Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1923)
- Date
- 1923-08-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Hyacinthus Orientalis L. Von JacoS Israel de Kaan in Jerusalem. I. Um nun mal sofort mit der Hyazinthe ins Haus Zu fallen. Ein gelehrter Leser fragt mich an, ob ich ihm keinen kleinen Strauß von der wilden Hyazinthe, Hyacinthus Orientalis L., die in Palästina Vorkommen soll, beschaffen kann. Drinomoze und Post geben in ihrer „Die Flora Palästinas" die wilde Hyazinthe wirklich an. Und der Platz, an dem sie zu finden ist, wird sehr eingehend angegeben: in den Bergspalten. Nun kann man also ruhig ans Suchen gehen. Man hat nächstes Jahr von Februar bis April Zeit damit. Aber vielleicht ist es doch' bequemer zu Herrn Efrajim Roubanovitz zu gehn. Ohne - Zweifel ist er der größte jüdische Pflanzenkundige in Palästina. Und wenn die wilde Hyazinthe wirklich in Erez Israel blüht, dann geht das nicht, ohne daß Herr Roubanowitz davon etwas weiß. Keine Pflanze könnte 'das wagen und wäre sie noch so wild. In der Tat: Herr Roubanowitz kennt diese Hyazinthe. Er hat sie zwischen Ierusalem und Iericho blühen sehen. Er will den genauen Platz in seinen Aufzeichnungen aufsüchen. Und nächsten März will er dann für unseren Leser die Blume finden. n. Efrajim Roubanowitz ist einer der jüdischen Typen aus einem Geschlecht, das verschwindet. Ein Vierziger. Im Gouvernement Poltawa geboren. Sein Vater ein bekannter Rabbiner. Und er fromm erzogen. Ein kleiner Talmudist. Wie so viele aus dieser Generation hat sich Roubanowitz später vöm orthodoren Gottesdienst abgewandt. Aber im Talmud sieht er immer noch einen sehr wertvollen jüdisch-nationalen Besitz. Die Liebe einer Iugend geht so leicht nicht verloren. Die jüngeren russischen Emigranten haben doch größtenteils keine gute jüdische Erziehung mehr genossen. Obwohl man doch noch manche unter ihnen findet, die wohl noch was wissen. Aber das Geschlecht, das in zwanzig, fünfundzwanzig Iahren kommen wird, wird unserer Heiligen Schrift in großer Unwissenheit und ohne Liebe gegenüberstehn. Bevor Roubanowitz nach Palästina kam, hat. er in Nancy Mathematik und Naturkunde studiert. Vor ungefähr fünfzehn Iahren hat er sich als Leiter der Ica-Schule in Petach Tikwah hier niedergelassen. Aber als er sah, daß ihm noch viel an Wissen abging, kehrte er nach Europa zurück und studierte in Lausanne Naturgeschichte. Aber sein Herz wollte Palästina nicht loslassen. Vor dem Kriege war er am Iaffaer Gymnasium Lehrer. Als die Türkei sich den Zentralmächten anschloß, mußte er als russischer Untertan das Land verlassen. Aber er wollte nicht. Er versteckte sich hier. Versteckte sich dort. Schwärmte im Lande herum. Wußte an einem Tage nicht, was er am anderen essen würde. Nach dem' Kriege wurde er Lehrer am Seminar in Ierusalem. Jetzt ist er Negierungsberater für botanische Angelegenheiten und befaßt sich mit dem Materialiensammeln für das Botanische Museum in Haifa. Er vertritt die jüdische Arbeiterpartei in der Jüdischen Abgeordnetenversammlung. Und er ist einer der Mitglieder des jüdischen Selbstverteidigungskorps gewesen, die mit Iabokinsky in Arko gefangen wurden. III. Auch als wissenschaftlicher Schriftsteller hat Roubanowitz große Verdienste. Zahlreiche .Pflanzennamen des Talmuds konnte er identifizieren. Er arbeitet an einer Ergänzung und Verbesserung des Buches „Aramäische Pflanzennamen" von Oberrabbiner Immanuel Löw aus Ungarn, der durch seinen Prozeß so bekannt geworden ist. Er arbeitet an einer botanischen Geographie Palästinas. Das ganze Land bis Raffa, el Arisch und Sinai kennt er zu Fuß, zu Pferd und zu Kamel. Alle Wege hat er