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Der Israelit · 1923-06-14 · Heft 24 (14.6.1923) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 24 (14.6.1923)
Date
1923-06-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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I Seite 10 Nr. 24 Der I s Wohnungsnot. Ä» Straßen Von Heinrich Einstädter. I. früher Morgenstunde, als noch die der kleinen Stecht Freiingen ganz menschenleer waren, beim die .Schatten der Maiennacht begannen gerade erst zwischen dem Gewinket der Häuser zu schwinden, da hallten die Schritte eines jungen Mannes aus dem holp- Sinnrx hatte sich vor ■z e l i t 14. Juni 1923 einem brave,. Mädchen trerfig10" L?hre mit Geschäfte als SÜn^terin «igchbas tn einem die Wohnungsnot war e& 'kJ war. ^urch gelungen, ein paar Räume zu mS^^üsher nicht zu können. In der kleinen Stäoff" heiraten Häuser dicht bewohnt, und neue GebäÄA^^ alle wegen der hohen Kosten nicht ausgesührt'd^en Von Monat zu Monat verschärfte sich! ff! Uich nun folgte ein ins,Einzelne gchender Hm über die Art, wie nin sich einrichten kirnte. Dias Brautpaar betesgte sich lebhaft an ckmVGespräche. Besonders sie Braut äußerte Jorsch-äge, die von praktifiem Verstand und von itniger Anteilnahme al dem Geschicke der ihr dösig Unbekannten zchten. Sie vergaß gänzlichere eigenen Angchenheiten, und auch ihr Brärhgan freute sich es Glückes, das den Freunds feiner Wirte harß. Die Empfindung nick^eiss war Beiden sodrn, daß ihnen garmit eikä. Gedanke kam, ie sehr ihnen selbst wäre, derartigen Einrijtung gedient gewesen Doch da.. l wichtige FraKngte sich dm Zungen MIanne eme als er stockenNl- Sehe Züge wurden ernst, „Ja, wird We: -- V. ' . Zustimmung gebender Gemmdevorstand seme Alenschen und Tiere schliefen noch.! Hilfsbereitschaft, die er stets zeigte, hatten ihn Tie verhangenen Fenster erinnerten an ge-; für den bescheidenen und strebsamen Männ einschlossene Augen. Die tiefe Stille wurde durch genommen. Auch seine Braut erfreute sich des Oa.«»4. niirtf fi 4-rt Wm SöV b,^+ + d i'Ts . __ _x"i . „ ... Not, und Sinners Aussichten wurden immer rigen Pflaster einer Gasse, die. steil aufwärts-! trüber. Da hatten schließlich die Eltern des zum höchsten Teile des an eine. Berglehne hin-!Mädchens geschrieben,, daß, es'nach ihrer Meigegosseuen Platzes führte. Dort standen die; nung besser wäre, wenn ihre Tochter eine Stel- Häuschen in weiterem Abstand voneinander.! lung in einer anderen Stadt suchen würde. Große Gärten trennten sie und gewährten dein' Der Lehrer fühlte mit dem jungen Manne, Auge Raum zum Ausblick aus die weite gesegnete der ihm sein Vertrauen geschenkt hatte. Er Talebene. Einem solchen Gärten gegenüber ließ'schätzte ihn wegen seines Fleißes, seiner Frömsich der einsame Wanderer auf einer Ruhebankj migkeit^nd Charakterfestigkeit. Die Pünktlichnieder. - feit, mit der er seinen Dienst als Kantor, und >za;nmmung geven^^'-—'*<•" o: bb Im Tale, dein Flüßchen, entlang, brauten Schächter versah, und die Gewissenhaftigkeit und! ein Lokal für ihr Hff habet denn die ,-eute die Nebel. Menschen und Tiere schliefen nochS Hilfsbereitschaft, die er stets zeigte, hatten ihn! Auch die Brautd?" ' . dieses Einwandes, Etc de Berechttgmrq . heiteres Gcsichtcheu zeigE besten Rufes. Dttruin dachte Gutmann ernst nach, wie seinem jungen Freunde geholfen werden könnte; aber er fand kein Mittel. Schließlich erhob er sich, und indem er seinem Banknachbar, der nun auch feilt Zimmer aufsnchen wollte, die