Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1923)
- Date
- 1923-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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lir.M 1923 Ehajm LöS.?on S. Brückhe^er, Marktbr^t. Vier ein wenig kLne WmmJbM' Hgus Unterhaltung eine Gruppe von 'sicmd m‘ warteten darauf, daß die Nacht Männern^ aufbrechenden Stewenaugen manisch. Ui werde. In leichten Stößen trug der den schweren Tust des in allen Haus in dem Hofe nebL L «K «Äteft Mf^cham. MZ^Wrbei, und von Synagoge stand, nmrii. von de/jMfLn M l d-'- Bachmesen herauf schmanA sich,--n Lied christlichen Bewohnern es tief im tannäd^jnn Odenwald versteckten Wrfes nur ' Löb angeredet. Sein' simer hälbdn^^ nialwarenlädchen, in wlchem es einer Zimmt und MusÄt och, gtz^aaen in .ft«' # Schrebekasten, an sienen Ln sia tznd da der S-Mch^ den ^alt Lchg^n weit nno nächste M«t Her.zwei ^ädtchen zu haben Arzneien erst,MM^M m auch Salben, WE, so tzerkE CMei leichteren Erkran- Herlkräuter undreichen Erfahrung, kungen r^ßte .erML^E^ medizinischen wohl auch aus -Een Rat zu erteilen, sodaß Schriften manch^egenden Bauerndörfern viel er sogar aus der ö ' ^^Ä^^E^agsüber den Laden, dann saß deinem hohen Pult, auf welchem er zumerst hrs^nt stets Lfgeschlagen lag. nr!J -^EÄdierte den Talmud. -Und wenn Eya;rM Gedanken über 'das eben G-e- Tisch trat, auf welchem dichfftrfü -slhen, feine Wagen, kleine und große oaucyrge^^^Ern Durcheinander standen, wenn E )rnen langen weißen Bart streichend er ^^Vegehr fragte, so blieb manchem Kinde fox Jtag seiner Mütter in leiser Scheu aus r;„ ,/ge liegen. Hier wars ganz anders wie simmer drunten am Bache, wo die Ladenw^chart anschlug und auf den Kisten die Egsfässer herumstanden! 'Fast schien es, als Aan in die Studierstube eines Mittelalter-, Kt Gelehrten gekommen, der aus dem Inhalt /dieser bunten Gläser und glänzenden Büchsen, , lt Hilfe seiner dicken,. schweinsledernen Bücher m Heilmittel gegen den Tod erfinden wollte. / Trotzdem lief aber kein Kind schneller, als /venn es zu Ehajim Löb geschickt wurde: denn unter dem Ladentische stand ein weites Glas voll süßer Zitronatstücke. Doch verteilte er diese keineswegs, um die Naschmäulchen als Käufer anzulocken. Auch dem ' vor Angst stotternden Kinde, das nach einer Ware gefragt hatte, die sicher nur bei dem Eisenhändler zu Haben gewesen wäre, reichte er mit einem lustigen Augenzwinkern aus' dem nie leeren Glase. Wenn er über die Straße ging, zog er manches Mal ein solch junges 'Ding zu sich heran, strich ihm über das Gesicht und ließ sich erzählen, was es in der Schule gelernt habe. Viele feilte meinten, daß solche Zuneigung in seiner eigenen Kinderlosigkeit ihren Grund habe. — — Ehajim Löb war ein ausgezeichneter Erzähler. Mit j dieser. Eigenschaft lockte er die Alten. Wer seine Geschichten und Schnurren waren nur die Wiedergabe von Begebnissen verrauschter Jahrzehnte. Die neumodische Gegenwart war ihm zu tönern, zu laut und verworren. Jü seinem hohen Alter konnten sich zu ihr hin nur noch ganz lose Fäden spinnen. An Winterabenden vor dem Kachelofen in seinem niedrigen Wohnzimmer, im. Sommer auf der Hvlzbänk vor seiner Hoftüre saß ich oft neben Ehajim Löb und wartete auf eine Erzählung. Wänn er mit den schmalen Fingern auf seinem Knie zu trommeln begann und leise die Melodie irgend eines synagogalen Gesanges