Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 35 Der Israelit 30. August 1923 um zwei Pfund zu leihen. Man hat viele Ausgaben zu machen. Ich bekomme sie nach der Beerdigung wieder zurück. Srur gibt ein kleines Täßchen Kaffee. VI. Man hat Atanas totgeschossen. Ms ich hier im Hofe einzog, war Atanas noch ein Junge und ging Wenn der Morgen dämmert, weiß niemand noch,! zur Schule. Er war schlank und kräftig gebaut. fC:“ Ein großer Tag. (Skizze aus dem arabischen Leben in Palästina.) Von Jaacob Israel de Haan in Jerusalem. I. Ein hübsches Gesicht. Und doch nicht langweilig. Cr wußte in den Schulstunden immer Bescheid. Und war: von seinen Kameraden doch nicht gehaßt. Um ihn war eine reine Sphäre. Als er die Schule verließ, wollte er zum englischen Heere. Er wurde aber bei der Eisenbahn angestellt und hatte .seinen Standplatz in Ludd. Er war nicht froh, denn die Arbeit war sehr schwer. Er tat seine Pflicht. „Meine Mutter ist eine Witwe ... ich muß Heulen in unserem Hofe. Langgedehntes l fort". Er gab ihr die Hälfte seines Gehalts. Und Eine Frau. Ich horche. Und ich weiß. Ein sparte noch für sich. Niemals verlangte er was. Aber ... -■ ' ~ an. was der Tag ihm bringen wird. Der Tag, den dieser Morgen noch mit seinem Abend bindet. Zukunft. Ich halte mich mehr an das Vergangene. Darüber kann man doch mit Lkuhe Nachdenken. Und nichts kann mehr verdorben werden. Und nichts ist auch mehr gut zu machen. Ruhig, ^ruhig. Horch, wie die Böglein früh in den Bäumen zwitschern. Noch weht der Nacht wind. Gleich wird es heiß werden. Aber was ist das? Was ist los? Was ist geschehen? Heulen. Toter ist es. Wo? Ich lebe. Aber wo ist es?! er nahm gerne ein schönes Buch als Geschenk Bei Abdul Salaäm? Bel Abu-Atalla? Bei Tuwfik, I Ein englisches, weil England die Mandatarmacht von Xitm 4<««Sk k«« CI. f*t*S> 1 CY\ .T^ ’fi m4wTmua.4* 4«aTs*' ai“ TTtlX IttrtT Hofe zu dem Griechen? Türe und Fenster der Häuser sind dem Hofe zu. Türe und Fenster öffnen sich. Ev schrockene, verstörte Gesichter. Und die Nachbarn fragen: „Wo, wo ist es?" H. Palästina ist. Er versprach niemals etwas. Und war dankbar bis zum Tode. VH. Wir haben uns niemals unsere Geheimnisse ausgeplaudert. Aber ich war der Erste, dem Atanas das Es ist bei der griechischen Witwe geschehen, die! Bild eines Mädchen aus -Jaffa zeigte, unten im Hause von Abdul Saläm wohnt. Mit ihrer „Schon vierzehn Tage habe ichs", sagte er, morgen verheirateten Tochter und drei Enkelinnen. Denn Söhne werde ich es meiner Mutter zeigen" hat Allah ihrer Tochter nicht geschenkt. Ihr Schwieger-! „Sie. wird zufrieden sein". sohn ist selten nur zu Hause. Denn er hat eine „Ja", sagte Atanas, „und ich werde ihr ver- Mühle in Taybe, das ist bei Ramallah, dort wo die I sprechen, ebenso gut wie früher für sie zu sorgen". Christen wohnen. Die Witwe hat einen Sohn, Atanas,! Während wir den Toten erwarten, denke ich über ein hübscher Mensch, gleich der Schwester, als diese das damalige Gespräch nach. Er sagte: „Ich dachte noch stmg war. Atanas ist nicht dumm. Er ist klug, immer . . . meine Mutter, die Schwester und die kleinen Er ist bei der Eisenbahn angestellt. Und man weiß,! Kinder . . . das sei mir das Nächste . . . aber ich bin daß er auf der Bank zweihundert Pfund stehen hat. so verändert