Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1923)
- Date
- 1923-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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64. Jahrgang Frankfurt a. M., den - Nr. 23 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab 1. Januar 1923: jeweiligen i- "" "" ' 1250 931., 55u“1 wuw wi.j. ü/cutiui»ijiitticuu. s. Jöiwiituuiii. zmju a>i. i»iiui üuu afl., »tu .1500 931., Juni 1800 931.]; Polen: 2200 M. (April 1400 M., Mai 1700 M., Juni 2000 M.j (deutsche Währung). — Nur Vierteljahrs-Abonnements: Tschecho-Slowakei 15 K., Ungarn 600 K., Jugoslawien25Din.; Rumänien23Lei; Holland 2 fl.; Belgien7,50Fr.; Frankreich 6Fr.; Schweiz 2,50 Fr.; Italien 10 Lire; Skandinavien 4 8.; England 2 sh. 6 p.; Amerika 0,75 Dollar. Einzelnummer 400 M. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 300 M., für Stellensuchende 400 M. für die siebenaefpaltene Nonpareille-Zeile einschließlich Teuerungszuschlag; Chiffregebuhr 100 M. Auslandsinserate 1500 M. die Zeile. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inseratauftragen tarifmäßige Preiserhöhung jederzeit Vorbehalten. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurt a. 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Gedalja Bublik, der bekannte jüdische amerikanische Publizist, behandelt in seinen letzten Aufsätzen die sogenannte „nationale Erziehung" und dient den nationalen Neuerern u. a. mit folgenden Wahrheiten: Ich kann mir keine größere Lächerlichkeit oorstellen, keine närrischere Losung als die einer „nationalen Erziehung", bei einer Nation, deren nationale Erziehung bereits etliche sausend Jahre alt Kst. '; Wenn man andauernd nach einer nationalen -Erziehung schreit, so hört sich 'das fast so san, als wäre die Exziehung bei den Juden bis zum Leitalter derHaskala antinational gewesen: als wären die jüdischen Chedarim, wo Nnsere Väter, Großväter, Urgroßvater bis zurück zu Esra ihre Kenntnisse vom Judentum erhielten, antinatlonal und hätten diese Männer von der jüdischen Natron nichts wissen wollen: als hätte man sre dort in den jüdischen »Schulen, von Jerusalem bis Wilna, zu Afsimilanten großgezogen, bis dSjr „nationale Erziehung" auf dem Plan erschien, um die Juden.für die Küdische Natwn Mrück- Mgewinnen. i. Es klingt wie ein schlechter Witz, wenn man ZU einem Volke, aus dessen Schulen die Hasmanäer, Afiba und seine Jünger, jdie Talmud lehrer von Palästina und Babylon, Raschi, Maimonides und Rabbr Iehuda Halevi, die kasti^schen Großen, die spanischen Emigranten hrs zu den Märtyrem in Ider Ukraine hchvorgegangen sind, spricht, man wolle eine Schule schaffen, die ihnen dm Nationalismus beibrrngen sollte. Die Leute, die Derartiges sagen und wollen, haben keinen Sinn für Humor, sie hätten sonst über das Groteske ihres Tuns selbst Aachen müssen. Aber neben dem Humor fehlt ihnen auch der Takt und der Respekt vor dem jüdischen Volke'und seiner großen Vergangenheit. Seitdem es Welt und Menschen gibt, gab es keine ausgeprägtere nationale Erziehung, als wie es die traditionelle Erziehung der Juden war. Sie umgab das Kind von Kindesbeinen an mit >einer nationalen Atmosphäre. ' Schon im- Cheder wurde des Kindes Geist mit dem nationalen Land, mit seinen Wer gm und Tälern vertraut gemacht, schon mit fünf Jahren wurde? das Kind in die Gesellschaft der Väter der Natron eingefübrt, seineKindesohren horten schon die Stimme Gottes, des Schöpfers aller Welten, wie sie zu den nationalen.Titanen unseres Volkes sprach: es horte den Donner und sah den Blitz, unter welchen unsere nationale Thora dem Volke gegeben worden ist: die Thora,! aus welcher es lernte und von der es wußte, daß ihre Gesetze auch seinem Vater heilig waren, und daß kein Volk in der Welt, ob noch so stark und reich und groß und mächtig, solchen Glückes teilhaftig wurde, und daß, solange wir die Thora halten uns auch kein Feind vernichten könne, weü Gottes Auge über das Vohk seiner Wahl wacht und Er es einstens ins jüdische Land zurückführen wird. Und dort in der jüdischen Schule hat man