Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 29/ die Reihe auch an ihn. Er behauptete, er sei ganz unschuldig, aber weiter konnte er zu seiner Rechtfertigung nichts Vorbringen. Die beiden Angeklagten wurden bis zur nächsten Sitzung abgeführt. Es dauerte nicht lang, da erfuhr auch Benjamins Mutter von der Verhaftung ihres Sohnes. Welche Kunde!! Was mutzte die Schwergeprüfte -erdulden, sie, die einst die reiche Kaufmannstochter gewesen, geschmückt mit Schönheit, die den Wert des Geldes nicht kannte und von Sorge keine Ahnung hatte! Was hatte sie doch erlebt im Ehestande! Hätte sie damals dem „fanatischen" Rabbiner Gehör geschenkt, wie hätte alles anders kommen können. Aber sie hatte ja fitt ihre Unvorsichtigkeit schwer gebüßt, hätte sie nicht ihre Schönheit und ihren Reichtum geopfert? Hatte sie nicht ihre Eltern und ihren Gatten verloren? (Fortsetzung folgt.) Uinderecke. Gedanken für die Trauertage Israels. Don W- Wolff in Zürich. Die gegenwärtige Zeit ist der Erinnerung an den Fall Jerusalems gewidmet, und mit derselben treten vor unser geistiges Auge alle die Leiden, die unser Volk in der Vergangenheit bis an die Gegenwart erduldet hat, und die uns die Frage nahelegen: Was wird uns die Zukunft bringen? Wenn wir von der hohen Warte uns die Geschichte unseres Volkes betrachten, so müssen wir zn der Erkenntnis kommen, daß sich im allgemeinen der Werdegang Israels aus Wiederholungen von Geschichtsbildern zusammensetzt, die wenn auch nicht immer einander gleichen, so ooch einander sehr ähnlich sind. Gerade aus diesem Umstande erkennen wir so recht deutlich die höhere Wallung, die Führung unserer Geschicke durch den Wellenlenker, die jeden blinden Zufall ausschließt. Am Sinai hat Israel für sich und alle kommenden Geschlechter durch Wort und Eidesschwur die Verpflichtung übernommen rin m'pjD dV bleiben zu wollen, und diese Tatsache gebietet uns, unsere Lebensführung zu allen Zeiten und an allen Orten so einzurichten, daß wir in religiöser wie in gesellschaftlicher Beziehung für die ganze Menschheit als Muster gelten können. Die Beobachtung dieser Verpflichtung nach beiden Seiten hin trägt dann auch als Folge die Anerkennung und das Wohlergehen Israels in sich selber, während eine Verletzung nach irgend einer Richtung oas Eintreffen verkündeter Strafen nach sich zieht. Von der Beobachtung oder von der Verletzung hängt darum das Licht- oder das Schattenbild im Leben unseres Volkes ab. Der Midrasch macht uns darauf aufmerksam, daß schon die Lebensschicksale des ersten Menschen als vorbedeutend für die Schicksale Israels anzusehen sind. Rabbi Abahu begann die Erklärung des Buches der »Klagelieder" mit den Worten Hoseas (6.7): pay “Dm D Hin DSP ml3 »Wie Adam übertraten sie den Bund, waren treulos gegen mich, und fährt dann fort: ynmnpy p^viwDn piwnn m« rTim idk vby Yiüipi pmbtEn ptjmiri inw nbp msa nma* G. spricht: Den ersten Menschen setzte ich in den Garten Eden, erteilte ihm ein leichtes Gebot und war, weil er es übertrat, gezwungen ihn zu strafen durch Vertreiben und Verstoßen, habe indes selber sein Schicksal mit Echo-Ajekks beklagt. Auch seinen Kindern, meinem Volke Israel, ging es ebenso. Ich setzte sie ein in das Land der Fruchtgefilde, dort sollten sie die Gebote erfüllen, die ich für sie meinem Diener Mosche ausgetragen; aber sie ließen sie unbeachtet. und ich mutzte sie mit dem Golus bestrafen und über sie den Klageruf ro^ anstimmen: nD^ TD naran. »Wie stehen sie nun vereinsamt und verlassen da!" Noch heute bilden dieselben Wandlungen Israels