Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1923)
- Date
- 1923-10-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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25. Oktober 1923 Nr. 43 Seite 11 das Zigarrenrauchen konnte mich wach erhalten, und so kam es, daß ich zu einem furchtbaren Raucher wurde, der ohne Zigarre einer starken Unruhe verfiel und sich keiner Denkarbeit mehr fähig fühlte. Dieses Laster hat mich nicht verlassen, auch während des Krieges nicht, den ich als alter Mann freiwillig mitmachte, und auch nach dem Kriege nicht, wo ich leider nicht mehr Herausgeber bin, sondern in der Zeit größter Teuerung von einer winzigen Kriegspension leben muß. Der Raucher aber ist abhängig von Streichhölzern, und mit großer Besorgnis erfüllte mich die gewaltige Preiserhöhung dieses Artikels, mehr jedoch die unreelle Fabrikation, die zunehmend einen großen Teil der Hölzer ohne brauchbaren Zündstoff ließ. Jüngst fuhr ich durch Mitteldeutschland, um einen Vortrag zu halten. In dem Eisenbahnabteil, das ich bestieg, saßen drei Herren der gebildeten Stände, die zahlreiche Zündhölzerschachteln ausgebreitet und entleert hatten, um den Inhalt zu untersuchen. Sie ärgerten sich über dieselben Mißstände, wie ich, und stellten eine gründliche Statistik auf. Jede Schachtel sollte 48 bis 50 Hölzer enthalten, lieferte aber beispielsweise nur 32, 19 und sogar 6 verwendungsfähige Stücke. Ich interessierte mich natürlich für diese Beschäftigung. Die Schachteln stammten von neun verschiedenen Firmen. Da einer der Herren mich als gelegentlichen Journalisten kannte, so wurde ich aufgefordert, den llebelstand in einem Zeitungsaufsatz, etwa unter dem Titel „Jüdischer Betrug" zur Sprache zu bringen. Ich wies daraus hin, daß kein Beweis und kein Anzeichen für die Urheberschaft von Juden vorliege, daß auch die Aufschriften der Schachteln nicht daraus hindeuteten. „Doch, doch," war die Antwort,' „sehen Sie diese vier Schachteln'. Der Name ist allerdings nur einer kleinen thüringischen Stadt entnommen; aber die Fabrikmarke zeigt einen geweihten Hirsch. Mithin ist der Fabrikmt ein Jude namens Hirsch." — Ich erklärte, daß ich nicht so gewissenlos sei, auf Grund eines derartig fadenscheinigen Beweises einen Teil unserer Volksgenossen, der schon genug unter ungerechten Verdächtigungen zu leiden habe, von neuem zu verleumden, schlug aber vor, daß wir auf der nächsten Station zur Ergänzung unserer Statistik noch einige Zündhölzerschachteln kaufen wollten. Ein ganzes Paket wurde erworben. Und siehe: Jede Schachtel enthielt bei gleichem Preise wie die übrigen, nicht 50, sondern 60 Streichhölzer, und wir konnten darunter kein einziges unbrauchbares Holz feststellen. Die Firma aber hieß: „W. und S.", — ein wegen seiner Gediegenheit weithin bekanntes „jüdisches" Geschäft in Thüringen. Ch. v. R. (Völkische Rassewissenschast.) Die auf der „Weltkonferenz jüdischer Frauen" in Wien gemachte Bemerkung einer italienischen Delegierten, sie komme aus „ o e m Lande ohne Antisemitismus", löst tu Herrn Theodor Fritschs „Hammer" vom 15. August emen „wissenschaftlichen" Wutansall aus. Dort wird dieses Wort von Italien, dem „Land ohne Antisemitismus", das Herrn Fritsch so wehe tut, mit einem Kommentar versehen: „Das kann wahr sein und hat seinen Grund: Die Italiener sind ihrer Abstammung nach halbe und ihrem Charakter nach ganze Juden; sie können infolgedessen nicht antisemitisch denken und fühlen." Theodor Fritsch ist einer der anerkanntesten völkischen Rasseforscher. Zu seiner Unsterblichkeit hat diese neueste wissenschaftliche Entdeckung nur noch gefehlt. v. Ainderecke. Die drei Fragen. Mus dem Sohar.) Ein gebildeter Heide tam eines Tages zu Rabbi Eleasar, um mit ihm über Dinge des Glaubens zu verhandeln. Er stellte dem Rabbi drei Fragen. Erstens: „Warum wartet ihr Juden auf einen dritten Tempel, nachdem doch in der ganzen Schrift kein Wort davon Der Israelit erwähnt ist. Es ist ja immer nur vom „ersten" und „zweiten" Tempel die Rede?" . Zweitens: „Ihr Juden behauptet, Gott näher als alle anderen Völker zu stehen. Wie