Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1923)
- Date
- 1923-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fenilleton Vellage Der Israelit vr.ri >»rr 'S&m Eine moderne Ehe. Eine Erzählung von Natkcrn Ireyfnß in Wnkhausen (Eli atz). (Fortsetzung.) Wieder, kam eines Tages der Rabbi Simon zum Arzte, der sich jetzt schon mehr für die Angelegenheit interessierte als früher. Er teilte ihm mit, daß der Gefangene in der letzten Nacht verschieden sei, datz er jedoch noch vor seinem Tode einen Geistlichen verlangt habe, um zu beichten, da er sein Ende herannahen fühlte. Auch er selbst sei an das Sterbelager des armen Sünders gerufen worden. Noch im letzten Todeskampfe habe dieser den Hausierer um Verzeihung gebeten für das Bose, das er ihm zugefügt. Jener Küster hätte ihn zu solchen Aussagen veranlaßt. Der Rabbiner hatte genug gehört. Voller Freude stürmte er aus dem Zimmer, in seiner Aufregung ohne Dankesworte für den Arzt. Er eilte, so schnell %t seine Füße tragen konnten, zur Wohnung der schwergeprüften Frau. Sie war einer Ohnmacht nahe, als sie die glückverkündenden Worte des Arztes aus dem Munde ihres greisen Lehrers vernahm. Schon am nächsten Tage konnte man in den Tagesblättern die Nachricht vom Tode d^s gefangenen Verbrechers und von dessen Aussagen lesen. Zwei Tage nach diesem Vorfall treffen wir Rabbi Simon im Geschäftszimmer eines ihm befreundeten Anwaltes im eifrigsten Gespräche über den Prozeß des Hausierers und des verstorbenen Verbrechers. Der Anwalt war der Ansicht, man könne den Prozeß anfechten und ganz gut ein Gesuch' für die Revision der ersten Verhandlung einreichen, da durch die Aussagen des Verstorbenen die Angaben der damals geladenen Zeugen auf Unwahrheit beruhen könnten und hinfällig geworden seien. Dieser Meinung war auch der Rabbiner. Der Anwalt erbot sich, alles weitere zur Durchführung des Planes zu übernehmen, womit sich der Rabbiner im Aufträge Frau Perlenkrons für einverstanden erklärte. Wir wollen hier alle Einzelheiten des zweiten Prozesses übergehen und nur berichten, daß das Urteil auf Freisprechung Benjamins lautete, und daß die falschen Zeugen die ihnen gebührende Strafe erhielten. Große Freude herrschte nun im Perlenkronschen Hause und bei dem ehrwürdigen Rabbi Simon, auch die ganze jüdische Bevölkerung nahm herzlichen Anteil an dem glücklichen Ausgang. Fast alle kamen am Sabbat, der auf die Freilassung Benjamins folgte, um die so schwer geprüfte Mutter zu besuchen und sie sowie ihren Sohn von Herzen zu beglückwünschen. Wohl war in ihrer Krankheit noch keine Besserung eingetreten, ihr Antlitz aber strahlte vor Freude, wenn man das standhafte und glaubensfeste Benehmen ihres wiedergefundenen Benjamin rührend hervorhob. Auf Gott, den besten Retter und Arzt, den die Menschheit besitzt, setzte sie weiter ihre Hoffnung. Die Kunde von der Freisprechung Benjamin Perlenkrons hatte sich schnell auch in der weiteren Umgebung der Stadt verbreitet. Die Bauersleute, die einst von seiner Verurteilung mit großem Bedauern vernommen hatten, beglückwünschten ihn aufs herzlichste. „Meine Ueberzeugung war es immer, Perlenkron, daß Ihr unschuldig an dem Raube wäret und nur durch lästerhafte Lügenzungen ins Unglück gestürzt wurdet", konnte man von dem einen hören. Ein anderer, der mehr seinen eigenen Vorteil im Auge hatte, sprach: „Ja, seit Ihr nicht mehr in unser Dorf kommt, meint man gerade, alle Waren seien in die Höhe gegangen, kauft man doch bei euch' beinahe noch billiger, wie in der Stadt." Solche und ähnliche Reden bekam Benjamin in Menge zu hören, wo er nur bei seinen Kunden vorsprach. Es war an einem schönen Morgen, als er sich nach dem Dorfe aufmachte, das vor nunmehr sieben Jahren das erste Ziel des jungen Hausierers gewesen war. Wie hatten sich seither die Zeiten geändert! Und. doch war sein Herz gerade wie damals schwer vom Kummer niedergedrückt. Wohl hatten ihn in den Dörfern, die er in den letzten Tagen besucht hatte, seine Kunden wie früher gütig ausgenommen: aber konnte er dies auch von den andern hoffen? War es nicht möglich, daß unter den Dorfbewohnern, die weiter drinnen im Lande wohnten, solche waren, die den eidlichen Aussagen eines Beamten mehr Glauben schenkten, als dem Gerichte? Welche Aufnahme würde er bei solchen Leuten finden? Und wieder dachte er an seine Mutter zu Hause. Wie war sie abgemagert während seiner halbjährigen Gefängniszeit! Daß Gott sie ihm erhalten möge, war sein innigster Wünsch, den er täglich in sein Gebet einschloß und auch jetzt, während des Morgengebetes, zum Höchsten emporsteigen ließ. - Rüstig schritt er darauf vorwärts und erreichte nach geraumer Zeit das ersehnte Ziel. Von Haus zu Haus zog er, seine Waren feilbietend, doch es gelang ihm kaum, Kcttlfer zu finden. Ein anderer Hausierer hatte sich während seiner Haft hier eingebürgert und so hatte fast jeder schon Tags zuvor von jenem