Lebensgeschichte. Unsere Großväter erfuhren noch an ihrem eigenen Leibe den Druck der Regierungen.. Grundbesitz durften sie nicht erwerben in dem Lande, für bas sie in den Freiheitskriegen gekämpft und gelitten hatten, zu öffentlichen Aemtern wurden sie Der Israelit __ nicht zugelassen und an dem Ausbau der Gesetzgebung durften sie nicht teilnehmen, obwohl es ihnen an tüchtigen Männern nicht gebrach - und sie den Pflichten gegen den Staat willig nachkamen. Im geschäftlichen wie im ehelichen Leben traten ihnen auf Schritt und Tritt Hindernisse entgegen. Da schlug das Jahr 1848, das den Völkern die Freiheit brachte und auch die Fesseln etwas löste, mit denen wir Juden gebunden waren. Ein neues Morgenrot schien für unser Volk anzubrechen und die Sonne der Freiheit durchbrach immer mehr und mehr das düstere Gewölk an unserem Lebenshimmel. Im Lichte der Freiheit hätte nun Israel seinem Erlöser frohen und dankbaren Herzens dienen können und müssen, denn jeder Stein des Anstoßes war durch die Proklamierung der Gleichberechtigung und der Glaubensfreiheit hinweggeräumt und nichts mehr.stand der Ausübung der 'n müD im Wege. Aber nun fing man an zu reformieren, und die Reform fühlte ihren Beruf im Abau und im Niederreitzen, und der Lrfolg war der Verfall des Judentums und der Jüdischkeit. Ist es doch schon so weit gekommen, daß man sich wundert, wenn man hört, datz heute noch in irgend einer Gemeinde der Sabbat durch Einstellen der Werkarbeit von allen gefeiert wird und alle Familien die Feier der Festtage genau nach Vorschrift begehen. Ganze Scharen, die noch den Namen Juden führen, lassen ihre jungen Söhne nicht mehr in den Abrahamsbund äufnehmen und eheliche Verbindungen mit Nichtjuden sind nichts seltenes, und noiDr TDK und -inn sind Momente, die keiner Beachtung gewürdigt werden. Da kanns nicht fehlen — die alte Strafe des pNn setzt wieder ein pBTUY pm^ED/ und sehen wir denn in unseren Tagen Zeiten wiederkehren, die an die düstersten Zustände des Mittelalters erinnern. Für alle bösen und unglücklichen Ereignisse im Reiche wird unser Volk verantwortlich gemacht: den Weltkrieg sollen wir entzündet haben, obwohl in jeuen Tagen kein Glaubensgenosse Berater des obersten Kriegsherrn gewesen, Verhetzung der Volksklassen wird uns zugeschrieben, obwohl wir Abwehroereine zu gründen gezwungen waren;. Gesetzlosigkeit und Ausruhr im Lande sollen wir Hervorrufen, obwohl wir alle der Ueberheugung leben, daß wir unter solchen Zuständen mchts gewinnen, sondern am meisten zu leiden haben. Auch unser Schrifttum, das man vielfach nicht einmal im Original lesen kann, wird mißdeutet und in der gehässigsten Weise bekrittelt. Das Ziel unserer Feinde geht darum dahin, daß wir wieder wie früher unter Ausnahmsgesetze gestellt werden oder das Land verlassen sollen, für das unsere Väter Söhne und Brüder gekämpft, geblutet, ihr Leben gelassen haben. Ja, unsere grimmigsten Feinde predigen offen den Mord gegen unsere Glaubensgenossen, mit welchem Erfolg, — das hat das Verbrechen, an Rathenau begangen, gezeigt. Für uns aber steht fest, daß wir in allen diesen tiestraurigen Erscheinungen die Hand Gottes zu erblicken höben, die uns straft wegen Vernachlässigung unserer Verpflichtungen, die uns als ramp ->iy rfaü dV obliegen. Nun wird man aber fragen: Wird denn die Geschichte unseres Volkes ein stetes Abbild dieser Wiederholungen bleiben, und wird das Glück, das Israel zu Zeiten wiederfährt, stets den Keim des Unglücks in sich tragen? O nein! Zunächst halten wir dafür, daß unsere Leiden ertragen werden