Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1923)
- Date
- 1923-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine moderne Ehe. ix>, mm \ m Eine Erzählung von Walya« Zreyfrch in Wüthause« (Elsaß). (Fortsetzung.) Er richtete sich nochmals auf. Aber, welch ein Schrecken durchfuhr ihn, als er von der Straße die Worte vernahm: „Maryland! Perlenkron!" . Das war gerade genug! Schnell verließ er sein Lager, kleidete sich m aller $ba\t an und eilte nach seiner Fabrik. Die ganze Bevölkerung war schon auf den Beinen, und in immer größeren Massen strömte die Menge hinaus, das schreckliche Schauspiel zu sehen. Es dauerte eine Viertelstunde, bis Rudolph zur Fabrik gelangte, die er schon von weitem in einem Flammenmeere stehen sah. Er stürzte in das Büro, um zu retten, was noch zu retten war. Aber wie versteinert blieb er an der Türe stehen: der Geldschrank war bereits geöffnet und geleert. Unterdessen hatte die Feuerwehr d e größ- 'ten Anstrengungen gemacht, dem verheerenden Elemente Einhalt zu tun: doch vergebens! Sie überließ nun die Fabrik ihrem SchiMale und bemühte sich, nur die nahe gelegenen Gebäude vor dem verheerenden Elemente zu schützen. Am folgenden Morgen waren von der großen Fabrik Rudolph Perlenkrons nur noch Trümmerhaufen zu sehen. Was sollte der unglückliche Besitzer in einer solchen Lage beginnen? Wenn er die nicht unbedeutende Summe Geldes noch hätte retten können, so wäre er wenigstens vor Armut bewahrt geblieben. Aber keine Spur konnte von dem Dieb gefunden werden. Mancher Leser wird staunend fragen: '2a! Waren denn seine Fabrikgebäude und seine Waren nicht versichert? Gewiß, sie waren versichert — gewesen! Infolge des häuslichen Zwistes und des von Tag zu Tag zunehmenden Leichtsinnes Rudolphs war die Erneuerung der Versicherung unterlassen worden, die ungefähr sechs Wochen vorher ab gelaufen war. Rudolph, Mirjam und Benjamin waren an den Bettelstab gebracht! Nun sollte er, der große Geldfürst, zusammenleben mit Menschen, die nicht über große Mittel zu verfügen halten! Er, der mit Stolz auf die Armen herabgeschaut hatte, sollte jetzt selbst, zu diesen - gezählt werden! Nein! Das durfte nicht sein! Das konnte'er nicht ertragen! Mit Ergebung jedoch ertrug seine Gattin Mirjam diesen harten Schicksalsschlag. Sw betrachtete ihr Unglück als eine Strafe des Allmächtigen und tröstete sich, damit, daß ihr Gatte nunmehr ein anderer Mensch werde, daß er sich in einer solch schweren Prüfung wieder zu Gott wenden würde. Doch anders beabsichtigte Rudolph. Er beabsichtigte, das wenige bare Geld, und was sich aus seiner Habe noch heimlich zu Geld machen ließ, zusammenzubringen und seine Heimat zu verlassen. Gedacht, getan! . Bald hatte er eine genügende Summe beisammen, um die Reise antreten zu können. Eines abends entfernte er sich unter dem Vorwände, einen Freund besuchen zu wollen und versprach, um 10 Uhr wieder zurück zu sein. Mirjam hatte ihr Lind zur Ruhe gelegt und wartete auf die Ankunft ihres Mannes. Es schlug zehn, elf, auch zwölf Uhr, noch war Rudolph nicht da. Sie fing an, ungeduldig . zu werden. Sie wartete und wartete, er kam nicht! Vergebens wartete sie bis zum frühen Morgen. Don dem genannten Freunde bekam sie auf ihre Anfrage den Bescheiß daß Herr Perlenkron dort gewesen sei, sich aber um 10 Uhr entfernt habe. Die