Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1923)
- Date
- 1923-06-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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KT" Der Israelit ■®”’pr«p£sJ3BP" WU '«WA «liojim Sö6. Von S. Brückheimer in Marktbreit. (Schluß.) Der Winter war schon im Abziehen. Die Sonne durchbrach von Zeit zn Zeit die vom Wind gehetzten Wolken, sodaß ihre Strahlen auf den Bänken ein Fangespiel aufführten. Den Kleinsten aber machte es Spatz, die goldenen, warmen Lichter-mit den Händen zu greifen. „Ich will doch sehen, was stärker ist," fuhrs dem Lehrer durch den Sinn, und er begann die Geschichte des vor dem Bruder flüchtenden Jakob zu erzählen. Er lie^ ihn den den Kindern wohlbekannten Wiesenpfad hinabgehen, führte ihn durch den dunklen Dorfwald und schilderte als Schlafstelle, die sumpfige Heide, von der tm Orte soviel schaurige Geschichten gehen. Jetzt' lagen die vorher unruhigen Fingerchen stille. Die Vrrführungskünste der Sonne waren ausgeschaltet. Ob dieses Sieges voll innerster Freude, zeichnete der Lehrer den Brunnen auf dem Felde mit den ihn umlagernden Herden und der nahenden Rahel: „Und Laban hatte zwei Töchter. Lea, die Aeltere, hatte rotgeweinte Augen. Aber Rahel war von guter Gestalt und schönem Aussehen." Wortgeräusche, dachte er, die ohne Vorstellungen am Ohre der Kleinen vorbeiklingen. Und er wiederholte deshalb: „Aber Rahel lag das schwarze Haar in starken Zöpfen um den Kopf. Sie war schlanlk wie das Reh im Walde. Ihre Wangen trugen das Rot gesunder und kräftiger Menschen. Und als sie den Vetter lachend begrüßte, kam in das Kinn ein niedliches Grübchen." „Wie die Hanna Herz," fuhr da ein rotes Plappermäulchen dazwischen .... Der Lehrer schrak zusammen. Zum ersten Male sah er klar, welche Gefühle ihn seither bestürmten. Kurz nach Purim war Gemeindeversammlung. Der Winter versuchte noch einmal eine Kraftgebärde und schüttelte sämtliche Wolkenbetten aus- Kaum daß man vor diesem weißen Gequirle einige Schritte weit sehen konnte. Neugierig setzten sich die zackigen Flocken auch an die Fensterscheiben des Gemeindezimmers. Darin konnten sie aber noch recht wiejnig bemerken. Einige Mitglieder waren erst erschienen. Die meisten kamen nach der festgesetzten Zeit, manche überhaupt nicht. Die Anteilnahme an jüdischen Angelegenheiten ist sehr lahm. Und unter dieser Gleichgültigkeit werden unsere Gemeinden zu Ruinen zusammenbrechen. Immer fester drückten sich die weißen Schneesterne an das Glas. Josef Neuberg, dem jede Leistung an die Gemeinde zuviel war, der in seinem Hause garnichts zu sagen hatte, übte an der Renovierung der Synagoge Kritik. (In der Gemeindestube darf jeder sprechen: dafür zahlt man, die Umlagen.) Als er mit einer boshaften Bemerkung schloß, freuten sich die Schneeflocken am Fenster. Darüber wurde es ihnen aber recht warm, und wo sie gesessen, floß ein armseliges Walfsertröpfchen in die Holzverschalung. Jetzt erhob sich der Vorsteher: „Ich erteile Ihnen, Herr Lehren, das Wort zu Ihrem Antrag!" „In wenigen Wochen ist ein Jahr vorüber, seit ich hier mein Amt versehe. Wir stehen heute vor dem Abschluß.eines neuen Vertrages. Und dazu habe ich die dringliche Bitte, daß darin meine