Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1923)
- Date
- 1923-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 32 Der Israelit 9. August 1923 nicht nur der Leib, sondern die Seele des Judentums in Gefahr geriet, sich ihres eigensten Wesens zu entäußern. Und wieder stehen wir an einer Wende. Vielleicht der einschneidendsten, die das Judentum je erlebt. Der Wirbelwind, der die Judenheit aus der Gebundenheit des Ghetto vor mehr als einem Jahrhundert zuerst in seinen Strudel zog, hat jetzt erst seine ganze Sturmesstärke erreicht. Der eigentliche Kern der Iudenheit durch den Zusammenbruch der drei Kaiserreiche atomisiert, der Materialismus im Geiste bis in die letzten Pflanzstätten urwüchsigen jüdischen Lebens sich auswirkend, eine wirtschaftliche Umwälzung, die die Treue zum Religionsgesetz auf die härteste Probe stellt, und eine Umschichtung nach Ländern, die durch ihre zur Siedehitze gesteigerte Nationalisierung dem Einwandernden jede Eigenart rauben. Und der Prozeß unbewußter Assimilation in Denken und Gewöhnung, in Lebensanschauung und Lebensführung so weit gediehen, daß das Judentum sich fast in ebenso viel Richtungen spaltet, als es Länder besiedelt. Und in diese Zeitenwende ertönt nun im Elul der Schofarruf zur Sammlung der Getreuen. Anders als sonst, da nur der kleine Kreis der Gemeinde sich zusammenfand, sollen hier Vertreter aus allen vier Enden der Erde, all derer, die zum Ewigen sich bekennen, vor Gott erscheinen, um Zeugnis abzulegen von der Lebenskraft Israels, von seinem starten Willen auch durch eine entgötterte Welt als Gottesknecht aufrecht zu schreiten. Eine Schar Geweihter und Priester des Ewigen in höchster religiöser und sittlicher Vollendung, den Namen Gottes zu heiligen, daß sie ihrem Volke die Wege weisen für die rechte Erfüllung der ehrfürchtigen Liebe zu Gott und so wie der Gottesknecht bei Jesaja zum Lichte der Völker werden, daß alle sprechen: Das sind in Wahrheit die Gesegneten des Herrn. Sind diese biblischen Reminiszenzen angebracht zur Begrüßung einer Tagung, die mit dem bis ins Einzelste geregelten allermodernsten Apparat eines Weltkongresses in die Erscheinung tritt? Doch wir glauben: wenn sie nicht angebracht, wenn dieser Appparat nicht ein rein äußerliches bleibt, erzwungen durch die Notwendigkeit, sich über Einzelfragen an bestimmten Tagesstunden und vor Sachverständigen-Gremien auszusprechen und schlüssig zu werden, dann findet der große Moment ein kleines Geschlecht. Wenn nicht im Bewußtsein eines jeden Teilnehmers zu jeder Stunde der Gedanke lebendig ist: chier geht es um ein ganz Anderes, was so weltenfern dem Gegenstände anderer Kongresse steht, hier geht es um das letzte Seelenheil eines Jeden, der hier erschienen ist, um die Zukunft des auserwählten Volkes, um das Schicksal der Welt, dann ist diese Organisation und ihre Tagung eben das Gleiche,, wie eine jede, die wir mehr schaudernd als bewundernd erlebt, dann hat . sie nicht einmal die Bedeutung der Tagung des „Völkerbundes", hinter der doch wenigstens, wenn auch im Gewände der Heuchelei, die gewaltigen realen Mächte der Welt stehen. Jsde Einmischung, jede Kritik liegt uns hier fern. Doch darf in den Blättern, die sich nun zehn Jahre bemühen, ihren kleinen Anteil zur Förderung und Stärkung des thoratreuen Judentums beizutragen, ausgesprochen werden, von' welchen Grundgedanken wir die Verhandlungen beherrscht sehen möchten, wie wir unabhängig von allen Einzelfragen uns die Grundstimmung denken, die über alle Einzelberatungen und Beschlüsse hinaus den dauernden geistigen Erfolg gewährleistet und die uns allein der geschichtlichen Bedeutung dieses Ereignissses würdig erscheint. Unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln, was nur in uns sich regt und zur Betätigung drängt, nicht nur in Weihestunden religiösen Empfindens, auch in jeder profanen Beschäftigung, unser Beruf und unsere Erholung, unser Wirken in Haus und - Gemeinde, unser Verhältnis zur jüdischen Gesamtheit und zu dem Staate, in dem wir heimisch sind, alles, alles soll sud specie aeternitatis unter den Gesichtspunkt der Ewigkeit gestellt werden, d. h. für uns unter das Pflichtgebot des, am Sinai offenbarten und von unseren Weisen noch fester umrissenen Religionsgesetzes. So will es