und da sitzt er ganz still. Und er sagt murmelnd die Psalmen vor sich her, die er schon lange auswendig kennt. Und so sitzt er, bis Stepre und Mond bleichen, und der alte Nissim, der, Tagesportier, kommt und ihn ablöst. (Uebersetzt von H. K.). Uinderecke. Was Opferfreude vermag. i. Das Nikanortor. Am zweiten Tempel gab es ein Tor, das man das Nikanortor nannte. Mit diesem Tor hatte es folgende Bewandtnis. Ein Mann aus dem Volke namens Nikanor fuhr nach Alexandria in Aegypten und erwarb sich dort kostbare Messingplatten für die Pforten des heiligen Tempels. Glücklich über den guten Kauf, schiffte er sich zur Heimreise ein. Auf hoher See entstand ein wilder Sturm und es mußte Last und Ladung ins Meer geworfen werden, um dem Schiffe, das dem Versinken nahe war, die Fahrt zu ermöglichen. Auch an Nikanor kam die Reihe. Er mußte das eine Tor in die Fluten werfen, da half' kein Bitten und Flehen. Das Meer beruhigte sich aber nicht, und die Wellen tobten nach wie vor. Von neuem mußte Ladung ausgeworfen werden, und Nikanor sollte auch das zweite Tor preisgeben. Da klammerte er sich aber an sein kostbares Gut und rief: „Bindet mich daran fest, und werfet mich mit hinein, ich mag nicht mit leeren Händen nach Jerusalem kommen, da will ich schon lieber mit ertrinken." Als er so sprach, legten sich die Wellen, wie durch ein Wunder. Das Meer beruhigte sich und das Schiff konnte weiter fahren, mit Nikanor und seiner Mefsingtafol. Als sie in den Hafen von Akka einfuhren, erlebten sie ein zweites Wunder. Das eine Tor, das man längst in den Fluten verloren glaubte, hatte sich an die unteren Wände des Schiffes festgeklammert, und nun kam es mit diesem ans Land geschwommen. Beide Tafeln waren da, und die daraus hergestellten Pforten erhielten den Namen Nikanortor. Als zur Zeit des Herodes alle anderen Tore vergoldet wurden, blieb dieses Nikanortor zum Andenken an seine wundersame Geschichte in seiner leuchtenden Messingfarbe. H. Der Eckstein. Chanina, Sohn Dossas, war in jungen Jahren sehr arm. Er wäre für sein Leben gern zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem gepilgert, nannte aber nichts fein eigen, und es ging nicht an, mit leeren Händen vor Gott zu erscheinen. Da die Feiertage näher heranrückten, ging er hinaus in die Wüste und weinte sein Leid in die Weite hinaus. Als er aber zur Erde schaute, entdeckte er einen großen Stein, der ihm für den Tempel nicht ungeeignet schien. Er fing an, den Stein zu bearbeiten, schliff und meißelte ihn und konnte mit Freude erblicken, daß der Stein edle Formen und schöne Farbe erhielt und so gut hergerichtet war, daß er als Eckstein am Altar verwendet werden konnte. Nun aber begann eine neue Sorge sein Herz zu bedrücken. Wie sollte er diesen schweren Stein nach Jerusalem hinschaffen? Er saß an seinem Stein und sah betrübt in die Ferne, wie in Erwartung eines Wunders. Pilger kamen des Wegs, aber keiner hatte Sinn für seinen Schmerz. Auch Arbeiter zogen vorbei, aber sie verlangten hohen Lohn, und er besaß nichts. Eines Tages, es war schon kurz vor den Festtagen. kamen zwei Männer daher, und als sie Ehaninah so betrübt da sitzen sahen, fragten sie nach dem Grunde seiner Betrübnis. „Wie sollte ich nicht betrübt sein," seufzte Chanina, „da ich nicht weiß, wie ich den Stein, den ich für den heiligen Tempel bestimmt und den ich mit meinen Händen und mit dem Schweiße meines Angesichts gearbeitet habe, seinem Ziele zuführen soll." „Wieviel willst du zahlen." fragten die Leute. „Ich habe nichts." sagte Chanina, „aber ich könnte mir in der Stadt Jerusalem etwas erarbeiten." „Wenn du fünf Schekel zahlst, dann bringen wir dir den Stein hin, du mußt aber selbst Hand mit anlegen, willst du?" Chanina war beglückt ob dieses Anerbietens und erklärte sich sofort bereit, mitzutragen und auch in Jerusalem die fünf Schekel zu beschaffen. Singend und jauchzend zogen sie dann dahin, daß sie die Beschwerden des Weges und die schwere Last kaum spürten. In Jerusalem angelangt, brachte er den Stein den Priestern. Sie bewunderten die gute Arbeit und das herrliche Material und sagten, daß sie gerade jetzt einen solchen Stein zur Ausbesserung einer beschädigten Stelle am Altar benötigten. Die Freude Chanjnas war groß, aber nun mischte sich in seine Freude Trauer. Die fünf Schekel hatte er bald verdient, allein die Träger waren nirgends zu finden. Er suchte sie in allen Straßen der Stadt. Er spähte auf den Tempelberg und an den Altären aus, aber die Männer waren nirgends zu sehen. Und es bedrückte ihn gar sehr, den Arbeitern dxn Lohn schuldig zu bleiben. Fast schien es ihm Sünde, auf diese Weise Gott gedient zu haben. In seiner Gewissensangst ging er zum Vorsitzenden des Sanhedrin, um sich zu befragen, was er mit dem Lohn machen sollte. Dieser aber verstand nach Anhören des ganzen Sachverhalts sofort, daß es dabei nicht mit natürlichen Dingen zuging. Er sagte: „Deine Gabe nahm Gott wohlgefällig an, und wegen des Lohnes mache dir keine Sorgen, Gott sah deine Tränen und deinen guten Willen und schickte dir seine Engel, die dir bei der Ausführung deiner guten Absicht halfen. Familiemrachrichteu. Barmizwohseier: David, Sohn des Herrn Max Neuberger. Berlin. Elsafferstraße 24. rr6in "£•

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