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Der Israelit · 1923-08-23 · Heft 34 (23.8.1923) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 34 (23.8.1923)
Date
1923-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Fahrt zur Kenessio. Bon Sch. Wir waren im Zuge etwa sechzig Agudisten aus allen Enden Deutschlands, verteilt auf alle Wägen. In unserem Abteil satzen und standen wir zu zehn, einige Rabbiner dabei, und mehrere jüngere Freunde, die ihre Ferien zu einer R u r der Seele in Wien verwenden wollten. Im Nebenabteil drängten sich Wiener Binder, bräun hebrännt wi^EZigeüner, die Mn einer Erholung in Deutschland heimkehrten und mit der ganzen vorlauten- Ausgelassenheit der Ferienjugend Fahnen schwenkten und österreichische Vaterlandslieder sangen. Ich bin nicht abergläubig. Schäfchen am Morgen vermögen in mir keine Glücksgefühle zu wecken und andere weniger glückbringenden Wesen dürfen mir zu allen Zeiten des Tages ruhig über den Weg laufen, ohne mich zu bedrücken. Aber in diesem Punkte glaube ich an Vorzeichen. Wenn ich bei einem Unternehmen auf lachende und singende Jugend stütze, so nehme ich es stets als gutes Omen. Jugend ist Zukunft, und eines Volkes Zukunft lätzt sich durch Not nicht umbringen. Binder des Elends haben im Lande eines noch grötzeren Elends Erholung gesucht und gefunden. Und sie schwenken Fahnen und singen . . . Eines gedrückten Volkes Zukunft lacht und singt . .'. Und wir eilen einer grotzen Versammlung entgegen, auf der eine grotze Vergangenheit in eine glücklichere Zukunft weisen soll . . . Wir sind hoffnungsroh, Kinderlachän ist ein gutes Omen! Und jetzt erheben wir uns wie ein Mann, um gemeinsam zu beten. Die Jungen stecken die Köpfe zusammen und schweigen verwundert. Und sie lauschen interessiert, da unser stilles Gebet in ein lautes übergeht: „Hüter Israels. Hüte den Ueberrest Israels. Datz nicht verloren gehe Israel. Das spricht: Höre Israel! . ." In Würzburg hält der Zug über eine Stunde und die Freunde und Gesinnungsgenossen aus allen Abteilen finden sich auf dem Perron. Man möchte bei der, brütenden Hitze, etwas für äen Durst tun, wozu eine Art Stehbierhalle oor dem Zuge gute Gelegenheit bietet. Der Andrang ist grotz, man ist ja in Bayern. Bayern hatte früher das beste Bier und die frohste Genütlichkeit. Das Bier ist jetzt verwässert und )ie Gemütlichkeit vergiftet. Wer den Andrang im Büffet mitmacht, kann leicht zu hören bekommen, datz er ein Jude ist. Selten war ch darauf so stolz, wie jetzt auf dieser Reise, über man wird doch erinnert, datz man in öäyern ist . . . In Pass au kommen wir in später Rachttunde an. Ein kleiner grauer Bahnhof, anrefüllt' mit verschlafenen Menschen aus ganz Nitteleuropa und Halbasien. Man spricht kroaisch, tschechisch, polnisch, ungarisch, slowakisch, deutsch, jüdisch und aus dem Schlafe. Mählich' eeren sich die dunklen Räume, da der Zug nach Wien abfährt. Wir aber bleiben, da wir das Ziel unserer Reise auf dem Wasserwege erreichen möchten, und das Schiff erst fünf Uhr morgens abdampft. Es ist eine herrliche Hochsommernacht, ein Sommernachtstraum. Der noch fehlende Mond (es ist erster Elul) ist durch Sternenschare vertreten, und von der österreichischen Seite wehen uns milde Lüftchen entgegen. Die älteren Herrn verhandeln in kleinen Gruppen über die auf der Tagesordnung stehenden Fragen, die