das Benötigte eingekauft. Nur wenige Mark bildeten seinen heutigen Erlös. Betrübt stieg er die drei Treppen empor, die zur Wohnung jener alten Frau am Ende des Dorfes führten. Als er die Türe öffnete und in die reinliche Wohnstube trat, stand das Mütterchen, das sehr gealtert schien, von ihrem Sessel auf und ging dem Fremden entgegen. „Ach. du bist es, Benjamin!" begrüßte ihn die Frau treuherzig. „Das waren doch böse Menschen, die dir ein solches Verbrechen erdichten könnten. Nun, hast du gute Geschäfte gemacht?" Als Benjamin nicht antwortete, sprach sie weiter: „Ich lese es auf deinem Gesicht, daß du nicht sehr zufrieden bist. Nun, setze deine Hoffnung nur auf Gott, er wird dir schon helfen." Eine Träne floß über Benjamins Antlitz und er erzählte ihr, wie ihm die meisten Bauern so schroff entgegengetreten seien, gerade als ob sie an seine wirkliche Täterschaft glaubten,- er getraue sich fast nicht mehr, sich in diesem Dorfe sehen zu lassen. Dann erzählte er ihr von seiner Mutter, deren Krankheit nicht abnehmen wolle,- aber noch gäbe er die Hoffnung nicht auf, denn er hoffe auf den im Himmel, der jederzeit heilen könne. „So ists recht, mein Sohn, hoffe nur auf ihn, er wird alles zum Guten lenken. Was Gott tut, ist wohlgetan. Uebrigens wollte ich mich heute nach' der Stadt führen lassen, um dich und deine Mutter zu deiner Freisprechung zu beglückwünschen, denn noch' habe ich nicht vergessen, wie du einst so recht mit dem Erlös des Bildes an mir handeltest, wie wahrlich nicht jeder Christ getan haben würde." „Aber.noch etwas trieb mich' zu dir. Du weißt doch, daß mein Annele letztes Spätjnhr nach Amerika gegangen ist, in der Hoffnung, mich von dort aus besser unterstützen zu können. Es hat jetzt eine gute Stelle in Louisville bei einem Herrn Krön, der noch nicht lange sein Geschäft verkauft hat und jetzt aus den Renten lebt, hat mir meine Tochter vor vier Wochen geschrieben. Du kannst dir. benken, daß mein Annele es sehr gut hat, und es schickt mir noch mehr, als ich zum Leben brauche. — Es hat ihm sehr leid getan, als ich ihm mitteilte, daß du wegen eines solchen Verbrechens angeklagt worden warst; es schrieb mir damals, es wäre fast nicht zu glauben, daß man einen so braven Menschen verurteilen könnte. Vor zwei Stunden gerade hat mir der Bote wieder einen Brief gebracht, dessen Inhalt dich auch interessieren wird. Deshalb wollte ich dich schon heute besuchen. Du hast mir aber jetzt den langen Weg erspart und kannst auch hier meinen Glückwunsch entgegennehmen und den Inhalt des Briefes hören. Warte, ich will ihn holen." Die Alte ging zum Schranke und hotte aus dem Schubladenfache eine Brieftasche, der sie einen Brief entnahm. „Hier, du kannst ihn selber lesen, du hast noch bessere Augen als ich," Hub sie an. Benjamin nahm das Schreiben und begann auf den Wunsch der Alten laut zu lesen, weil sie meinte, es käme ihr alsdann vor, als wenn ihr geliebtes Annele ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstände. Benjamin begann: Louisville, den 13. Mai. Vielgeliebte Mutter! Deinen letzten Brief habe ich gestern erhalten und daraus dein Wohlergehen ersehen. Dasselbe kann ich auch' meinerseits berichten. Kommst du immer mit dem Gelde aus? Es hat mich sehr erfreut, daß es der Josephine so gut ergeht in Frankreich. Schicke mir, liebe Mutter, doch im nächsten Brief ihre Adresse: ich werde ihr dann auch' schreiben. Sag ihr einstweilen einen schönen Gruß von mir. Es ist immer in der Ferne erfreulich, solche Nachrichten zu hören. Dagegen hat es mir sehr wehgetan von wegen des Hausierers Benjamin, daß seine Unschuld noch nicht ans Licht gekommen ist: es war doch ein so guter Mensch, von dem ich nicht glauben kann, daß er einen solchen Frevel verübt hat. Es ist mir etwas passiert, das ich dir auch mitteilen will, da es mit dem Hausierer in einem gewissen Verhältnis steht." Benjamin hielt inne,- er war gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Dann fuhr erfort: „Ueber dem Bette meines Herrn im Schlafzimmer hängt ein ziemlich großes Porträt. Es stellt eine junge Frauensperson dar, die sehr schön sein muß. Schon lange stand ich täglich beim Ordnen des Bettes vor diesem Bilde und betrachtete es stumm. Schon lange kam es mir auch vor, daß ich diese Züge schon einmal gesehen habe. Ich' denke nach und denke nach tagtäglich, wenn ich mich vor das Bild hinstelle. Ich weiß nicht, wo ich das Gesicht hintun soll, wie man sagt. Letzthin stehe ich nun wieder so vor dem Porträt, in Nachsinnen versunken. Ich denke auch an den kleinen Perlenkron, seine Gestalt tritt vor mich, ich blicke auch nach dem Bilde. Ich erschrecke fast über die Ähnlichkeit des Frauengesichtes, mit dem vor meiner Seele stehenden Benjamin Perlenkron. Ich weiß nicht, habe ich mich getäuscht, weil ich mich stets so lebhaft mit dem Porträt beschäftigte, oder sollte es doch mit der Familie Perlenkron