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Der Israelit · 1923-11-08 · Heft 45 (8.11.1923) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 45 (8.11.1923)
Date
1923-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 46 8. November 1923 4 i Auch vom religiösen Standpunkt aus ist gegen die nur kaufmännisch betriebene Art des Geschäftes, wobei wir jede religiöse Seite missen, zu protestieren. Vielen ist die Ausbringung der Summen nicht möglich und so werden sie eben i"n auf Mazzogenutz verzichten. Hat man einmal dieses Gebot über Bord geworfen, so werden weitere bestimmt folgen. Die Hauptfehler des Verbandes seien zusamniengefatzt: Mangelnde Voraussicht bei der Eindeckung mit Rohware. Fehlende jegliche Rücksichtnahme auf das zahlungsschwache Publikum. Mangelndes religiöses Gefühl. In dieser Hinsicht geht Bayern vorbildlich voran. Die einzelnen Gemeinden liefern den Weizen, mahlen ihn gemeinsam und backen die Mazzen beim Bäcker unter Ersatz der Selbstkosten nebst einem reichlich bemessenen Verdienst. Wäre das bei den kleineren Bäckereien des Verbandes nicht möglich und hätten die größeren nicht Getreide als Zahlung nehmen können? Dieses wäre leichter aufzubringen gewesen, als jetzt die Hunderte von Milliarden. Würde die Freie Vereinigung diesmal mit etwas glücklicherer Hand eingreifen als bei der Lulowbeschaffung, so würde ich derselben die Prüfung der Möglichkeit einer Finanzierung. durchs valutastarke Ausland oder wenigstens die Versorgung der Minderbemittelten durch dasselbe empfehlen.' Die Beschaffung von Mazzen rechtzeitig unter ausreichenden Bedingungen und in reichlichem Maße ist eine Angelegenheit, welche alle maßgebenden Instanzen der Juden in nächster Zeit prüfen sollen, damit die Angelegenheit nicht wieder die Monopolstellung des Verbandes zeigt. Vermischtes. Berlin, 26. Okt. Der Israelitische Fortbildungsverein „Montefiore" versendet seinen Lehrplan für das Winterhalbjahr 1923/24, der folgende Schiurim vorsieht: Montag, 8.30—9.30 abds. 71*1» fnbv Herr Dr. Meyer Munk; Dienstag, 8 abds. vvin mit '"En Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Hermann Klein; Mittwoch, 6 abds. Mitgliederabend auch für Damen, Schach- und sonstige Spiele; Donnerstag, 6.30—9.30 abds. ini>v lins Herr Dr. Meyer Munk; Freitag, 6 abds. nnp». Vortrag, wechselnd; Sabbat, 12—1 vorm, snvr Herr Isidor Kellner; \2— \ vorm, ms "n Herr Mar Neuberger; 12—1 vorm, »am mit ’"En Herr A. Pinczower (anschließend Gottesdienst Lessingstr. 6); 3.30 nachm. Betrachtungen über den jeweiligen Wochenabschnitt, Herr Dr. E. Biberfeld. Anschließend hieran finden Gottesdienste in den Vereinsheimen statt. — Die Bibliothek des Vereins enthält über 1400 Bände. — Die Vereinsräume sind allabendlich von 7.30 ab und Sabbat den ganzen Tag geöffnet. München, 27. Okt. Die Attentäter, vier Nationalsozialisten, die Komme^ienrat Siegm. Frankel auf der Straßenbahn ohne jeden Anlaß beschimpft und schwer mißhandelt haben, hatten sich jetzt vor dem Schöffengericht zu verantworten. Der Haupttäter, der Schlosser Sußbauer, wurde wegen einfacher und gefährlicher Körperverletzung zu einem Monat und einem Tag Gefängnis, die drei weiteren Angeklagten zu ein bis sieben Tagen Gefängnis wegen Beleidigung verurteilt. Die Untersuchungshaft wurde nicht angerechnet. frankfurter Berichte. Stehe nicht still bei dem Blute deines Nächsten! Von Rabbiner Dr. Jacob Horovitz. Ein kleines Erlebnis, das ich vor mehr denn Jahresfrist hatte und von dem ich gelegentlich zu einem kleinen