Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1923)
- Date
- 1923-10-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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feuilkton- Srilsge Der Israelit Die Nonne. Erzählung von N. Keiler. (Schluß.) Die Aebtissin las das Schreiben: „Hochwürdigste Schwester! Die gehorsamst Unterzeichnete Aebtissin des Klosters zum Herzen Mariä zu Paris hat viel erzählen hören von den weisen Einrichtungen und der strengen Ordnung, welche das Kloster St. Sulpiz zu einem Muster der Frömmigkeit und Heiligkeit gestaltet. Ach, daß ich es sagen muß: die Ordnung in dem meiner Obhut unterstellten Stifte läßt viel zu wünschen übrig. Ich habe mich daher entschlossen, unsere teuere Schwester, die fromme Euphrosine, nach St. Sulpiz zu senden, damit sie die dortigen Einrichtungen studiere und sie auch bei uns einführe. Daher bitte ich, der frommen Schwester Euphrosine für einige Wochen Gastfreundschaft zu gewähren ustd ihr in allen Dingen freundschaftlich^ zu Händen zu gehen, damit sie alles, was wissenswert ist, bemerke, beobachte und lerne zum Besten der Schwestern vom Herzen Mariä. Sie, hochwürdigste Schwester, werden mich zu allen Gegendiensten stets bereit finden. O, könnte ich das Glück haben, Sie in Paris bei uns zu sehen! Wie unendlich würde sich freuen Ihre gehorsamste Schwester Anna Clara, Aebtissin des Klosters zum Herzen Mariä zu Paris. Paris, den 15. Juli 1652. „Das ist ja vornehmer Besuch," rief die Aebtissin, „eilen wir, ihn würdig zu empfangen." „Hochwürdigste Schwester," sprach die Aebtifsin, sich tief verneinend, „verzeiht, daß wir Euch so lange warten ließen: allein, ich bin der französischen Sprache nicht mächtig und tonnte daher das für uns so ehrenvolle Schreiben nicht lesen: ich mußte es mir erst übersetzen lassen. Jetzt aber beeile ich mich. Euch bei uns willkommen zu heißen. Möge es Euch recht wohl bei uns gefallen." Die fremde Nonne antwortete in französischer Sprache und auch jetzt mußte die Novize herbeigerufen werden, um die Dolmetscherin zu machen. Schwester Euphrosine wurde in den Speisesaal geführt, wo man ihr das Beste vorsetzte, was Küche und Keller des Klosters zu bieten vermochte: allein sie aß nur Brot und trank nur Wasser: denn so wollte es ihr Gelübde. Die Nonnen von Erkelenz wurden mit großer Hochachtung für die fremde Schwester erfüllt. Noch an demselben Tage durchwanderte sie alle Räume des Klosters, sich überall Notizen machend. Stets mußte die Novize sie begleiten, um Alles, was die Aebtissin sagte, ins Französische zu übertragen. Abends wurde der fremden Schwester das für vornehme Gäste bestimmte Prunkgemach eingeräumt, und zwei Nonnen wurden ihr zur Bedienung beigegeben. Sie aber wies die Bedienung zurück. Auch im Prunkgemache wollte sie nicht wohnen. Sie erbat sich die einfachste, schlechteste Zelle und statt des'Bettes nur ein Strohlager. Als vor Tagesanbruch die Glocke in die Klosterkirche rief, war die Fremde die erste, welche die Kirche betrat und die letzte, die sie wieder verließ. Die Nonnen von Erkelenz waren ganz entzückt von ihrem Gaste, und die Pariserin wiederum erging sich in großen Lobeserhebungen über das Kloster und dessen Einrichtungen. Nur eins bedauerten beide Teile, daß sie nämlich sich nicht direkt miteinander zu unterhalten vermochten und daß sie dabei der Vermittlung der Novize bedurften. Schwester Euphrosine war gegen Alle freundlicher als gegen die arme Rosa: sie hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen die Juden. Auch dieser Umstand trug nicht wenig dazu bei, ihr die Herzen der Aebtissin und der übrigen Nonnen zu gewinnen, die' nichts mehr bedauerten, als daß der Beichtvater des Klosters gerade verreist war, sodaß er die eben so fromme wie liebenswürdige Fremde nicht kennen lernte. Acht Tage waren auf diese