das überlieferte Judentum, und das ist das Programm der Agudas Iisroel. Als der bedeutsamste Weg, die Gesamtheit des thoratreuen Judentums diesem Ziele entgegenzuführen, ist mit Recht stets die Verbreitung des Thorastudiums angesehen worden. Wie die starke Berührung von Ost und West, hervorgerufen durch die Umwälzungen im Weltkrieg und seine Folgeerscheinungen, die Bestrebungen der Agudas Iisroel im letzten Jahrzehnt aufs Glücklichste unterstützt hat, ist allgemein bekannt. Weniger tritt naturgemäß in die Erscheinung die Anähnelung des Westjudentums an die Einstellung des Ostjudentums in der Lebensanschauung, obwohl auch sie manche Fortschritte gemacht. Diese Einstellung ist dadurch charakterisiert, daß sie in besonders hohem Maße die Diskrepanz zwischen Lehre und Leben, zwischen Theorie und Praxis zu überwinden sucht, daß sie den Juden in einer dem Außenstehendem schier fremdartig erscheinenden Weise zu einem Volljuden sich entfalten läßt, der Jetrt ganzes Leben und sein Leben ganz als Jude lebt. Dort^ wo die europäische Kultur geistig, wirtschaftlich und sozial sich des Juden bemächtigt, war immer der Erfolg: ein Jude daheim und ein Mensch draußen, wobei an den Begriff des „Juden" bescheidene Ansprüche gestellt waren und der „Mensch" als der Mensch der Zivilisation.. nicht aber als der der Kultur oder gar - des Jdealtypus des Judentums sich gab. So sehr wir nun überzeugt sind, daß ein tieferes Eindringen in unsere heiligen Quellen auch zu einer Umwandlung des Menschen führt, in immer höherer .sittlich-religiöser Vervollkommnung zur letzten Stufe, so gefährlich ist die ausschließliche Betonung eines einseitigen Intellektualismus im Thorastudium. Hat sich das in furchtbarer Weise in der Entwicklung der ostjüdischen Jugend gerächt, wie erst dort, wo die Jugend nur auf kurzen Strecken das gewaltige Gebiet, wo sie, den spielenden Kindern gleich, im Meer' des Talmuds mit. den Füßen nur seichten Boden betritt, nur mit den ersten Elementen vertraut von der Tiefe und letzten Wahrheit wenig ahnt. Alle Sicherung durch eine von erhaltenden Kräften erfüllte Umgebung, alle Disziplinieruüg durch Jugendführer, die oft freilich selbst der Führung bedürfen, werden es nicht verhindern können, daß sie dann oft den letzten Sinn alles Thorastudiums verkennt und im äußerlichen Lernen und Ueben genug getan zu haben glaubt, ja in eine für die Jugend besonders schädliche Selbstgerechtigkeit und Selbstüberhebung verfällt, so schädlich, weil sie ihr den Weg zur sittlichen Erhebung, zur religiösen Vervollkommnung, zum Kern und Wesen des Judentums verbaut. Eine jede Richtung innerhalb des Judentums, vertreten durch besondere Länderkomplexe, hat hier die Mittel an der-Hand, um das eigentliche Hochziel des Judentums ihrer Eigenart entsprechend zu fördern.- Daß über alle — an sich äußerst wichtige — Erörterungen über die beste praktische Gestaltung der' Jugenderziehung: Wie gewinnen wir die. die wir zu verlieren fürchten müssen, wie bannen wir die Kräfte, die aus deo sozialen Not, aus der kulturellen Beeinflusssung all unsere Arbeit zu zerstören drohen — daß über alle diese Fragen doch die letzte und wichtigste nicht vergessen wird: Wie pflanzen wir in. das Herz der Jugend jene 'n htm rüfiN, jene HelU giosität, die, weil sie eben bis in die unergründlichen Tiefen der Seele gedrungen, auch von den Kleines Feuilleton. Im polnischen Posen. Ein Korrespondent des I. K. B-. weilte dieser Tage in Posen und saßt seine Eindrücke ungefähr wie folgt zusammen: Die Stadt ist schön, groß ünd reich an Monumenten. Man sieht im Vergleich zu anderen Städten Polens alle Zeichen langjähriger Kultur und Ordnung. Der Entdeutschungsprozeß ging mit raschem Tempo vor sich, verschwunden ist alles, was deutsch war. Ich befinde mich auf dem schönsten Boulevard, früher „Wilhelmsplatz" genannt, heute F r e i h e i t s p l a tz. Die Friedrichstraße, Bismarckstraße und die im Kriege entstandene Hindenburgstraße existieren nicht mehr. Ein Land ist erwacht, ein Volk wieder auferstanden und hat die Sklavenkleider von sich abgeworsen. Ich besuche einen polnischen Kollegen von der Feder, Mitarbeiter der größten polnischen Tageszeitung „Kurier Poznanski". Ich komme mit der besten Absicht, ihm etwas spät, aber nicht minder herzlich