seit vierzehn Tagen . . . glauben Sie Es kann nicht anders sein. - Er ist nun ein Toter, nicht?" Die Witwe wälzt sich vor Schmerz auf dem Boden. „Vierzehn Tage sind eine lange Zeit, um sich zu Ihre Kleider hat sie aufgerissen. Sie reißt sich die verändern", sagte ich, „das geht schneller. Haare. Und sie schreit heulend aus, wie man für Er lachte. einen Toten laut ausheult. Ihre Tochter schreit und I „Ich bin so glücklich", sagte er; und da lag nichts die kleinen Mädchen schreien. Atanas ist ermordet. Ivon Naseweisheit drin. ui.! vin. Die Regierung hielt ehrlich Wort. Vor Mittag Gestern Abend ritt eine Abordnung mit zweitausend Pfund für das Eisenbahnpersonal von Haifa nach Ludd. Aber die Diebe, die alles wissen, haben auch das erwürbe die Leiche ins' Haus gebracht. Heftiges Heulen. Der Hof voller Frauen. ./Griechische Priester, HausmnT»TaU" «X. «nb Freundj». «m».«ta «WW lammt Steine hingelegt. Es ist ein groultcher dunKer Abend IA ld> ~nnc nl™ l"'n lehten ftlJh ‘ gewesen. Der Transport sah die Steine nicht und ®“> schwerer Gang. Man bat m Wont Kl-idefiel. Ran schoß. Ein englischer Ingenieur wurde töd. Er liegt auf einen, T'schi u-ller^Blumen. K-MN. lich. verwundet. Ein zweit« Engl»nder nur leicht. Ein {!««. .feU“"- r.ÄLff™ TO,mS Aegypter aber und der schöne, kluge Atanas wurden I J° mhiftpr .ecff oifen. Di- Diebe sind mit dem Geld geflachte!, tb'n J Sl Di- Polizei fand spater eine Leichohne Kaps. Sicher a-ss-E. --iwA", trauert Sie spricht m,t dem Toten, stammt sie von einem Diebe, den mau verwundete oder I griechische grauen tun. Sie blauh , h tötete. And aus Angst, man könne ihn erkennen, haben tonne ihn wieder erwecken. Ader da s die Diebe-genossen Hm den Kopf abgeschnittm und stoch ganz oeikehrt. So einfach ist denn der Tod doch 1)ie Kleider ausgezogen. Ja, ja: Die Diebe sind klug. I wseoer nicht. Beinah so klug, wie die Negierung von Palästina. Vom griechischen Kloster brachte ein Bote an die Mutter Atanas die Nachricht. rv. Und die Nachbarinnen, ohne Schleier, und ohne Unterschied von Rasse und Glauben, kommen alle. „Srur, Srur", ruft die Frau von Abdul Saläm, „mach Kaffee, »nach. Kaffee". Denn ohne eine kleine Tasse Kaffee zweiter Linie ist, schweigt Atanas . . . Atanas" ruft sie in gewaltiger Erregung: „Deine Mutter ruft Dich . . . gib Deiner Mutter Antwort ... gib Antwort ... gib Antwort." Sie schlägt den Tisch mit ihren Fäusten. Die Leiche des Jungens bewegt sich mit. Sie fleht ihn an. Sie küßt ihn. „Atanas", bittet sie, „sprich was, tue etwas sonst denken sie,' Du wärest tot . . . sie werden Dich begraben." Ihre Tochter, die nur Leidtragende kann man nicht richtig trauern. Und auch freuen kann man ohne eine kleine Tasse Kaffee sich nicht. Es gibt viel Arbeit. Die Mutter und Schwester von Atanas können nichts tun. Man wünscht von ihnen nichts anderes als Heulen, das lange, schrille Kreischen, wie es für Tote üblich ist. Der Vater von Atallah und Lutfie kümmert sich drum um alles. Die Regierung ist klug und entgegenkommend. Sie-teilt mit, die Leiche von Atanas liege im Eisenbahngebäude von Ludd. Ob die Mutter will, daß Atanas in Ludd Sie werden Dich begraben," schreit die alte Frau auf. Sobald wir hereinkommen, jammert sie heftiger. Mein Herr, mein Herr", ruft sie, „sagen Sie ihm, er