definitive Anstellung ausgesprochen und keine weitere Probezeit eingesetzt werde. Wie ich mir die Ueberzeugung gewann, daß ich mich in die hiesigen Verhältnisse auch fernerhin schicken kann, haben Sie alle in diesen elf Monaten ausreichend Gelegenheit gefunden zu prüfen, ob Ihnen meine Amtsführung entspricht. Den-Beamten. der Ihre Kino er erzieht, das Heiligste, den Gottesdienst versieht, dürfen Sie jetzt nich^ mehr auf Probe und Kündigung anstellen, wie der Dienstherr seinen Knecht! Entsprechen Sie daher meinem Wunsche!" Aus verschiedenen Bänken hörte man zustimmendes Gemurmel. Josef Neuberg aber, der das aufgeregte Mienenspiel des Vorstehers beobachtet hatte, hustete gezwungen: Heute gabs unterhaltsame Abwechslung. Der alte Nosen, ein guter Freund des Lehrers, der ihm die ortsüblichen Nigunim übermittelte, und einige jüngere Mitglieder erklärten ihre Zustimmung. Aeußerlich ruhig hörte der Vorsteher zu. In seinem Innern aber wütete ein Wetter. Mit der Aufnahme dieser Klausel zerbrach seine Herrschelrgewalt. Dann stand neben ihm mit einem ungleich größeren Einfluß gleichberechtigt ein anderer, mit dem er teilen Mußte. In unverhehlbarem Zorn funkelten jetzt seine Augen. Ep wollte ein letztes wagen und die Kraftprobe machen: „Im weiten Umkreis," begann er wieder gefaßt, „kenne ichl keine Gemeinde, die nach solch kurzer Dienstführung die unkündbare Anstellung gewährt hätte. Die Grundlagen müssen sicher fern, wenn man sich auf unbegrenzte Zeit bindet. Wenn wir auch alle unseren Lehrer als einen untadeligen Beamten kennen, sind doch Fälle möglich, die uns die heutige Zustimmung als Uebereilung erscheinen lassen könnten. Ich schlage deshalb eine Verlängerung des Vertrags auf drei Jahre vor. Als der Hauptverantwortliche werde ich eine andere Abmachung als' Vorsteher nicht unterzeichnen!" ... Er wollte also den Vorsitz niederlegen. Wer konnte sein Nachfolger werden? Josef Neuberg meckerte in feiner Ecke. Der alte Nosen wolltenoch einmal einen Vorstoß wagen. Der Lehrer winkte mit den Augen ab. „Ich lasse abstimmen! Wer für den Antrag des Lehrers ist, soll aufstehen!" Acht Männer erhoben sich. „Der Antrag ist abgelehnt!" Der Vorsteher wischte sich einen Tropfen von der Stirn. Auf der Straße machte sich Josef Neuberg an Herz heran: „Ich dachte, der Lehrer wifrd dein Schwiegersohn, he, he, he!" Und er schüttelte sich vor Lachen. Herz wollte zuerst nicht antworten. Dann aber überlegte er, daß er heute auch diese Frage losen könne: „Zu einer Hanna Herz paßt weder ein solcher Hochmutsnarr, noch ein ' armer Schulmeister!" ... Und Josef Neuberg brachte seiner Frau eine große Neuigkeit mit. ... Es ist etwas Absonderliches mit der Sonne am Pessachfeste. So hell liegt sie während des Sommers kaum über den Häusern. Dadurch haben die auch ein feiertäglich-sauberes Aussehen. Vielleicht aber lassen sich Unsere wintermüden Augen wohl etwas täuschen, weil sie durch viele trübe Monate hindurch den warmen Schein entbehren mußten. Nach dem Mittagessen des letzten Feiertages ging der alte Nosen die ruhige Dorfstraße hinab hinter einigen jüdischen Mädchen her, die Arm in Arm verschränkt, über den Bach wohl in den nahen Wald wollten. Doch bog er bald in den schmalen