kommt es aber dann, daß gerade die Juden überall so gehaßt sind und so schwer leiden müssen? Warum duldet es euer Gott, dem ihr angeblich so nahe steht, daß euch so viel Unrecht und Leid widerfährt? Es sieht doch so aus, als ständen die Völker, die so groß und glücklich leben, viel besser mit Gott, wie ihr, die Gedrückten und Zurückgesetzten." Drittens: „Ihr Juden seid so behutsam in Speise und Trank, und vieles ist euch zum Genuß verboten. Eure ganze Ernährung ist von der Religion geregelt. Und dennoch sind wir, die wir alles essen und trinken, gesund und stark und von Riesenkraft, während die Juden zumeist klein gebaut, schwach und kränklich sind." Rabbi Eleasar fertigte den Heiden, der das Judentum nur verspotten wollte, rasch und kurz ab. Seine Getreuen aber wollte er über diese Fragen aufklären und er sprach: „Auch ich selbst dachte schon einmal über diese Dinge nach und befragte mich beim Propheten Elijahu. Von ihm wurde mir folgende Antwort: Als das jüdische Volk aus Mizrajim zog. lag es im Plane Gottes, gleich den ewigstehenden Tempel als ersten und letzten im heiligen Lande, wohin sein Volk verpflanzt werden sollte, zu errichten. Wie es im „Lied am Meere" heißt: „Du bringest und verpflanzest sie auf den Berg deines Erbteiles, eine feste Stätte für deinen Stamm errichtest Du, o Gott!" Nachdem aber Israel in der Wüste von Gott abgekehrt ist, wurde der Tempel nicht von Seiner Hand, sondern von Menschenhand, durch Salomo, errichtet. Was aber von Menschenhand gebaut wird, ist nicht von ewiger Dauer. Das wußte auch Salomo selbst, darum singt er in seinem „Stufengesang des Salomo": „Wenn Gott das Haus nicht baut, so mühen sich die Baumeister vergebens an ihm." Genau so verhielt es sich mit dem zweiten Tempel, der, durch Menschen gebaut, später der Vernichtung anheimfiel. Nun müssen wir der Stunde entgegenharren, da die Erlösung kommt und Gott selbst mit eigner Hand den Tempel errichtet, den Tempel wie er nach dem Auszug aus Mizrajim geplant war und von ewiger Dauer sein wird. Was die zweite Frage betrifft, so stehen die Juden ganz gewiß zu Gott in einem näheren Verhältnis als alle Völker der Erde. Denn Gott hat sie zum Herzen der Welt bestimmt, und so wie die Einzelglieder und Organe keine Minute ohne die Tätigkeit des Herzens leben können, so können die Völker keinen Tag ohne die Juden existieren. Israel steht im Mittelpunkt der Menschheit, Erez Jisroel im Mittelpunkte der Erde, und alle Nationen beziehen ihre Kraft von Jisrael und dem jüdischen Jerusalem. Das Herz ist aber seiner Natur nach weich und schwach und fühlt zuerst jeden Schmerz, jedes Weh, jede Trauer, jedes Leid, zu einer Zeit, da die anderen Organe noch garnichts davon wissen. So kommt es denn, daß das jüdische Volk als Herz des Organismus am meisten und am schwersten leiden muß, für sich und für andere. Und damit ist auch die dritte Frage beantwortet. Stehen wir Gott nahe, im Herzen und Mittelpunkte des Ganzen, so müssen wir dieses auch durch äußere Lebensreinheit zeigen. Dem Herzen muß das reinste Blut zugeführt werden, deshalb verabscheuen wir alle unreinen Speisen. Aeußere Reinheit bringt innere Reinheit, und auf die große Kraft kommt es nicht an. Das Herz ist klein und schwach und unsichtbar, und belebt dennoch den ganzen Körper. Nach diesen Worten erhob sich Rabbi Josse, küßte die Hände des Rabbi Eleasar und sprach: „Wäre ich einzig auf die Welt gekommen, um diese weisen Worte zu hören, es hätte sich vollauf gelohnt!" Personalien. KaMner Ar. Kroner Stuttgart, 21. Olt. Dieser Tage starb hier Oberkirchenrat Dr. K r o n e r, langjähriger Rabbiner von Stuttgart und Landrabbiner von Württemberg. Kroner war ein guter Kenner des jüdischen Schrifttums und von Gesinnung konservativ. Seine Wirksamkeit in der neologen Stuttgarter Gemeinde dürfte ihm manchen Seelenkonflikt eingebracht haben; er war stolz daraus, manches in seiner Gemeinde in jüdischer Beziehung erreicht, vieles verhindert zu haben. Doch konnte die dabei an den Tag gelegte Genügsamkeit keinen befriedigen. Persönlich ein Mann von lauterem Charakter und großem