Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 36-37 (7.9.1923)
- Date
- 1923-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7. September 1923__, als das Volk der Thora Gottes leben wir im Eolüs. Was aber ist das Ziel des jüdischen Volkes im Golus und damit auch das Ziel der Golusorganisation des jüdischen Volkes, der agudistischen Organisation? Das jüdische Volk als Gesamtheit hat im Golus kein anderes Ziel/ als sich der Beendigung des Golus in den Augen Gottes würdig zu erweisen. Nicht das Spiel zusammenwirkender politischer Momente, sondern Untreue zu Gott und Gottes Thora hat uns das Golus gebracht. Und nicht das Spiel zusammenwirkender Momente, sondern Rückkehr zu Gott und zu Gottes Thora, Treue zu Gott und zu Gottes Thora kann das Ende des Golus bringen. Nicht mit „erhobener Hand" bringen wir das Ende des Golus, so wenig uns „erhobene Hand" den Eolus verhängt hat. Uns des Golus- Endes würdig zu machen: das allein steht bei uns. Auf dieses Hochziel des Golus lenkt Agudas Iisroel die Augen des jüdischen Volkes. Aus dem aktualisierten Insaugesassen dieses Hochziels will Agudas Iisroel Mut und Kraft in die Herzen des jüdischen Volkes gießen, Kraft zur Treue, Mut zur Tat. In Sehnsucht nach diesem Hochziel will Agudas Iisroel die Jugend erziehen. Denn wie kann das Ende kommen, wenn sich nicht alle Herzen täglich, ja stündlich danach sehnen. Dieses aktualisierte Insaugesassen des verheißenen Hochziels verleiht» endlich auch Erez Iisroel die richtige Stellung im agudistischen Programm. Denn nicht nur das jüdische Volk ist im Golus, sondern auch das jüdische Land, blicht nur'Gottes Volk harrt der Erlösung, sondern auch Gottes Land. Wie kann die Eolusorganisation des jüdischen Volkes für die von Gott verheißene Zukunft tätig sein, ohne zugleich das heilige Land mit in den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen zu stellen! „Die Juden in Golus geistig und physisch zu stützen, das jüdische Volk und das heilige Land auf den Wegen der Thora der von Gott verheißenen dereinstigen Wiedervereinigung würdig zu machen", das ist die Eolusaufgabe der Agudas Iisroel, denn es ist die Golusaufgabe des jüdischen Volkes! - Meine Herren! Das Wesen des jüdischen Volkes und die Aufgabe des jüdischen Volkes sind die grundlegenden Bestimmungen des Ihnen vorgelegten Verfassungsentwurfes: aus beiden Voraussetzungen lassen sich alle anderen Vorschläge des Entwurfes, soweit sie nicht rein technischer Art sind und daher am besten in der Kommissionsberatung erörtert werden, geradezu logisch abfolgern. Herrscher in Agudas Iisroel ist, wie im jüdischen Volke, die Tauroh. Nicht Parteisache ist Tauroh innerhalb des jüdischen Volkes, und auch nicht Part ei fache ist sie innerhalb einer neutralen jüdischen Organisation. Das jüdische Volk und daher auch die Organisation des jüdischen Volkes kann der Tauroh gegenüber nicht neutral sein. Nicht geduldet ist die Tauroh in Israel, sondern Herrscher ist sie. Und wo sie nicht herrschen kann, da spricht sie, in ihrer göttlichen Majestät verletzt, das Verdikt der Verwerfung aus. Für alle Betätigungen der Agudas Iisroel ist daher die Thora maßgebend. Und wer die Verbindlichkeit der Thora für das jüdische Volk nicht anerkennt, zerstört die ausschließlich durch die Thora konstituierte Einheit des jüdischen Volkes, und kann daher auch in Agudas Iisroel keine Aufnahme finden. Die Herrscherstellung der Thora gelangt aber Zu organisatorisch wirksamem Ausdruck im Nabbinischen Rat. Die Kenessio Gedaulo, nach den Grundsätzen der Demokratie auf dem Wege allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahlen, gebildet, vertritt das thoratreue jüdische Volk, ist selber Symbol der durch die Thora öefttfteten Einheit des jüdischen Volkes. Aber die, Kenessio Gedaulo ist nicht souverän, so Der. Israelit wenig das jüdische Volk souverän ist. Das jüdische Volk wird von der Thora beherrscht: darum ist der Rabbinifche Rat die oberste Autorität der Agudas Iisroel. Er übt keine Willkürherrschaft aus. Aber seine im Namen der Thora erlassenen Entscheidungen sind für die agudistische