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Der Israelit · 1923-06-21 · Heft 25 (21.6.1923) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 25 (21.6.1923)
Date
1923-06-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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21* .ÄML.1M. _ von derartigen NemWiten zu reden. ' ‘ Und dieser Fall hätte zudem noch sein Eigenes. Denn man hatte die Fäden, die sich zwischen dem neuen Lehrer und Hanna Herz, wenn auch recht zaghaft und zart gesponnen, bereits bemerkt. Seit der Versammlung kam der Vorsteher wie früher zur Erledigung der Anliegen ins Gemeindezimmer. Das Haus auf dem Hügel zu betreten, war dem Lehrer genonkmen: Nid Hanna kam alle diese Wochen auch an Samstagen nicht ins Dorf. Der Lehrer aber trug seinen Schmerz über die einsamen Pfade des neu erstehenden Waldes, wo die Tannenzweige grüne Spitzen ansetzten und die Aeste der Lärchenbäume einen knospenden Schmuck erhielten, daß deren Krone einem Reifrock ähnlich wurde, auf dem hellrote und dunkelrote Knöpfe, gelbe und blaugrün schimmernde Fransen an/dünnen Schnüren befestigt herabhingen. Oder er ging durch die stille Heide, wo die auf dünnen Hälsen stehenden Moosblüten im sanften Wind hin- und herschwankten, und mit schreckhaftem Gequarre des Rebhuhn hochflog. Und wenn er einem eiligen Laufkäfer nachschaute, dem sinnlos dünkenden, tausendfältigen Gekrabbel im Ameisenhaufen seine Aufmerksamkeit' zuwandte, das vom Iltis ausgeraubte Vogelnest sein Mitgefühl wach werden ließ, dann verging auf eine Weile das Bohren! und Reißen in seinem Innern. — — — Der Tag vor Lag-bo-omer ging in seltener Schönheit zu Ende. Am Horizonte hatte sich gegen Abend ein Wolkensaum gebildet, der wie reines Gold gleitzte. In dieses Bett von Schimmer und Glanz warf sich die Sonne, daß sich über die ganze Himmelsausdehnung ein Sprühregen von glitzernden Funken und rotglühenden Strahlen ergoß. Und vom Westen bis in den Zenith liefen Farbenbänder vom sattesten Orange bis zum hellsten Smaragdgrün. In dem hohen Wiesengras geigten die Heuschrecken mit einer Kraft, daß es schien, als sei der gesamte Luftraum in schüttelnde Bewegung geraten. Zwischendurch aber zog unbehindert das Schluchzen und Tremolieren einer Nachtigall, die im Schulgarten ihr Nest hatte. Vor dem halb geöffneten Fenster seines Wohnzimmers, ein Buch vor sich auf dem Gesims liegend, faß der Lehrer.. Er zwang fein Denken in dessen Inhalt hinein: doch konnte er nicht verhindern, daß nach jedem Satz, wie ein Stehaufmännlein. aus der Bewußtseinstiefe das Wort: „Morgen" auftauchte und wieder zurückfiel. Als die Dämmerung fortschritt, klappte er das Buch zu: „Gut denn! Der morgige Tag soll die Gewißheit bringen! Die ist besser zu tragen als dieses marternde Warten!" Da war. ihm, als glitten leise Füße an seiner Türe vorüber die Stiege zur 'Frauensynagoge hinauf. Und mit einem Male -ists, als begännen Türen und Mauern zu vibrieren wie der Violinboden, wenn der Bogen über die Saiten geht. Er horcht gespannt. Durch das stille, einsame Haus zieht ein leidenschaftliches Weinen, ein herzbrechendes Schluchzen, das von den dünnen Wänden voller Erbarmen weitergeleitel wird. Da fühlt der Lehrer,, wie ihm die Macht über seine Seele entgleitet. Die bisher straff angezogenen Zügel schleifen plötzlich auf der Er!de wie bei durchbrechenden Pferden. Denn da oben liegt Hanna Herz und weint. Sinnlos ourchmißt er das Zimmer, ein Stuhl stürzt, Bücher falleil mit. In einem schnellen Entschlüsse reißt er die Türe