Weg ein, der zum Synagogenhof führte und trat gleich darauf zum Lehrer ins Zimmer. Als dieser über den Besuch zur ungewohnten Zeit erstaunte Augen machte, sagte der Alte: „Wenn jemand etwas Neues und Unbekanntes mitteilen will, soll er — wße unsere Weisen empfehlen — dies vorbereitend schon äußerlich merken lassen. Um einen neuen Nigun wird e§ sich kaum drehen, mein junger Freund! Denn der Feiertag ist zu Ende!" Mit dieser letzten scherzhaften Bemerkung wollte er sich seines innerlichen Zagens entledigen. Nosen war ein simpler Dorfjude, aber ein guter Mensch. Ohne viel von unsrer berühmten Kultur berührt worden zu sein, war er in all seinem Tun voller Rücksichtnahme und Feingefühl. — Kultur! Was bedeutet sie anders für viele Tausende als ein leicht abbröckelnder Anstrich, als ein matter Schein dessen, was Güte vorstellen sollte. Und für die Allermeisten ist sie eine vorgehaltene schillernde Decke, unter der sich das Allzumenschliche nur umso ungefährdeter breit machen kann. Kulturmensch, halte dein farbenprächtiges Mäntelchen fest: bläst der Sturm zu wüst, dann gibts Fetzen wie beim Bajazzo! „Diese Stadlmenschen," begann Nosen nach kurzer Pause, „mag ich nicht! Wenn sie mit ihren stelzenden Schritten durch die Dorfstraßen gehen und sich so stellen, als wüßten sie in ihren öden Steinhaufen nichts von Staub und Schmutz: wenn sie sich mit uns unterhalten und in ihren Reden selbst oder in den Mienen deutlichst merken lassen, daß unsere Ansichten unzeitgemäß, die dörflichen Einrichtungen überlebt und wir jedes Zusammenhanges mit dem Fortschritt entbehren, dann zeigen sie denselben abscheulichen Hochmut wie der über Nacht reich Gewordene, welcher gestern noch mit seinem Hausiererpacken von Haus zu Haus lief. Daß sie selbst erst.ganz kurz dieses Heimatdörfchen verlassen, daß ihre Eltern noch in ihm wohnten, daß ihre Väter in seiner Nähe auf dem „ewigen Ort" die. letzte; Ruhe halten — all dies ist ihrem pietätlosen Denken längst entglitten. Ein solch überheblicher Mensch ist Adolf, der Sohn des Kaufmannes Joseph. An uns Alten geht er nach halbem Gruße vorüber, und wenn er Feiertags bei der Jugend sitzt, spöttelt er über die hiesigen einfacheren Lebensgewohnheiten. Vorsteher Herz aber zeigt besondern Gefallen an ihm. And weil er ein ausgedehntes Geschäft iat, spricht man in letzter Zeit öfters, daß Herz ihm seine . . ." Als Nosen eben.einen schnellen Blick in des Lehrers blutleeres Gesicht tat, wußte er, daß er nicht zu vollenden brauchte. Nur wollte er keine Stille eintreten lassen. Stille lastet in solchen Augenblicken wie Bleigewichte. Deshalb erzählte er von einem früheren, im Orte durch seine Gesänge berühmten Vorbeter. — Einen Zuhörer hatte er abetz? nicht ... Nach einer Weile stand er auf. Wie einem Sohne strich er über die Hand des am Tische tumm Sitzenden. „Es ist ja noch nicht so weit," sagte er dabei noch tröstend .- Im Dorfe aber sprach man bald überall von der bevorstehenden Verlobung, die am Lag-boomer stattfinden sollte. Im kleinen Orte, wo man die Personen nach ihren Verhältnissen genau kennt, wo solche Unterbrechungen im sich' immer gleichmäßig abrollenden Tagesverlauf selten sind, l^bt man es ganz besondere, breit und wichtig