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Der Israelit · 1923-08-09 · Heft 32 (9.8.1923) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 32 (9.8.1923)
Date
1923-08-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ST Der Israelit vk.rr i-rr Eine moderne Ehe. Eine Erzählung von Walya» Areyfnß in Mülhausen (Elsaß)' (Schluß.) Benjamin hatte zu Ende gelesen. Eine Zeit - lang stand er da, ohne ein Wort zu reden. Er -Machte an seinen Vater, dessen lächelnde Züge er sich nur noch ganz dunkel vorstellen konnte. Mit welcher Achtung und Li^e hatte nicht seine Mutter stets von ihm erzählt, sie, die so viel durch seine Fehler hatte leiden müssen. War vielleicht dieser Herr Krön, von dem das Mädchen so viel geschrieben hatte, sein für verschollen gehaltener Vater?" Er wurde in seinen Gedanken durch die Alte unterbrochen, die unterdessen den Brief wieder fortgelegt hatte. „Nun, Perlenkron, was hältst du davon? Glaubst du nicht auch, daß wir in dem Herrn Krön deinen Vater vor uns haben?" meinte die Alte. Benjamin erwiderte: „Wohl möglich, aber so sicher dürfen wir es auch nicht hoffen, da Ähre Tochter .sich auch sehr leicht getäuscht haben kann. Aber wir wollen das Beste wünschen, daß ich bald meinen Vater um den Hals' fallen kann." Benjamin bedankte sich bestens für die Mitteilung und verabschiedete sich von der Alten, die ihm baldige Genesung seiner Mutter und Wiedersehen seines Vaters wünschte. Bei seiner geringen Einnahme konnte er es nicht über sich gewinnen, von dem nahegelegenen Orte aus die Bahn zu benutzen, sondern er schlug den Rückweg zu Fuß ein. Hoffnungsfreudiger jedoch als er am Morgen die Stadt verlassen hatte, betrat' er sie wieder. War es gerade nicht viel, was er heute erfahren, so war es doch genug, um sein Herz höher schlagen zu lassen. ©s war schon dunkel, als er zu Hause an- Ä Ein trübes Licht erhellte die Stube, m. Mütter, die trotz ihrer Krankheit das BLttt nicht hatte hüten müssen, sich schon zur WiHes begeben hatte. Langsam betrat er die Wohnstube, um ja die liebe Mutter nicht in Meak Schlafe zu stören. Doch kaum war er etzWettÄen, da rief sie ihn bei Namen, ob er ■ ° Ijfer M. _ „3a, ich bin es, liebe Mama: wie geht es bei Dir?" „Ein wenig besser: ich fühle mich viel stärker, seitdem Du wieder zu Hause bist. Der Arzt sagte es auch heute, daß Besserung vorhanden sei." Nachdem er rasch' gespeist hatte, fragte ihn seine Mutter, wie es ihm heute ergangen und rM er mit den Geschäften zufrieden sei. „So ziemlich", erwiderte Benjamin, um sie M nicht zu betrüben. Hierauf setzte er sich ün ihr Bett und sprach: „ÄH will Dir nun noch etwas mitteilen, was Dir wahrscheinlich Freude bereiten wird. Mirjam legte die Hand des lieben Sohnes in die ihrige, und er begann kurz, aber mit schonenden Worten, ihr alles mitzuteilen. Als er geendet, sprach die Mutter unter Tränen: „Es herrscht für mich kein Zweifel mehr, daß Herr Krön mein für mich verloren geglaubter Rudolph ist. Bete zu Gott, daß er ihn bald zurücksenden möge und zwar als einen anderen. Nun aber lege Dich zu Bett, denn Du wirst müde sein nach einem so langen Marsche." Benjamin gehorchte: er sprach das Nachtgebet und legte sich zur Ruhe. Aber weder er noch seine Mütter fand den ersehnten Schlaf, das Gehörte hatte sie zu sehr in Aufregung versetzt. Am folgenden Morgen begab sich Benjamin wieder auf den Weg, trotzdem er noch sehr ermüdet war, in der Hoffnung, heute bessere Geschäfte zu machen. Zur gewohnten Stunde erschien der Rabbiner, um Mirjam zu besuchen. Wie erstaunte der fromme Mann, als er die erfreuende Nachricht vernahm. Mirjam fragte ihn, was er jetzt zu tun rate. Der Rabbiner war der Ansicht, es wäre das Beste, abzuwarten, da man erstens nicht wisse, ob der Herr Krön in Wirklichkeit Rudolph wäre, und da könne er, wenn man nach Louisville schreibe, schon abgereist sein. Falls er der Verschollene sei, so werde er schon zurückkommen, da er von dem schweren Unglück gehört habe, das sein Weib und sein Kind betroffen. Es sei dies umso eher anzunehmen, als Krön dem Anschein nach' in glänzenden Verhältnissen lebe und keinen Grund habe, sich noch länger von seinen Lieben fernzuhalten. „Also warten wir ab und hoffen wir, daß der liebe Gott noch alles zum .Guten wenden werde. Lebe wohl und werde bald gesund, meine Mirjam! Ich denke, morgen wieder nach Hause zu fahren, da meine Urlaubszeit abgelaufen ist. Ich werde Dich aber dennoch möglichst oft besuchen. Und nun lebe wohl!" Hiermit verabschiedete sich der Rabbiner. Wieder waren einige Wochen ins Land gegangen und kein Rudolph hatte etwas von sich hören lassen. Der Rabbiner war schon mehrmals aus dem Städtlein herüber zu Besuche gekommen, hatte aber zu seinem großen