Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Blätter Nr. 13 Seite 3 1L IM IMS_ tum" noch „Partei", weder „Weltanschauung" noch „Politik". sondern einzig die zweckmaß-g organisierte Verkörperung sehnsüchtigen Streb ens nach Ermöglichung der Erfüllung der Jisroels- Bestimmung. 2. Agudas Jisroel wird nur soviel erreichen^ als sie mit ®wri rrpDD aufwiegen kann. Aguda, Zionismus und Misrachi. Erschrick nicht, verehrter Leser, Du sollst nicht wiederum damit gelangweilt werden, längst Gesagtes und Geschriebenes über den Unterschied der agudistischen An-, schauung gegenüber der zionistischen und misrachistischen nochmals zur Kenntnis zu nehmen. Wir haben uns schon seit geraumer Zeit bemüht, die nun einmal vorhandene Gegensätzlichkeit zwischen den in der Ueberschrift genannten Organisationen nur dann hervorzuheben, wenn die Gegenseite uns durch Verdunklungsversuche dazu unausweichlich nötigte. Im übrigen glaubten wir, daß allmählich sich doch die- Erkenntnis Bahn brechen wird, daß man nicht gut und vor allem nicht klug daran tut, Agudas Jisroel deshalb, weil sie die Zionistische Organisation bekämpft als eine Gegnerin Erez Jisroels anzusehen oder deshalb, weil sie sich auch nicht als Fraktion gleich dem Misrachi in eine arreligiöse, jüdische Organisation einreiht, des Mangels an Verständnis für die jüdische Gesamthettsaufgaben zu zeihen. Wir hofften, daß die praktische Arbeit der Agudas Jisroel allmählich auch' ihren Gegnern so viel Achtung abzwingen werde, daß man von den alten verlogenen Phrasen des Verrates an den nationalen Heiligtümern, an Erez Jisroel, am jüdischen Volk durch Agudas Jisroel früher oder später Abstand nehmen würde und an ihrer Stelle eine gerechte Würdigung der religiösen Grundeinstellung der Agudas Jisroel treten werde. Unsere Hoffnung hat nicht getäuscht. Zum ersten Male hat ein Bruchteil der Vereinigung der Zionisten für Deutschland auf seinem dieser Tage abgehaltenen Delegiertentag in offtzielleq Form den ehrlichen Willen der Agudas Jisroel, am Aufbau Palästinas zu arbeiten, anerkannt. Der offizielle Bericht, welchen wir der Berliner „Jüdischen Rundschau" entnehmen, hierüber lautet: Die „Unabhängige Fraktion" bringt folgende Resolution ein: „Der XIX. Delegiertentag der Z. V. f. D. glaubt in den Beschlüssen der Wiener Zentralratssitzung der Agudas Jisroel 1921 und der Breslauer Tagung vom Dezember 1922 den Willen zur verantwortlichen Teilnahme am Ausbau Palästinas zu erkennen, wenn auch die vorliegenden Beschlüsse der Agudas Jisroel für die zionistische Organisation noch keine Grundlage zur Verständigung bilden können. Der Delegiertentag drückt seine feste Zuversicht aus, daß über alle trennenden Momente hinweg von allen jüdischen Organisationen Mittel und Wege zur Erfüllung der zahlreichen praktischen Aufgaben in Erez Jisroel gesunden werden." Hierzu erklärt Dr. Hantle: Der Hauptausschuß ist sich dessen bewußt, daß die Stellungnahme der Agudas Jisroel zum Aufbau Palästinas eine sehr Wichtige Angelegenheit ist, die eine sehr ernste Behandlung erfordert. Der Haupt-Ausschuß glaubt daher, daß es die zweckmäßigste Art, eine solche Angelegenheit zu behandeln, ist, wenn man sie zuerst dem Landesvorstand zur Beratung übergibt. Dieser Antrag wird angenommen. Bei dem durch dfe Erfahrung der letzten Jahre sehr reduzierten Maß an Zutrauen zur Objektivität unserer Gegner, waren wir in der Tat freudig überrascht, die an und für sich selbstverständliche Wahrheit von dem Willen der Agudas Jisroel zum Aufbau Palästinas auch von dieser Seite zu hören, ohne viel nach den Motiven zu fragen, welche wohl diese Resolution veranlaßten. Wir mußten natürlich ohne weiteres annehmen, daß die Misrachi-Fraktion die treibende Kraft gewesen sei, welcher die Annahme dieser Resolution zu verdanken ist und die sich nun mit uns freue, daß endlich einmal der Weg zu einer ehrlichen Auseinandersetzung zwischen Orthodoxie und arreligiösem Nationalismus von dem nieder» Gestrüpp falscher Verdächtigungen freigelegt werde. Wir waren daher maßlos erstaunt, in der jüngsten Nummer der misrachistischen „Jüdischen Presse" eine gewisse Verschwiegenheit über die oben zitierte Resolution konstatieren zu müssen, statt dessen aber nicht weniger als drei Kämpfartikel gegen Agudas Jisroel vorzufinden, in welchen die alten Ladenhüter des Misrachi ohne jeden pikanten Retz der Neuheit wieder