Kreise sprach, will mir nicht mehr aus dem Sinn. Mit solcher Eindringlichkeit ruft jeder neue Tag dieser ernsten Zeit es mir ins Gedächtnis, daß ich mich gedrungen fühle, es nunmehr für eine weitere Oeffentlichkeit niederzuschreiben. Im Begriffe, zu einer Beerdigung zu gehen, hatte ich gerade eine Straße im Nordwesten unserer Stadt durchschritten, als ein guter Bekannter mich anhielt: „Wohin so eilig?" Ich war schon wieder weitergegangen, da ries eine Vorübergehende, die meine Antwort offenbar gehört hatte, mir zu: „Ach, mein Herr, ich wünschte, Sie gingen zu meiner Beerdigung." Bei der Art, wie die Worte gesprochen wurden, empfand ich sofort, daß die Sprecherin, wiewohl sie sich an mich gewandt hatte, eigentlich nur laut dachte, mehr zu sich selbst, als zu mir hatte reden wollen, und ihr die Absicht, Mitleid zu erwecken, vollkommen sernlag. Was sie sagte, konnte nur der unwillkürliche, unmittelbare, jäh ihren Lippen enteilende Ausdruck eines seit langem still getragenen, schweren Kummers fein. Ich blickte auf und sah in das sorgendurchfurchte, feingeschnittene Gesicht einer älteren Frau, deren Haltung, Kleidung und ganzes Wesen erkennen ließen, daß sie einst, und vielleicht vor noch nicht langer Zeit, bessere Tage gesehen hatte. Auf das tiefste betroffen von dem, was ich da hörte, gab ich ihr die kleine Barschaft, die ich mit mir führte. Sie nahm sie an. Nie werde ich vergessen, wie sie mir die Hand drückte und mich fast noch mehr erstaunt als Der Israelit erfreut anschaute, als wäre ein Wunder, was doch das Selbstverständlichste von der Welt war, und worauf sie ain wenigsten vorbereitet zu sein schien. Mich in ein Gespräch einzulassen, war mir nicht möglich. Ich mutzte rechtzeitig am Friedhose sein . . . Die Beerdigung war vorüber. Die Religionsvorschrift entsprechend, wusch ich mir die Hände. Da fiel mir ein, daß die Eesetzeslehrer für jene Bestimmung u. a. den , Satz der Heiligen Schrift anführen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, unsere Augen haben es nicht gesehen." War einst in alter Zeit in der. Nähe einer Stadt ein Erschlagener gefunden worden, ohne daß man festzustellen vermochte, wer ihn getötet hatte, 1>ann mußten die Aeltesten jenes Ortes sich im felsigen Talgrunde die Hände waschen, nachdem an derselben Stelle einer jungen Kuh, welche noch keinerlei Arbeit verrichtet und noch kein Joch getragen hatte, das Genick gebrochen worden war. Dabei wurden die genannten Worte in feierlicher Weise gesprochen. Sie klangen. aus in ein Gebet, das nach der Ueberlieferung die Priester beteten: „Versöhne Israel . . . lege kein unschuldiges Blut auf dein Volk Israel!" Die sinnige Begründung für die fromme Sitte erschien mir in einem neuen Lichte. Sie ist nicht nur sinnbildlich, sagte ich mir, nein, sie ist ganz oder doch fast wörtlich zu nehmen. Und ich frug mich: Kannst Du, kann jeder der an diese Stätte kommt, allemal, wenn er einen Toten zur letzten Ruhe gebettet hat, mit dem Psalmisten sprechen: „Ich wasche meine Hände in Unschuld?" Das Judentum nennt das Feld der Heimgegangenen das Haus des Lebens. Aber brauchst du erst auf den Friedhof zu gehen, um in das Reich der Toten zu kommen? Siehst du nicht heute manchen lebendigen Leichnam durch die Straßen der Stadt schreiten? Und du wolltest deine Hände in Unschuld waschen?! Ich war inzwischen rn die Vorhalle zurückgekehrt, wo zum Gedächtnis des eben Begrabenen das Kaddischgebet gesprochen wurde. Da fiel mein Blick auf die Armenbüchse, die in der heiligen Sprache