Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 28 12. Juli 1923 und Butter in die Häuser. Verdient wenig, da sie lahm ist. Ein Sohn ist fort, der .zweite arbeitet irgendwo bei einem Tischler,- einer ist zu Hause — skrophulosekrank." „Witwe Beile Basche (Zunamen nicht festzustellen). Wohnt zusammen mit der Schwiegertochter, einer Soldatenwitwe (der Mann ist seit dem letzten Krieg verschollen). Die Schwiegertochter mißt Federn. Sie selbst ist Wärterin im Frauenbad und ber Wöchnerinnen oder anderen Kranken. Im Sommer hat sie, solange der Gutsherr nichts dagegen hatte, Erdbeeren im Wald gesammelt. Kranke Frau, bettelt ein wenig." „Seinwel Graf — seit kurzer Zeit Schinder. Seinerzeit großer Fischhändler. Hat den Fluß fang, den der Gutsherr einem Christen verpachten wollte, ausgemietet. Viel Abstandsgeld gezahlt. Hat den ganzen Sommer nur trefene Fische gefangen und ist so ganz fertig geworden." „Schmelke Benzias — ehemals Danziger Kaufmann. Vor etwa 20 Jahren heimgekehrt ohne einen Knopf . . . Handelt seither mit Rosinenwein für Kiddusch. Frau — Näherin; seit einigen Jahren schon augenleidend. Sie haben wohl keine Kinder, leben aber in Not, da die Konkurrenz in Rosinenwein sehr groß ist." „Mejlech Perels — netter, junger Manu, erst vor kurzem der Verpflegung bei den Schwiegereltern entwachsen. Hat gemeinsam mit einem Getreidehändler Geschäfte gemacht, das Geld angebracht; indessen ist der Schwiegervater arm gestorben. Man weiß noch nicht, was er beginnen wird. Im ganzen nur drei Kinder." Man bat mich auch, ich möge noch einen notieren (seinen Namen konnte man mir nicht sagen), einen Blonden, mit Weib und Kindern, wie viele, war nicht bekannt» daß es viele seien, wußte man. „Er macht sich heute oder morgen in der Stadt ansässig. Der Gutsherr hat ihm die Pachtung entzogen. Was er beginnen wird, weiß man noch nicht. Aber aufschreiben könnt Ihr ihn schon!" 25. Von Jacob Israel de Haan in Jerusalem. I.*) Wie schön ist doch der fünfundzwanzigste, wenn man am vierundzwanzigsten nicht ermordet wurde. Uebrigens, der Brief ist daran nicht schuld! Denn der lautete so: „De Haan! Hierdurch teile ich Ihnen mit, daß, falls Sie unser Land nicht bis zum vierundzwanzigsten dieses Monats verlassen haben, Sie gleich einem gemeinen Hund totgeschossen werden. Alle Ihre Bemühungen, den Schreiber dieses zu entdecken, werden nutzlos sein. Nutzlos werden auch alle Bemühungen sein, gegen uns sich zu schützen. Und wenn Ihr sogar mit Polizeibeamten und Kriminalen Euch umgebet, dann werden wir trotzdem Euch treffen, um das heilige Gebot zu erfüllen: „Und Ihr sollt das Böse aus Eurer Mitte wegschaffen." Daran denkt und vergesset nicht: den vierundzwanzigsten. Denkt an diesen Tag!" Die schwane Hand. Und dieser verständige und wohlgemeinte Brief ist natürlich im Hebräischen, der Sprache unserer nationalen Wiedergeburt, geschrieben. Natürlich sind keine Sprachfehler darin. Und ein Stil ists! dessen Schönheit ich im holländischen, das noch nicht wiedergeboren ist, nicht wiedergeben kann. Und das Kuvert ist ein amtliches, mit den schönen, großen Worten: „On His Maiestys Service“. Allah ist groß. kl. Was soll man schließlich unter diesen Umständen! besseres tun, als diesen Brief unserem jüdischen Geheimagenten, der jedoch zu dick ist, um geheim zu bleiben, zu geben. Jeder kennt ihn und die wiedergeborenen Spötter sagen, daß er alles, außer seinem Kops und seinen Füßen, sieht. Ein ernster Fall. Natürlich muß man sich nicht Angst machen lassen. Aber man kann doch