Organisation bindend. Den Landesorganisationen stehen für die Angelegenheiten der Länder die Rabbinischen Räte der Landesorganisationen zur Seite. Es ist Sorge getragen, daß im Rahmen der Landesorganisation die besonderen Verhältnisse der einzelnen Länder .weitgehendste Berücksichtigung finden können. ' * Während die Kenessio Gedaulo regelmäßig alle fünf Jahre Zusammentritt, soll in der Zwischenzeit der von der Kenessio Gedaulo gewählte hundertköpfige Zentralrat tunlichst jährlich zur Beratung und Beschlußfassung über wichtige Angelegenheiten einberufen werden. Die Exekutive konzentriert sich im Eeschäftsausschuß. dessen Mitglieder von der Kenessio Gedaulo gewählt werden. Er erteilt dem vom Zentralrat gewählten politischen Erekulivkomitee die notwendigen Instruktionen zur Führung von Verhandlungen mit den politischen Mächten im Interesse der Gesamtaguda. Er ist an die Beschlüsse des Rabbinischen Rates, der Kenessio Gedaulo und des Zentralrates gebunden. Ueber wichtigere Angelegenheiten innerhalb seiner laufenden Tätigkeit hat er sowohl den Rabbinischen Rat wie auch den Zentralrat regelmäßig in Kenntnis zu setzen. Meine Herren! Ich habe versucht, Ihnen den gedanklichen Inhalt des Ihnen vorgelegten Entwurfes möglichst kurz vorzutragen. In technische Einzelheiten werden Sie sich gewiß nicht verlieren. Daß der Entwurf noch der Abänderung und Ergänzung bedarf, ergibt sich von sich selbst. An der raumhaften Dürftigkeit des Entwurfes werden Sie keinen Anstoß nehmen. Jede eingehendere statutarische Festlegung könnte sich leicht zu einer Hemmung der reiferen Entwicklung gestalten. Um eine solche Hemmung zu vermeiden, schlagen wir Ihnen vor, dem Entwurf zunächst nur bis zur nächsten Kenessio Gedaulo Gesetzeskraft zu verleihen. Denn nochmals: Nicht um eine Vereinssatzung handelt es sich hier. Wir wirken und weben an nichts Geringerem, als an dem organisatorischen Kleid für das durch die Thora geeinte Gottesvolk. In vollendeter organisatorischer Schutzlosigkeit hat das Gottesvolk, allein durch die Kraft der Thora — wahrlich ein Bildvon überwältigender Größe! — Jahrtausende standgehalten. Entfernen wir von dem Eottesvolk — wie einst dem Propheten Sechario gezeigt — alle unreinen Gewänder. Geben wir ihm mit reinen Händen ein reines Gewand. Dann wird auch der Allmächtige seinem Volke solche Hände geben, unter denen, die annoch stehen: ..i^rrn S'ivvn p Q’Dbna ’mui Personalien. Fürth, 31. Aug. Vor kurzem verstarb hier Frau Eella Ettlinger geb. Koschland, eine wahres NVN die von frühester Morgenstunde an mit rührender Selbstlosigkeit 'jedem mit Rat und Tat beistand. Frömmigkeit und Liebe waren die Wesenszüge dieser edlen Tochter eines altangesehenen, echt jüdischen Fürther Hauses. Sie lebte getreu seinen Traditionen und erzog in ihnen gemeinsam mit ihrem gleichgesinnten Gatten ihre Kinder. Was sie auch unternahm, stets setzte sie sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit ein. So hielten wir, die wir ihre Leistungen kannten, sie für das Urbild der Gesundheit und Kraft. Und doch vermochte eine tückische Krankheit in wenigen Tagen sie hinwegzuraffen. Nicht nur Mann und Kinder und der große Verwandtenkreis leiden schwer unter dem harten Schicksalsschlage, sondern wir alle, die das goldene Herz dieser seltenen Frau kannten. - Schweinsberg, 2. Sept. Am 25. August beging Herr Handelsmann Eerson Simon, Schweinsberg, seinen 70. Geburtstag. Herr Simon versieht die Stelle eines Vorbeters, Schochets und Thoravorlesers ununterbrochen seit 43 Jahren heute noch in voller Rüstigkeit. Die Gemeinde schenkte ihm einen Tallis, wofür er sich in einer schönen Ansprache in der Synagoge bedankte, __Nr. 36 Seite 7 indem er die Jugend ermahnte, auch fernerhin, wie es in Schweinsberg schon von jeher gewesen, treu zum Glauben der Väter zu halten. Alsfeld, 2. Sept. Am 27. Aw verschied nach schwerem, mit Geduld und Eottvertrauen ertragenem Leiden Frau Clotilde Rothschild geb. Adler. Im echtjüdischen Hause ihrer frommen Eltern erzogen und daselbst im Geiste der heiligen Thauro ausgewachsen, stand ihr ganzes Leben ini Dienst von miay mm