Unglückliche benachrichtigte, nun die Polizei: in den umliegenden Städten und Dörfern wurde nachgefragt. Aber niemand wollte Perlenkron gesehen haben. Alle Zeitungen berichteten vom Verschwinden Perlenkrons: allerhand Vermutungen wurden laut. Es wurden von Mirjam Preise ausgesetzt. Schon derjenige, der ihn gesehen habe, sollte e're Belohnung erhalten. Dies zog an. Frau Per'enkron wurde nicht fertig mit Zeugenverhör: Wir haben ihn da gesehen, dort^gesehen usw. — Aber alles war unwahr. Rudolph Perlenkron war spurlos verschwunden! Mirjam hatte harte Prüfungen auszustehen. denn ein Unglück kommt selten alleine. Ihre Ellern, schon hochbetagt, siechten aus Lummer dahin, und nach Verlauf von drei Jahren waren auch Rudolphs Eltern zu Grabe getragen. Nun stand sie da, elternlos, ohne Gatten und ohne Vermögen. Denn nach dem Verschwinden ihres Mannes kamen die Gläubiger und nahmen in Beschlag, was in Beschlag zu nehmen war. Es wurde alles verkauft. Trotzdem sie ein großes Vermögen geerbt hatte, konnte sie nach der Versteigerung nur noch ein Weniges ihr Eigentum nennen, das gerade ausreichte, um ein ärmliches Leben zu fristen. Jetzt gedachte sie wieder des frommen Rabbiners und verehrten Lehrers, der die Ele hatte verhindern wollen. Ihm klagte sie ihre Not. Er tröstete sie, sie solle sich an Gott den Allmächtigen wenden, denn Gott könne in einer Minute geben, wie er auch in einer Minute g«inommen habe. Mirjam betete nun in heißer Andacht zu Gott, er möge ihren Mann erleuchten und ihn ablenken von der Bahn des Schlechten, die er bis jetzt gewandelt. Er möge ihn zurückführen in die heimische Wohnung, er möge ihn einsehen lassen, daß Geld den Menschen nicht glücklich macht, sondern Zufriedenheit, und daß diese höher zu schätzen sei als Reichtum. Nach vollendetem Gebet fühlte sie neue Kraft, und große Erleichterung überkam ihr Herz. Sie sah ruhig der Zukunft entgegen, denn sie hoffte, Gott habe ihr Gebet erhört, und ihr Mann würde ihr seinen Aufenthalt mitteilen, damit sie wenigstens brieflich mit ihm verkehren könne. Aber ihre Wünsche sollten nicht in Erfüllung gehen, denn keine Spur ihres Mannes konnte ausfindig gemacht werden. Die Schönheit Mirjams war geschwunden. Der Gram um den. Verlust von Gatte und Eltern hatte tiefe Furchen auf dem früher so lieblichen Gesichte zurückgelassen. Sie ernährte sich und ihren Sohn von dem einzigen Vermögen, das noch geblieben, und von Handarbeit, in der sie sehr geschickt war. Ihre einzige Hoffnung war Benjamin, und ihm widmete sie die größte Sorgfalt. Sie erzog ihn im Glauben ihrer Väter. Er tat alles, was seiner Mutter gefallen konnte: bald mißachtete er die, welche Samstag rauchten oder die Speisegesetze nicht hielten. Er kam mit schönen Zeugnissen von der Schule, was seiner Mutter nicht wenig Freude bereitete. So füllte Mirjam ihr Dasein mit der Erziehung ihres heißgeliebten Sohnes aus. Mit 14 Jahren wurde dieser aus der Schule entlassen, und er sollte nun arbeiten. Mit seinen glänzenden Zeugnissen fand er bald eine Stelle als Lehrling in einem Bankgeschäfte. Durch seinen großen Eifer erwarb, er sich bald bte Zuneigung seiner Chefs und erhielt auch nach kurzer Zeit eine kleine Vergütung und er schätzte sich glücklich, für seine Mutter etwas tun zu können. Fast drei Jahre war Benjamin schon auf der Bank beschäftigt, da