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Der Israelit · 1923-05-31 · Heft 22 (31.5.1923) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 22 (31.5.1923)
Date
1923-05-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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asr Der Israelit Nr. rr l-2Z Lnriks. Hi«e AkostergefchichLe aus Spanien. »on A. Tchoerm Dieses Genrach war kleiner wie das' erstere, aber sorgfältiger und behaglicher eingerichtet. An den Wänden hingen einige gute Bilder berühmter spanischer Meister, die Decke war reich verziert und der Fußboden /ntit Fliesen gepflastert. Mitten im Zimmer stand das Bett, auf dem eine abgemagerte Frau mit halbgebrochenen Äugen und hoch gehendem Mein mit dem Tode rang. Zu beiden Seiten der Sterbenden standen schwarzgekleidete Männer mit brennenden Kerzen in den Händen. Sie sahen mcht einmal auf, als Enrika zur Türe hineingedrängt wurde. Mpr das Mädchen am Kopfe des Bettes richtete ihre blitzenden, naßgeweinten Augen auf den Jungen, als wollte sie ihm bis auf des Herzens Grund schauen. Enrika bebte am gmpzeu Körper und starrte mit versteinertein Gesichte fns Leerg. Unheimliche Stille, nur vom Röcheln der Kranken und dem Gebetegemurmel der älmstehenden unterbrochen. Ambrosius trat nahw ans Bett heran: _ „Sarah, liebe Schwester Sarah, Enrika, nein Zehn da, dein Kinds steht vor dir . . Ueber Sarahs bleiches!Antlitz huschte ein Lichtstrahl. Sie öffnete ein /wenig die Augen und suchte sich sogar aufzurichten. Sie fuhr mit den Händen aus, als suchte sie etwas. Und nun lagen Enrikas Hände in denen der Mütter. „Mein Kind, J'ehuda —-- Vergeltung an 'Alphonso. dem Mörder deines Vaters . . . Gott rächt das Blut, Gott Israels, dem er dich entrissen" ... Es wareir ihre lebten Worte, ihr Aten: stockte, ihre Lippen verstummten für ewig. „Mütter, Muttergehe nicht von um! . . ." schrie das Mädchen gellend auf, daß alle Umstehenden in Tränen ausbrachen. „Gelobt der Richter der Wahrheit!" beteten die Männer. Nur Enrika rührte sich nicht und sprach kein Wort. Er sah und hörte und erlebte alles wie im Traume. Er schlug sich auf die Stirn, so kräftig, daß er Schmerz verspürte. Es war also kein Traum. Es war wirkliches Erleben im Wachen. Daun war es Hexerei, alles, die sterbende Frau, die betenden schwarzen Inden, auch das kleine Mädchen, alles nur fauler Zauber und Satans Blendewerk! ... Oder war er von den Juden in die Fälle gelockt'? ... Es war ja vor ihrem Osterfeste, da sie Christenblut brauchten! .' . . Am Ende war auch die hier liegende Frau Christin und von ihnen getötet . . . Nun war er selbst an der Reihe, sein Blut herzugeben . . . Der Knabe stand bleich da und verfolgte zitternd mit mißtrauischem Auge die Dinge um sich herum. Da traten schwarzgekleidete Männer vor, hoben die Tote vom Bett, setzten sie auf die Erde und bedeckten sie mit einem langen, schwarzen Tuch. Ein unheimliches mattes Licht verbreiteten die Kerzen und beschworen Schatten an.Pen Wänden und in allen Ecken, die Enrika unsäglich beängstigten. Es war altes imfafjtj'ar, unbegreiflich, fremd und verwirrend bis zum Wahnsinnigwerden. Die Männer umstanden die Leiche uitb beteten aus kleinen schwarzen Büchern in traurigem Singsang. Und nun trat einer aus der Mitte der Gesellschaft mit einem Messer in der Hand direkt auf ihn los und wollte