der Väter die den Salomonischen Sprüchen entnommene Aufschrift trägt: „Helfende Gerechtigkeit rettet vom Tode". Der Doppelsinn des Schriftverfes ging mir in dieser Stunde ein. Seitdem habe ich manchem Toten die letzte Ehre erwiesen. Und jedesmal war es mir. als ob dre Worte: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, unsere Augen es nicht gesehen" uns immer bitterer, immer ernster anklagen, immer wieder von neuem aufrütteln wollten. Dürfen wir sie mit ruhigem Gewissen vor Gott und vor den Menschen sprechen? Haben nicht auch wir in heiligster Stunde gebetet: „Versöhne, sühne uns . . . lege kein unschuldiges Blut auf uns?" Und lehrt uns nicht unser Glaube: Gott versöhnt sich mit uns nur, wenn wir unsere Pflichten gegen den Nebenmenschen erfüllt haben? Der Talmud will garnicht an die Möglichkeit glauben, daß die berufenen Hüter eines Gemeinwesens in Israel, dem Volke der Barmherzigen, einen Mord auf dem Gewissen haben könnten. Und so denkt er bei unserem Gesetz an pflichtvergessene, engherzige Aelteste, die nicht rechtzeitig Vorsorge getroffen hatten, daß der, der nun ermordet worden war, sich seinem Angreifer gegenüber kraftvoll zur Wehr sehen konnte, indem sie den Armen des Weges ziehen ließen, ohne ihm Schutz und Nahrung zu gewähren. Legionen grausamer Mörder, vielgestaltige Not, Hunger und Kummer mancher Art, raffen Tausende und Abertausende hinweg. Wenn du die Augen aufmachst, siehst du es allenthalben. Und doch üben ihrer die meisten ihr furchtbares Handwerk in unbeachteter Stille aus. Du mußt das schlimmste Leid erst aufsuchen, wenn du darum wissen und seiner Herr werden willst. Können wir unsere Hände in Unschuld waschen? Willst du, darfst du stillestehen bei dem Blute deines Nächsten?! Hierzu schreibt die Wirtschastsbeihilfe: Dieser warme und eindringliche Artikel von Herrn Rabb. Dr. Horovitz spricht mehr für unsere Arbeit als jeder Aufruf und jede statistische Zahl. — Wer lebt unter uns, dessen Hand in diesen düsteren Tagen verschlossen bleiben darf und wessen Herz kann ruhig schlagen bei der stummen und erregenden Not seiner Mitmenschen? Wirtschastsbeihilfe, Abt. d. Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege, Bankkonto: A. Merzbach, E. m .b. H., Postscheckkonto: D. Weill, Sonderabt. Wirtschastsbeihilfe 57 112. A. A. Jugendgruppe. Am Montag den 12. Nov. abends 8.30 Uhr findet im Vereinslokale Hanauerlandstr. 17 eine außerordentliche Generalversammlung der Agudas Jisroel- Iugendgruppe statt. Die Tagesordnung hat folgende Punkte: 1. Bericht des Vorstandes; 2. Aenderung der Statuten; _ 3. Ersatzwahl zum Vorstand; 4. Anträge (müssen bis Donnerstag den 6. ds. schriftlich bei dem Herrn Vorsitzenden eingereicht sein). Wortrag Watßau Airnöaum iu der A. I. Jugendgruppe. Am rn^-Abend 8.15 Uhr spricht Herr Dr. Nathan Birnbaum -Homburg im Lokale des Mekor Chäjim, Langestr. 18, über das Thema „Die Lage der Juden und die Orthodoxie". Kinder nach Wien. In unserer letzten Nummer berichteten wir bereits, daß die hiesige Jugendgruppe die Aufforderung von der Wiener Aguda erhalten hatte, dreißig erholungsbedürftige 'Kinder auf 4—8 Wochen nach Wien, zu! senden. Am Mittwoch Mittag fuhren die Kinder unter Leitung eines von Wien eingetroffenen Herrn und in Begleitung zweier Frankfurter Damen nach Wien ab. Auf der Reife wurden die Kinder in Würzburg, Nürnberg und Negensburg von den Aguda-Iugendgruppen auf den Bahnhöfen bewirtet. In Wien, wo die Kinder Donnerstag früh eintrafen, wurden sie von einen: Komitee unter Führung