aufgefrischt werden. Da wird die Palästina-Arbeit der Agudas Jisroel als Köder bezeichnet, den sie auswerf?, um die Massen zu gewinnen und dann, wenn diese gewonnen sind „alle Verpflichtungen gegenüber der Volkszukunft abzuschütteln und wieder mit dem alten Geschimpfe über das gottlose Palästina zu beginnen." Ms Kronzeuge dafür, daß Agudas Jisroel keine praktische Arbeit in Erez Jisroel zulasse, wird sogar ein chassidischer Rabbiner zitiert, welcher außerhalb der Agudas Jisroel steht. Die vor kurzem in den „Blättern" gemeldete Friedensaktion des orthodoxen Rabbinerverbandes in'Amerika wird als agudistischer Versuchsballon bezeichnet; usw. ohne Grazie ad infinitum. Um etwas Abwechselung zu bieten, perschmäht es ein Wiener Artikelschreiber auch nicht, einige Agudisten persönlich anzugreifen, so unter anderem einen angeblichen Vertrauensmann der Agudas Jisroel in Wien, daß er am Sabbat rauche und erklärt habe, daß er dies auch weiter tun werde (unsere Wiener Freunde werden sich wohl noch hierzu äußern), ferner daß die Aguda die Methoden einer ecclesia militans ins Judentum .hineintrage, denn — sie nenne ihr Mitglied Rabbiner Dr. Pollack bereits mit dem Titel „Hochwürden". Das alles ist kein schlechter Purimscherz, der in den drei Wochen unangebracht wäre, sondern sind lauter Zitate aus der jüngsten Nummer des Misrachi-Organes, welches auch, nachdem es einen Bericht aus Jerusalem abgedruckt hat (den wir bereits in der jüngsten Nummer unserer „Blätter" brachten), diesen mit der Bemerkung versieht, welche auf die Jerusalemer Aguda gemünzt ist: „Von derartigen Kampfmethoden erfahren freilich die frommen Leser der europäischen Agudapresse (die eine Virtuosität im Totschweigen ihr unbequemer Tatsachen hat) nicht das geringste." Um nicht noch einmal von diesem Vorwurf getroffen zu werden, haben wir heute die Kampfmethode des Misrachi-Organes registriert, ohne uns veranlaßt zu fühlen, sachlich längst Gesagtes zu wiederholen, umso weniger als uns der Beschluß des Delegiertentages der zionistischen Vereinigung für Deutschland — welcher doch für den Misrachi mindestens bindend ist — jeder Antwort enthebt. Nur eine Frage möchten wir zum Schluß allen objektiv Denkenden hüben und drüben stellen: Sollte etwa der deutsche Misrachi durch die Dresdener Resolution seine Monopolstellung als orthodoxe Erez Jisroel-Bewegung erschüttert fühlen und seine plötzlich erneute agressive Stellungnahme gegen Agudas Jisroel eine Quittung über das Unbehagen jein, welches die Dresdener Resolution ausgelöfl hat? E. Präludien zur Kenessio Gedaulo. Don Distriktsrabbiner Dr. Zlaphaet Areuer in Akchaffenöurg. (Fortsetzung.) Die programmatische Festlegung der Aguda auf das Gesetz der Thora braucht an und für sich noch nicht zu einer Schwächung ihrer die gesamte Judenheit umfassenden organisatorischen Alraft zu führen. Denn warum sollten nicht auch die in ihrem persönlichen Leben dem Gesetz der Thora Entfremdeten durch ihren Anschluß an die Aguda es bekunden dürfen, daß sie gerne gewillt sind, mitzuhelfen, daß dieses Gesetz der Thora der jüdischen Gesamtheit erhalten bleibe! Wenn die Orts gemeinde, die jüdische Kehilla der erzieherischen Kraft ihres Geistes vertraut, um auch werdende, erziehungsbedürftiae, entwicklungsfähige Menschen sich anzugliedern» warum sollte da die Weltgemeinde der Agudas Jisroel auf die werbende Macht ihrer Idee ein geringeres Vertrauen se^ei! Allerdings darf es in der Weltgemeinde nicht dahin kommen, wozu es vielfach in der Ortsgemeinde kam, daß Objekte der Erziehung in Subjekte der Erziehung sich verwandeln, datz der Führung Bedürftige zur Führung der Gemeinde sich berufen fühlen. Denn zwischen Ortsgemeinde und Weltgemeinde besteht denn doch der Unterschied, daß es jenseits der Weltgemeinde ke'ne ausgleichende Stelle mehr gibt, in der für das öffentliche Bewußtsein die Unzulänglichkeiten des wirklichen Lebens ihre entsprechende Berichtigung fänden. Wenn die Kehilla X und V einen Vorsteher hat, der den Sabbat öffentlich entweiht, so ist das eine in der Galuthgeschichte des jüdischen Volkes begründete Krankheitser'cheinung, die das Leben der jüdischen Gesamtheit nicht unmittelbar tötlich infizieren muß. Das Uebel kann lokalisiert werden, wenn und solange Vorsorge getroffen ist, daß innerhalb und erst recht außerhalb seiner unmittelbaren Einflußsphäre die Kraft seiner Wvrkung an seinem