soll sprechen ... sagt ihm, er soll seiner Mutter Antwort geben . . . befehlen Sie es ihm ... er ist ein Diener ... er muß Ihnen gehorchen ... Atanas Atanas . . . Atanas . . Der Tisch. Die Blumen ... das Licht. Das Mädchen aus Jaffa ist sofort gekommen. Ja: es ist begraben werden soll? Oder soll er hierher gebracht! ein großer Tag. „Atanas", denk ich, „Du warst doch werden, damit man ihn in Jerusalem begrabe? Abu so verständig, was denkst Du wohl über dieses schänd- Atallah sagt, die Mutter wolle ihren eriüordeten Jungen liche Getue." nochmals zu Hause haben. Auch soll er hier in Jeru Talent begraben werden, damit die alte Mutter weinen und ihm Blumen aufs Grab legen kann. Der Regierungsbeamte versichert uns, wir würden noch vor zwölf die Leiche hier haben Mann der Schwester. Er soll sofort nach Hause kom men. Der Eilbote rechnet hierfür uns ein halbes Pfund. V. Viele griechische Frauen kommen. Denn Atanas Mutter ist eine gute, fromme Frau. Und Atanas IX. Natürlich »können nicht alle Tage so groß sein. Das Leben schrumpft wieder zusammen. Die Post kommt. Einfältig. Da ist ein Herausgeber so klug cm- (i-j fw , mich um fünf Gedichte für einen Blumentag anzugehen. Wrr schicken noch emen Eilboten nach Taybe, zum Auch ein Gerichtsvollzieher schreibt. Man hat ihn mit " w f"TT 1 der Einforderung von Schulden beauftragt, die ein Emir Abdullah in Holland gemacht haben. soll. Und nun fragt er an, ob Emir Abdullah vielleicht Sidna (unser Herr) Abdulla in Transjordanien sei. Es sind . ^__ _ leichtsinnige Schulden. Aber ich kann diesem sprachenselbst ist immer ein guter Sohn gewesen. Und wenn! kundigen Gerichtsvollzieher versichern, daß Sidna Abdie Frauen Atanas Tugenden preisen, heult die Mutter I dulla nichts damit zu tun hat. Er war niemals in kreischend auf. Seine Schwester ist nur Leidtragende Holland. Und er hat auch (gelobt sei Allah!) niemals in zweiter Linie und heult drum minder laut. Werden! so leichtsinnige Schulden, wie sie im Briese des Geaber zum Beispiel ihre drei kleinen Kinderchen ermordet,! ^ichtsvollziehers angedeutet werden, getan, dann ist sie Leidtragende in erster Linie und hat als-! Alles geht nun wieder seinen Gang. Abdul Saläm dann am lautesten zu heulen. kommt aus Amman zurück. Er hat Hamid Pascha mit- Ja: unser kleiner Freund Atanas ist tot. Unser! gebracht, der mit sechsundzwanzig Jahren schon General Hof wird auch von nichts verschont. Im vorigen Jahr! wurde. Und auch deü kleinen Nazies,. einen türkischen ertrank Ibrahim, als er Dieben nachsehte, die über den I Jungen, der von jedermann gebraucht wird. Ich lese den Jordan flüchteten. Vor zwei Monaten erst haben Diebe I Brief des Gerichtsvollziehers vor. Hamid Pascha amü- Nagib dicht bei Berscheba totgeschossen. Und seit dem! siert sich köstlich. Abdul Saläm ist entrüstet. Und der Tode von Nagib ist Lutfie, die Tochter von Mussa und « kleine Nazief, der von solch leichtsinnigen Schulden doch Tuwfik immer unglücklich gewesen.! eigentlich garnichts _ verstehen sollte, lächelt vergnügt in Aus dem Hause der griechischen Bauersfrau heult! sich herein, mit seinen schönen spitzen Äeuglein. es ganz furchtbar heraus. Atallas Vater schickt Asife, | (Uebersetzung aus dem „Handelsblad" von H. K.). Die Not der jüdischen Anstalten. Von der