Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1923)
- Date
- 1923-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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V l)r.29 yrr Eine moderne Ehe. m* Tine Erzählung von Matyan Preyfnß in Wülyansen (Elsaß). Fortsetzung.) Schon am Eingänge machte er Halt und zwar bei einem großen Bauernhaus. Es war dies eine Meierei. Mägde und Knechts liefen geschäftig im Hofe hin und her, große Schuppen dienten zur Aufnahme von Wagen und - sonstigen Ackerbäugeräten, hinter ihnen dehnten sich. geräumige Stallungen aus, aus denen morgens und abends große Kannen von Milch in die Käsereien getragen wurden. Jetzt gerade kam ein Fuhrwerk in den Hof gefahren. Zwei Knechte stiegen herunter und fragten den Hausierer, was er da für schöne Sachen habe. Er stellte sogleich ab und packte seine Sachen aus. In kurzer Zeit versammelte sich eine ziemlich große Schar von Dienern und Dienerinnen um ihn herum, einige aus Neugierde, andere um das oder jenes bei ihm einzukaufen. Ein Knecht fragte nach dem Preise einer Uhrkette. ein anderer nach einem Taschenmesser, ein dritter nach einem Tabaksbeutel, eine Magd wollte ein Taschentuch, eine andere eine Brosche, noch eine andere eine Schürze; dort bedeutete eine Magd verstohlen ihrem Geliebten, da könne er ihr am besten etwas kaufen, da der junge Mann schöne und doch billige Sachen Habe. So ging es weiter, wohl eine halbe Stunde, und noch war kein Geschäft abgeschlossen. Da wollte er alles um die angebotenen Preise losschlagen, als plötzlich der Herr des Hauses erschien und die Knechte samt den Mägden an die Arbeit jagte. Er fragte den armen Benjamin, was er hier zu schaffen habe. Dieser stand ganz verblüfft da und deutete statt jeder Antwort auf die offen daliegenden, halbverkausten Sachen. Der Herr aber machte nicht lange und jagte auch ihn fort, und weil er nicht gleich gehen wollte, drohte er, ihm die Hunde nachzuschicken. Seines Bleibens war also nicht länger. .Er packte seine sieben Sachen zusammen, und verließ traurig den Hof, in den er so ftöhlich und hoffnungsvoll eingetreten war. Armer Benjamin! Er ging nun weiter von Haus zu Haus, hier Knöpfe, dort Schuhriemen und anderes verkaufend. Am Ende des Dorfes saß vor einem Häuschen eine alte Frau, der er erzählte, wie ihn der hartherzige Gutsbesitzer behandelt hatte. Auch die Frau schalt über ihn und sagte: „Nicht Sie müssen reden, sondern ich, denn früher gehörte das schöne Gut uns. Aber mein Mann war dem Trünke ergeben und trank oft ganze Tage lang, was der jetzige Gutsbesitzer, unser alter Oberknecht, nur beförderte. Die Angestellten arbeiteten nicht oder nur ganz wenig; die Felder gingen zu Grunde, und die Schulden stiegen uns zuletzt über den Kopf. Da starb mein Mann. Die Gläubiger kamen und forderten Geld. Da ich aber keins hatte, also nicht zahlen konnte, drohten sie mir, sie würden zu anderen Mitteln greifen. An einem schönen Morgen wurde durch den Ortsdiener des Dorfes bekanntgemacht, daß mein Haus, meine Stallungen, mein Vieh, meine Felder, kurz alles verkauft würde. Welch ein Schrecken, als ich dies hörte! Ich glaubte immer noch, daß meine Gläubiger sich noch gedulden würden. Ehedem die reiche Gutsherrin, jetzi die arme Bettlerin, klang es fortwährend in meinen Ohren. Der Tag der Versteigerung war allmählich herangerückt. Alle Bewohner des Dorfes, sowie der Amgegend und sämtliche Gläubiger hatten sich eingefunden. Die