ihn am Gewände packen . . . Der Knabe bot den letzten Rest seiner Kraft auf, bekreuzte sich und rief alle Heiligen an. Es hörte sich wie ein Ruf nach Rettung, nach Hilfe an. „Hörst du Iochanan?" wandte sich einer der Schwarzgekleideten an Ambrosius. „Hörst du, wie tief der Junge bereits gesunken ist? Er läßt die Kerioh nicht vernehmen und nennt die Namen der Unreinen an der Leiche seiner frommen Mutter, deren Körper noch nicht erkaltet ist. Einen netten Kadisch brachten wir ihr , ." Fast sah man die Trauer auf den Gesichtern von tiefem Aerger abgelöst. Haß und Widern Wille sprachen aus ihren Blicken. Tier Knabe drückte sich ait die Türe und murmelte in seiner Verzweiflung das Vaterunser und alle Kirchengebete, die ihm gerade auf die Lippen kamen. „Er will nicht zu uns/," schrie plötzlich das' kleine Mädchen mit gellender Stimme auf. „Er will uns verraten, uns an die Feinde, auf den Scheiterhaufen bringen. Er ist nicht mehr unser und nicht mehr mein Bruder." Die spontanen Worte aus reinem K: überhitzen wirkten wie Oel aufs Feuer. „Er wird uns verraten," hämmerte sich des Kindes Wort in aller Hirne. Ambrosius mußte vermittelnd abwehren, daß nicht die geballten Fäuste auf ihn niedersausten. „Ruhig Freunde," sprach er, „laßt michs machen! Es tue jeder seine Pflicht, denn die Frist ist kurz und die Arbeit viel. Man schaufele das Grab, fertiqe den Sarg an und die 'Sterbekleider, es ist Zeit, daß die Frauen mit der, Reinigung beginnen. Führt auch das Kind hin-! aus und habt ein achtsames Auge auf dasselbe." 'Dann aber wandte er sich an Enrika: „Dü wirst dich ganz vergebens mühen, die Türe aufzureißen. Sie wird dir nicht aufgehen, und du bist ganz in unserer Macht. Nichts hindert uns in diesem dunklen Gelasse, uns vor deinem Verrate zu schützen . . . Allein, wir wollen dich nicht festhälten. Dü sollst wissen, was Inden sind und wie sie denken und Händeln. Ich werde dir mit eigener Hand die Türe öffnen und dir die Freiheit deines Handelns! geben. Aber bevor du von dannen gehst, laß dir noch einiges sagen. Setz dich hier auf den Sessel, ohne jegliche Angst, es passiert dir nichts. . ." Enrika folgte wortlos, gedankenlos wie im Traume. . „Höre, Enrika, es steht dir frei, jetzt ins Kloster zu gehen zum Prior Alphonso de Merry und ihm alles zu erzählen, was dü hier gesehen und gehört hast. Gehe meinetwegen hin und sage ihm, daß Sarah, die Tochter des Rabbi Obadja de Feraria, den er mit allen Höllenaualen der Inauisition gepeinigt hatte und zuletzt auch das Augenlicht geraubt, ^sage ihm, daß die schöne Tochter dieses seines Opfers heute gestorben ist. Geh hin und sage ihm, daß diese Sarah, das treue Weib des Generäl Don Mürkis, des siegreichen Heerführers im Kampfe gegen die Araber, den aber er, Alphonso, in die Falte der Inquisition gebracht und lebendig verbrennen ließ, angeblich aus heiligem Religionseifer, in Wahrheit aber nur, um sich seines schönen Weibes zu bemächtigen, sage ihm, daß dieses Weib, dem er nachstellte und um dessentwegen er zwei unschuldige Menschen geopfert hat, heute gestorben ist. . . Und endlich sage Alphonso, daß du, Enrika, der Sohn dieses Weibes bist und mit richtigem Namen J e hü d a heißest, daß du es bist, den er im Atter von drei Jahren den Armen der Mütter entreißen ließ, um ihn ins Kloster zu bringen und durch diesen Seelenraub