inneren Widersinn zerbricht. Dagegen kann die Agudas Jisroel, welche" die Aufgaben der jüdischen Gesamtheit im Geiste der Thora löst, an ihrer Spitze nur solche Vorsteher dulden, die auch die Aufgaben ihres persönlichen Lebens im Geiste der Thora lösen. Die kranke Ortsgemeinde kann an der gesunden Weltgemeinde ge nesen. Woran soll aber die Weltgememde genesen, wenn auch sie der Genesung bedürftig ist? So weltfremd ist nun freilich die Aguda nicht, daß i^tem Blick der tiefe Abgrund zwischen der Idee, me ihrer Organisation zugrunde liegt» und der wirklichen Gestalt die ihre Organisation voraussichtlich haben wirt^ verborgen wäre. Sie weiß genau, daß Tausende, die ihr als Mitglieder angehören könnten und als Mitarbeiter höchst willkommen wären, ihr nicht angehören werden, weil sie ihr von anderen Organisationen entzogen werden. Gar mancher, der z. B. vom Zionismus verschlungen wird, würde sich seiner ganzen seelischen Veranlagung nach in der Aguda erst richtig heimisch fühlen, die ihn zweifellos zu den Ihrigen zählen könnte, wenn es eben keinen Zionismus gäbe. Darin liegt eben das tragische Verhängnis unserer Zeit, daß der Abfall von der Thora in besonderen Organisationen sich verkörpert, die ihn künstlich verewigen» indem sie ihn seinem natürlichen Schicksal der Selbstauflösung, der das Unwahre schließlich doch anheimfallen muß, gewaltsam entreißen. Darum wird es dem Expansionswillen der Aguda vermutlich so ähnlich ergehen, wie es seit Jahrzehnten — um ein Beispiel aus dem Erscheinungsort dieser Zeitschrift zu wählen — dem Ausdehnungsdrang der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt ergeht. In Frankfurt und Umgebung wohnen Tausende von Juden, die vom Geiste der Adas Jeschurun längst erfaßt worden wären, wenn ihnen der einmütige Wille aller Thoratreuen den Weg der natürlichen Entwicklung offen gehalten hätte. Solange der Abfall von der Thora nur in einzelnen Personen, und mögen es viele Taufende sein, sich verkörpert, wird er stets eine vorübergehende Episode sein. Erst die Organisation in Ortsgemeinden und Weltverbänden macht den Abfall zur Katastrophe. Wird somit die Aguda voraussichtlich nur auf einen Zustrom von Thoratreuen rechnen können und inbezug auf das Schicksal aller der Thora Entfremdeten dem Walten der göttlichen Vorsehung vertrauen müssen, die schon Mittel und Wege finden wird, um die künstlichen Hemmungen, die menschlicher Irrtum schuf, zu überwinden, so wollen wir doch auf der anderen Seite die großen Vorteile nicht übersehen, die einer in sich geschlossenen Körperschaft für eine wirklich ideale Lösung jüdischer Gesamtheitsaufgaben innewohnen. Diese Vorteile sind ideeller und praktischer Natur. In ideeller Hinsicht muß es geradezu als eine Vereinheitlichung des göttlichen Namens bezeichnet werden, wenn ein jüdischer Weltverband vorhanden ist, der sich eindeutig auf den Boden der religiösen Tradition des Judentums stellt. Nichtentweihung und Verherrlichung des göttlichen Namens: das sind zweierlei Dinge. Wer den göttlichen Namen nicht entweiht, der hat ihn noch lange nicht verherrlicht. Begnügte sich die Aguda nach berühmtem Vorbilde mit der opportunistischen Vorsorge, daß aus allen Gebieten ihrer Tätigkeit alles vermieden werde, was gegen die religiöse Tradition des Judentums verstößt, dann würde dieses löbliche Verhalten, selbst wenn es dabei gelänge, jede menschliche Entgleisung auch auf Seiten untergeordneter Organe zu vermeiden, nur höchstens Nichtentweihung des göttlichen Namens bedeuten. Der göttliche ' Name will aber nicht bloß nicht entweiht, er will auch verherrlicht werden. Das bringt aber die Aguda nur so zuwege, daß sie den göttlichen Namen in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit rückt, daß ihr Dienst an der Gesamtheit Dienst am Werke Gottes ist, daß ihr die welthistorischen Gegensätze zwischen Religion und Politik, zwischen Glauben und Wissen, Nation und Kirche, Individual- und Sozialmoral in einer höheren Einheit zusammenfließen, die im Gedanken der Gesetzeserfüllung, des Menschendienstes am Gotteswerke, ihren die Zeiten überdauernden Halt gewinnt. In dep Aguda kann und wird es darum niemals eine „Kulturfrage" geben, die, ebenfalls nach berühmtem Vorbilde, zu einer Eristenzfrage des Ganzen werden könnte. Denn wer sich in die Aguda begibt, der weiß von vornherein, daß all die schönen Dinge, die im Rahmen der