Steigerung begann, ein Stück nach dem andern wurde verkauft. Unser Oberknecht kaufte alles: er brauchte ja auch nicht so viel zu zahlen, da jeder meinte, er kaufe alles in meinem, seiner Herrin, Aufträge. Als man Bürgschaft von ihm verlangte, zog er triumphierend einen schweren Beutel, gefüllt mit Gold, aus seiner Tasche hervor und rief laut die prahlenden Worte: „Hier ist meine Bürgschaft." Nach der Versteigerung beglich er alles auf Heller und Pfennig und zog alsbald in sein neues Heim ein. Hier hielt die alte Frau inne, denn die Stimme versagte ihr und ein Strom von Tränen floß über ihr abgehärmtes Gesicht. Weinend fuhr sie fort: „Nach der Versteigerung siedelte ich mit meiner Tochter zu meiner Base bei der Kirche über. Zwar hatte ich das Recht, noch drei Monate in meinem Hause zu wöhnen, doch ich koEe es nicht übers Herz bringen, nun mit unserem früheren Knechte unter einem Dache zu wohnen. Von all dem großen Vermögen blieb mir nur ein weniges oder garnichts. Meine Tochter trat in den Dienst des Gutsbesitzers, was ich nur ungern zugab. Aber was tun, da sie gerade keine andere Stelle finden konnte? Cr behandelte sie sehr schlecht, wie auch alle anderen. Sie ertrug es aber mit Geduld. Trotzdem wir nur wenig erübrigten, konnten wir voriges Jahr dieses Häuschen mit dem Garten mieten. Wir müssen aber bescheiden leben und geben keine -Pfennig zu unnützen Zwecken aus. Jetzt aber sollte meine Tochter einen neuen Rock zu Ostern haben, und ich weiß nicht, wo ich das Geld dazu hernehmen soll. Ich sehe, daß Sie da schöne Stoffe haben. Wie teuer würden Sie mir diesen erlassen?" Der Hausierer rechnete und rechnete, um der Frau ja nicht zu viel abzunehmen. Der Handel wurde endlich zu 8 Mark abgeschlossen. Jetzt aber fam bie Hauptsache. Die Frau hatte nur 4 Mark, also bloß die Hälfte. Die andere Hälfte wollte sie ihm in vier Wochen bezahlen. Er wollte aber nicht darauf eingehen. Da holte sie ein altes Gemälde, das nicht in die Versteigerung gekommen war. Auf ihre Frage nach dem Werte antwortete Benjamin, er verstehe sich nicht auf derartige Gegenstände. Sie solle ihm aber die 4 Mark und das Bild geben. Was er mehr dafür als 4 Mark löse, wolle er teilen. Der Handel wurde also abgeschlossen, und Benjamin machte sich auf den Heimweg. Er betete Minchah und ging, da es schon dunkelte, nicht zu Fuß in seine Vaterstadt zurück, sondern nahm den Weg nach der nächsten Bahnstation und benutzte von da aus den Zug. In dem Wagen, in den er einstieg, saßen noch zwei Herren. "Der eine, ein Altertumhändler, betrachtete das Gemälde fortwährend. Endlich fragte er Benjamin, was er dafür bezahlt habe. Er antwortete, er verstehe diese Sachen nicht, habe es auch noch nicht gekauft, sondern bloß für 4 Mark angenommen. Der Herr staunte, er war schon lange Altertumhändler und hatte noch nie einen so billigen Gegenstand kaufen können. Er bot Benjamin das vier-, sogar das sechsfache dafür an. Er sagte nicht ja und nicht nein, sondern bloß, er wolle sich noch nach dem Werte des Gemäldes erkundigen. So kamen sie denn am Bahnhofe an. Beide stiegen aus. Der Händler bat noch einmal um das Bild, er bot ihm 30 Mark an, doch umsonst. Ms sie nun noch eine Strecke zusammen gegangen waren, wollte Benjamin es endlich um 40 Mark geben, aber nicht billiger. Der Händler feilschte noch, da er aber sah, daß es nichts nütze, gab er ihm die verlangte Summe und nahm das Gemälde sogleich in Empfang. Am