Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1923)
- Date
- 1923-06-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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fenilkton Beilage M.2- 1923 Eine moderne Ehe. Eine Erzählung von WaLHan Areyfuß in Wülhausen (Elsaß). In einem kleinen Städtchen^ an den Ufern des Rheins, in der Nähe einer großen Fabrikstadt, wohnte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die reiche Kaufmannsfamilie Groß. Aus kleinen Verhältnissen hatte sich der erste Besitzer des Tuchwarengeschäftes durch Fleiß und Ausdauer so emporgearbeitet, daß er bei seinem Tode seinem verheirateten Sohn Aron ein bedeutendes Vermögen hinterließ. Mit gleicher Tatkraft wie sein Vater suchte auch der Sohn das Geschäft zu vergrößern und bald galt er für den reichsten Mann des Ortes. Die Ehe Arons war.mit einer Tochter gesegnet worden, die den Namen Mirjam erhielt. Zur Freude ihrer Eltern wuchs sie zur stattlichen Jungfrau heran und wurde bald als das schönste Mädchen der Gegend angesehen. Vater und Mutter wetteiferten, es ihrem Kinde an nichts fehlen zu lassen. Die teuersten Hüte und die fernsten Kleider mußten aus den ersten Läden der Großstadt herbeigeschafft werden. . Selbstverständlich fehlte es der nunmehr neunzehnjährigen Mirjam nicht an Bewerbern. Doch keiner gefiel den Eltern so gut wie der Fabrikant Rudolf Perlenkron aus der nahen Fabrikstadt. Der Vater Rudolfs hatte sich vor Jahresfrist zurückgezogen und seinem Sohne die große Zigarrenfabrik „Maryland" übergeben, die unter der Leitung des Vaters rasch emporgeblüht war. Der alte Perlenkron war ein guter Freund und gern gesehener Gast im Hause Groß. Schon oft hatte er seinen Freund Aron von der Tatkraft und der Klugheit seines Rudolph erzählt, denn es war sein sehnlichster Wunsch, seinen Sohn mit der blühenden Tochter des Hauses, mit Mirjam verlobt zu sehen. Es kam bald so weit, daß die Eltern Mirjams.eines Tages versprachen. Perlenkron in der Fabrik zu besuchen. An einem schönen Frühlingsmorgen fuhren die Eltern Mirjams zur Stadt, die in einer Stunde erreicht wurde. Perlenkron senior stand schon bereit, die erwarteten Freunde zu empfangen. Er geleitete sie zuerst in stz'me Prrvatwohnung, wo sie von der Pracht, die ihnen überall entgegenstrahlte, ganz geblendet waren. And dann erst die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit. mit der ihnen Frau Perlenkron entgegentrat. Alles war bezaubernd. Perlenkron ließ alsdann die Kutsche Vorfahren, um seine Gäste hinaus zur Fabrik zu führen. Nach kaum einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Tore her Fabrik und die Insassen stiegen aus. Rudolf ging sofort den Angekommenen entgegen. Mit herzlichen Worten begrüßte er, nachdem er vorgestellt worden war, Herrn und Frau Groß, die voll Zufriedenheit die feinen Umgangsformen, des jungen Mannes bewunderten. Rudolf erbot sich, ihnen sein Anwesen zu zeigen. Welch ein Reichtum eröffnete sich da den Blicken der erstaunten Frau! In den großen Magazinen lagen gewaltige Massen Rohtabaks aufgespeichert, in den Arbeitssälen waren nach der Angabe Rudolfs nunmehr 120 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Herr und Frau Groß konnten sich kaum satt sehen. Befriedigt verließen sie die Fabrik und gegen Abend auch die Stadt. Auf der Rückfahrt äußerte sich Aron