Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1923)
- Date
- 1923-08-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 34 Der I s r a e l ft 2S. AllgUkl 1VZ8 bete, zu dem das leere Haus ein lautes Echo gibt. Wenn aber die Thora aus- und eingehoben und unter Stoßgesängen rund herum im Raume getragen wird, dann ist eine gewisse unseren spanischen Brüdern eigene Grandezza nicht zu verkennen. Hier ist die Kenessio spurlos vorübergegangen ... Wenn alle Synagogen schließen, hat man noch immer Zeit, das privatminjan des „Gerer", des „Czortkower", des „Radziner" oder eines anderen Rebbe zu besuchen, wo es ziemlich hoch hergehl. Cs ist Iomtow bei den Chassidim, Kenessiojomtow! Die rituellen Restaurationen sind am Sabbat fast leer. Die guten Wiener haben es sich nicht nehmen lassen, Delegierte und Gäste als Sabbatgäste zu bewirten. An manchem Tische sind deren zwanzig oder mehr vereinigt. Auch die Ruhe des Sabbat ist mehr für den Körper als für den Geist berechnet. Daß es noch eine andere, lichte einstmalige Kaiserstadt gibt außer dem jüdischen Viertel im zweiten Bezirke, weiß keiner, daß noch andere Dinge die Erde beherrschen als Aguda und Kenessio hat jeder längst vergessen. Man promeniert und plaudert und disputiert auch ein wenig und merkt nicht, daß der Tag der Ruhe hier schon fast eine Stunde früher zur Neige geht als in der Heimat. Nach Mincho hat man dann die Wahl, entweder den „Chofez Chajim", vielleicht auch Rabbi Chajim Oser zu besuchen, wo man eine saftige Droscho aufgewartet bekommt, oder sich zum „Eerer"^ „Czortkower" und „Radziner" zu begeben, cho es ein Schnäpschen gibt und gefüllte Fische dazu, vielleicht auch noch ein Tänzchen zu Ehren der Uenessio und der scheidenden Uönigin Habbat . . . Und kaum sind die Sterne am Himmel erschienen, da nimmt schon der bisher in heiliger Ruhe verklärte Sambatjon in der Zirtusgasse sein Wogen wieder auf. Die Menschen sammeln sich zu Sitzungen und Beratungen. Die Ordner tun ihren Dienst und die Pressevertreter eilen gewichtig mit ihren Mappen herbei. Droschken und Autos bringen Teilnehmer. Der Stand mit den Erfrischungen im Hose ist wieder etabliert und das Restaurant in der Wandelhalle wieder im Betrieb. Oben wird .Post ausgeteilt, und der vielbeschäftigte Dr. Pinchas Kohn hängt wieder das Plakat an die Außenseite seiner Zimmertüre: „Für gar keinen zu sprechen . . .! Indes sammelt sich in der Malzgasse — sie wird ihre historische.Bedeutung in der Geschichte der orthodoxen Bewegung behalten, diese Malzgasse — die Äugend zu einer Art Plenarsitzung der Jugendorganisationen, die bis in die tiefste Nacht hinein dauert. Moses bei Pharao. > Wunderbar wohltuend, nach den Wartestunden in blendender Glut, war das sanfte Licht, das, durch hochgelegene Fenster in kunstvoller Verteilung hereinströmend und an den schönsarbig bemalten Wänden herabrieselnd, die Königshalle erfüllte, und Mose atmete mit einem Schreck des Wiedererkennens den besonderen Dust dieses Hauses, der aus dem Geruch irgend eines Räucherwerls und der überall aufgestellten Blumengarben und aus der Frische der in Wandnischen plätschernden Brunnen entzückend gemischt und vom Wedelschlag der Diener wie von Schmetterlingsslügeln unaufhörlich bewegt war. In halb verstohlener Vorsicht ließ er die Blicke umherwandern und sah, daß nichts sich geändert hatte: die regungslosen Türhüter, erlesen schöne Menschenbilder, deren edle Nacktheit das durchscheinende Gewand kaum verhüllte; die prunkvoll gekleideten Würdenträger, die den Thron umstanden, herrisch hochgetragene Häupter oder die scheinbar ausdruckslosen Minen der geheuchelten Demut; und auf dem löwensützigen Prunlsitz, unter dem mit goldenen Uräusschlangen gezierte Purpurhimmel die Gestalt des Einzigen, in dämmerige Höhe entrückt und schwer erkennbar vor dem Geflimmer der Edelsteine, die den unantastbaren Leib bedeckten. Der oberste Wedelträger des Pharao, der die Zeremonie des Empfanges leitete, hatte das Zeichen ge- *) Mit unwesentlicher Auslassung aus dem Roman „Die fremde Erde." von Lotte Gutmann, K. Thienemanns Verlag. geben, das die Bittsteller zum Sprechen ermächtigte. Mose sah Zezear vortreten, den Wortführer, den er selbst ausgewählt, hörte ihn die Rede