Zentralwohlfahrtsstelle wird uns geschrieben: Angesichts der immer mehr steigenden Not der Anstalten in Deutschland hat das Reich den Betrag von einer Billion als Vorschuß für die auf Grund des §'61 zu erwartenden Zuwendungen für Hie Wohlfahrtseinrichtungen zur Verfügung gestellt. Die Hälfte wird durch die Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege, zu denen auch die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gehört, verteilt. Auf die jüdischen Einrichtungen entfallen mehrere Milliarden, die in aller Kürze zur Ausschüttung gelangen. Eine besonders große Gefahr für die Haltung der Anstalten bildet bekanntlich die Beschaffung von Kohlen. Auch hier greift die Reichsregierung ein und stellt gewaltige Mittel in Form von Krediten zur Verfügung. Im Augenblick wird von der Hil fslasse gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands eine Umfrage an alle Anstalten wegen des Kohlenbedarfs veranstaltet, um die Unterlage für die Bemessung' der Kredite zu gewinnen. Auch hier ist die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden als Spitzenorganisation beteiligt und sorgt dafür, daß die jüdischen Anstalten in entsprechender Weise bedacht werden'. Außer diesem Kohlenkredit ist die Hilfskasse vom Reichsarbeitsministerium mit der Aufgabe betraut worden, den Anstalten auf Antrag Kredit unter besonders günstigen Bedingungen einzuräumen. Die Bewilligung bedarf bei jüdischen Einrichtungen jeweils der Zustimmung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Unabhängig von diesen Reichszuwendungen geht die Sammlung „Jüdische Not" vor sich. Fast in allen Teilen des Reichs hat man der Aufforderung der Zentralwohlfahrtsstelle, die Sammlung zu veranstalten, Folge geleistet und große Beträge aufgebracht. Ganz besonders aber hat sich Berlin hervorgetan, wo bereits Milliarden für die Anstalten zur Verfügung gestellt worden sind. Hand in Hand mit der Verteilung dieser Gelder und der vom Joint Distribution Committee gewährten Beträge .geht die Prüfung sämtlicher Wohlfahrtseinrichtungen und die Vorbereitung für eine durchgreifende Sozial reform, deren Grundsätze und Ziele auf der Erziehungskonferenz im Oktober zur Beratung und zum Abschluß gebracht werden sollen. Trotz aller finanzieller und politischer Schwierigkeiten sind die Vorbereitungen für die Konferenz im vollen Gange. Die Oeffentlichkeit wird rechtzeitig über Ort, Zeit und Programm Mitteilung erhalten. Auf dem Gebiet der Fürsorge für die Flüchtlinge aus de nO st marken hat die Zentralwohlfahrtsstelle in der letzten Zeit dank der Mithilfe jüdischer Heime bewirkt, daß viele Kinder aus den Heimkehrlagern entfernt werden konnten und — bis die Eltern wieder eine Heimat gefunden haben — in jüdischer Umgebung aufwachsen können. Für die seelsorgerische Betreuung der Flüchtlinge, die sich noch in den Lagern befindet, hat die RegkeMng besondere Mittel zur Verfügung gestellt. Den jüdischen Kindern im besetzten Rhein- und Ruhrgebiet wurden im ganzen Reiche Sympathien entgegengebracht, fast ausnahmslos haben Crholungs- und Ferienheime Kinder aus den von der Besetzung betroffenen Gebieten ausgenommen und auch viele jüdische Familien haben bei der Hilfe von Rhein und Ruhr ihre Opferwilligkeit durch die Aufnahme von Kindern bewiesen.