seiner Frau gegenüber: „Einen solchen Mann wünschte ich mir für unsere liebe Mirjam,- hier ist alles Erdenglück vereinigt, Schönheit,' Reichtum und daher auch Zufriedenheit. Dieser muß es sein und kein, anderer!" Eines Tages erschien Groß beim Rabbi Simon und setzte ihn von seinem Vorhaben in Kenntnis. Der Rabbi traute seinen Ohren nicht. Eine eheliche Verbindung zwischen dem frommen Groß und dem „neuen" Perlenkron! Das sollte und durfte "nicht geschehen! ' Groß stammte in der Tat aus einer frommen Familie und hielt selbst noch an den heiligen Sitten und Gebräuchen fest, wie er tzö bei seinen Eltern vor sich gesehen hatte. Auch seiner Mirjam hatte er eine religiöse Erziehung angedeihen lassen. Groß fragte den Rabbi um seine Meinung. Dieser sprach: „Ich begreife nicht, wie Sie Ihre Tochter mit dem jungen Herrn Perlenkron verbinden wollen, da er doch bekanntermaßen seine Fabrik nicht nur Samstags nicht geschlossen hält, sondern auch am Neujahrsfeste und am Versöhnungstage schon bei Sonnenuntergang wieder öffnet. Ich als guter Freund von Ihnen und als Lehrer Ihrer Tochter kann Ihnen von dieser Verbindung nur abraten und Sie bitten, einen wenn auch weniger reichen, aber gottessürchtigen Mann auszusuchen. Daß Geld und Gold nicht immer Segen bringen, dafür gibt es Beweise genug. Ich sage Ihnen noch einmal, lassen Sie ab von diesem Plane und stürzen Sie Ihre Tochter nicht ins Unglück." Aron antwortete ganz kalt: „Lieber Rabbi! Wohl kenne ich Ähre reinen Absichten und Ihre gute Meinung, allein heutzutage muß man sich den Verhältnissen anpassen. Freilich, vor fünfzig Jahren würde man einen wohlhabenden und doch frommen Gdtwie* gersohn bekommen haben, heute ist es jedoch anders.- jeder Vater ist bemüht, seiner Zocfrter einen Mann mit guter Eristenz zu suchen,- findet, er keinen frommen, so wählt er für sie einen „Neuen". Die Zeiten haben sich geändert und mit der Zeit muß man gehen. Gern würde ich Mirjam einem frommen Gatten zuführen, der noch treu wie ich unseres Gottes Gebote beobachtet. Doch unter den heutigen Verhältnissen ist das nicht leicht möglich. Soll ich aber deshalb das Glück meines einzigen Kmdes verschlagen und Herrn Perlenkron die Hand Mirjams verweigern, weil er sich bis jetzt noch nicht viel um unsere Thora gekümmert hat? Soviel in meinen Kräften steht, werde ich versuchen, ihn von seinen falschen Bahnen abzubringen, und dadurch denke ich eine größere Mizwo zu erfüllen. Ich bitte Sie, von Ihren Grundsätzen, die Sie zu weit treiben, ich möchte beinahe sagen, von Ihrem Fanatismus äbzulassen' und zu helfen, diese Ehe zustande zu bringen. Sie sollen jedoch nicht umsonst arbeiten. Sie sollen ein schönes Stück Geld dabei verdienen. Ich kenne ja Ihre Lage,- ich weiß, daß es Ihnen mit Ihrem kleinen Einkommen -schwer fällt, eine so zahlreiche Familie zu ernähren. Helfen Sie uns also, diesen Plan zur Ausführung zu bringen!" Der Rabbi antwortete: „Gott hat mir bis jetzt geholfen, und auf seine Hilfe hoffe ich weiter, nie werde ich von meinen Grundsätzen lassen, welche Sie Fanatismus nennen. Nicht ich, sondern Sie sind ein Fanatiker der schlimmsten Sorte, der nur Geld liebt und Gold zu seinem Gotte macht! Einen Mann wie Perlenkron werden Sie nie auf gute Bahnen bringen können, denn ich kenne die Menschen von Grund aus. Hören Sie daher auf mich und folgen