niemals wissen. Und man muß vorsichtig sein. Und das Kuvert von Seiner Majestät! Eine' Beleidigung." Er will Rapport machen. Am Mittag kommt ein furchtbar netter junger jüdischer Beamter, der die Sprache der Wiedergeburt spricht. Er ist sehr jung und sehr ernst. Ich soll doch vorsichtig sein. Die Schwarze Hand sei eine mächtige Gesellschaft. Er untersucht mein Gartenhäuschen von Kopf bis zu Füßen. Ja, es ist ein Haus, wie .geschaffen für einen zum Tod Verurteilten. Aus drei» Seiten Fenster. Und eine dünne Türe. „Sie müssen bedenken," sagt das verständige Dienerchen, „sie haben überall ihre Spione ... sie kommen vielleicht des nachts ... sie werden das Feuer auf Ihre Bettstelle konzentrieren . . . wenn ich Ihnen raten darf, dann schlafen Sie unter dem Bett." Ob ich übrigens den Schutz eines Polizeibeamten wolle? Ob ich die Erlaubnis zum Tragen eines Revolvers haben möchte? Eine Woche bevor man tot¬ *) Aus dem Holländischen übersetzt von H. K. Prof, de Haan in Jerusalem, der durch sein mannhaftes Eintreten für die Interessen der unabhängigen Orthodoxie sich den unversöhnlichen Haß der radikal-zionistischen Kreise Palästinas zugezogen hat, erhielt jüngst, wie gemeldet. einen Brief der „Schwarzen Hand", der ihm den Tod androhte. Der Israelit geschossen wird, ist die Regierung so gutherzig. Vielleicht würde es wirklich besser sein, wenn ich das Land verlasse. „Zeitweise", meint das Dienerchen. „Es ist eine mächtige Gesellschaft. Und Sie können nicht wissen." HI. Was zwei geheime Gesehesdiener wissen, kann nicht unbekannt bleiben. Jerusalem weiß, daß ich mein Todesurteil nach Hause geschickt bekommen habe. Das Leben ist nun sehr wichtig. Menschen, die für mich viel zu „wiedergeboren" sind, sprechen mich auf der Straße an: „Ist es wirklich wahr? . . . man hat mir mein Todesurteil nach Hause geschickt. Können wir den Brief sehen? ..." „Ja", sage ich, dicht am Tode: „es ist wirklich wahr ... ich habe mein! Todesurteil bekommen . . . aber den Brief kann ich Ihnen nicht zeigen ... der ist bei der Polizei. Verlangt den Brief dort ... ich werde Ihnen eine Empfehlung mitgeben ... ich habe dort jetzt großen Einfluß." ' Viele verständige Menschen raten mir, dem billigen Verlangen der Schwarzen Hand nachzugeben. Aber ich will nicht. Wie wunderlich ist diese Zeit doch! Wenn ich des abends nicht zu einer Versammlung gehen will, sage ich: „Denkt Ihr, daß ich abends ausgehe? Nicht mal eine Lampe stecke ich an . . . wenn es dunkler. wird, verkrieche ich mich unter mein Sofa . . . falls sie des nachts kommen und das Feuer auf die Bettstelle konzentrieren ..." Es gibt auch Menschen, die mich ermutigen wollen. „Dummheit", sagen sie, „die schwarze Hand ... es gibt keine schwarze Hand, lassen Sie sich mal nicht bange machen." Diese Menschen hasse ich. Mißgönnen sie mir, daß ich mein Todesurteil nach Hause bekommen habe? Und daß ich am vierundzwanzigsten totgeschossen werde? Ist das Leben nicht schon unwichtig genug? Ich hasse sie. Ja, es sind große Tage! Jemand kommt und teilt mir streng vertraulich mit, sein Neffe habe gehört, der Bote der Darlehenskasse habe gesagt: „Paß aus, paß auf," als ich gerade vorbeiging. Ob ich nicht dächte, daß zwischen der Darlehensbank und der Schwarzen Hand geheime Beziehungen beständen? „Gehen Sie zur Polizei", sage ich schaudernd. Des mittags kommt der jüdische Wachtbeamte wieder. Nein, die Polizei hat den Schreiber des Brieses noch nicht gesunden. Auch die Hauptquartiere der Schwarzen Hand sind noch unsichtbar. Aber schließlich, wenn