durch die Zähne pfiff, dann war er auf der Suche, und hinter seinen halbgeschloffenen Augen glitten seine Gedanken zurück in ferne Zeiten. Gin letztes Mal waren wir zusammen an der Tlorfstraße. Bor. dem Bethaüs nebenan junger Mädchen, in dem die Lenzesherrlichkeit mit überströmender Sehnsucht besungen wurde. Ueber Ehajim Löbs Gesicht zog ein Aufleuchten, in seine Augen kam ein feuchter Glanz, und die Lippen lächelten wehmütig. „Kommen Sie. nach dem Abendgebet wieder hierher,", sagte er, in sich versunken, kaum hörbar. Tie Lichter in der Synagoge waren erloschen Tie Dorfftraße lag ohne Laut. Nur aus manchem Torbogen her flatterte oft ein helleres Wort, klang ein schnell abgebrochenes Lachen. Und die stärker werdenden Tüfte aus den Blumen und von den Bäumen beengten das Herz „Bor genau vierzig Jahren war es, als der neugewählte Lehrer einer noch kräftigen jüdischen Gemeinde im Württemberaischen in seinem 'zukünftigen Wirkungsorte aus dem wackligen Postwagen stieg. Peßach war gerade vorüber.' Tie Helle Sonne lag in den Fenstern der niedrigen Häuser, aus denen ein paar neugierige Köpfe den Fremden musterten.' Tiefer schaute etwas verwundert um sich. Wer Wägen war schon wieder die Straße hinausgeholpert; aber immer noch ging des jungen Lehrers Blick suchend umher, ob nicht doch noch jemand aus der Gemeinde ihn empfangen und zu seiner Wohnung führen werde. Vom Kirchturm her summten elf Schläge. Da rief er einen in der Nähe spielenden Knaben herbei und ließ sich von dem den Weg zeigen." „Ehajim Löb, der bisher ganz zögernd erzählt hatte, fuhr nun etwas schneller fort: „Zur selben Stunde trat der Kaufmann Joseph in die Stube des damaligen Vorstehers Jakob Herz. Er fragte diesen, ob er den ans diese Zeit angekündigten Lehrer am Postgebände erwarten solle. „Es ist unnötig," sagte Herz. „Wäshälb von seiner Ankunft soviel Aufhebens machen? Er ist unser Angestellter und wir bezahlen ihn für feine Dienste!" — — Durch gewissenhafte Ausführung gelang es dem neuen Lehrer bald, sich das Zutrauen der meisten Familien zu erwerben. Aus allem, was er tat, merkten sie deutlichst seine Liebe zum Beruf. Mit solcher Bereitschaft arbeitet nur der, den die vertraglichen Wmachungen nicht wie Ketten drücken. , Ueber manche Neuerung kopfschüttelten zwar die Een. Die Bildung eines Synagogenchors schien ihnen Reform: und die .Heranziehung der Mädchen zum Pentateuchunterricht wollte ihnen aus Mancherlei Gründen nicht behagen. Wer der Weg, den „der Neue" sonst ging, war jederzeit, gerade und weithin sichtbar, sodaß: man ihm keinerlei Steine darauf werfen wollte. 'Eigenartig war aber das Verhältnis zwischen Lehrer und Vorsteher. Jäkob .Herz betrieb' einen ausgedehnten Getreidehändel, der ihn öfters über die heimatlichen Grenzen weit hinausführte. Er gab sich de'shälb in Kleidung und Gehaben gerne das Ansehen eines Vielaereisten. Er erzählte viel, und weil ibn der Ehrgeiz plagte. bauschte er feine Erlebnisse hoch ans, damit seine Tüchtigkeit deutlicher hervortrete. Wenn es sich um gemeindliche Erledignnaen bändelte, gab er denen eine so besondere Wichtigkeit, nmwob deren Ausführung mit so großen Schwierigkeiten, daß zuletzt jedes Gemeindemitglied heilfroh w>ar, diesen 'anstrengen-, den Posten nicht bekleiden zu müssen. Dem Lehrer — auch dem kurz vorher verstorbenen — gegenüber betrachtete er sich als Vorgesetzter. 