all seine anderen Schandtaten zu krönen. Er tat es dgMals nur mit der dämonischen Absicht, die Mütter auf diese Weise zu ihm ins Kloster zu locken . . . Aber sie hielt stand, die fromme Sarah'. Zehn Jahre bekämpfte sie ihre heißesten Müttergefühle und sah ihr Kind nicht, unr dem Unreinen nicht in die Wege zu komme::. Und heute starb sie, ein reines, frommes, jüdisches Weib. Gehe hin und sage ihm dies alles, die Türe steht dir weit offen . . . Und sage ihm noch ferner, daß ich, Ambrosius, der heilige Mönch, nicht Ambrosius heiße, noch Mönch bin, sondern Jochgnan, der Sohn des Rabbi Obadja, der Bruder 'deiner Mütter Sarah. Zehn Jahre saß ich neben ihm im Kloster wie ein Heiliger, aber nur um über dich, meiner Schwester Sohn, zu wachen, daß du in dieser fremden Umgebung nicht vollkommen deinent Volke entfremdet wirst. Es war dort »nicht meine Aufgabe, daß sie zu mir wält-m führten und von mir Heilung erhielten ftir Leib und Seele, sondern es war mein Zweck und meine Aufgabe, dich zu hüten und dich in die Lehre und in das Gesetz Israels einznführen. Und auch hier, soweit dein Auge reicht, ist alles jüdisch. Die Männer sind Juden und im Nebengemach ist ein jüdisches Bethaus. Wir haben eine Tote in unserer Mitte, es ist deine! Mutter. Wir werden sie nach jüdischem Gesetz und Brauch unter dem Schutz rer. Nacht bestatten und ihr eine jüdische Ruhestätte für die Ewigkeit sichern. Jetzt gehe hin und erzähle dies alles Alphonso, daß er gleich den Scheiterhaufen auf bem Märkte Cordobas anzünde und die Glocken läuten lasse zum großen Brandt opfer, daß alles Volk sich am frommen Schauspiel jveide und dabei Psalmliedersinge. Geh hin und sag es, wir sind zum Sterben bereit. jTie Türe ist auf . . ." Und in Wirklichkeit schob Ambrosius an einer geheimen 'Feder, sodaß die Türe weit auffprang.; Eine unheimliche Stille herrschte für einige Momente. Zentnerschwer lag es in der Luft und unter dem schwarzen Tüch lag die Tote und die Kerzen brannten und blinkten zu ihrem Kopfe. 'Tann folgte ein lautes Schluchzen und teilte die Stille. Alles weinte wie im 'Chore, die Menschen, die Lichter, die Wände, die Schatten, die Luft . . . Und mitten in diesem Schluchzen standen zwei juiiflc Menschen und hielten sich fest umarmt, die Lippen aufeinandergerpeßt. Enrika hatte seine Schwester gefunden . . . Und mit ihr sein Volk, seinen Gott, sein Jüdentum ... Ambrosius aber weinte nicht. Wie ein Cherub mit ausgebreiteten Fit'tigen, so stand er vor ihnen :nit hoch erhobenen segnenden Händen und aus sein«: alten Augen leuchtete ein Glanz, wie nian ihn nie in Menschenaugen gesehen hatte. Der Tag ging' zur Neige und die Dunkelheit brach an. 'Durch geheime Gänge trugen die Männer die Bahre bis zum tiefgelegenen vom Wälde gedeckten kleinen Friedhof, wo kein Stein Und keine Schrift die Heiligkeit des Platzes andeutete. Etwas später sah man einen alten Mönch mit einen: jungen Klosterbruder an der Hand den Weg zur Felsenhöhle am Dominikanerkloster nehmen. Heilsuchende am Eingang der Höhle bekreuzten sich bei::: Anblick des Heiligen und warfen sich ehrfurchtsvoll auf die Knie. Ambrosius hob seine Hände gen Himmel und mit einem Gebete auf den Lippe::, dessen Worte keiner gehört, stieg er mit dem Jüngen in seine Höhle hinunter. (Schluß folgt.)

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