Vorbringen; die er selbst ihn gelehrt hatte. Er verfolgte und verstand alles, — trotzdem war ihm für einen Augenblick, als sei alles Umgebende in sehr weite Ferne entwichen und er selbst ganz allein in dieser Halle, allein mit dem unsäglich verwegenen Plan, den der Hebräer mit wenig Sicherheit und ängstlich sich an die eingelernten Wendungen haltend, dort vortrug. Ms Zezear schwieg, hörte Mose ein mühsam unterdrücktes, stöhnendes Aufatmen und blickte seitwärts in Aarons graublasses Gesicht, aus dem die ganze vsrzehrende Spannung der Stunde brannte: was wird geschehen? was werden sie antworten? Aber diese Erwartung fieberte ziellos in die eisige Stille höfischer Beherrschung hinein: die einflußreichen Männer, die den Thron umstanden, blieben scheinbar so gleichmütig, als habe man sie mit der belanglosesten SLche der Welt belästigt, und der Pharao beharrte regungslos wie bisher. Zn seinem schmalen, langgezogenen Gesicht, über dem die Doppelkrone Ober- und Unterägyptens anfragte, war die Beweglichkeit der Züge von dicht aufgetragener Schminke übertüncht, und unter den halb herabgesunkenen Lidern lagen die Augen glanzlos und starr, grenzenlos gelangweilt. Das Schweigen dauerte lange. Endlich kamen Worte, wie einzelne, trägfallende Tropfen, unter dem Purpurhimmel hervor. „Auswandern wollt ihr, — wenn ich das Gestammel recht verstand, — ihr Hebräer, alle —?" Iezear, dessen Kraft bereits völlig verbraucht war, neigte sich schweigend, die andern taten wie er; wie wehrlose Tiere vor dem Schlächter standen sie. Wieder blieb es still. Dann sprach der Pharao: „Remencheper!" Der Aufgerusene, nach Haltung und Miene emer der beträchtlichsten unter den königlichen Ratgebern, trat einen halben Schritt vor. Es war ein Priester, und eine Machtvollkommenheit neben dem Thron war offenbar o weit gediehen, daß er die Trachtvorschriften des Tempels einzuhalten, nicht mehr nötig hatte: er trug ein zum Obergewand umgeschaffenes, köstliches Panther- ‘ell, dessen in Gold gefaßte Klauen ihm von den Schultern hingen. Mose sah es und gedachte, während ihn die Versuchung eines Hohnlächeln in die Mundwinkel 'biß, der gehässigen Verachtung, die der junge Meren-ptah einst für alles Priesterwesen gehegt hatte. „Re-men-cheper, ist es ausführbar, daß die Hebräer das Land verlassen?" fragte der Pharao. Der Priester zuckte wegwerfend die Achseln. „Keineswegs. Die Forderung ist unsinnig und nicht wert, daß man ein Wort an sie verliert". „Erkläre, was der Erfüllung im Wege steht," sprach der Pharao; es klang übellaunig und geschäftsmäßig. „Wir brauchen die Hebräer. Wer soll die Ziegel streichen bei den königlichen Bauten? Diese Arbeit verweigern selbst die Gefangenen". „Ihr hört es!" sprach der Pharao mit einer lässigen Bewegung seiner von Ringen starrenden Hand, als würfe er den Abgewiesenen einen Brocken zu. Die Hebräer standen stumm, widerstandslos ergeben. Nur Pallu wagte es, flehend die Arme zu erheben: „O König, unser Herr! Bedenke — und laß1 unsere demütige Bitte nicht also in den Staub fallen! Unsere Seelen hängen daran, —" „Was ist an euren Seelen gelegen!" sprach der Pharao. Die vollkommene Kälte, mit der er das Wort aussprach, wirkte schlimmer, als beißender Hohn oder Gewalttat es vermocht hätten. Er hob zwei Finger zu der hundertmal geübten, endgültig abweisenden Gebärde, aber die Gebärde blieb unausgeführt. Meren-ptah blickte mit erwachten Augen über das Hebräerhäuslein hin nach einem Haupte: er hatte Mose erkannt. Eine geheimnisvoll bewegte Stille, wie der lautlose Flügelschlag eines großen Vogels, ging durch die Halle. Dann winkte der Pharao. Und Mose, der den Wink kommen sah, trat aus der Reihe seiner Stammesgenossen. „Wer bist du?" klang es von der Höhe des löwenfüßigen Sessels herab. „Ich bin Mose, der Sohn Amrams des Hebräers." Ganz kalt und klar kam die Antwort. „Du — unterstützest die Forderung der Hebräer?" „Ich stimme ihr bei, mit jedem Atemzug, den ich habe." „Woher kommt euch plötzlich das Fortwollen?" „Aus unserer Herzen Tiefe. Heimkehr ist die Sehnsucht eines jeden, der in der Fremde sitzt. Wir sind fremd in Aegypten, seit langem. Wir wollen heim." „Seit langem habt ihr des Niles Brot gegessen: wo bleiben Lohn und Dank?" „Den Lohn