meine Eratulation zur Befreiung Polens anzubringen. Aber schon gleich beim Betreten des Redaktionsgebäudes schwindet meine gute Stimmung und die Gedanken verdüstern sich. In Riesenschrist ist auf einem Plakat an der Türe in polnischer Sprache zu lesen: „Juden ist der Eintritt verboten!" Ich kehre niedergeschlagen zur Stadt zurück und stoße aus einen bekannten jüdischen jungen Mann aus Warschau, dem ich vorschlage, mit mir ein Kaffeehaus aufzusuchen, um die gedrückte Stimmung aufzuheitern. Mein junger Freund reißt jedoch die Augen auf, als mutete ich ihm zu, von einer hohen Brücke in den reißenden Strom zu springen. Ins Cafe soll ich? Nein, da ist mir mein Kopf doch zu teuer. Und auf meine Frage, was dieses bedeuten solle, spricht er sich klar aus: „Ein Jude, der sich in Posen in einem nichtjüdischen Cafe blicken läßt, wagt seinen Kopf, er wird nur in den seltensten Fällen das Haus mit ganzen Gliedern verlassen. Da wollen wir schon lieber in das jüdische Teehaus gehen, wo es weniger komfortabel ist, dafür aber sicherer." Mein Freund nimmt mich am Arm und führt mich in die jüdische Gasse. Auf dem Wege dorthin vor der Auslage einer großen Buchhandlung auf dem Freiheitsplatz staut sich eine große Menge. „Was ist dort zu sehen?" „Sch . . ." nicht so laut!" warnt mein Begleiter, „unsere jüdische Sprache kann uns sehr teuer zu stehen kommen!" Wie wir näher hinzukommen, sehen wir den Gegenstand der Bewunderung: ein großes Bild, die Hinrichtung der katholischen Geistlichen durch die Bolschewisten in Rußland darstellend. Die Richter in den roten Mützen, das Publikum, die „roten Soldaten", sogar der Henker, alle haben jüdische Gesichter. Bei vielen sieht man die Schaufäden aus dem Kaftan hervorbaumeln . . . Rasch verlassen wir den Platz und die pogromgestimmte Menge und suchen den Rabbiner auf, der im nichtjüdischen Rayon wohnt. Rabbiner Dr. Jakob F r e i m a n n, ein Fünfziger von schönem jüdischem Aussehen, begrüßt mich aufs freundlichste und führt mich in sein Arbeitszimmer, einen großen hellen Raum, dessen Wände mit Büchern angefüllt sind. Auf dem Tische viele große Talmudsolianten. Auf meine Fragen gibt er bereitwilligst alle erwünschte Auskunft. Im Posener Lande leben Juden seit vielen Jahrhunderten. Zu einer Zeit, da es sonst in Polen kaum noch jüdische Ansiedlungen gab, hatten schon jüdische Gemeinden im Herzogtum Posen großen Ruf und nannten bedeutende Rabbiner ihre Führer. Noch vor wenigen Jahren zählte die Provinz Posen 134 jüdische Gemeinden, deren jede ihre Synagoge, Lehrhaus, Schule,. Friedhof, Rabbiner und ihre Kultusbeamten hatte. Kleinere Gemeinden waren einem Rabbinatsbezirke angeschlosten. Die Provinziqlhauptstadt Posen selbst zählte vor dem Kriege 6000 Juden, die Rolle, die aber Posen im jüdischen Leben spielte, war weit über ihre numerische Bedeutung. Die Posener Juden erhielten außer den Synagogen einige Schulen, ein großes Waisenhaus, ein modernes Krankenhaus, ein Altersasyl und andere wohltätige Institutionen, die auch den Juden der anderen minderbemittelten Gemeinden in der Provinz zu Gute kamen. Die wirtschaftliche Lage gar gut und die Beziehungen zu den Nichtjuden befriedigend. Für die kulturelle Entwicklung war bestens gesorgt. All dieses gehörte bereits in die Vergangenheit. Heute befinden sich in der Stadt Posen höchstens noch 1000 Juden, alle anderen sind ausgewandert. In der. ganzen Provinz gibt es nur noch sechs jüdische Gemeinden mit einem Rabbiner, und zwar Posen, Bromberg, Jnowrazlaw, Gnesen, Kempen und Bydgoszcz. Alle anderen Gemeinden sind zu klein und zu arm, um ein Kehilloleben zu entwickeln. Dutzende von jüdischen Gemeinden der Provinz sind von Juden voll-' ständig verlassen, und ihre Synagogen, aus welchen bic Thorarollen herausgenommen sind, wurden geschlossen.. Die Schlüssel befinden sich im Besitz der Gemejndever-! waltung zu' Posen, ebenso die der geschlossenen Schulen. * In jeder verlassenen Gemeinde ist ein Pole angestellt,; um die Gräber auf dem jüdischen Friedhof und die Baulichkeiten zu bewachen. Die Besoldung dieser Wächter bildet einen bedeutenden Posten im Gemeindebudget Posens. Auf einigen kleineren Plätzen ist der Liquidierungsprozeß noch im Gange, aber imletzten Stadium. .Die letzten Juden, sind daran, ihre Besitz-