in seiner Karte eingezeichnet und alle Pflanzenplätze sind angegeben. In Vorbereitung ist eine Flora von Palästina nach der Art der „Flore pittoresgue de la France." Er ist ein ausgezeichneter Kenner des in Palästina gesprochenen Arabisch mit allen seinen städtischen, fellächischen und beduinischen Dialekten. Er hat eine Menge von Angaben gesammelt, welchen Gebrauch die Araber von ihren Pflanzen machen: Talisman, Nahrung, Farbstoffe usw., die ihm natürlich ganz außergewöhnlich bei den Identifizierung der talmudischen Pflanzennamen nützen. Eine Spezialuntersuchung hat er über die rätselhaften Dudaim angestellt. Jene Dudäim, mit denen die Mutter Rubens und Issachars die Liebe Jacobs gewann wie jeder, der lesen und schreiben gelernt hat, es finden kann in. Genesis XXX: 14—18. IV. Er hat auch über die Lilien des Feldes geschrieben. Wie es heißt: „Schaut auf die Lilien des Feldes, wie sie wachsen, sie arbeiten und spinnen nicht" (Matthäus VI28). Es versteht sich von selbst, daß die Lilien des Feldes keine Lilien gewesen sind, wie es eigentlich geschrieben steht. Hätte es zum Beispiel geheißen: „Schaut auf die Butterblumen des Feldes", dann hätte es der Mühe gelohnt, zu beweisen, daß es sicher keine Butterblumen waren, sondern Rosen, Maiblumen oder gar Lilien. Aber da nun einmal steht: „Schaut auf die Lilien des Feldes" lohnt es sich, zu beweisen, daß es keine Lilien sind. Und was hat man schließlich nicht alles bewiesen. Daß sie' Gladeolus wären, oder Iris, oder Anemon. Aber Herr Roubanowitz ist mehr dafür, zu beweisen, daß die Lilien des Feldes keine Lilien waren und 'rein Gladeolus, und kein Iris und auch kein Anemon. Sondern ganz gewöhnlicher Anthemis. Und so hätten wir in unserer Iugend singen müssen: „Seht die Anthemissen des Felds, > „Seht, wie schön sie blü-ü-ü-hen." ' V. Roubanowitz ist ein gelehrter Mann. Aber vor allem: er ist ein praktischer Mensch. Er will die Juden wieder zur Natur zurückbringen, von der sie sich so grausam entfremdet haben. Man muß die Pflanzenwelt nicht nur aus den Büchern studieren. Auch aus der Natur. Unterricht gab darum Roubanowitz selten in der Schule selbst. Aber draußen. Ausflüge, immer Ausflüge. Einige Pflanzen, die in einem Tage blühen und dann schon wieder vergehen, hat er mit seinen Schülern von Stunde zu Stunde beobachtet. Wir haben aus den Büchern all die Pflanzennamen gelernt, die wir doch niemals gesehen haben oder sehen werden. Aber das Leben der Pflanzen dicht bei uns kannten wir nicht. So ist es hier auch noch. Der Unterricht ist zu bücherisch, zu trocken, zu schulmäßig. Natürlich kann man alle Pflanzen nicht gleich draußen in der Natur sehen. Aber dem kann man durch Museen im großen und kleinen entgegenkommen. Was hängt in unseren Schulklassen als Verzierung an den Wänden? Pflanzenkarten. Roubanowitz will mehr. Er ist im Konservieren der Pflanzen außerordentlich geschickt. Die Pflanzen, die er aufbewahrt, sind nicht tot. Sie sind nicht vertrocknet. Sie leben in einer unbewußten Natur. Er bewahrt sie hinter Glas, in nicht tiefen Rahmen gefaßt. Im Aufträge der Regierung hat er für das Museum, in Haifa hunderte und hunderte Pflanzen in dieser Art aufbewahrt. Er hat sie in Listen derart geordnet, daß man alle Pflanzen, die in einem bestimmten Monat in einer bestimmten Gegend blühen, beieinander findet. In' jedem Dorfe müßte eigentlich ein kleines Museum sein, das alle Pflanzen aus der Umgebung umfaßt. Und davon sollte man Abbildungen machen. Und diese Malereien sollten in den Schulklassen hängen. Man sollte den Kindern auch viel mehr den Nutzen und die Gefahren der einzelnen Pflanzen beibringen. Roubanowitz kommt durchs