jüngeren suchen irgendwo auf Listen und Lasten eine kurze Schlafgelegenheit. Ich stehe an die eiserne Grenzbarriere gelehnt, mit den Händen nach Oesterreich hinausgreifend, und denke über die Schicksale von Völkern und Ländern nach, so wundersam geschmiedet von Ihm, dem man sich nie so nahe fühlt als in dieser stillen Nachteinsamkeit an der Grenze zweier Länder. OunktdreiUhr erscheint, wie aus der Nacht getreten, der von uns gemeinsam gemietete Dienstmann. eine ungesunde Mischung von baoarischer Derbtheit und österreichischer Gemütlichkeit, der unser Gepäck auf seinem breiten Handkarren zum Hafen bringt. Wie wir so hinter dem Manne durch die verschlafenen engen Gassen der alten Grenzstadt müde und übernächtig im Gänsemarsch herstapfen, ergibt es ein eigenartiges Bild. Wir sind etwa unserer zwanzig, aus Deutschland und Dänemark, aus Polen, aus Holland, aus der Schweiz und aus Amerika. Ein Ausschnitt messianischer Sammlung. Aber der uns voraus durch die Nacht zieht, hat nichts mit dem „Armen auf dem Esel" gemein. Er ächzt und schimpft und lätzt jeden Augenblick einen anderen Koffer auf die Nachtstratze kollern, sodatz die meisten es für gut finden, sich ganz dicht an den Karren zu halten und ihre Gepäckversicherung in eigene Hand zu nehmen. Was ein wundervolles Viereck dieser Hafenplatz, umsäumt vom alten Rathaus mit seinem gespenstig in den grauenden Morgen ragenden Turm, von dem Zollamte mit den vielen Schuppen und der raunenden Donau. Gegen vier Uhr steht die Sonne am Osthimmel, kam von weit her, ohne Visum und Sichtvermerk über sämtliche Grenzen und Zollschranken der Welt. Um halb fünfe geht auch die Türe zum Zollamte auf Und das übliche Drängen und Schieben — es sind inzwischen von allen Seiten noch Menschen dazu gekommen — hebt an. Aber man ist rasch „erledigt" und befindet sich, kaum daß man sich dessen versehen, auf der österreichischen Seite und auf dem Dampfer. Es ist nicht der Dampfer, nicht das Schiff, das uns unser Grotzörganisator Dr. Meier Hildesheimer — Gott erhalte ihn uns — zum Zwecke der Kenessio erbauen wollte. Aber immerhin ein Dampfer, auf dem es beinahe hättet gemütlich werden können, wenn er nicht so ungemütlich voll angefüllt wäre mit Bauern, Schiffern, Händlern, Grenzschmugglern, Marktfrauen und anderen Leuten, die zur Aguda und Kenessio nicht in mindester Beziehung stehen. Man ist in einer anderen Welt und fremde Töne, wenn auch in deutscher Sprache, streifen das Ohr. Wenn sich die Menschen grützen, so „haben sie die Ehre" und wenn jemand Hunger hat, so bestellt er eine „Jause", am Schiffsbug aber, wo ein gemütlicher Platzstreit entsteht, wird einem ein „Watschen" angeboten, wenn er nicht um die „Ecken" auf die „Seiten" geht. Wir sind in Oesterreich . . . Es gilt zunächst, der uns von der aufgehenden Sonne auferlegten ersten Tagespflicht gerecht zu werden. Unser „Räbbinischer Rat" — es sind drei Rabbiner an Bord — ist der Meinung, es bete jeder für sich möglichst unauffällig. Allein bie- Jugend — es ist erhebend tgibt nicht locker, sie mag auf das gemeinsame Gebet nicht verzichten und schickt „Chaluzim" aus nach dieser und jener Seite, bis eine Ecke in der Kajüte zweiter Klasse gefunden, ist, die sofort besetzt wird. Und das schwimmende kleine Gotteshaus ist angefüllt mit tallisgehüllten Gestalten. Es wird so gemütlich und andächtig gebetet, als