Wohltätigkeitssinne, genoß er Aller Achtung. Er legte großen Wert daraus, mit der von seiner Gemeinde losgelösten Religionsgesellschaft freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Freiburg (Breisgau), 18. Sept. Während überall in Israels Hütten und Häusern Freude herrschte, zog Trauer in unsere Herzen ein. Einem Mann von altem Schrot und Korn, mit echt - jüdischer traditioneller Gesinnung und Lebensführung haben wir die letzte Ehre erwiesen. Bankier Elias Mayer, eine Stütze des thoratreuen Teils der Gemeinde, hauchte am »"nin seine reine Seele aus und zog ein in die heiligen Gefilde. Aus einer Familie stammend, in der Tauroh und Awaudoh in schönster Harmonie vereinigt war, hat er das Erbe' seines Elternhauses mit hinausgenommen in sein Leben und es immer hoch in Ehren gehalten. Es wurde ihm zum Sonnenschein seines Lebens und in den Stürmen des Daseins, die auch ihm nicht erspart blieben, war ihm das Festhalten an der Tradition Herzensbedürfnis und schönste Pflicht. In ihr fand er Ruhe und Ausgleich und das Vertrauen auf war ihm Stütze und Stab. War dem Heimgegangenen doch keine Stunde des Morgens zu früh und des Nachts zu spät, wenn es galt, in Gemeinschaft Gleichgesinnter vor seinem Gott zu beten, Mizwaus zu üben und alles Wahre, Gute und Edle zu fördern. Nichts konnte ihn, den nie Rastenden, den Nimmermüden, der in angestrengtester kaufmännischer Tätigkeit seinen Geschäftsbetrieb leitete, zurückhalten, wenn es galt, zu „lernen" und eine gute Tat zu tun. Wie erfüllte ihn die Heiligkeit des Schabbos-Gedankens so durch und durch und wie glücklich fühlte er sich in seinem Lichte. So suchte er auch mit Ernst und Aufrichtigkeit seinen Lebensinhalt zu vererben und zu übertragen auf seine Kinder und alle, die ihm nahestanden. Wie leuchtete noch sein Auge und welch heiter-frohe Befriedigung strahlte aus seinen Zügen, als es ihm nach langer schwerer Krankheit noch in den letzten Stunden seines Lebens möglich wurde, die Mizwas Sukkoh und der Arbo Minim ausüben zu können. Und nun ist dieser wahre, echte Jehudi und wertvolle gute Mensch aus unserer Mitte genommen und hinterläßt eine nicht auszufüllende Lücke in unserer Gemeinschaft. Große Trauer erfüllt uns darob und die überaus selten große Beteiligung bei der Beerdigung legte Zeugnis davon ab, welche Ehre und Hochschätzung der Heimgegangene überall genossen. Möge der Allmächtige die Gattin und die Kinder und die ganze Familie trösten und ihren Schmerz lindern. Das jtDT des Heimgegangenen möge ihnen beistehen und die Erinnerung an ihn, ihnen und ^12" ^2 zum Segen gereichen. nsnab pns idt- Ar. S. S. Kirsch London, 1. Oktober. Im hohen Alter von über 60 Jahren ist hier Dr. S. A. Hirsch, der langjährige Dozent von Jews College, gestorben. Dr. Hirsch, dessen Familie aus Frankfurt a. M. stammte, empfing seine erste Erziehung in Holland, studierte in Berlin, und erhielt seine talmudische Ausbildung bei den Berliner Rabbinern Rosenstein und Landsberger. Von Berlin kam er 1667 an die Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft nach Frankfurt, wo er jahrelang unter Samson Raphael Hirsch tätig war. Als Nachfolger von Dr. Herrmann Adler trat Dr. Hirsch 1879 in den Lehrkörper von Jews College ein, dem er bis an sein Lebensende feine besten Kräfte widmete. Dr. Hirsch hat eine fruchtbare literarische Tätigkeit entfaltet, zuerst als Mitarbeiter von Hirschs Jeschurun, alsdann in Form von selbständigen Werken, die sich auf Erainmatik, Bibelwissenschaft und populäre wissenschaftliche Abhandlungen erstreckten. Dr. Hirsch vertrat den Standpunkt des orthodoern Judentums mit Ueberzeugung, Temperament und Geschick. Sein Hinscheiden ist ein schwerer Verlust für die gesetzestreue Judenheit, und sein Andenken wird in England und darüber hinaus allezeit in hohen Ehren gehalten werden. jr'aSlfl Briefkasten. Z. A. Anysch in D. Anzeige erst nach Versand der letzten Nummer eingetroffen. Familiennachrichten. Barmizw ohfeier: mw'TI rüW: Siegfried, Sohn von Simon Epstein, Freiburg i. B., Hebelstr. 12. — Ludwig, Sohn von David Rothschild-Heilbut, Fürth i. B.