ganze Land. Und es ist schwer, ihn irgendwo zu fassen. UeberaN ist er, Und immer ist er bereit, von seinen Kenntnissen anderen mitzuteilen. Er hat eine Ausstellung von aufbewahrten Pflanzen veranstaltet, von der Prof. Geddes angab, er habe nie so etwas schönes gesehen. Und dabei ist der Alles-Professor Geddes von Fach Pflanzenkundiger. In den wissenschaftlichen Gesellschaften, woran Ierusalem so reich ist, wird Roubanowitz als einer der besten Redner betrachtet. Aber er findet es auch nicht unter seiner Würde, in einer der kleinen jüdischen Ansiedlungen oder- Kewuzoth, irgendwo in Galiläa oder zwischen Berseba und Rechoboth verloren, wo er mal zufällig mit seinem Eselchen oder. Kamel hinkommt, zu sprechen. Auf Ausflügen. Ich habe ihn mal auf dem Dache eines Versammlungshauses über arabische Sternenlegenden sprechen hören. In letzter Zeit hat er sich nun für die Blinden interessiert. Das Blindeninstitut ist immer noch in großer Not. Herr Goldschmidt hat früher den Blinden Turnstunden gegeben. Das ist natürlich eine Geduldsarbeit. Jede Stellung muß jedem Schüler besonders einstudiert werden. Aber die Befriedigung ist groß. Denn erstens ist Turnen für Blinde sehr gesund, da sie immer dazu neigen, schlecht zu laufen. Aber dann ist es auch psychisch für die Blinden von großer Bedeutung, da sie sich dann so nahe den Gesunden fühlen. Das reißt sie auf. Als Herr Roubanowitz die Blinden in der Turnstunde so glücklich sah, stieg in ihm der Gedanke auf, ob man ihnen nicht auch Pflanzenkunde beibringen könnte. Und daran hat er sehr gut getan. In erster Reihe lehrt er sie nun' die Pflanzennamen, die in der Heiligen Schrift Vorkommen. Ihre Form, Duft, Saft, Geschmack. Er hat sie belehrt, daß der Duft mit der Jahreszeit wechselt. Wie Frühlings- und wie Sommerduft sei. Er hat auch die Blinden auf Ausflüge mitgenommen und ihnen die Musik der Blumen gelehrt. Wie der Wind durch das hohe Wintergras rauscht. Und wie das Wetter auf die Form und den Stand der Blätter wirkt. Seine Blinden sind lernbegierig und ein gefühlvolles Publikum. VII. Hyacinthus Orientalis L. Nun kommt schon bald der Winter wieder. Und - die Regenzeit. Aber der Winter ist hier die Zeit des Lebens. Die Berge rund um Jerusalem, wovon der "heilige Psalmist. spricht, werden wieder grün. Dann regnet es viel und der Jobsbrunnen im Siloatal strömt über. Dann gehen wir in die Berge zwischen Ierusalem und Iericho und hoffen, auch dem gelehrten Leser alsbald ein Sträußchen Hyacinthus Orientalis L. schicken zu können. _ (Uebersetzung aus dem Holländischen von H. K.) '(Die amerikanischen Jude» und die Huöerkutofe)» Eine jetzt veröffentlichte Statistik ergibt die interessante Tatsache, daß unter allen Nationalitäten in Amerika die Juden die größte Widerstandskraft gegen die Schwindsucht entwickeln. Von 100 000 New Yorker Einwohnern starben jährlich bei den Irländern und Finnländern 342, bei den Griechen 228, bei den Schweizern 217, bei den Schottländern 181, bei den Engländer 136, bei den Deutschen 133, bei.den Franzosen 130, bei den alteingesessenen Amerikanern 108 und bei den Juden nur 36 Personen. Dazu muß noch bemerkt werden, daß kein Bevölkerungsteil unter der Wohnungsmisere und dem Mangel an Licht und Luft so zu leiden hat, wie gerade die Juden. Freilich wird aus der anderen Seite in keinem anderen Kreise so viel aufphilantropischem und karitativem Gebiet getan, als bei den Juden, und es wird hier kein Mittel zur Bekämpfung dieser tückischen Krankheit versäumt. Zuwendungen für den Lubawitzer und seine 3 in Russland und Palästina nimmt entgegen- Philipp Wolfff, Frankfurt a. ML Schwanenstrasse 6 Postscheck-Konto 55043.