Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-11-08 · Heft 45 (8.11.1923) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 45 (8.11.1923)
Date
1923-11-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450278--70861-2528126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bS£°"' Der Israelit Der Schmied. Aus dem Ungarischen. (Fortsetzung.) Als ich ihn genauer anschaute, stieg mir doch von neuem der Zorn auf. „Wie konntest du dich erkühnen, durch die Türe zu schießen, du elender Knirps?" „Melde untertänigst, ich bin kein elender Knirps, ich bin Schmied und Unteroffizier der Frontsanitäter." Er sprach mit ernster Würde, jeder Blick jede Miene ein flammender Protest. „Was, Schmied bist du?" „Zu Befehl, Herr Leutnant, Schmied. Und der Herr Oberst erlaubte mir zu schießen. Ich schoß ja auch nach oben in die Luft." „Und warum tatst du , das?" „Um die Leute aufzumuntern, sie zu erheitern." Ich konnte mein wohlwollendes Lachen nicht unterdrücken. Im Ganzen eine niedliche Erscheinung. dieser Junge, der halb Soldat, halb Kind war, mit den Tränen in den Augen, die kein kindisches Weinen bedeuteten, sondern Protest gegen gekränkte Ehre. Ich klopfte ihm auf die Schultern und forderte ihn auf, mir ganz unmilitärisch den Sachverhalt zu erklären, was er gern tat. Er diente unter den Sanitätern seit Kriegsbeginn und befand sich immer vorne. Und nun, da der Sturmangriff nahte, und unser Bataillon zu den Stoßtrupps gehörte, und da er außerdem Schmied sei, der sich vor nichts in derwelt außer vor Gott fürchtete, fo sei es ganz selbstverständlich, daß er dabei sein müsse, in der vordersten Reihe, um die ersten Verwundeten zu verbinden. Das war alles so klar und einfach, daß ein Einwand ganz ausgeschlossen schien. Nur eines verstand ich nichtwas hatte all dieses mit der Schmiederei zu tun, die er immer so stolz betonte? Inzwischen war die Kompagnie erwacht, es kam Leben und sogar Lachen in die Massen. Die Wein- und Schnapsstaschen wurden in großen Körben herbeigetragen. Das Massengrab der Lebenden verwandelte sich in ein Vergnügungshaus, wo es gar laut und lustig herging. Trinken und Singen und das Rauschen der Gläser. Gesang ist ein Vorzeichen des Sieges, um wieviel mehr, wenn er mit hurten Worten, mit Flüchen und Verwünschungen untermischt ist. Ich aber mutzte unentwegt bei all dem Singen und Johlen an meinen Juda Kraft denken. Ich erfuhr noch in dieser Nacht folgendes: Der Junge war seinen Eltern, die seinen Eintritt in das Heer verhindern wollten, einfach davongelaufen, und er setzte dem Generalkommando so lange zu, bis er als Freiwilliger aufgenommen wurde. Er hatte bereits an den schwersten Schlachten teilgenommen. Die Medaille hatte er sich ehrlich verdient, als er die Ercellenz selbst, den General der Infanterie von Rakozie, in letzter Sekunde noch vor der Lanze eines kaukasischen Tscherkessen gerettet hatte. Den General schätzte er nicht hoch, und er machte auch gar kein Hehl daraus. Ein Trunkenbold und Feigling ohnegleichen. Es wäre nicht viel verloren gewesen an diesem Menschen, der schlemmet und sich sinnlos betrinkt, da Tausende seiner Soldaten sich in höchster Lebensgefahr befinden. Er war zwar gut zu seinen Leuten, aber er hatte es dennoch nicht verdient, daß er für ihn durchs Feuer ging. Er hätte ihn ruhig den Hufen des Kosacken überlassen, aber es ging um die Ehre des Regimentes, und er war ja Schmied, und nur deswegen tat er es. Uebrigens sei er weit mehr wie er, er hatte die Verdienstmedaille und war ein Schmied, und der General war Trinker und hatte weder Verdienst noch