ihm nicht nur von seinen nationalen Pflichten erzählt, sondern man versah ihn auch mit' dem jüdischen Panzer, den jüdischen Waffen, es waren dies die praktischen Gebote und Verbote. Schon mir sechs Jahren wußte -das Kind, wie 'es .ins Feld gegen die Feindeder jüdischen Natron zu ziehen hatte. r > Wie breit und reich floß der Strom der jüdisch-nationalen Poesie, in dem die Seele des Kindes untertauchte. Das Lied am Meer und das „Haasinu" am Thoraende, der Segen Jakobs an seine Söhne and der Hymnus Bileams auf die „Zelte Jakobs", die Fürbitte Moses und der Ausblick der Propheten buf den „letzten der Tage" . . . Und die ^Psalmen, und die Sprüche der Weisheit, und dies alles floß" m einer Harmonie zusammen, in der sich Völker und Menschen. Berg und Tal, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft zusammenfanden, und .all diese Stimmen übertonte laut ünd scharf die Stimme der jüdischen Gesamtheit, der Trägerin der ewigen Wahrheit . .. Das war die nationale Erziehung des jüdischen Eheder. Und da kamen etliche Maskilim. die ein wenig von fremden Tischen genascht, bex Pissarow. Spenser. Darwin oder Wellhausen etwas gelernt haben, und maßen sich an, dem alten Israel eine nationale Erziehung zu geben. l Diese nationale Erziehung kommt von der anderen Seite, von der nichtjüdischen Gasse und richtet sich g eg e n den Nationalen Geist des jüdischen Volkes, der einzig 'und allein Thora und Gebote als Grundlage der Erziehung kennt und anerkennt. Sie ist auch gegen unsere nationale Geschichte, die von -jeher einzig das Judentum als Seele des jüdischen Lebens' kennt und n i ch t d i e S p r a ch e, auf Melcher die nationalen Maskilim alles bauen. Unsere nationale Schule nannte sich stets „Talmud Thora" und nicht etwa „Talmud-Lafchon" ,(Lehre der Sprache). Die nationalen Maskilim haben vor den anderen Assimilatoren nichts anderes voraus, als daß sie fremde Kultur in hebräischer Sprache lehren. Ganz so, als hätten wir tausende yon Jahren nicht für Thora und Gesetz, sondern nur pr die Sprache gekämpft, als konnte uns die Sprache vor dem Tode retten, wenn. wir all das von uns werfen, was uns bis jetzt jam Leben'erhalten chat. Kommen die Maskilim mit ihren neuen Schulen, so sollen sie sie wenigstens richtig' deklarßrren ünd antinationale Schulen nennen, nachdem sie sich gegen Geist, Geschichte und Auffassung der jüdischen Nation richten. Hören wir, wie Salomon Epstein, selbst ein nationaler Schriftsteller, die bedeutendste Institution dieser nationalen Erziehung, das Jaffaer Gymnasium, schildert: „Es ist hier keine Spur von der religiösen Weihe zu merken, die man sonst fühlt, wenn man die heilige Schrift lernt, es fehlt die geheimnisvolle 'Geh ob eichest, die tonst beim Lernen des geweckt wrrd im weichen, jungen Herzen des Kindes. Die junge See'e, die weit geöffnet ist der ewigen Heiligkeit Lehre in der Form der nationalen Tradition, findet hier nicht die Eindrücke, die imstande wären, das Kind zu wecken und zu wärmen und Spuren für das Leben zu hinlerlasiest. 'Kalt ustd' hg,rt wie Stein steht hier der Sinai und er sMht nichts zu den Herzen von Eis, die ihn umgeben. Wenn wir die Resultate dieser Nationalen Erziehung einer Betrachtung unterziehen, ergibt sich! ein trauriges Fazit. Cs jrst -keine Spur - von Segen zu erkennen in der Schöpfung der „originellen Kultur". In mancher Hinsicht erkennen wir umgekehrt die Symptome eines Verfalles. Der nationale kulturelle Hauch stieg nicht in die Höhe, die geistige Armut starrt dus allen Ecken. Die neuhebräische Erziehung, sowohl m Palästina wie m anderen Ländern, hat die. jüdischen Schaffungskräfte nicht gesteigert. Wollen wir uns nicht schämen, laut einzugestehen: die neue Erziehung hat vorerst einen Typus hervorgebracht, der sehr weit entfernt ist von Reichtum des Geistes, hat eine hebräische Kultur geschaffen, fr» ausgGrichnet ist durch Oberflächlichkeit, Mangel an Tiefe, mit schwachen Wurzln pnd armseligen Früchten." «' ' ' . Das ungefähr sagt uns ein Mann, dessen Sympathien für das traditionelle Judentum nicht