ünon fnV’öÄI Mit seltenen Kenntnissen unserer heil. Lehre ausgestattet, diente sie dem Ewigen mit strengster Gewissenhaftigkeit und gehobener Freude durch peinlichste Befolgung Seines in Seiner Thauro zum Ausdruck gebrachten Willens. Die Unterstützung von Armen, Kranken und Verlassenen mit Rat und Tat war ihr Herzensbedürfnis, und ständig und unermüdlich war sie in diesem Sinne tätig. Viele Jahre bekleidete sie das Vorstandsamt in der hiesigen Frauen-Chewro, bis ihr Leiden ihrer gesegneten Tätigkeit ein zu frühes Ende setzte. Die ungemein starke Beteiligung bei der ">i*j zeugte von der allgemeinen Beliebtheit und Wertschätzung, welcher sich die Verklärte in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute. Der tiefgebeugte Gatte und Sohn trauern um den unersetzlichen Verlust einer echten YVX liebevollen Mutter und treusorgenden Erzieherin. Briefkasten. S. Kahn» Westhofen. Frs. 12 für Abonnement eingegangen. I. W. Sp. Man kann solche schwerwiegende Anklagen gegen eine Gemeinde nicht erheben, ohne erst die Gegenseite anzuhören. Kantor A. in L. Ihr gefl. Schreiben beruht auf einem völligen Verkennen der Verhältnisse. Der Israelit wäre nicht existenzfähig, wenn er fein Abonnement für das Ausland heruntersetzte. Vermischtes. Eubigheim, 23. Aug. Herrn Lehrer Emanuel Wertheimer in Hardheim wurde auch in diesem Jahre in Anerkennung seiner verdienstreichen Tätigkeit für das Judentum, speziell aus dem Gebiete der Erziehung und des Religionsunterrichtes ein Michael Weil^scher Tugendpreis vom bad, Oberrat verliehen. Zürich. Wir lesen im „Israel. Wochenblatt für die Schweiz": Der Synagogenbau der Israelitischen Religionsgesellschast hat, wie schon in letzter Nummer kurz mitgeteilt, seit kurzem begonnen. Die Energie und der Opfermut dieser Gemeinde, die in der jetzigen, doch sicherlich nicht glänzenden Zeit zum Bau einer Synagoge übergeht, sind bewundernswert. Dabei darf man, angesichts der leitenden Persönlichkeiten der Gemeinde, ohne Weiteres annehmen, daß die Finanzierung des Baues von Grund auf eine solide ist. Das Grundstück, 2000 qm groß, am Ende der Freigutstraße zur Sihl hin, seitlich durch die Sihlamtstraße begrenzt, hat eine ideale Lage. Zu beiden Seiten der Synagoge bleibt prächtiger, schattiger Baumbestand stehen. Der Bauplan selbst weist eine überraschend gute Idee aus: Der Bau wird zugleich sowohl das Bethaus entstehen lassen. wie auch Schulräume und Versammlungslokal, und zwar nicht in der üblichen kostspieligen Weise nebeneinander, sondern übereinander. Im Erdgeschoß werden vier Schulräume sein und daneben ein großer Versammlungsraum. Darüber erhebt sich, ca. neun Meter über dem Erdboden, das Gotteshaus, rechts und links flankiert von prächtigen Freitreppen, die zur Männer¬ und Frauensynagoge führen. Die Fassade wird einfache, vornehme Stilformen aufweisen. Die Synagoge selbst wird 450 Plätze umfassen, 250 für Männer und 200 für Frauen. Warschau, 3. Aug, Das Warschauer Kreisgericht hat infolge eines Eigentumsprozesses gegen die jüdische Tageszeitung „Moment" ein Urteil gefällt, daß der „Moment" liquidiert werde. Die Administration wurde vom christlichen Advokaten Katkowski übernommen. frankfurter Berichte. Agudas Iisroek-Jugendgruppe. „Was ist uns Kenesfio Gedaulo?" Ueber dieses Thema sprachen tun Donnerstag den 30. August im Lokal Hanauerlandstr. 17 vor einer zahlreichen Zuhörerschaft die Delegierten der hiesigen Orts- und Jugendgruppe. Zunächst berichtete Herr Leopold Oppenheimer über die praktischen Erfolge und verschiedenen Resolutionen, die die Kenessio Gedaulo brachte. Herr Benzion Rachelsohn sprach von den geistigen Größen, die der Kenessio beiwohnten und brachte hierbei einige interessante Begebenheiten zur Sprache. Zum Schluß referierte noch Herr Gerson S ch n e r b über die wichtigsten Beschlüsse, die betreffs der Jugend gefaßt wurden. Sämtliche Redner wußten die Eindrücke, die sie in Wien gewonnen hatten, in begeisterter und anschaulicher Weise zu schildern und mancher wird es bedauern, an einer solchen gewaltigen Zusammenkunft der orthodoxen Judenheit nicht teilgenommen zu haben.