ich einen Revolver tragen will, wird man mir die Erlaubnis geben. Und wenn ich höre, daß jemand Drohworte sagt, soll ich es mitteilen. Er wird dann sofort eingesteckt. Am späten Nachmittag, ehe es Zeit ist für unter das Sofa, gehe ich in der Jaffastraße spazieren. Wie hübsch ist doch die Welt. Der weiche Mittagswind und die Luft voll feingewebtem Hauch. Die Arbeit ist fertig. Und die Menschen wandeln. Aber was find sie? und wer sind sie? Wenn ich zur Polizei gehe und sage, sie hätten Drohworte gerufen, werden sie alle eingesteckt und die Gefängniszellen von Jerusalem werden voll werden. Ich kann auch einen Revolver nehmen und sie alle niederschießen. Das Leben ist großartig. Warum nicht? Es ist der zwanzigste. Vier Tage vor dem Tode. Oder werde ich am vierundzwanzigsten nicht sterben? Unsicherheit. Unsicherheit. Zwischen dem Heute und der Zukunft steht ein eiserner Vorhang. — Mittags schickt die schwarze Hand wieder einen Brief. Einen zweiten. Sie haben gehört, daß ich meinen Patz noch immer nicht verlangt habe. Ich solle nur nicht denken, sie würden Gnade vor Recht ergehen lassen. Am vierundzwanzigsten! Ich fühle, daß der Tod dichtebei ist. Und daß ich in meiner Todesangst nichts besseres tun kann, als zur Polizei zu gehen. Ja, wir durchleben ernste Zeiten. Ob ich weiß, daß einer der jüdischen Architekten auch einen Todesbries erhalten hat? Er weigerte sich, einen Kontrakt mit der Verpflichtung, Arbeit ausschließlich an Mitglieder der sozialistischen Arbeiterorganisation zu geben, zu unterzeichnen. Er war gescheit genug, um zu wissen, daß ein Tag nach Unterzeichnung eines solchen Kontrakts Streiks ausbrechen würden, ohne Aussicht aus Ersatz. Darum nahm er asiatische Juden, die noch nicht bis zum Bewußtsein der vierten Internationale vorgedrungen sind. Und die lieber arbeiten, als streiken. Für so einen Architekten ist aber in Palästina kein Platz. „Von der schwarzen Hand," frage ich zitternd? „Nein," sagt der Polizeioffizier, „von dem hungernden Chalutz." VI. Wie wunderlich ist der dreiundzwanzigste, wenn man am oierundzwanzigsten totgeschossen wird. Ueber den fünfundzwanzigsten darf ich garnicht denken. Tot und begraben. Alles bleibt in meinem Zimmer stehen wie es war und ich werde nicht kommen. Denn ich bin tot. Aber wenn ich nicht weiß, daß ich tot, bin ich auch nicht tot. Dann habe ich das ewige Leben. Aber, wenn ich das auch nicht weiß? Das sind große, tiefe Gedanken, über die viel zu schreiben wäre. Aber was nützt das, einen Tag oar meinem Tod? Besser ists, ruhig abzuwarten und, falls möglich, nach meinem Tode mit den Spiritisten darüber zu sprechen. Geht das? Der dreiundzwanzigste. Ja, die Schwarze Hand hat lange Finger und ich werde ihr nicht entschnappen. Mir ist vor Angst ganz kalt. Denn ich bin ein Feigling. Und mein Herz. O, mein Herz. Wie das klopft. Ich reiße ein Blatt vom Kalender, um zu sehen, wie die Ziffer 24 aussieht. Es ist gewaltig. Ich habe es bisher niemals gefühlt. Und für eine Versöhnung ist es nun zu spät. Und ist es auch nötig? Ich will lieber gleich dem Vogel Strauß es tun und das Blatt daran lassen. Ja, ich will lieber vom dreiundzwanzigsten gleich auf den fünsundzwanzigsten springen. Wenn man das Blättchen vom Kalender nicht abmacht, besteht der nächste Tag nicht. Und das Jahr bleibt stehn. Dumm, daß ich nicht früher auf diesen guten Gedanken gekommen bin. Laß die Schwarze Hand oder den hungernden Chalutz etwas dagegen tun. VH. Ich habe die letzte Nacht ruhig auf dem Sofa geschlafen. Ich träumte