Hand reichte, sprach er: „Kommen Sie heute nachmittags zu uns zum Kaffee! Meine Frau hat auch Ihre Braut eingeladen, und da können wir unsre Unterhaltung gemütlich sortsetzen. Frauen finden oft einen Ausweg, wo wir Männer im Dunkeln tappen." Dankend nahm Sinner die Einladung an, und damit trennten sich die Männer. II. D,er Mincha-< der Synagoge wartete __ —, „ . , . ... gen Freund, der bald erschien, und dann schritten mütterlichen Freundin. An diesen SchowL beide dem nahen Schulhofe zu. wollten sie stets denken. keinen Laut unterbrochen. Grau wölbte sich der Himmel über der friedlichen Landschaft. Nur im Osten blaute er schon, und bald zeigten sich rötliche Streifen am Rande des Himmels. Sie wurden breiter und breiter. Tie Dunkelheit wich auch aus den tieferen Gründen. ' Helle Lichter blitzten im Halbrund über das Firmament, bis endlich der mit einer Strahlenkrone gezierte Sonnenball sich langsam am Rande des Himmels emporhob. _ _ In diesem Augenblicke wich auch die Stille der Nacht. Allenthalben regte sich Leben. Tausend Stimmchen zirpten aus der tauigen Wiese, und auch die Böglein in ihren Nestern wurden wach. Das. herrliche Natnrschanspiel übte aus den jungen Mann seinen Zauber. Er hatte sich von - der Bank erhoben, war an den Rand der Straße getreten und hatte die Hände auf das Geländer gelegt, das dort angebracht war, das Auge nach Osten gerichtet. Aber nicht unverwandt! Sondern immer wieder suchte sein Blick ein Fenster im Giebel des benachbarten Hauses, in dem seine so benung. mesigstliche Spnn- ' Mit sichtlichem Wohff;; . Blicke des Lehrerpaares auf ^^n che Eine kurze Panse entstand. \inff Gasten, schaute sich fragend und verff -^^mltpaar endlich Gutmann lächelnd erwidß^ > „Der Vorstand hat mir beren Einwilligung erteilt. Und was' das'^.? betrifft, das besitzt Herr Kantor schon " ---■ ■ ■ ■ r m Einen Augenblick saßen die jun, g voie versteinert. Dlann drangen ein 'i>~cli}e Tropfen aus den Augen des schönen Sinner aber sprang so stürmisch auf, ff*' das Kaffeegeschirr zu Falle gekommen wmE i-Gottesdienst war vorbei. Vor er seinen edlen Wirt umarmte, und schlnff artete Gutmann aus seinen junlag das beglückte Mädchen an der Brust }r Srcuit wohnte. Seine Gedanken waren oej ^ltItw die enge Treppe empor ui Ä?(' Ä clÄÄ! a i f,!"1 -i» gerSumiges Wohnzimmer, war ein kleines, älteres Gebäude, das! im Erdgeschoß das Schulzimmer und einige l Nebenräume und im einzigen Stockwerk diei Le'hrerwohlmng umfaßte. Plaudernd stiegen die j ~ und traten dann - in dem der! III. Freiingen, den 5. Dezember 1922. An den Herrn Vorsteher der Synagogengemeinde M. Sehr geehrter Herr! Ihre Anfrage nach der Eignung unsres nahten, und er schrak zusammen, als sich plötz ich > ^omtanv aus allen Ecken lugte. Neben der Tür c^.-rviS romfi ffirfntffpr fprrfp nrrh pme c . ö _ - , die Sie hier fesseln? wie eine ist aber noch \ al|j: ^cm ^(,n^|er dufteten Blumensträuße.. In beantworten, daß diese Eigenschaften Herrn S. nicht aufgegangen . ,? dem erhöhten Erker war der Kaffeetisch 'gedeckt. ™ ganz.hervorragendem Maße Zuszerchnen. Er Lächelnd wandte frch der Angeredete nach ^ne gelbbraun lackierte große Käsetorte zierte .. dem Sprecher um. . „„ f ‘ die Mitte, und der Duft des köstlichen Trankes,, „ete schemen auch noch^keinen Schlaf zu, unjer e:neu Haube der Ankömmlinge verspüren, Herr Gutmann, oo lasten Sie uit» Xjarrfe, empfing sie schon beim Oeffnen der Tür. denn hier mitemander Platz nehmen und noch ' - - ' '-;.