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Der Israelit · 1923-07-05 · Heft 27 (5.7.1923) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 27 (5.7.1923)
Date
1923-07-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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I •!. | Teiiilleioit- Beilage . v - ,-v,- Eine moderne Ehe. Eine Erzählung von MatHan Areyfuß in WülHansen (Elsaß). (Fortsetzung.) Zwei Tage darauf meldete der Diener die Ankunft des Herrn Perlenkron. Aron eilte ihm entgegen, hieß ihn freundlichst willkommen und führte ihn in sein Empfangszimmer. ' Mit beredten Worten erzählte der East von seinem Vater und seiner Heimat. Als er über das Geschäft, zu sprechen anfing, da stieg die Bewunderung Arons immer mehr, denn einen solchen Geschäftseifer hatte er noch nie gesehen. Er führte Perlenkron darauf in sein Privatzimmer und stellte ihm, nachdem er seine Frau begrüßt hatte, seine Tochter vor. Schon beim ersten Blicke auf sie fühlte sich der junge Mann überglücklich in dem Gedanken, diese schöne, freundliche und reiche Tochter des Hauses eins" die Seine nennen zu können. Aber wie ganz anders als vorhin war Rudolph hiev. Dort ein ernster Geschäftsmann, hier ein gewandter Gesellschafter, der auf allen Gebieten des modernen Wissens beschlagen war. Mutter und Tochter waren ganz eingenommen vonder Beredsamkeit des jungen Mannes. Bei seinem Weggange wurde er eingeladen, seinen Besuch bald und öfters zu wiederholen. Als nun Mutter und Tochter allein waren, bekannte Mirjam, daß sie sich glücklich fühlen würde, an der Seite des Mannes zu leben, den ihr die Liebe der Eltern ausgesucht habe. Hocherfreut eilte Frau Groß zu ihrem Manne und teilte ihm die Worte der Tochter mit. Rudolf warb wenige Wochen später bei Groß um Mirjams Hand. Eingedenk der Worte des Rabbi Simon antwortete Aron dem jungen Mayne: „Bevor ich meine Einwilligung gebe, müssen wir noch einen Punkt besprechen. Meine Tochter hat eine jüdische Erziehung genossen, sie hat nach den alten jüdischen Gesetzen gelebt und wird' weiter danach leben wollen. Ich frage Sie nun, ob Sie dies gestatten oder nicht: würden Sie nicht gestalten, daß der Haushalt nach jüdischem Ritus geführt wird, könnte ich meine Einwilligung nicht geben." Rudolph erwiderte: „Fern sei es von mir, daß ich meine künftige Gattin abhalte, das zu tun, was ihr von Jugend auf lieb und teuer war. Ich werde ihre leisesten Wünsche erfüllen und ihr alles gewähren, was sie für' gut und zweckmäßig erachtet: auch ich werde die jüdischen Zeremonien und Gebräuche in Zukunft beobachten." „Das ists, was ich hören wollte," versetzte Aron hochbeglückt, „und nun seien Sie als Schwiegersohn herzlich willkommen." Er führte ihn in das Zimmer, wo Mutier und Tochter auf ihre Ankunft harrten. Braut und Bräutigam fielen einander in die Arme, und am nächstem Abend wurde die offizielle Verlobung gefeiert. Wiederum waren Tage und Wochen vergangen, Rudolph wurde häufig zu Tische geladen. Da fügte es sich einmal, daß sein Besuch auf einen Samstag fiel. Die Speisen aus dem Setzofen schmeckten ihm sehr gut, obwohl er zu Hause gewohnt war, Samstags frische Speisen zu essen. Nach Tische stellte. sich bei ihm das Bedürfnis des Rauchens ein. Er langte in die Tasche und wollte das Zigarrenetui hervorholen: er besann sich jedoch noch rechtzeitig und unterließ es, da er wußte, daß heute in diesem Haufe das Rauchen nicht gestattet