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Der Israelit · 1923-08-30 · Heft 35 (30.8.1923) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 35 (30.8.1923)
Date
1923-08-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Zwei Welten. Von H. <5—cf). Herz Iaborsky hatte sich durchgerungen, d. h. er war zufrieden mit seinem Dasein. Aus einfachsten Verhältnissen hervorgegangen, von Haufe aus an spartanische Lebensweise gewöhnt, nahm er mancherlei Entbehrungen auf sich, von dem Streben geleitet, vorwärts zu kommen. - Hierbei hatte er eine wertvolle Stütze an seiner Frau. Sieben Binder hatte sie ihm geschentt, und wenn gar manchesmal schwere Not über sie hereinbrach und kaum das nötige Brot im Hause war, dann konnte nach außen hin gewiß kaum einer etwas davon erfahren, denn Frau Iaborsky verstand es geradezu wunderbar, den Schein zu wahren. Man gewöhnte sich im Hause Iaborsky schließlich auch an Hungertage. Dessenungeachtet galt Iaborsky als jemand, der sich „bekowed" ernährt. So gingen Jahre vorüber, es kam der Krieg, es kam die Nachkriegszeit. Die Binder wurden groß, kamen zum Teil von der Schule ins Geschäft, konnten mitverdienen, und nun schwamm Iaborsky obenauf. Durch gute Verbindungen unterstützt, bekam sein Geschäft, das er ganz auf die Zeit einstellte, Aufschwung. Iaborsky klomm die Glücksleiter hinauf, sein Ansehen gewann. Man holte ihn überall, wo es galt, potente Kreise zu gewinnen. Er konnte reden, stundenlang reden und der Welt mitteilen, wie außerordentlich diese oder jene Sache der reichlichsten Unterstützung wert sei. Daß seine Beiträge verhältnismäßig bescheiden waren, wurde dabei kaum bemerkt. Je mehr nun der äußerliche Aufstieg Iaborskys sich vollzog, desto mehr mußte die eigene Häuslichkeit da mitmachen. Die Wohnung wurde aufs vornehmste ausgestattet. Alle Gegenstände, die irgendwie auf „Kunst" Anspruch erheben konnten, mußten angeschafft werden. Da gab es prachtvolle Gemälde, Antiguitäten und Bronzen, einen Bücherschrank, in dem neben allgemeiner Literatur auch Seforim vertreten waren. Denn Iaborsky legte Wert darauf, nicht zu den „Am herazim" gezählt zu werden. Die Verhältnisse bestimmen den Menschen. Das konnte man auch bei Frau Iaborsky feststellen. Sie, die Ehemals einfache, zurückgezogen lebende Frau, suchte und fand nunmehr Aufnahme bei sozialen Verwaltungen. Daß dabei das eigene Heim ein anderes Bild bekam, war natürlich nicht zu ändern. „Man" mußte sich modern kleiden, „man" mußte doch seine Brillanten und Edelsteine zeigen, „man" mutzte doch aus „sozialen" Gründen sich mit seinem Bekanntenkreis auch in den Cafes treffen. Besonders nötig war dies am Schabbos-Nachmittag, wo alle Kehillohangelegenheiten, die angenehmen und die nicht angenehmen, eingehend besprochen werden mußten. Daß es gerade an Schabbos-Nachmittag früher, vereint mit Mann .und Kinder, wohl idyllischer war, trotz des gerade noch etwas warmen Schabboskaffees, daran erinnerte man sich nicht mehr. Die großen Ehruygen, die Iaborsky mit der Zeit einheiniste, fachten mächtig seinen Ehrgeiz an, und er fühlte sich berufen, auch da gebührend einzugreifen, wo ihm der rechte Ueberblick fehlte. Das mußte-er in einer Angelegenheit erfahren, wo es sich um den Notstand der jüdischen Lehrer auf dem Lande handelte. Das war ein wunder Punkt für ihn. Sein Bruder Salomon gehörte zu den finanziell bedrängten Landlehrern, und es paßte ihm natürlich gar nicht, daß dessen Anschauungen sich im Gegensatz