Medaille. Noch nie habe ich einen jungen Menschen mit diesem Stolz und Selbstbewußtsein sprechen hören, wie diesen Iünglingssoldaten. Juda Kraft erzählte weiter. „An vierunddreißig Lanzenangriffen war ich beteiligt. Zweimal war ich schwer verwundet, und ich blieb doch ein Schmied." „Und wieviel Menschen hast du bereits in deinem Leben gelötet, wieviel Feinde hast du ins bessere Jenseits hinübergestochen oder geschossen?" Juda Kraft antwortete fest und sicher: „Ich habe noch keinen getötet, Herr Leutnant müssen wissen, ich bin ein Schmied aus einer alten Schmiedefamilie." Nun konnte ich mich aber des Lachens nicht enthalten, und ich bat ihn, mir doch endlich zu erklären, was das alles mit dem Schmied zu tun hätte. Er erklärte es gern, und. aus seiner Erzählung wurde mir folgende Sachlage klar: Er entstammte einem Hause in einem karpatischen Dorfe, wo sich seit undenklichen Zeilen das Schmiedehandwerk von Vater auf Sohn vererbt hatte. Seine Erziehung und sein Bildungsgang waren eigenartig. In eine Schule hatte ihn sein Vater nicht geschickt, um ihn verderblichen Einflüssen fernzuhalten. Lesen und Schreiben des Hebräischen wie des Ungarischen erlernte er bei seinem Vater. Darüber hinaus hatte er nichts gelernt. Wie auch sein Vater und seiner Väter Väter auf größere Bildung nichts gaben. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß sein Vater unwissend war. Im Gegenteil, er wußte alles, aber nicht aus Büchern, pndern aus seinem Handwerk heraus. Das Schmiedehandwerk ist die Krone aller Gewerbe und gibt einem die besten Gedanken und weisesten Einfälle, so lehrte ihn sein Vater, der dieses von seinem Vater, und so weiter zurück bis zum ersten Schmied der Schöpfung hatte. Der erste Schmied hieß Tubal Kajin, und sicherlich war er, Judas Vater, einer seiner späteren Nachkommen. Tubal Kajin war der erste Mensch, der zu wahrer Größe gelangt war, über Berge und Hügel, über Meere und Wälder, und selbst über die wilden Tiere herrschte. Alle liebten ihn und fügten sich willig seinen Anordnungen. Der Schmied hat vieles vor andern Handwerkern voraus. Worin diese Vorzüge bestehen, läßt sich nicht so leicht sagen. Wer das nicht von selbst empfindet, wird das nicht so leicht verstehen. Der Schmied ist der König der Handwerker und hat darum ganz andere Pflichten gegen Gott und Menschen. Der Schmied muß beliebt sein, der Schmied vergeudet keine Minute unnütz. Der Schmied lügt nie. Jede Unwahrheit, ja jede Uebertreibung ist ihm fern. Der Schmied ist ein braver, guter Mensch. Er arbeitet nicht allein des Erwerbes wegen, sondern für die Menschen, die seiner bedürfen. Aber nicht allein die Menschen, auch andere Lebewesen und Dinge sind auf ihn angewiesen. Der Bauer kann nicht ins Feld hinaus, ohne Pflugschar und Sense beim Schmied richten zu lassen; der Gaul bekommt neuen Schwung, wenn ihm vom Schmied neue Hufe angelegt sind; das Rad am Wagen bricht, wenn der Reifen nicht erneuert ist, und .kein Schiff kann in die See gehen ohne Schmied an Bord. Kurzum, der Schmied ist überall, in Haus und Hof, in Feld und Garten, in Fabrik und Werkstatt, auf dem Land und auf dem Wasser, überall. Und Juda Kraft war ein kleiner Schmied, klein, aber Schmied, ein ganzer Mann, vom Scheitel bis zur Sohle Schmied. Die Kinder seinesgleichen und seines Alters trieben, was sie immer treiben wollten, balgten sich herum, schwänzten die Schule, hintergingen Eltern und Lehrer, reizten die Hunde, naschten und rauchten Zigaretten. Er aber, Juda Kraft, machte nie mit. Nicht aus Furcht. Er fürchtete keinen. Der Vater hatte nie ein böses Wort für