sei. Er suchte nach einem Vorwände, um sich zu entfernen, den er auch bald fand. Er begab sich in sein Zimmer und ließ sich hier seine Zigarre gut schmecken. Seine llrlaubszeit war aber bald abgelaufen, und herein trat die Verlobte mit ihrer Mutier, um ihn zu einem Spaziergange abzuholen. Doch wie staunten sie, als sie ihn auf einem Sofa sitzend, eine Zigarre rauchen sahen. Er eilte auf sie zu, um sie zu begrüßen: allein seine Braut wandte sich von ihm ab und eilte hinunter. Er fragte nun die zurückgebliebene Mutter, was denn vorgefallen sei. Frau Groß deutete auf die Zigarre. Die Ursache der Entzweiung war klar. Er eilte sogleich hinunter in die Wohnung seines Schwiegervaters und bat ihn um Verzeihung: er schwur^ nimmermehr am Samstag zu rauchen. Dadurch erlangte er wieder Gnade, und es herrschte Zufriedenheit wie ehedem. Es nahte nun der Tag der Hochzeit. Vor demselben gab Rudolph seinen Freunden noch ein Abschiedsfest. Während der Unterhaltung sagte der eine, „er solle sich heute den Schinken noch gut schmecken lassen, da er fernerhin denselben entbehren müßte: übrigens," fügte er noch hinzu, „kannst du im Gasthofe Schinken essen, soviel du willst, wenn dir dieselben auch zu Hause versagt sind." Ein anderer höhnte ihn, „er werde eine Betschwester zur Frau bekommen, die ihn schon , gehörig unter den Pantoffel bringen würde; da. sie es doch schofn jetzt dahin gebracht, daß er geschworen habe, ° am Sabbat nicht mehr zu rauchen." Ein dritter Freund fragte ihn, „ob er es im Winter an den langen Freitagabenden ohne Rauchen aushielte." Seiner Antwort, nicht für Freitagabend,. sondern 'ür Sonnabend habe er diesen Schwur geleistet^ olgte ein allgemeines Gelächter seiner Kneipgenossen. „Nun, was machst du im Sommer an den langen Nachmittagen?" war die nächste Frage. „Kommt Zeit, kommt Rat! Ich werde mich von meinem Schwur zu entbinden wissen." Durch olche und ähnliche Gespräche unterhielt man sich iis zum frühen Morgen. Acht Tage später wurde die Hochzeit gefeiert. Die Familie des Bräutigams hatte es dahin gebracht, daß die Hochzeit trotz des anfänglichen Widerstandes Axons in der Stadt abgehalten und die Trauung in dem neuen Tempel durch den Reformrabbiner Dr. Freilieb vollzogen'wurde. „Es ist doch etwas Erhebenderes und Feierlicheres, wenn unter Orgelklängen das Brautpaar in den Tempel einzieht, als wenn euer alter Kantor sein Baruch haba herunterleiert," hatte der alte Perlenkron' sich spöttisch geäußert. Doch nur mit Mühe hatte er seinen Plan durchgesetzt: dagegen mußte er Aron versprechen, das Hochzeitsmahl in einem koscheren Hotel vorbereiten zu assen. Verwandte aus Nah und Fern fanden «ich zum frohen Familienfest ein. Als das junge Paar unter dem Trauhimmel aß, wurde es von allen Seiten bewundert. Jungfrauen und Jünglinge beneideten sie: „Schön, jung, reich, alles beisammen! Wie nur immer das Glück dem einen hold ist!" sagte einer zum andern, „der Perlenkron hat Glück, eine „Perlenkrone" zu bekommen." Unter Orgelton und Chorgesang wurde die Trauung vollzogen, und man ging bald darauf zur Tafel. Hier wurde der feinsten Speisen und des östlichsten Weines nüht geschont und erst ayr Morgen kehrten die Hochzeitsgäste vom Tanze zurück, der das Schlußstück der Hochzeit bildete. Das junge Ehepaar hatte schon am Abend des Hochzeitstages die Gesellschaft verlassen, uM die Hochzeitsreise anzutreten. Das Ziel der Reise war Paris, wo die