auf, datz sie mit der Klinke krachend an die Mauer schlägt. Da steht vor ihm, nur durch de§ Ganges Breite getrennt, der Vorsteh Ä' Herz.. Dessen Gesicht brennt im Jähzorn. Die Augen .glanzlos, ein starkes Zitte^r um Lippen und Nase, die Hände geballt, so lehnt er an der gegenüberstehenden Mauer. Und nun schießts aus seinem Munde wie das glühende Eisen aus dem Hochofen zischt: - „Weshalb stehen Sie denn so entgeistert da? Gewiß, es ist recht unangenehm, dabei ertappt zu werden, wenn man Kinder zum Widerstand __ D et I s r a e l i t den Willen ihrer Eltern aufhetzt lM dabei in neugegründeten Vereinen von der Not-- wendigkeit einer religiösen Wiedergeburt hochtönend spricht. Ihre Neuerungen sind das Gaukelspiel eines ehrsüchtigen Menschen, der.den Aelteren den schuldigen Respekt versagt. Ein junges Mädchen mit wohlgesetzten Reden zu betören, ist nicht allzuschwer: die reiche Tochter des Vorstehers Herz zu gewinnen, bleibt für Sie eine Unmöglichkeit! Meine Tochter soll sofort herauskommen oder . . ." Mit hoch erhobenen Händen machte er Miene, sich in das Zimmer zu stürzen. Da kam Hänna mit aufgelöstem' Haar, einen heftigen Schrei ausstoßend, die Holzstiege heruntergeflogen, blieb an der letzten Stufe hängen, fiel und kam so zwischen ihren Vater und den Lehrer zu liegen, der im Begriff war, vod dem wütenden Menschen die Türe zu schließen. Vom oberen Dorfe her tönte jetzt durch' dm ruhigen Abend Pferdegtrappel, und der Postillon blies irgend ein wehmütiges Heimatlied. Mit einem Ruck erhob sich Hanna, faßte nach des Lehrers herabhängender Hand und flüsterte voll überströmender Herzlichkeit: „Vesvzeihen Sie meinem Vater! Leben Sie wohl!" Dann stürzte sie zum' Eingang an den -um Abendgebet versammelten Männern vorbei, gab der vorbeifahrenden Post ein Zeichen und stieg ein . . . Am selben Abend schickte der Lehrer den neuen Vertrag ohne Unterschrift an den Vorsteher zurück. Einige Tage daraus verließ er das Dorf . . . Chajim Lob versank -in tiefes Sinnen. Im Dorfe schlugen die Kirchenuhren die mitternächtige Stunde. Das Sternbild des großen Bären lag schon scharf nach Westen geneigt. Es war so stille, daß das Glucksen des Baches aus den Wiesen bis herauf zu uns hörbar war. Chajim Löb stand auf, um ins Haus zu gehen. „Haben Sie von dem Lehrer späterhin noch etwas gehört?" frug ich schnell noch. Mein alter Freund drehte sich noch einmal um und sah mich lange und prüfend an. Dann kam es ihm, wie das Nachtropfen eines Wasserhahnes, langsam von den Lippen: „Der Lehrer wurde KolonialwarenhändleU — und — heißt — Chajjm Löb Sondheim." Ich saß noch eine Weile allein auf der Bank. Sog den immer stärker werdenden Dust des Flieders ein. Und hörte auf eine Nachtigall, die von Lust' undLeid sang, als wollte .ihr kleines Herzchen brechen. Minderecke. Ahrons Tod. Nach dem Midrasch. Als Ahrons Stunde am Schlagen war, sprach Gott zu Moscheh: „Geh hin und bereite Ahron auf den Tod vor." Am frühen Morgen begab sich Moscheh zu Ahron, der ihn verwundert mit den Worten begrüßte: „Schon so früh, Bruder Moscheh?!" „Eine Thorastelle, schwer und unverständlich, beschäftigte mich die ganze Nacht, wir wollen sie uns zusammen ansehen." „Wo wäre die Stelle?" „Genau weiß ich es nicht mehr, aber im ersten Buche war es." Nr. 28 Seite 11 Sie nahmen sich das erste Buch vbr, lasen die ersten Blätter Satz für Satz und fanden alles herrlich schön und klar. Als sie an Adam, dessen Schuld und Sühne angelangt waren, sagte Moscheh: wehmütig: „Welch Unheil hat doch der erste Mensch über