von Frau Oberrabbiner Fürst empfangen, nach dem Heime der Jugendgruppe geleitet, wo sie zunächst bewirtet wurden, alsdann erfolgte Verteilung an die Pflegeeltern. Walöan Komörrrger Stiftung. Zum Andenken an Nathan Hamburger V'xr ist eine „Nathan Hamburger-Stiftung" ins Leben gerufen worden, mit dem Zwecke, nötige S e f o r i m und L e r n - büch er für die Bibliothek des Mekor Chajim- Vereins anzufchaffen. Spenden für diesen hochwichtigen Zweig der geistigen Hilfsarbeit nimmt entgegen F. Stern, Langestr. (H. 18) Postscheckkonto 326 Herrmann D. Stern. WärmeHasse. Der Not der Zeit Rechnung tragend, wurde hier in der Suppenanstalt Theobaldstraße eine Wärmehalle errichtet, wo Notleidende tagsüber Schutz vor Kälte finden. Näheres Inserat. Ausgerviefene aus Kapern. Die Beratungsstelle für oft jüdische Flüchtlinge teilt uris mit:!Dir haben eine besondere Sprechstunde eingerichtet, die in unseren Büroräumcn, §angestraße 30, wochentags von 1/a^—5 Uhr nachm, stattfindet. Vereinskalender. Verein Wellor tzhajim. Freitagabend nach Schul „Mikrovortrag" Herr Bernhard Heidingsseld. Samstag vorm, nach Schluß der Synagoge im Hörsale „Dinim"; Herr Rektor Falk, — nachm. SIA Uhr rjpyi py im Vereinslokale: Herr Red. S. Schachnowitz. Sonntag vorm. 9 Uhr und Dienstag abend 6 Uhr im Vereinslokale „Gemoro", Herr R. A. G. Posen. — abends 6 Uhr im Vereinslokale Langestratze 18, „Jecheskel"; Herr Rabbiner Dr. Joseph Breuer. Montag und Mittwoch abend7Uhr„Gemoro". Herr Rabb. Dr. Jos. Breuer. Donnerstag abend 1 Uhr im De reinslokale „Mischno"; Herr Rektor Falk. Allmorgendlich nach Schul Mifchnalernen bezw. Dinim im Hörsale. Allabendlich 8'/« Uhr im Vereinslokale D"V-Lernen. Herr H. Halpern. Jahrzeit Stiftungen: Samstag, Louis Golde-Stiftung. Agudas Aisroet-Jugeudgruppe. Freitagabend nach Schul „Sidravortrag" für Herren u. Damen, Herr Dr. W. H o f m a n n. — abends 8 Uhr, Langestraße 18, gemütliches Beisammensein. — 8—1 lausende Sidroh mit Raschi, Herr M. Nowak. row Vormittag, 972—11 pwrp" X"ID1 Herr Dr. I. Posen, Am Tiergarten 42,3. — Vorm. 7s11-7s12 -"in, Herr Dr. Hosmann. Eschenheimeranlage 1 pt. — (Dorm. 7s—7r12 Kizzur, Schulchan Aruch, Herr Louis K a h n. — 11-12 rra« V"1-* Hermann Frankenthal. — 12—1 □TiDD ‘Dl fürFortgeschr., Herr Halpern. — 12—1 Herr Lehrer Hirschberg.— xl&—3 Uhr nachm., Raschi. (lausende Sidroh) Herr M. Nowak.— 3—4 Uhr Nachm. niN nn (Hilchaus Schabbos), Herr N o w a k, anschließend nniD- — 3-4 c'nDC ‘Dl Herr Dr. Rothschild, - -ßhD ‘D"1 Herr Dr. Hosmann. Sonntag, 8—9 Bonn. — min ^>y '»tsn Herr Leopold Oppenheimer — 81U—91U Dorm. Gemoro Herr Michael Kohn. — 2-3 nchm. nvi2?D ninD, Herr Dr. Rothschild. Montag 8- 9 abends nitt>D für Fortgeschrittene, Herr Hermann Hirschberg. — 7Z9—7g10 abends nn □ix, Herr Dr. Rothschild. 9-10 abends Tiyp y"V, Herr Hauptlehrer Eschwege. Dienstag 7»9—l/210 abends Gemoro, Herr Michael Kohn.— 729—7r10 abends wp nyiD ‘dd, Herr Dr. Ho frn a n n.— Mittwoch 7s9—7»10 abends cnx ^n, Herr Mich. Koh n.— 7-9—7s10 abends dtics ‘dd, Herr Dr. Hofmann: Donnerstag 8—9 abends riV^D für Fvrtgeschr. Herr Herrmann Hirschberg — il‘&—1hAO :rpx, Herr Dr. Rosenblüth. Agudas Iiisroet-Wädchengruppe. Freitagabend nach Schul Sidrohvortrag, Herr Dr. Weg er. nrrttf nach Schul vormittags ni^-il ni^y.— 11—12 mux ’ip'iD, Herr Hermann Frankenthal. — 7s12—7s1 D^nn, Herr Louis Kahn.— 4—5 nm. WDm, Herr Lehrer Hirschberg. Sonntagabend Zirkel für Anfänger und Fortgeschrittene von 7 «9—72^0.

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