zu den seinen befanden. Gewiß, er brachte seinem Bruder viel Zuneigung entgegen und weilte früher' gerne in seiner Häuslichkeit. Auch jetzt hatte er nicht weniger für ihn übrig, aber die wenige freie Zeit, die einem verblieb, mußte man sich doch schließlich seiner eigenen Familie widmen. Und Frau Iaborsky verstand es immer wieder, ihrem Manne klarzumachen, daß er sich da eine Last nicht aufladen dürfe. Salomon Iaborsky nun war ein Mensch, der sich mit wahrer Freude dem Beruf als jüdischer Lehrer hingab. Seine Gemeinde wußte, daß sie jemand vor sich hatte, der nicht materiell angelegt war, und mit einer gewissen Gleichgültigkeit kam dies auch bei der Gehaltsbewilligung zum Ausdruck. Nichtsdestoweniger verehrten sie alle ihren Lehrer, und ganz besonders die Kinder hingen mit schwärmerischer Liebe an ihm. Salomon Iaborsky lehrte sie nicht schematisch. sondern er hatte eine Art, die alles individuell erfaßte. Ging er mit den Kindern hinaus in die freie, schöne Natur, dann zeigte er ihnen, wie die göttliche Allmacht sich überall offenbart. An den Bäumen stehenbleibend, erklärte er ihnen deren Werdegang. Wenn sie an den reifenden Aehren vorüberschritten, dann ward der Segen, der hier ausgebreitet, den Kindern zum Erlebnis. Und diese Verbindung mit dem Erhabenen, Schönen, Edlen blieb auch in den engen Schulräumen. Es gibt Naturen, die sich zur Einsamkeit hingezogen fühlen, denen es nicht gegeben ist, ihre Person in den Vordergrund zu stellen, die aber mit allen Fasern ihrer Seele an die Gemeinschaft hängen,- eine solche Natur war Salomon. Er konnte nicht begreifen, wie immer mehr nur der äußere Schein zur Geltung kommen konnte, und es war ihm unfaßbar, wie gerade sein Bruder, der doch gewiß die Schattenseiten des Lebens früher reichlich durchkosten mußte, sich so ganz von dem papierenen Mammon in Fesseln schlagen ließ. — /Nup begab es sich, daß Salomon an.einer Tagung teilnehmen mußte, bei der Herz Iaborsky 'mitanwesend war. Es handelte sich um Fürsorge-Angelegenheiten, da meinte Herz Iaborsky unter Beifall, daß man die Zustände nicht so tragisch nehmen solle, denn die Landgemeinden seien ja reich und könnten wohl selbst herangezogen werden. Da erhob sich Salomon Iaborsky. Er hatte den Menschen hier manches zu sagen, er sah sie sich an, ob einer ihn verstehen würde. Und er begann: Wir sagen allsabbatlich: „Es freut sich Moses seines Anteils, da Du ihn einen treuen Diener genannt hast!" Ach, könnten wir, die Träger der Thauro, „treue Diener" uns nennen. Wohin wir gehen, wohin wir uns wenden, in allen Kreisen, in allen Gruppen, überall finden wir tiefe Furchen der Zeit. Gottlob, die Wege der Thauro werden nach wie vor begangen, aber es ist etwas bei Alten und Jungen eingezogen, etwas Unnennbares, was der, der abseits vom Kehillogetriebe lebt, und dem es nicht immer vergönnt ist, unter Klall zu weilen, zu beobachten glaübt. Darin sind Stadt und Land sich gleich. Arm fühlt sich der Städter, auch wenn sein Haus und Gut in wertvollem Besitz verankert sind, und arm fühlt sich der Landmann, der sich der Schönheit der göttlichen Natur, die ihn umgibt, nicht mehr freuen kann. Das ist eine Welt. Mit Klagen und Jammern kurbelt sie sich vor unseren Augen ab. Und nun, mag alles um uns noch so düster sein, mag alle Freude an Aeußerlichkeiten uns vergällt werden, so wie Sonne, Mond und Sterne in ewiger Gleichmäßigkeit ihre Bahnen gehen, so wie Tag und Nacht und Nacht und Tag abwechselnd uns Licht und