sein Geschlecht gebracht. Auch ich, der mit den Himmlischen gerungen, auch du, der du dem Todesengel Einhalt geboten, auch wir sehen dem Tode entgegen . . ." Dieweil Moscheh noch weiter vom Tode sprach, überkam Ahron düstere Ahnung, und er fragte zitternd: „Eilt es mir?" Moscheh bejahte. Und schon sah man Ahrons Gestalt sinken. „Nimmst du den Tod auf dich?" fragte Moscheh. Ahron nickte .bejahend und zu Dritt bestiegen sie den Berg Hör, Moscheh, Ahron und Elasar, vor den Augen des nichtsahnenden Volkes. Hätte das Volk den Zweck dieses Ganges geahnt, es hätte Ahron nicht aus dem Auge gelassen. Oben angelangt, fanden sie eine geöffnete Höhle^ darin ein Licht vor einem Bette brannte. Ahron zog Gewand nach Gewand aus und Elasar legte sie gleich an, während sich ein dicker Nebel zwischen Vater und Sohn legte. Moscheh klagte: „Siehe, Bruder Ahron, als unsere Schwester Mirjam starb, standen wir zwei ihr bei, in deiner letzten'.Stunde sind wir, ich und Elasar, bei dir. Wer ist bei mir in meiner Sterbestunde?" „Ich selbst!" antwortete die Gottesstimme von oben. Ahron streckte sich lauf der Bahre hin. Da ließ sich die Schechinah herab, küßte Ahron auf die Wange und entnahm ihm mit diesem Kusse die Seele. Auch Moscheh Zmd Elasar küßten den Toten. Dann ließ sich eine Ehrenwolke herab und hüllte die Bahre ganz ein. Moscheh und Ahron gingen und die Höhle schloß sich. Unten sammelte sich das Volk und harrte der Wiederkehrenden. Als es sah, daß nur zwei herunter-, kamen, fragte es: „Wo ist Ahron?" Immer stürmischer wurde das Drängen des Volkes. Satan säumte nicht, dazwischen zu treten und die Massen gegen Moscheh zu hetzen. Diese teilten sich in drei Gruppen: die eine sprach: „Moscheh hat Ahron getötet, aus Neid und Eifersucht." Andere behaupteten, Elasar hätte seinen Vater umgebracht, um an dessen Stelle! zu rücken. Nur die wenigen Vernünftigen erkannten und sagten es, daß Ahron von Gott abberufen worden sei. Die große Menge aber drängte gebieterisch und drohend: „Wo ist Ahron?" Moscheh bedeutete ihnen, daß ihn Gott zu sich gerufen hätte. Aber das Volk glaubte es nicht und sprach: „Er stand dir nicht zu Diensten, da hast du den Tod über ihn verhängt." Es fehlte nicht vieh und Moscheh wie Elasar wären vom erregten Volke gesteinigt worden. Da ließ Gott ein Wunder geschehen. Der Nebel schwand, die Höhle erschloß sich, die Bahre erhob sicht in die Höhe und ganz Israel sah den großen Toten und hörte, wie die Engel lobsangen, indem sie ihm den Weg zum Himmel bahnten. So heißt es denn auch: „Und sie sahen, daß Ahron verschieden war . . ." Der Engelsgesang aber lautete: „Er ziehe in Frieden ein. er ruhe aus seinem Lager ..." Rätsellösung. Die Lösung des hebräischen Rätsels in Nr. 23 lautet: □im 'rwo Richtige Lösungen sandten ein: Frieda Soifer. Langendorf, Kr. Gleiwitz; Dr. Galewski, Koznan H'^rsel, Ludwigshasen: Josef Vogel, Frankfurt a. M.; Samuel Markowitz. Zator (Galizien); B. Zoppot; Isak. Willi und Berta Tugend. 8hast, Düsseldorf: Albert Katz, Nürnberg; Elias Kahn, amburg; S. Notowicz, Frankfurt a. M.; Rabb. . M. Weiß. Gelsenkirchen; H. Katz. Ehr. I. Bogen, Jakob Runes, N. Rosenblum und Jakob Lupobansky, alle in Karlsruhe. Es Ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgeseülichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Zuw endungen für den Lubawitzer i") und seine 3 in Russland und Palästina nimmt entgegen Philipp Wolff, Frankfurt a. BMI. Schwanenstrasse 6 Postscheck-Konto 55043.

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