wäre man in einem heimatlichen Beth Hamedrasch. In Linz nimmt uns ein grotzes, modernes Schiff auf, auf dem es noch schöner hätte werden können, wenn nicht bereits sämtliche Plätze oben und unten von Ausflüglern und Vergnügungsreisenden aller Nationen besetzt worden wären. Wir haben neben der unvergleichlich schönen landschaftlichen Aussicht auch noch die weniger schöne Aussicht, nach durchwachter Nacht etwa zehn Stunden im Gedränge zu stehen. Aber unsere Jüngeren sind unerschöpflich und unermüdlich und haben bald nicht nur Sitzplätze, sondern auch Schlafgelegenheit entdeckt. So wird die Fahrt im ersten Teile erträglich und im zweiten bei vorüberziehenden, prachtvoll bewaldeten Bergketten und malerischen Dorfflecken, in angeregter Unterhaltung, zu einem herrlichen Erlebnis. Mit Sonnenuntergang landen wir in der Stadt unserer Sehnsucht, wo wir mit einer Herzlichkeit empfangen werden, wie sie nur den Wienern und doppelt den Wiener Agudisten eigen ist. Der Kenessio-Savvat. In einem Hochgefühl, das kaum noch eine Steigerung verträgt, Kopf und Herz übervoll von jüdischen Hochgedanken, im Ohre noch das Summen der herrlichsten Worte, die man je in dieser Fülle und konzentrierten Form zu hören bekam, trat man den Sabbat an. Sabbat in der Fremde, es gehört nicht zum angenehmsten. Aber war man hier in der Fremde? War das nicht alles so heimisch und vertraut, was uns da im Kreise von Brüdern umgab und umrauschte und die Seele bis ins Tiefste bewegte? Die Sabbatseele war schon da, als die Sabbatlichter, in welchen Räumen auch immer, aufflackerten. ... Wie viele Synagogen und Bethäuser es in der Donaustadt auch geben mag,, soweit sie gut jüdisch sind, waren sie alle vollgefüllt. In der Schiffs sch ul konnte man zum Sabbatmorgen-Gottesdienst sich noch kaum Eintritt verschaffen. Der Chasan mit seinem, verstärkten Meschoraimchor gab das Beste, was je ein Chasan geben konnte. Vor dem Ausheben betrat Oberrabbiner Fürst, ein ehrwürdiger Greis, den Tallis über den Kopf gezogen, die Kanzel, um mit schönen Worten, aus dem ewigen Born der jüdischen Lehre flietzend, die Delegierten und Gäste der Kenessio zu begrützen. Ueberall, wo Männer des jüdischen Geistes und der jüdischen Tat sich in grotzer Versammlung zusammenfinden, ist es eine Sammlung um den Choreb, so las er aus einem Satze des laufenden Wochenabschnittes heraus. Dann wurde geleient, wobei Führer und Ehrengäste mit Aufruf beehrt wurden. Vor dem Hause wogte aber in froher Sabbatstimmung die Menge derer, die schon an Frühgottesdiensten teilgenommen hatten und nur zur Begrützung hergekommen waren. Vollgefüllt fand ich auch die sogenannte „Polnische Schul", eine Synagoge, die in Grütze, Ausstattung und auch Ordnung sich mit den grotzen Tempeln der Grotzstädte messen kann. Dort hörte man einen polnischen Chasan. der die Gabe hat, mit einem prächtigen lyrischen Tenor die steilsten Höhen emporzuklimmen und dann so sanfte Abstiege vorzunehmen, datz sich das Herz in Wonne auf und ab bewegt. Es lohnte auch ein Blick in den „Türkentempel", wo die in Wien heimischen spaniolischen Granden — nicht beten, denn eine unheimliche Leere gähnte im schönen, bei hellem Tage gutbeleuchteten Raume. Rabbiner und Vorbeter sprechen und singen in sephardischer Aussprache und fremden Melodien ihre Ge-

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