Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1923)
- Date
- 1923-09-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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«iiillelon Beilage Der Israelit Nk.rr 1923 Jomkippur im litauischen Städtchen. Aus kindlichen Erinnerungen. n. Halblaut betet die Gemeinde die „Schmauneessre." Wie ein wogendes Meer, wie ein Kornfeld, wenn der Wind über die Aehren weht . . . ..Und wegen unserer Sünden . . ." Ich weine heiß und ehrlich,- ich sehe die ganze Zerstörung: Beshamikdosch brennt, endlose, schwarze Reihen ziehen hinaus ins Golus. Die da um mich herum beten, weinen und sich jetzt tief zur Erde bücken, das sind die Vertriebenen, die sich auf. die Väter- und Muttergräber werfen . . . „Es sei der Wille vor Dir, Gott unser Gott und Gott unserer Väter, daß Du uns in Freude hinbringst in unser Land . . Ich höre nichts und sehe nichts um mich, bin ein verkörpertes Gebet . . . Und wie schön ich jetzt weinen kann . . . Eine weiche Hand legt sich mir um den Hals. „Etwas leiser, mein Kind!" Der Vater umfängt mich mit kosenden Blicken, große, unendliche Liebe leuchtet aus seinen feuchten Augen. Alle sind längst fertig, und ich bin noch mitten im Bekennen der Sünden. Ich schäme mich und verstecke das Haupt unter des Vaters Talis. Der Chasen ist bei der Awaudoh. Vater übersetzt mir die Stellen aus dem Machsor. Der Vorbeier ist der Hohepriester, unsere Gebete die Opfer ... Im Allerheiligsten pflegte der Hohepriester die Sprengungen zu vollführen, das Räucherwerk zu bereiten, den „heiligen Namen" auszusprechen, seine und Israels Sünden zu bekennen ... Meier Elie arbeitet mit allen Kräften. Sein Gesicht flammt. Die Meschorarim zu beiden Seiten helfen mit . . . „Ich bitte dich, Haschem! . . ." Wie eine Sturzwelle geht es durch den Raum, die alles knickt und nach unten drückt. Aus geheimnisvollen Tiefen ringt sich der Bekennerchor: „Chotossi! Owissi! ..." Und wie glättendes Oel ergießt sich über die wogenden Fluten Meier Elies tränenweiches Gebet: „Kapper no . . . verzeihe Fehlnisse, Sünden, Vergehen! . . ." „W^Hakohanim! . . ." Alles liegt auf dem Boden: wie ein gemähtes Feld ist die Schul . . . Einzeln erheben sich die Menschen, ' stehen alle, um bald wieder mit einem Satze niederzufallen. Und dazwischen Singen und Flehen. Der Vergangenheit Pracht ist verdüstert von der Not späterer und heutiger Zeit und doch wiederum vergoldet von frohen Ausblicken. „Heil dem Auge, das all dies gesehen! . . ." „Aber unsere Sünden legten die Stätte in Trümmer . . . „Und wir haben keine Feuer- und keine Schuldopfer mehr . . . ,.Und Leiden umfingen uns. Ueber unsere Köpfe stürmten sie dahin . . . „Gehofft hatten wir auf Hilfe, sie blieb aus: auf Frieden, er war nicht da . . . „Halte ein dein Gericht, streiche nicht unseren Namen aus deinem Buche . . . „Wir sind irregegangen und keiner sucht uns: wir sind Waisenkinder, ohne Vater und Annehmer . . . „Sind wir verwirrt, verwirf uns nicht: haben wir uns entfernt, bringe uns näher: nähern wir uns, stoße uns nicht zurück . . ." Man weint schon tränenlos. Und mein kleines Herz bricht vor Mitleid, Mitleid mit meinem armen, verwaisten Volke . . . Die Sonne senkt sich. Abschiedsstimmung erfüllt den Raum, erfüllt die Herzen. Müde, abgehärmt sitzen die Menschen da. Viele, die hinausgegangen waren, haben sich wieder eingestellt. Dunkle Schatten huschen zwischen den Reihen. Es ist Neiloh ... Man müht sich mft den letzten Kräften. Wer in den langen Stunden des Tages etwas versäumt hat, kann es jetzt noch gut machen. Noch ist der Himmel offen. Aber nur noch ein schmaler Spalt, und nur für gezählte