können und dazu bestimmt sind, uns in unserer Eigenart zu erhalten, cddr DDD£ rniDT. Sie sind es, die uns aufrütteln und uns zu Bewußtsein bringen sollen, daß wir eben Juden sind und bleiben müssen; in Ruhe und Wohlleben hätten wir vielleicht unseres Schöpfers ganz vergessen und wären in der herrschenden Nation aufgegangen. Dann aber haben die schlimmen Zeiten noch immer große und würdige Männer heroorgebracht, die sich in die Bresche stellten, rw6 möJJn ODriNOl »die Krone zu ihrem alten Glanze zurücksührten" und die Scharen unseres Volkes durch Wort und Tat so begeisterten, daß diese der größten Aufopferung fähig wurden und Israel zur Wiedergeburt verhalfen. Endlich aber auch haben auch alle Propheten die Erstehung einer glücklichen Zukunft für Israel oorausgesagt. Wenn es nun auch unserem Volke noch so schlimm ergeht, so brauchen wir nicht verzagen. Gerade das Eintreffen harter Ereignisse darf uns als ein Beweis für die Wiederkehr besserer Zeiten gelten. In diesem Sinue wird uns im Talmud erzählt: Einst machten R. Gamliel, R. Elasar den Asarja, R. Josua und R. Akiba eine Reise nach einer babylonischen Stadt und hörten schon aus der Ferne einen Iubelgesang aus dem Heidentempel erschallen. Da standen sie still und Tränen entstürzten ihren Augen, nur R. Akiba lachte. Da sprachen seine Begleiter : ,,Akiba» warum lachst du?" Er aber fragte: „Und Ihr, warum weint Ihr?" Da sprachen sie: Diese Heiden, die sich vor Bildern bücken, den Götzen Räucherwerk darbringen und allen Lastern ergeben sind, leben in Glück und Sicherheit, — wir aber, wir haben das Haus unseres Gottes als einen Schutthaufen gesehen, haben unsere nationale Selbständigkeit verloren, werden von den Feinden unterdrückt und müssen alle Tage um unser Leben zittern, wir sollten nicht weinen?" „Gerade deshalb", antwortete R. Akiba. „freue ich mich". Wenn der allgerechte Gott schon soviel Gutes denen erweiset, die ___ 19. Juli 1923 täglich seine heiligen Gebote verletzen, wie viel Schönes und-Herrliches hat er dann fKr Diener aufbewahrt, deren einziges Streben es ist, seinem Willen gemäß zu leben! I" Ein anderes Mal gingen die vier Gesetzeslehrer den Tempelberg hinunter und sahen plötzlich einen Fuchs aus der Gegend kommen, wo einst das Allerheiligste gewesen war. Da erhoben die Weisen ihre Stimmen und weinten; nur R. Akiba schwieg, ein Lächeln verklärte fein Angesicht. Da sprachen die Weisen zu ihm: „Akiba, warum lachst Du?" Dieser aber fragte: »Und Ihr, warum weinet Ihr?" Sie antworteten: »Im Allerheiligsten, das nur einmal im Jahre vom Hohenpriester betreten werden durste, dort laufen Füchse, und die Augen, die solches sehen, sollten nicht überströmen von Tränen!" »Gerade deshalb fteue ich mich", sagte R. Akiba. »Es heißt (Ies. 8) »Ich nehme mir treue Zeugen, den Priester Urijah und Secharjah den Berechjah." Wie kommen die Zwei zusammen? War Urijah nicht zur Zeit des ersten, Secharjah aber zur Zeit des zweiten Tempels. Aber die Schrift knüpft die Weissagung des Secharjah an die des Urijah. Inbezug auf Urijah heißt es (Micha. 