sollten seine schönsten Hoffnungen zerstört werden. Mehrere Bankgeschäft«! falliierten und zogen das Geschäft, in dem Benjamin angestellt war. derart in Mitleidenschaft, daß dasselbe seine Zahlungen einstellen muß'e. So war er wieder ohne Stellung. Wohl kannte man in der ganzen Stadt seine Vorzüge, undviele Geschäftshäuser wollten ihn gern als Commis annehmen, aber bei allen sollte er Samstags arbeiten. Seiner Mutter zuliebe wollten ihm einige den halben Tag frei geben, doch er nahm keine derartige Stelle an. Lieber wollte er Entbehrungen erleiden, als Gottes heilige Gebote verletzen durch Arbeiten am Samstag. In diesen seinen Ansichten bestärkte ihn die Mutter mit tröstenden Worten. Als alle seine Bemühungen vergebens waren, entschloß er sich, eine andere Laufbahn einzuschlagen. Er kaufte sich allerlei Lramwaren, womit er in den umliegenden Dörfern hausierte. Aber der Absatz war ganz gering, da die Bauern ihn meistens mit den Worten abfertigten, ske könnten selbst ihre Einkäufe in der Stadt besorgen. Er entschloß sich daher, in die Dörfer zu gehen, welche weiter von der Stadt entfernt lagen. Schweren Herzens machte er sich gn einem schönen Montag Morgen noch vor Anbruch des Tages auf den Weg: auf dem Rücken ein schweres Bündel, am Arme einen großen Korb, im Herzen liefen Lummer, in der Tasche einen — leeren Beutel. Er wunderte einen großen Dorfe zu, das er bald erreichen wollte. Heiße Tränen strömten ihm über die Wangen, als er auf einem Hügel außerhalb der Stadt zurückschaute und die vielen Türme und die großen Paläste sah. Dort erblickte er am Ende der Stadt ein großes Lamm, und dicke Rauchwolken stiegen aus ihm hervor. Ach! das war der Platz, wo ehedem die Fabrik seines Vaters gestanden, der in einem fernen Lande vielleicht eine Zufluchtsstätte gefunden, vielleicht aber schon nicht mehr zu den Lebenden gehörte. Wehmütig wollte er seinen Weg fortsetzen. Da stieg die Sonne am Horizont empor, die Lerchen erhoben sich aus ihren Nestern und dantten Gott mit lieblichem Trillern für die gut verbrachte Nacht. Auch unser Wanderer warf sein Bündel ab, stellte den Lorb hin und begann das Morgengebet in heißer Andacht zu Gott emporzusenden. Als er geendet hatte, ging er weiter. Bald sah er das Dorf vor sich, welches das Ziel seiner heutigen Reise war. - (Fortsetzung folgt.) Was ich notierte. Statistische Aufnahmen im Osten. Von I. L. Perez. Ich will das Städtchen nicht mit Namen nennen. Doch wenn ich noch ein solches auf meiner Reise finde, so will ich auf den Händen gehen. Hört meine Notizen! „N. N. Vortrefflicher Schuster gewesen. Hat Weib Und Kinder (weniger, höchstens 4—5) ehrlich ernährt. In der Lotterie gewonnen, auf ei« „Vraunschweiger Los" — eine Unmenge Geld . . . Hat begonnen zu trinken. Mles vertrunken, Frau und Kinder zurückgelassen, verschwunden. Verkommt, wahrscheinlich irgendwo in einem Straßengraben." Doch das hat nicht viel jüdische Art. Hört also das uns mehr entsprechende Schicksal seines Teilhabers an dem Vraunschweiger Los an: „X. 3E, Früher Melamed. Hat in der Lotterie gewonnen. Zusammen mit dem Rebben eine Mühle gepachtet. Die Mühle ist drausgegangen. Bankrottiert . . . Jetzt ist er Schames in einer Ehassidim-Eruppe. Gehalt b^ieht er keines, sondern verkauft in der Gruppe Schnaps. ' Seine Frau ist Einkäuferin: sie bringt Eier