Minuten . . . Man muß sich eilen, anstrengen. Die Gemeinde wird warm. Die heilige Lade ist weit geöffnet, und Iechiel, der gefeierte Rabbi, steht selbst am Omud. Seine Stimme ist nicht stark und wenig melodisch. Aber jeder Ton ein Aufschrei, ein Hilferuf, ein Anwalt im letzten entscheidenden Momente . . . Der Körper des Rabbi ist ganz zusammengeschrumpft. Er ist ganz Geist. Und was aus ihm singt, das ist das Lied der jüdischen Gottesheiligung, der Gottesheiligung auf Folterbank und Scheiterhaufen . . . „Iisgadal wejiskadasch Scheme Rabbo!" Die ganze Gemeinde singt mit ihm. Gleichgestimmten Seelen entringen sich gleichgestimmte Töne. Es bedurfte keiner Uebung. Keiner singt vor, keiner bleibt nach . . . Es singen die Seelen ... Und die verflackernden Kerzen, aus denen die Seelen der Verstorbenen schon Abschied winken .... Von oben durch den schmalen noch geöffneten Himmelsspalt fallen Engelschöre in den Kaddischgesang der Gemeinde ein ... Jetzt weint die Gemeinde nicht mehr. Wie mit Wunderhand sind die Tränen aus den Augen gewischt. „Du reichst die Hand den Sündern, ziehst sie auf den Fittigen der Tschuwah empor . . . Nicht willst Du, daß der Sünder 'terbe, sondern, daß er von seinen Sünden lasse und lebe . . ." Noch ist der Himmel offen. Er will sich bereits schließen. Aber immer und wieder wogt es wie im Sturm hinauf: „Oeffne uns das Tor zur Zeit des Toresschlusses! . . ." Und das Tor bleibt offen. Die Schechina selbst steht davor und läßt noch nicht schließen. Schon wollen die Lichter zu Ende gehen, da raffen sie sich mit letzter Kraft auf und 'lockern noch einmal hell empor . . . Genau wie die Herzen der Menschen, aus denen sich jetzt mit Sturmgewalt der letzte Scheidegruß entringt: „Schema Iisroel! . . ." Alle wie ein Mann wären sie jetzt, wie sie da stehen, bereit, mit diesem „Schema" für den Namen ihres Gottes, den sie wiedergefunden, ihr Leben freudig hinzugeben, gleich den Heilige!! alter Zeiten . . . Ein langgezogener Schofarton. „Im nächsten Jahre in Jerusalem! . . ." Den Rosengärten entlang. Don Jaacob Israel de Haan in Jerusalem. I. Um zum Lagerplatz von Sidnah Abdullah, oben auf den Hügeln -bei Amman, zu kommen, dort, wo jetzt König Feisul als Gast eingetroffen ist, fährt man vom Jordan ab, den Rosengärtchen von Es-Salt entlang. Aber, wenn man viele Prozesse zu führen hat, dann ist es schwer, einen freien Tag für diesen Ausflug zu finden. Da haben wir zum Beispiel den Prozeß zwischen Zionisten und Agudisten wegen der erzwungenen Steuer aus Mazzoh. Solche Prozesse fangen toteinsach an. Es begann mit einer „gerechten" Forderung des zionistischen Stadtrais an fünf agudistische Bäcker. Als Vertreter der Bäcker erscheint ein dummer und bösartiger Mensch. Er behauptet, der zionistische Stadtrat habe ohne Recht zwei Beschlagnahmen vorgenommen. Er bringt den agndistischen Stadtrat zur Prozeßverhandlung und dieser fordert vom zionistischen Stadtrat das Doppelte von der Forderung der Zionisten an die agudistischen Bäcker. Bevor man zu solch einem Prozeß geht, darf man Iirmejahu und Ieschaja nicht lesen; denn sonst könnte man aus Verzweiflung sich die Augen ausreißen. Nun hat man schon vierzehnmal verhandelt. Und der jüdische Amtsrichter, der eine Zierde der Konstaniinopeler Universität war, findet es sehr schwierig. Jawohl. Er hat das Recht, bis über hundert Pfund Recht zu sprechen. Aber der Kläger kann seine Forderung geteilt Vorbringen, selbst wenn der Anspruch verneint wird. Und so kann schließlich jede Eeldsorderung vor den Amtsrichter gebracht werden. In vierzehn Tagen wird der weise Richter sein Urteil sprechen. Aber wird es das endgiltige Urteil