ihn. Aber er machte die Kindereien nicht mit, weil er Schmied war. Und er blieb es auch als Soldat, in der vordersten Reihe der Frontsanitäter. (Fortsetzung folgt.) Wie wir das Sukkotfest in Jeruscholajim verlebten. Von Jaacob Israel de Haan in Jerusalem. I. Das Laubhüttenfest ist ein Fest der Freude. Die ernsten Tage ves Rosch-ha-schana und des Jom Kippur sind vorüber. Und wir leben noch. Auch die fürchterliche Hitze ist wieder vorbei. Und die Abende sind wieder wundervoll, bei Vollmondschein und dem Kühlung fächelnden Winde. Laubhüttenfest. Ueberall werden Laubhütten ausgestellt. Und die Dächer sind aus Latten hergestellt und mit lebendem Grün bedeckt. Die Araber bringen das Grün aus dem Jordantal, ja selbst aus Transjordanien. Wenn es nur nicht regnet. Aber meistens regnet es während des Laubhüttenfestes nicht. Es werden hunderte, tausende von Palmzweigen verlauft, zusammen mit Bachweiden, Myrthen und dem Ethrog. Eigentlich ist der heilige Palmzweig mit den anderen Pflanzen ein sehr gefährliches Symbol. Ich will heute mal nicht über die Zionistische Organisation, die Agudath Jlsrael und den Misrachr schreiben. Und wer dem Palmenzweige gleicht. Und wer der bescheidenen Bachweide. Der Palmenzweig mit Zubehör, ist natürlich das Symbol der Einheit in der Verschiedenheit. Aber das heißt natürlich nicht, daß Selbständigkeit nicht oft notwendiger ist als Unterwerfung. Die Palmenzweige mögen nur nicht das Haupt schütteln. Ich bin nur eine bösartige Vachweide. Und da es hier schon ein ganzes halbes Jahr nicht geregnet hat, habe ich natürlich das Recht, leidenschaftlich einen holländischen Wind- und Regentag zu fordern. Und ich weiß sicher, daß Trennung oft gesünder ist, als Zusammenarbeit. II. Was ist der Ethrog, diese wohlriechende, zierliche Frucht, die der Zitrone ähnelt? Zederapfel nannten wir sie. Aber woher haben wir diese Benennung? Woher wissen wir, daß es die Frucht des Ethrogbaumes ist? Es heißt doch nur: Pri ez hadar. „Frucht vom Prachtbaum", wie Hirsch, dessen Autorität in den „Pforten der Gerechtigkeit" unantastbar ist, übersetzt. Hirsch erklärt auch,, warum dieser Prachtbaum der Ethrogbaum ist. Keine Zeder. Aber eine Abart des Zitronenbaum. Und auf den ersten Blick sieht der Ethrogbaum garnicht einem Prcchtbaum ähnlich. Nur einer schwachen Staude. Doch die Worte der Heiligen Schrift sind stets gründlich zu studieren. In vielen jüdischen Kolonien werden Ethrogbäume gepfropft. Das Schöne an dieser Frucht ist nicht ihre Größe. Wir bewundern vielmehr die Zartheit der Formen, die vollgelbe Farbe ohne Flecken. Oft wird der Ethrogbaum mit dem Zitronenbaum verpfropft. So ein Ethrog ist natürlich wertlos. Der Doktor kann sich freuen, daß er einen dankbaren Patienten hat, der ihm aus eigenem Garten einen Ethrog schickt. Und der dankbare Patient versichert dem Doktor, daß die Frucht von einem ungepfropsten Baume stammt. Aber um ganz sicher zu gehen, läßt sich der Doktor noch zwei Ethrogim aus einem weitabgelegenen Garten, am Wege nach Jericho, schicken. Der Garten liegt noch hinter dem schönen, dunkeln Wadi el Kilt. In diesem Garten ist kein Baum gepfropft. Und selbst die Möglichkeit einer Verwechslung, die bei dem dankbaren Patienten doch immerhin fein kann, ist hier ausgeschlossen. III. Das fröhliche Laubhüttenfest. Und die Freude des Wasserschöpfens. In Ost-Europa bei den Chassidim wird das Fest des Wasserschöpfens noch gefeiert. In Westeuropa schon weniger. Hier aber wieder mit ganzer Freude. In der Heiligen Schrift wird die Freude des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.