3): »Um eurethalben wird Zijon wie ein Feld gepflügt werden." In Secharjah aber steht geschrieben (Kap. 8): Zukunft werden wieder sitzen Greise und Greisinnen in den.Straßen Jerusalems. Ich kehre wieder nach Zijon zurück und throne in Jerusalem." Solange die Weissagung inbezug aus Urijah. nicht erfüllt war, mutzte ich fürchten, datz auch Secharjahs Verheißung unerfüllt bleiben würde. Jetzt aber, da das heil. Haus ein Wald geworden, ein Aufenthalt der Füchse, wie es um Urssahs wegen verheißen worden ist, jetzt dürfen wir der festen Ueberzeugung leben, daß Gott sein heil. Haus und feine heil. Stadt wieder aufbanen wird, wie er durch seinen Propheten Secharjah hat verkünden lassen." Da sprachen die. Weisen: nmpy Urion: «Akiba, du hast uns getröstet!" Bücherbesprechungen. Die jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen von den.' Anfängen bis zum Ausgang des 18. Jahrh. Nach Handschriften und alten Drucken dargestellt von W. Staerk und A. Leitzmann, Professoren in Jena. Mit einem Glossar von Dr. phil. Fr. Braun-Jens, Frankfurt a. M., 1923. I. Kausfmann Verl. XI u. 336 S. Grundpr. brosch. 15 Mark, geh. 18.45 Mk. Das Jüdisch-Deutsche, wie es uns in den Handschriften seit dem 11. hezw .12. Jahrh. und in den Drilcken vom 15. bis 17. Jahrh. niedergelegt ist, ist deutsche Umgangssprache ihrer Zeit und kann weder als Jiddisch oder Jargon bezeichnet werden. Die jüdisch-deutsche Literatur ist vielmehr von hohem sprachlichem und kulturhistorischem Werte und die Männer, die sich durch Veröffentlichung und Ausbeutung des einschlägigen Materials, wie beispielsweise Mor. Steinschneider, G oldstem, Goldzieher, Perles, Güdemann u. A. verdient gemacht haben, verdienen aufrichtigen Dank.. In dem vorliegenden, durch die Zunz - Stiftung für den Druck unterstützten Werk liegt nun ein erdrückendes, wohlgesichtetes Material vor, das der Wissenschaft reiche Dienste leistet. Glossar und Uebersetzungen bieten uns reichen Einblick in den sprachlichen Wissensschatz. Glossen sind Uebersetzungen einzelner nicht allgemein bekannter hebräischer Wörter, die mitten in den Tert eingeschoben oder am Rande vermerkt wurden, sie hatten einen beim Selbststudium oder beim Unterricht belehrenden Zweck. Die Uebersetzungen von Bibeltexten sollten die Kenntnis der biblischen Schriften den Ungelehrten und Frauen vermitteln. Man wählte einzelne der biblischen Schriften aus. Die erste Uebersetzung der ganzen Bibel stammt erst aus dem 17. Jahrhundert. Reichliche Proben aus dem vorhandenen Material bieten uns mehr als wir erwarten durften. Die Vers .tun aber noch ein Uebriges, nicht nur „Bibelübersetzungen" geben sie uns, wir lernen auch Paraphrasen, Legenden, Stücke aus dem Maatze- Buch, aus dem Zeeno ureno kennen. Ein Werk höchsten Fleißes, hohen wissenschaftlichen Wertes liegt vor uns. Das Glossar von Dr. Braun, steht noch aus, wird aber, wie der Verlag bemerkt, bald nachgeliesert werden. Prof. SulMch. Z uwe m d unge ix für den Lubawitzer l"H Dl ond seine 3 nDvv#*1 in Russland und Palästina nimmt entgegen PhiSipg» Wolff9 Frankfurt a« M. Schwanenstrasse 6 Postscheck-Konto 55043. Die Besucherzahl Norderney's hat in diesem Jahre bereits fast 10000 erreicht: Das Badeleben ist schon seit Wochen in vollem Gange. Die neuen festen Badehäuser, die im vorigen Jahre errichtet wurden, bewähren sich ausgezeichnet. Gebadet wird täglich in den Vormittagsstunden. Zeitweilig finden auch Konzerte der Kurkapelle während der Badezeit am Strande statt. Die Pensionspreise, die in Norderney gefordert werden, bewegen sich im Rahmen -er allgemeinen Preisstellung. Man kann dort den verwöhntesten Ansprüchen gerecht werden, kann sich aber auch heute noch verhältnismäßig billig einrichten. Der Berechnung der Preise für Unterkunft und Verpflegung wird allgemein unter Anlehnung an die Friedenssätze der jeweilige Teuerungsind er zu Grunde gelegt. Auch die Kurtaxe berechnet sich nach der Indexzahl. Für die Bearbeitung von Anfragen nach Unterkunft ufw. ist einWohnungs» Nachweis eingerichtet worden.,