sein? Die alten Leute hier glauben, sie werden das Urteil garnicht mehr erleben. n. Dann ist noch ein Prozeß wegen der Pekrdim-Häuser. Das sind natürlich keine gewöhnlichen Häuser. Man hat sie von Geldern erbaut, die in Ungarn, Holland und Deutschland gesammelt wurden. Und da es unter den Türken verboten war, daß ausländische Vereinigungen Immobilien besitzen, so sind die Häuser auf den Namen von R. Akiba Lehren und zweier anderer Rabbonim eingetragen. Und die Amsterdamer Pekidim verwalten die Häuser. In einem dieser Häuser wohnt ein kluger Mann. Sein Wohnrecht ist abgelaufen, aber er wills versuchen. Hierzulande kann der Dorgeladene etwas leugnen, ohne es beweisen zu müssen. Also leugnet der Kluge das Bestehen der Pekidim und Amarkalim. Drum gehören die Häuser dann niemandem, und so bleibt er, der kluge Mann, wohnen, wo er wohnt. Wir lesen wieder einmal die alten Briefe durch, in denen der kluge Mann die Pekidim und Amarkalim um eine Wohnung anfleht. Und wir zweifeln daran, ob uns ein freier Tag beschieden wird, sodaß wir den Rosengärten von Es-Salt entlang fahren können, zum Lager Sidna Abdullahs, oben auf den Hügeln von Amman, wo als East jetzt König Feisul angekommen ist. HI. Vielleicht würde es wirklich klappen, wenn nicht gerade jetzt die Zionisten und Agudisten wegen des koscheren Fleisches uneinig geworden wären. Die Zionisten behaupten, sie hätten für Koschersleisch das Monopol. Und die Agudisten behaupten, das Schlachthaus stände für jedermann offen. Natürlich ist vorläufig mal die Regierung so klug, den Zionisten recht zu geben. Und die Agudisten sind wieder mal so dumm und lassen sich das nicht gefallen. Welch ein Zeitverlust nun für den verständigen Legal Secretary Mr. Norman Bentwich und auch für den verständigen Gouverneur von Jerusalem Mr. Ronald Storrs, der erst vor einem Monat geheiratet hat. Ach, wie weit sind nun wieder die Rosengärten von Es-Salt gerückt. — Aber das Leben ist groß und gnädig. Sonntag ist der Mazzeprozeß. Montag ist der Häuserprozeß. Und Dienstag wird der Gouverneur unsere Dummheiten in Sachen Schlachthaus anhören. Und so schicke ich denn an Hamid Pascha, den ersten Adjutanten von Sidna Abdullah 'ein Telegramm, daß ich Dienstag Mittag kommen werde, um die Ehre zu haben, Gelaltu el Milk Feisul (Seine Majestät, den König Feisul) zu sehen. IV. Ein Tag der Freiheit. Hassan Effendi gibt den schweren Wagen. Und Mohammed Saied soll der Chauffeur sein. Dienstag kommt der Chauffeur mit dem schweren Wagen angefahren. Aber es. ist nicht Mohammed Saied. Es ist einfach Saied ed Dien. Ich kenne auch ihn. Er ist einer von Hassans Chauffeure. Ein ganz kleiner. Zart und fesch. Mit dem schönen Fez und der schwarzen Quaste, niemals verrutscht, immer ganz genau nach hinten sitzend. „Du, Saied ed Dien," frage ich. „Ja, Herr," sagt Saied ed Dien: „ich. Und wenn der Herr einverstanden -ist, dann werde ich heute den Herrn nach Amman .fahren." „Ist Mohammed krank ... ist er faul?" frage ich wieder. Und Saied ed Dien: „Nein, Herr, Mohammed Saied ist weder krank noch faul . . . aber wenn es dem Herrn angenehm ist, fahre ich heute mit dem Herrn nach Amman." Er schweigt. Er errötek. Es muß was geschehen sein. „Herr," sagt Saied ed Dien, das schwere' Schweigen brechend: „ich will die Wahrheit sagen ... wir haben Karten gespielt . . . und Mohammed Saied hat verloren ... bei meinem Glauben, Herr . . . er hat alles verloren . . . wenn's dem Herrn recht ist, werde ich noch heute mit dem Herrn nach Amman fahren . . - und mein Herr kann mir dasselbe wie an Mohammed Saied geben . . . mein Herr hat auch mich lieb . . . ich weiß es." (Schluß folgt.)