Ende der Straße trennten sie sich, und unser Hausierer schlug den Weg zur Mutter ein. Mit welcher Freude trat er in die niedere Wohnung ein und begrüßte die liebe Mütter! Er erzählte ihr sofort alle seine heutigen Erlebnisse. Mit Freude hörte sie ihm zu. Als er geendet, fragte sie ihn, ob er sein Versprechen auch hallen würde. „Ganz gewiß, schon in den nächsten Tagen muß die alte Frau ihr Geld haben," war seine Antwort. Er kam auch seinem Versprechen nach und gab ihr 20 Mark, wie er mit der Frau verabredet hatte. Die Alte war überglücklich und kaufte dem ehrlichen Jungen sogleich fast für die ganze Summe Waren ab. . Benjamin reiste täglich mit seinem Bündel in den Dörfern umher und die Mühe, die er sich gab, wurde reichlich belohnt; denn gar bald hatte er sich ein kleines Kapital zurückgelegt. Von Tag zu Tag wurde er bei den Bauern beliebter. Bald kaufte er sich einen Hundekarren, um damit in die Dörfer zu fahren, was schon eige große Erleichterung wqr, da er die schweren Waren nicht mehr auf seinem Rücken zu tragen brauchte und doch mehr mitnehmen konnte als vorher. Als er aber einen Grauschimmel von einem Gärtner erstehen konnte, war er überglücklich;, er brauchte nicht mehr zu Fuß zu gehen, er konnte . entferntere Dörfer besuchen und so seinen Kundenkreis erweitern. Er sah einer besseren Zukunft entgegen. Doch der Mensch denkt, Gott aber lentt! Eines Nachts wurde in der Kirche, nicht weit von Mirjams Wohnung, ein großer Diebstahl verübt. Die Kasse war erbrochen und viele wertvolle Gegenstände entwendet worden. . Die Polizei bemühte sich vergebens, die Einbrecher ausfindig zu machen. Da kam eines Tages ein junger Bursche vor das Gericht und gab an, er sei der Dieb, er stelle sich freiwillig, da ihm sein Gewissen keine Ruhe lasse. Doch der Hausierer Benjamin Perlenkron sei sein Mithelfer gewesen und nur auf seinen Rat habe er das Schreckliche getan. Er wurde sofort in Hast genommen, und man sandte auch sogleich die Polizei in bie Wohnung des Hausierers Perlenkron. Dieser kehrte gerade von einem Dorfe heim. Doch wie erstaunte er, als ihm beim Einbiegen in seine Gasse ein Polizist den Weg versperrte und ihn festnahm, um ihn ins Gefängnis abzuführen! Nicht einmal seine Mutter durfte er mehr sehen. Wessen er beschuldigt war, wurde ihm nicht gesagt. Geduldig wie ein Lamm ließ er alle Schimpfworte und Drohungen über sich ergehen. Sein Vertrauen war auf Gott gerichtet und Gott würde ihn nicht verlassen, dessen war er sicher. Im Kerker saß er nun, gefesselt wie ein Verbrecher, ohne zu wissen, warum. Langsam vergingen die Stunden und wie eine Ewigkeit dünkte, ihn die Nacht, bis endlich der Morgen graute, der ihm wie eine Erlösung vorkam. Kam er doch heute vor Gericht, um dort zu erfahren, wessen man ihn beschuldige, hoffte er doch zuversichtlich, daß seine Unschuld an den Tag kommen werde! Endlich knarrte die Kerkertüre und der Gefängniswärter trat ein, um ihn vor den Richter zu führen. Stumm und niedergeschlagen folgte er ihm ins Gerichtslokal, wo sich schon ein großes Publikum eingefunden hatte. Er nahm auf der grünen Bank Platz, neben ihm der Verbrecher, der sich selbst gestellt hatte, sein Ankläger. Jetzt begann das Verhör. Erst kam der Dieb, der seine Aussagen von früher wiederholte und noch einmal die Zeugen nannte, die er schon angegeben hatte- Nun wußte der arme Benjamin, was man gegen ihn im Schilde führe, welches Unheil ihm drohte. Endlich kam