von dem Herbstschein in der kleinen Stadt, wo wir die Kinder unserer Mutter waren. Alles ist glücklich. Die Fenster stehen aus. Die Tür. Und der Wind, noch nicht von der Sonne verbrannt, weht durch die Morgenweite. Für mich gibts keinen vierundzwanzigsten. Der nette jüdische Eesetzesdiener kommt. Wir sprechen hebräisch, noch immer die Sprache unserer nationalen Wiedergeburt. Er versichert mich, ich brauchte nicht bange zu sein. Man wird mich den ganzen Tag bewachen. Ich soll nur sagen, wo ich heute überall hingehe. Ich könnte ihm natürlich sagen, daß der vierundzwanzigste für mich nicht besteht. Aber er wird es nicht begreifen, weil es so einfach ist. Er hat es heute sehr eilig gehabt. Denn das Leben in Jerusalem wird immer reichhaltiger und besser.. Bis vor kurzem konnten wir noch versichern, daß unter den Chalutzim, trotz aller Umstände, keine Räuber waren. Heute wissen wir es nun besser. Vier Chalutzim haben gestern einen alten jüdischen Kaufmann auf dem Nachhauseweg angefallen, halb erwürgt und ganz beraubt. Sie sind entkommen. Aber einer hat bei diesem nationalen Streit seinen Hut liegen lassen. Und es ist alle Hoffnung da, daß man ihn finden wird. Wir gehen vorwärts. Wir hören auch, daß geschriebene Plakate in der Stadt angeklebt sind, daß jeder, der an Araber Arbeit gibt, ein Verräter ist, den man sofort aus dem Wege räumen wird. Die Plakate sind auf Hebräisch geschrieben und von der Schwarzen Hand und dem hungernden Chalutz . unterzeichnet ... VIII. Und heute? Ach, — wie herrlich ist der fünfundzwanzigste, wenn man am vierundzwanzigsten nicht ermordet wurde. Ich bin ftüh ausgestanden und habe vom Kalender zwei Blättchen abgerissen. Wie schön steht doch die Ziffer da: 25. Und ich bin nicht tot. Ich glaube sicher, daß ich nicht tot bin. Mein neuer Freund Leo ist heute angekommen. Wenn er Geld bekommt, will er eine große Reise machen. Ueber Damaskus, Bagdad, Teheran, Ei^erum und Angora nach Konstantinopel. Ueber seine große Reise will er Berichte an alle großen Blätter Europas schreiben. Er wird berühmt. Der ganze Reiseplan t[t. schon fertig, bis auf das Geld und den Beziehungen zu den Zeitungen. In Erwartung - dieser Dinge logiert er bei einen: tauben Onkel, der durch harte Arbeit ein Stückchen Brot verdient. „Man muß sich um Geld keine Sorgen machen", tröstet Leo gutherzig, „ich bin ohne Geld immer durchgekommen. Mein Onkel ist gut, aber bürgerlich, furchtbar bürgerlich ... für ein Pfund läuft er von hier nach Jaffa ... ich mache mir nichts aus Geld." Srur kommt vom Markt. Er hat schöne, volle mischmisch (Aprikosen) mitgebracht. Schade, daß wir kein Eis haben, sagt Leo besorgt. Wir könnten dann die Aprikosen kalt und frisch mit Eiswasser machen. Der ganze Reiseplan ist fertig, bis auf das Geld und die Zeitungen. Heute ists wie immer. Obschon etwas freundlicher. Was wäre gewesen, wenn man mich gestern totgeschossen hätte? Was hätten wohl dann die amerikanischen Zeitungen gesagt? Würde man im englischen Parlament interpelliert haben? Äber so großartig ist das Leben garnicht. Auf meinem Kalender steht heute sicher und geschützt: — 2 5 —. Uinderecke. Rätsellösung. Die Lösung des Rüffels in Nr. 26 lautet: Horeb mn Schwert mn Rahab am Cheber (Jthro) “on Richtige Lösungen sandten ein: Albert Katz, Nürnberg; Jakob Rothschild, Frankfurt a. M>; Markus und Siegfried Gerstel, Wetzlar; N. Reich, Hamburg; Markus Gabel, Frankfurt a. M.; A. Goldberg, Pforzheim; M. Stern, Hruschau; S. Freudenberger, Flieder; I. H. Tempelhos, Saarbrücken.