Dunkel geben, so zeigt uns die Thauro seit Jahrtausenden, unberührt von der Auf- und Abwärtsbewegung der Völker, unseren Weg. Das ist die andere Welt, die uns nicht zu> Knechten des Besitzes, sondern gleich Mosche Rabbenu zum „treuen Diener" machen will. Möge diese Welt, die dem Bemittelten wie dem Mittellosen den Ausgleich bringt, mehr und mehr in uns und um uns Aufnahme finden!" ... Bewegten Herzens kehrte Salomon Iaborsky heim in seine Welt. Geschichten vom Berdytschewer. Von Lhajim Bloch. Der Gefangene. Man hatte an einem Rosch-Haschana bereits den j)falm „Lobgesang der Söhne Aorah^s" und „Aus der Enge rufe ich Dich o Gott" beendet. Rabbi Lewi Iizchak nahm den Schophar in die Hand, sprach den Segen und der Vorsprecher rief die Blaseweise: „Tekioh!" — doch der Rabbi blies nicht. Er legte plötzlich den Schophar auf das Pult und sah um sich. Wieder nahm er ihn und legte ihn auf das Pult. Das wiederholte sich fünfmal. Und die Chassidim standen von dem Schauer des Tages entflammt und warteten. Plötzlich hob der Rabbi den Talit von seinem Haupte, wendete das Antlitz zur Gemeinde und rief: „In der Vorhalle der Synagoge sitzt ein Jude, der war seit seiner Jugend bei Nichtjuden gefangen und hat das Beten verlernt — nur noch an die Schriftzeichen entsinnt er sich. Er wollte beten, aber er vermochte es nicht. Da weinte er und redete zu Gott: „Herr der Welt! Alle beten, ich kann es nicht. Doch Du kennst doch alle Gebete wohl. Ich will Dir die Buchstaben hersagen: Olef, Bes, Gimel usw. Du aber Vater im Himmel, füge Du sie zu einem Gebete einander!" Und nun sitzt Gott und heftet Buchstabe zu Buchstabe, da muß ich warten . . ." Die Seele. In der Stunde, da Rabbi Lewi Iizchak 'geboren wurde, gab der Baal-Schem seinen Jüngern U)ein und Uuchen und sprach freudig: „Es kam jetzt eine Seele hernieder, die eine Verteidigerin des jüdischen Volkes sein wird. Nach einer Weile sagte er: „Ehe diese Seele für das Erdendasein bestimmt ward, stellte sich der Satan vor Gott und klagte: „Herr der Welt! Wenn diese Seele herniederkommt, was würde ich auf der Welt noch zu suchen haben? Sie wird die Menschen zum Guten bekehren und die Kraft des Bösen zerbrechen." Da tröstete ihn Gott und sprach: „Ich werde den Mann, der die Seele beüunmt, zum Rabbi machen und es wird keine Zeit haben, sich allzuviel mit Menschen zu befassen." Geldsucht. Im letzten- Jahre seines Erdendaseins blies der Berdytschewer am Rosch-ha-Schonoh nicht selber den Schophar, wie er es Jahr um Jahr zu tun pflegte, weil ihm die Aerzte das Blasen verboten haben, sondern er überließ dieses Amt einem erlesenen Chassid, er aber rief ihm die Vlaseweisen vor. Der Rabbi rief die erste Weise Tekioh vor. Der Chassid blies, doch der Schophar brachte keine. Stimme^ hervor: der Satan, Israels Ankläger, verstellte ihr den Weg und sie Konnte nicht ertönen. Der Bläser sammelte seine ganze Kraft, doch der Schophar gab keinen Laut von sich. Der Chassid spie vor Anstrengung Blut, der Schophar blieb stumm. Da rief Rabbi Lewi Iizchak: „Gih den Schophar her, möge Satan mit mir ringen." Er nahm das Instrument in die Hand. Doch er blies nicht, sondern schlug es mit großer Kraft über das Pult. Er schlug sechsmal. Beim siebenten Male fiel aus dem Schophar ein kleines Bündel mit mehreren Münzen. Da rief der Rabbi freudig: „Herr der Welt! Sieh, wie groß die Sucht nach dem Eelde ist, selbst der Satan hat ein Bündel Geld!"

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