gaben wir in Arbeit, die härter war, als Menschen ertragen, unsere Lenden sind gebrochen davon. Und Dank ist nur, wo Liebe ist. Zwischen Aegyptern und Hebräern aber war in aller Zeit nichts als Haß und Furcht." Ein kleines, listig wissendes Zucken ging um des Pharao Lippen. „Nichts als Haß —? setzte er an, aber seine des längeren Sprechens ungewohnte Stimme verschleierte sich und brach, er mußte sich räuspern und 'uhr erst nach einer Weile fort: „Der Alte sprach von einer Heimat, die ihr suchen wollt. Welches Land, wohin mein Zepter nicht" reicht, ist euer?" „Die Stätte, die uns bestimmt ist, trägt einen Namen, den auszusprechen uns noch verwehrt ist." „Wo liegt sie? Welchen Weg gedenket ihr einzuschlagen?" „Das wird sich uns erhellen,, wenn erst der Fremde Wegstaub von unsern.Lidern gefallen ist. In der Einsamkeit der Wüste müssen wir vorerst uns sammeln und harren, daß Gott uns Weg und Ziel weise." Moses Augen blitzten hart wie in Drohung. Es war, als träte er wuchtig vor da» Tor eines Geheimnisses, um es mit seinem Leibe zu decken. Der Pharao schwieg eine Zeitlang; aber man sah, er war noch nicht zu Ende. „Du hast gehört: es geht nicht," fing er wieder an. „Schatzhäuser und Tempel müssen gebaut werden. Ziegel müssen gestrichen werden. Die Hebräer haben es bisher getan; sie werden es weiter tun." „Den kriegsgefangenen Haufen gesteht man das Recht zu, schmähliche Arbeit zu verweigern; warum nicht den Hebräern? Auch sie werden Kelle und Schaufel den Vögten hinwerfen und sprechen: wir fronen euch nicht mehr, laßt uns ziehen." Ein grunzendes Lachen unterbrach Mose: es war Re-men-cheper, der es sich erlauben durste, in ein Gespräch, das der Pharao führte, mit Meinungsäußerungen einzufallen. „Ein niegesehenes Schauspiel!" höhnte er, „ein Hebräer, der dem Fronvogt die Stirne bietet! Bisher wußten wir nur, daß Hebräer unterwürfig sind wie kriechende Hunde und jedes eigenen Willens entbehren!" Dem Pharao schien der Einwurs willkommen. Seine Augen glitzerten, als freue er sich über die Röte zorniger Scham, die in Moses Schläfen gestiegen war. „Kannst du das leugnen? "^ief er auf den Hebräer hinab, lebhafter, als er bisher gesprochen. Aber Mose war schon wieder ruhig. „Ihr kennt das Volk nur in seiner Niedrigkeit," erwiderte er stark und gelassen. „Doch in ihm lebt eine Gewalt, Unbekannt bisher, davon eure Verachtung nichts ahnt. Gebt acht, daß sie nicht mächtiger werde als ihr und euch überwinde!" Er trat zurück und stand in schicklicher Haltung, der Entlassung gewärtig. Er war es, der das Gespräch abgebrochen hatte, und das „Genug!", das der Pharao scharf wie ein Peitschenhieb hinter ihm dreknschmetterte, die heftig wegsegende Gebärde der edelsteinsunkelnden Hand fielen gleichsam ins Leere. Wedelträger und Türhüter walteten ihres Amtes, und die Hebräer fanden sich auf den heißen Steinplatten des Hofes wieder. Ktnberecfe. Die beste Ware. Von Michael Sachs. Beladen kam ein Schiff mit reicher Fracht, Die aus der Ferne war herbeigebracht, Und jeder Kaufherr sah mit Wohlgefallen Sein Gut emporgetürmt in vollen Ballen. Nur Einer, — ein Gelehrter — ohne Lasten Zu Schiffe war, noch hat er Kist' noch Kasten. „Wo hast denn du die Maren?" die Gefährten. „Ich habe meine Güter wohl verschlossen." „So zeig' sie uns!" drauf sprechen die Genossen. „Ich werde sie, wenn wir zur Stadt gelangt. Euch zeigen, wenn Euch so danach verlangt." Sie suchten überall nach seinen Sachen, Sie fanden nichts und Huben an zu lachen. Da in den Hafen sie nun glücklich kamen. Die Zöllner ihre Güter ihnen nahmen. Und leer und kahl und aller Habe bar, Stand da die reichtumstolze eitle Schar. Doch unser Weiser lenkte seine Schritte Hinein zur Stadt, in der Gemeinde Mitte, Und vor dem Volke, das herbeigekommen. Da lehrt und predigt er zu Nutz und Frommen, In reichem Strome fließt der Rede Welle, Geschöpft aus evpger Erkenntnis Quelle. Reich spendet er des Glaubens heilge Lehren» Und alle hörend, alle hoch ihn ehren Und reichen ihrem Gast mit vollen Händen Als ihrer Liebe Gab' und Spenden. Erstaunt sehen das die Schiffgefährten, Und ihm mit fleh'nder Miene sie sich näh'rten: „Und sei uns jetzt, da du so hochgeehrt, i Aus Freundschaft deine Fürsprach auch gewährt." I