Neuvermählten glücklich eintrafen. Nachdem sie sich hier mehrere Wochen aufgehalten und Paris mit seinen Sehenswürdigkeiten geschaut hatten, kehrten sie in ihre Heimat zurück und wohnten in der Vaterstadt Rudolphs. Wochen und Monate gingen glücklich vorüber; Rudolph fügte sich den Anforderungen seiner Frau, wie er es bei der Verlobung versprochen hatte. Glückverkündende Briefe zeigten im Hause Groß der Tochter Wohlergehen an, und die Eltern freuten sich, so gut für die Zukunft des lieben Kindes gesorgt zu haben. Aber Rabbi Simon dächte: wie kurzsichtig ist der Mensch! Er urteilt bloß nach dem Aeußeren, er prüft nur die Klugheit des Menschen und denkt dabei nicht an Gott, in dessenHand doch Reichtum, Verstand und Ehre liegt, Mnkt nicht, daß Gott im -Augenblick nehmen kann, was der Mensch in vielen Jahren üufgehäust hat. Unterdessen ging das Geschäft Perlenkrons nach Wunsch^ und immer größer würde' sein Vermögen, nicht aber seine Zufriedenheit: „Je mehr er hat, desto mehr er will, nie schweigen seine Klggen still!" sagt der Dichter. Auch das häusliche Glück ließ viel zu wünschen übrig. Von seinem Schwure, Sonnabends nicht mehr zu rauchen, hatte er sich selbst entbunden, rauchte nun auch am Samstag, was seiner Frau großen Kummer bereitete. Je größer sein Reichtum wurde, desto größer wurde sein Uebermut. Ja, er höhnte sogar seine Frau» weil sie noch so fest am Glauben ihrer Väter hielte. Da schenkte ihnen Gott einen Sohn, der Benjamin genannt wurde. Das Kind wuchs zu einem schönen Knaben heran, doch auch ein solches Glück vermochte die Zufriedenheit und Eintracht der Eltern nicht herbeizuführen, der Riß zwischen ihnen wurde immer größer. Die Mütter wollte den kleinen Benjamin in ihrem frommen Väterglauben, der Vater nach seinen freien Anschauungen erziehen. Es war an einem Samstag Vormittag, als Rudolph aus seinem Geschäfte nach Hause kam. Vor der Türe des Wohnzimmers-hörte er laut sprechen. Er blieb stehen und horchte. Seine Frau ließ Benjamin vom Ofen gehen, da heute Samstag sei. „Papa tut es auch und Papa hat gesagt, was er tut, dürfe^ich auch tun," war des Kindes Antwort. In diesem Augenblick trat der Vater ein und das schwere Gewitter, das bei solchen Anlässen stets zu erwarten war, brach auch diesmal, aus. Dies war nichts Neues lyehr für Mirjam, denn solche Ergüsse von unfreundlichen Reden regneten öfters auf die schwache Frau herab. Nun wandte sich der Vater zu seinem Knaben, der nicht wußte, daß er die Ursache dieses Zankes sei und erlaubte ihm, im Ofen herumzuschüren, solange er wolle. Dies gefiel dem Kinde, und sogleich machte es sich an die Arbeit. Es war doch viel lustiger, die Funken aufwirbeln zu sehen, als die Worte seiner Mutter anzuhören! ' Was aber konnte aus einem Kinde werden, das oft Zeuge solchen Zwistes war? Vergebens bemühten sich die Eltern, ihre Kinder wieder näher zu bringen. Vergebens machte Aron seinen Schwiegersohn auf sein gegebenes Versprechen aufmerksam. Ja» ,sogar der Vater Perlenkron legte sich ins Mittels doch auch er erreichte nichts bei seinem Sohne. Nichts wollte helfen! Rudolph blieb auch bald länger des Nachts aus und suchte in den Kaffeehäusern der Stadt sich für den verscherzten häuslichen Frieden zu entschädigen. - Mehrere Wochen waren vergangen, und das Verhältnis zwischen den Gatten hatte sich verschlechtert. Rudolph kam nun fast allnächtlich^

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