'Das hörte man Es dem Don heraus, in welchem er zu chm sprach, das merkte man an seinem sonderbaren Gebrauch, das' Zimmer des Lehrers zu betreten, ohne auf dessen „Herein" zu warten. Als Herz nun sah, mit welcher Leichtig-. keit und 'Freude der neue Lehrer sich auch der Tinge annahm, die seinem .Pflichtenkreis nicht zugemessen waren, als er bemerkte, wie das Vertrauen der Mitglieder dauernd wuchs, da wurde er besorgt, daß man sein Tun nicht mehr im alten Maße einschätzen werde. Er wurde auf den jungen Menschen — wie er den Lehrer nannte — ärgerlich. Sein Don klang jetzt ganz befehlsmäßig. Und um ihm seine Amtsgewalt deutlicher zu machen, erledigte er die gemeind., lichen Arbeiten nicht mehr im Schulzimmer, sondern ließ sich die Akten von dem Lehrer ins Haus tragen. Ter Vorsteher bewohnte ein zweistöckiges Gebäude, das, am Ende des Torfes' auf einem Keinen Hügel stchend, weithin sichtbar war. Bon hier aus gewahrte der spähende Blick die dunklen Ausläufer des SchwarzwaGes und an kühlen Abenden ließ sich an den auffteigenden Nebeln das Neckartal eine lauge Strecke verfolgen. Ter Gang zu dieser Anhöhe wurde dem Lehrer recht, sauer. Er empfand die Stiche dieses herrbchsüchtigen Mannes und konnte sich nicht wehrM; er spürte die Demütigungen, die aber für andere viel zu wenig sichtbar' wären, als daß er sich mit Hilfe von ihm wohlgesinnten einsichtigen Gemeindemitgliedern dagegen hätte auflehnen können. Voll herber Gedanken, im Kampf mit seinem Stolz innerlich aufgewühlt, setzte er sich, bevor er das erste Mal den Hügel mit den zu erledigenden Arbeiten hinaufschritt, auf einen Stein an einem Gartenzaun. Als wollte er in die blinkende Frische des Herbstmorgens hinaussehen und die Schmtter beobachten, die weitausholend mit der Sense den Hafer niederlegten. Er mußte erst ruhiger werden. Ta kam aus dem hier ein-' mündenden Wiesenpfad Hanna, des' Vorstehers einzige Tochter. Und als wüßte sie um den' Unfrieden in seiner Seele, begann sie in ihrer von der Mutter geerbten gütigen Art von seinem neuen Plane zu sprechen, nach welchenr er die schulentivachsene Jugend zur Pflege jüdischen Denkens zusammenschließen wollte . . . Wie er dann mit ihr später das Haus betrat, tat er dies in vollem Gleichmut. Und so oft er auch weiterhin diesen Gang machen mußte, immer wischte Hanna durch einen herzlichen Gruß., durch ein neckisches Wort seine unmutigen Gedanken aus die Seite. Bald merkte er nicht mehr auf Herzens herrischen Blick, und sein hochfahrendes Wesen störte ihn noch kaum; denn Häunas freundliche Augen warfen über alles im Zimmer einen wärmenden Schein. Und so wurde ihm dieser Weg zur Anhöhe, her ihm zuerst mit Stacheln besieht schien, zum Ziele seiner lebhaftesten Sehnsucht. Es war ihär in der folgenden.Zeit, als schritte er ständig durch blumige Wiesen, über denen Heller Himmel lachte und auffliegende Sommervögel ihre wonnetrunkenen Lieder trillerten. Ter in prächtigem Farb'enspiel zu Ende gehende Herbst und die im Frischschnee Ijelfc* glänzende Landschaft rauschten eindruckslos an dem sonst V0n allen Naturbildern Begeisterten vorüber. Eine bisher ungekaunte Welt der Träume zog seinen Blick von der Umwelt ab. Und die Menschen und ihr Tun w'aß er nur noch an den Wärten und an dem' Wesen Hannas. So geschah ihnt in seiner Schule etwas Eigentümliches. (Fortsetzung folgt.)'