Schmerze jedesmal die Ueberzeugung mit nach Hause genommen, daß Benjamins Besorgnisse, die er schon öfters ihm gegenüber geäußert hatte, nur zu berechtigt seien. Mirjam hütete nun schon einige Tage das Bett und fühlte sich schwach: aber sie hatte die Hoffnung noch nicht ausgegeben, daß Rudolph zurückkehren werde und dies hielt sie noch aufrecht. Doch schnell verschlimmerte sich der Zustand der armen Frau. Eines Morgens war gerade der Arzt anwesend. als auch der Rabbiner eintrat, um die Kranke zu besuchen. Schon längst hatte er gerne den Arzt um seine Meinung gefragt. Jetzt bot sich ihm die beste Gelegenheit hierzu. Als der Arzt das Krankenzimmer verließ, begleitete er ihn vor die Türe, Benjamin in der Stube zurücklassend, der, seit seine Mutter bettlägerig war, nicht mehr über Land gehen konnte. Draußen fragte der Rabbiner den Arzt: „Herr Doktor, was halten Sie von dem Zustande der Frau Perlenkron?" Der Ungefragte runzelte die Stirn. Man konnte ihm ansehen, daß sein Urteil nicht gerade günstig ausfallen würde. „Der Zustand der Frau ist ernst, ja gefährlich zu Kennen, und große Hoffnung auf Erhaltung ihres Lebens kann ich Ihnen nicht machen. Vor Kummer ist die Kranke allmählich dahingesiecht, und jetzt hat noch Mer starke Feind des Menschen, die Lungenentzündung, eine derartige Verschlimmerung ihres Zustandes eintteten lassen, daß ich das Schlimmste befürchte." Der Arzt entfernte sich und der Rabbiner betrat tiefbetrübt die Stube wieder. Benjamin mochte es ihm ansehen, daß er soeben keine erfreulichen Worte vernommen, denn er brach in Tränen aus. Der Rabbiner bezwang sich und suchte ihn zu trösten: es sei nicht so schlimm, wie er es sich vorstelle, seine Mutter könne wieder ganz gesund werden, er dürfe nur nicht verzagen. In großer Besorgnis fuhr Rabbi Simon nach Hause. In dem Zustande Mirjams trat keine Besserung ein: die Gefahr steigerte sich zusehends. Zwei Tage nach dem Besuche verlangte Mirjam den Rabbiner. Sofort benachrichtigte ihn Benjamin telegraphisch davon. Schon am Nachmittag traf Rabbi Simon ein. Mirjam hatte den ganzen Tag phantasiert und öfters war der Name Rudolph gefallen. Bei der Ankunft ihres Lehrers lag die kranke Frau in tiefem Schlafe. Benjamin ging in'die etwas entfernt gelegene Apotheke. Bald aber erwachte sie wieder und schien bei vollem Verstände zu sein, denn sie fragte, ob der Rabbi denn noch nicht gekommen sei. Statt jeder Antwort trat dieser vor das Krankenbett und erkundigte sich nach' ihrem Befinden. „Bald wird es mir. wohler sein," sprach sie mit zitternder Stimme, „dort oben in den himmlischen Höhen, wo ich befreit sein werde von Kummer und Sorgen, die mich auf Erden verfolgt haben. Doch Sie habe ich' hierherkommen lassen, um Ihnen vor meinem Scheiden nochmals zu danken für alle Tröstungen und Linderungen, die Sie mir in meinen Sorgenstunden kgespendet. Ihnen zu danken für die aufopfernde Hilfe, mit der Sie mir und meinem Benjamin in der höchsten Not beistanden mit Rat ebenso wie Mit Tat. Mein armer Benjamin wird nun allein dastehen in der Welt: bleiben Sie auch fernerhin sein tteuer Ratgeber!" Hier hielt sie inne, denn sie fühlte sich schwach. Nach einigen Minuten hatte sie sich wieder etwas erholt und fuhr in leisem Tone fort: „Ich sollte es nicht mehr erleben, meinen Rudolph auf dieser Welt nochmals zu sehen. Wenn er aber einst wieder kommt ..." Hier wurde sie unterbrochen, denn die Türe öffnete sich und herein trat Benjamin. Ihm aber folgte, auf dem Fuße ein fremder, schlanker, älterer Herr, der ihn auf der Straße nach der Wohnung Mirjam Perlenkrons gefragt hatte. Es war der heimgekehrte Rudolph.Perlenkron! Er näherte sich langsamen Schrittes dem Sterbelager der Frau und brach unter' herzzerreißendem Schluchzen und Weinen in die Worte aus: „Rudolph ist wieder gekommen: er hat über dem Meere seine Schuld gebüßt. Er ist zu seinem Gotte zurückgekehrt, der ihn wieder erhöht hat; er hat ihn reicher und verständiger werden lassen. Mirjam, liebe Mirjam, kannst Du mir verzeihen für all das, was ich an Dir und an unserem Kinde gesündigt? Verzeihe mir, ich bitte Dich inständigst, meine liebe Mirjam, um diese letzte Gnade!" Mirjam war durch die plötzliche Aufregung erschöpft in das Kissen zurückgesunken: mit bebender, kaum vernehmbarer Stimme flüsterte sie: „Rudolph, mein Rudolph!" Und noch ein letzter Atemzug und sie war nicht mehr ... Am folgenden Tage wurde ihr Leichnam nach ihrem Heimatsorte überführt, um Neben ihren Eltern zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Mirjam Perlenkron war durch ihres Vaters Eigensinn und durch den Unglauben ihres Gatten das Opfer einer modernen Ehe geworden.

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