Sie meinem Rate, sonst könnten Sie es später leicht zu bereuen haben. Meine gute fromme Schülerin Mirjam wird mit einem solchen Gatten sich nie und nimmer vertragen können." Damit war die Unterredung abgebrochen. Groß ging nach Hause, den Rabbi Simon in der größten Aufregung zurücklassend. Die Sache ging ihm sehr zu Herzen. Er schrieb an einen Oheim Arons, setzte ihm die Sachlage auseinander und bat ihn, seinen Neffen von seinem Vorhaben abzubringen. Doch alles war vergebens. Rudolf Perlenkron. wurde aufgefordert, um die Hand Mirjams zu werben. Wenige Tage später saß die .Familie Groß beim Frühstück. Das Hausmädchen brachte die soeben mit der Morgenpost eingelaufenen Briefs. Einen nach dem anderen nahm der Hausherr in die Hand, um ihn sogleich, ohne ihn zu öffnen, wieder wegzulegen. Waren es doch lauter Geschäftsbriefe, die erst im Büro geöffnet wurden. Der letzte schien anderer Art zu sein und Groß öffnete ihn sofort. Als er die Handschrift und den Poststempel gesehen, flog ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht, und dies wiederholte sich fortwährend beim Lesen des Briefes. Als er zu Ende gelesen hatte und das Frühstück eingenommen war, bat er Frau und Tochter, noch ein Weilchen sitzen zu bleiben, da er eine wichtige Angelegenheit mit ihnen zu besprechen habe. „Mein liebes Kind," sagte er zu Mirjam gewandt, „in den nächsten Tagen wirst du das zwanzigste Lebensjahr vollenden, und es wird an der Zeit sein, pich zu verheiraten, denn mit zwanzig Jahren kann ein Mädchen eine bessere Partie machen als mit dreißig, je eher, desto besser." Mirjam errötete und sagte: „Ich für mein Teil habe noch lange Zeit, wenn Ihr es aber, meine lieben Eltern, wünscht . . ." hier hielt sie inne. denn sie fand nicht den Mut, weiterzusprechen. Ihr Vater aber setzte rasch hinzu: „Von Herzen wünschen wir Deine Verlobung, und bald wird ein junger, schöner und reicher Mann hier sein, nämlich der Sohn unseres Freundes, des Fabrikanten Perlenkron. Ich bitte Dich, ihn fteundlichst zu empfangen. llebrigens wird Dir dies garnicht schwer fallen, da er wie sein Vater ein sehr liebenswürdiger Herr ist, sodaß Du ihm schon beim ersten Besuche Deine Zuneigung schenken wirst." (Fortsetzung folgt.) Aus der Wett der Chassidim. Don ßyajim Akoch. Die Mahlzeit. Zum großen Maggid, Rabbi Dow-Ver, kam einmal ein reicher Mann, um fernen Segen zu empfangen. Da fragte ihn der Maggid: „Wie ist die Führung Deines Hauses und welche sind die Gerichte Deines Tisches Tag für Tag?" Der Reiche erwiderte: „Meine Führung ist bescheiden und mein Mahl besteht aus Brot und Salz." Da entbrannte der Maggid in Zorn und fragte: „Warum ißt Du kein Fleisch und trinkst keinen Wein, wie es die Lebensart der Reichen verlangt?" Und er setzte dem Mann in so herben Worten zu, bis er versprach, sein Mahl werde künftighin aus Fleisch und Wein bestehen. Als der Chassid wegging, ftagten die Jünger ihren Meister: „Was liegt Such daran, ob der Mann Brot mit Salz oder Fleisch und Wein zum Mahl hat?" Er antwortete: „Bestünde das Mahl des Reichen aus Fleisch und Wein, dann wüßte er es, daß der Arme zumindest Brot und Salz braucht, wenn aber der Reiche selbst Brot mit Salz ißt, so dünkt es ihm, der Arme müsse Steine essen." Das Herz. Der große Maggid saß einmal beim Mahle und aß aus einem sehr wertvollen Teller. And