- " - rfreut sich hier allgemeiner Anerkennung und Wertschätzung. Sie wünschen aber noch besonders Auskunft über sein und seiner Frau Verhältnis zu ihren Mitbewohnern, da in Wl. die Gemeinde- „ An dem Tisch erhoben sich zwei Frauen ^tz'On .vttbewoynern, da in Je. bte Gemeindeeilt ^icrtei|tünbc^en ioicinbcnt. f .523ccttü^3mict, btc (55ctttxix bcö ScTircrS ber biß bccrintcrt ein 06nt6titj,(tnt££> ^xcitftgcBicritbß öicxit 0iitQ ber Äit'bßxb auf beit ein. beit 2(iiflpit ftrnbiiß urth biß iD'Q§ fc^ort bßb nf^ßrcTt AU Mbeiden Männer hatten di- Nacht beim ein feines LbL MdL desien jk-iten geführt haben soll. Schownaus-Lchiur Angebracht, ^zm Verein ma ^X)re Herzensbildung sich in jedem Zuge ihres *. ~!(I muß ich >zhnen denn sagen, daß die einer Anzahl der Gemeindemrtglreder hatten fre Gesichtes und in der einfachsten Nnterhaltnnn - ^amilis Sinner, die hier infolge der Zeitverdurch eifriges „Lernen" die Wertschätzung des Man setzte sich alsbald nur dm runden! hliltnisse keine eigene Wohnung bekommen konnte, Kleinods bekundet, das einst am Sinai den Js- ^isch" und Frau" Gutmann füllte" die" Tassen.' öon bem jüdischen Lehrer freiwillig aufgenomraeliten geschenkt worden war. Als dann bei Ms,aer floß'die Unterhaltuna dahin, die Ein-! wen worden ist und mit ihm Küche, Wohnzimmer, Anbruch des Tages das Morgewgebet verrichtet drücke des Tages behandelnd, um dann, als! doden und Keller teilt, in ständigem Streit mit wurde, hatte sich' Sinner entfernt, da er als lta& bem Kaffee 5[c Herren ihre Zigarren zur > iliren Hauswirten lebt. Der Streit ist aber Kantor der Gemeinde bei dem später stattsinden- ^and nahmen, sich dem Hauptgeaenstand ^zu lein derartiger, daß jedem das Herz 'aufgcht, den Gottesdienste in der Synagoge vorbeten nähern. " - der ihn beobachtet. Die Männer und die Frauen „Mein Mann, hat mir von Ihren Sorgen! tteifent nämlich miteinander in dem Bewußte, und seine Schritte nach dem Hause ge-! lenkt, in dem feine Braut^ wohnte. Hier war! berichtet, Herr Sinner," begann Frau Gutmann. er dann von dem Gemeindelehrer überrascht worden. Tie frühe Stunde, die Einsamkeit des Ortes, der prächtige Sonnenaufgang und in Verbindung damit die Eindrücke der in gehobenen Empfindungen durchwachten Nacht schufen eure Stimmnng,"die so recht dazu geeignet war, Herzen zu eröffnen und Gefühlen, die für gewöhnlich sorgfältig verborgen gehalten ivnrden, Ausdruck zu verleihen. So erfuhr denn Gutmänn bald, welche Sarge seinen Gefährten bewegte. Es ist wirklich bedauerlich, wie schwer es heutzutage den jungen Leuten gemacht wird, ein Heim zu gründen. Wir haben auch gute Freunde, die so gern heiraten möchten, und Ihre Unterhaltung hat uns auf den Gedanken gebracht, ob wir sie nicht bei uns unterbringen könnten. Unsere Wohnung ist allerdings nicht sehr geräumig; überflüssiges Zimmer enthält sie gewiß nicht. Aber es würde uns so froh machen, wenn eS uns gelänge, jenen lieben Menschen dcip Weg zu ihrem Glücke zu, ebnen. Sie rni-ßten sich freilich bescheiden." streben, sich gegenseitig Gutes zu tun; sie finden ihr Glück, in der Förderung des anderen. Sie geben der Gemeinde ein Beispiel edler Selbstlosigkeit. Ihm folgend, ist es mir unmöglich, mit der wärmsten Empfehlung des Herrn Sinner zurückznhalten, obwohl ich sein Scheiden von hier tief bedauern müßte. . - Hochachtungsvoll K. Hirschfuß, Vorsteher der Synagogengemeinde. Vier Wochen später zog Oberkantor Sinner in seine schöne Tienstwohnnng zu M. ein..

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