Weise verstrichen. Rosa, welche immer um die Fremde sein mußte, konnte sich manchmal des Staunens nicht ^enthalten. Ost fühlte sie, wie der Blick der Schwester Euphrosine teilnahmsvoll auf ihr ruhte: aber, sobald sie dieses zu bemerken schien, wandte sich die Fremde von ihr ab und war wieder kalt und abstoßend wie immer. Am Morgen des neunten Tages nach ihrer Ankunft erschien Schwester Euphrosine nicht in der Kirche: sie war krank. Die Aebtissin wollte nach einem Arzte schicken: allein die Fremde lehnte es ab. Eine Spazierfahrt meinte sie, würde sie bald wieder genesen lassen. Sie ließ ihren Wagen anspannen. „Hochwürdigste Mutier," sagte sie zu der Aebtissin," „ich möchte mir eine große Gnade erbitten. Wohl weiß ich, daß es gegen die Klostergesetze ist: allein ich glaube, daß Ihr in diesem Falle eine Ausnahme gestatten dürftet. Ich bin krank und befinde mich im fremden Lande. Weder ich, noch mein Kutscher sind der Landessprache mächtig. Erlaubt, daß mich die Novize begleite, damit sie die Dolmetscherin mache, wenn ich unterwegs etwas bedürfen sollte." „Eine Novize," sagte die Aebtissin, „darf allerdings während ihres Noviziats das Kloster nicht verlassen: allein ich glaube, daß hier ein Ausnahmsfall vorliegt. Ich will mich mit den Schwestern beraten." Die Schwestern wurden zusammengerufen und waren natürlich derselben Ansicht wie die Aebtissin. Schwester Euphrosine stieg in den Wagen und befahl der Novize, sich ihr gegenüber auf den Rücksitz zu setzen. Dem Kutscher legte sie ans Herz, nur langsam zu fahren, da sie jede heftige Bewegung vermeiden müßte. Langsam fuhr der Wagen durch die Straßen von Erkelenz dem östlich gelegenen Tore zu. Alle Bewohner des Städtchens eilten auf die Straße oder an die Fenster, um dem Wagen nachzuschauen, bis er zum Tore hinaus war. Da hörte Rosa plötzlich eine männliche Stimme in französischer Sprache rufen: „Iean, haue auf die Pferde, was Du kannst. Latz sie so schnell als möglich laufen, wenn sie auch drauf gehen sollten!" Im sausenden Galopp fuhr der Wagen dahin. Rosa blickte staunend auf ihr Gegenüber. Was war das für eine Stimme? Sollte es möglich sein? „Leser!" schrie sie. „Ia, ich bins, nicht nur Dein Leser, sondern auch Dein Erlöser! Gottlob, daß ich meine Stimme nicht mehr zu verstellen brauche! Das war bei der ganzen Geschichte das Allerschwerste." Wie Rosa nun aufjubelte, so urplötzlich dem chrecklichsten Schicksale entronnen, das vermag keine Feder zu beschreiben. Nachdem der erste Ausbruch der Freude vorüber war, erzählte Leser der Geliebten, daß er, als der Bote ihn in Wien gefunden, sogleich seinen Plan gemacht hätte: auf die Unwissenheit der Erkelenzer Nonnen, von der er schon gehört hatte, bauend, hatte er sich schon in Wien einen Nonnenanzug und ein Klostersiegel verschafft, um sich als französische Nonne einzuführen. Den Kutscher hatte er in Frankreich gemietet: derselbe war ihm als ein zuverlässiger Mensch von einem Freunde empfohlen worden. Dann hatte er die Kalesche und die Pferde gekauft, und nun war alles aufs Herrlichste gelungen. Als Leser glaubte, weit genug von Erkelenz entfernt und vor jeder Verfolgung gesichert zu sein, ließ er in der Nähe eines Gehölzes den Wagen halten. Dann entnahm er dem Sitzkasten einen Männer- und einen Frauenanzug, reichte den letzteren seiner Braut und sprach: „Kleide Dich um: ich werde dort im Gehölze ein Gleiches tun: denn in diesem Aufzuge können wir uns vor keinem Menschen sehen lassen, ohne Verdacht zu erregen." Als Leser in männlicher Tracht aus dem Gehölze zurückkehrte, da konnte Rosa erst recht froh werden. Bis dahin war ihr die Befreiung wie ein Traum vorgekommen. Leser wäre gern zunächst nach Düren zu seinen Eltern gefahren, allein Rosa bat ihn, vom nächsten Städtchen aus durch einen Boten seinen Eltern briefliche Nachrichten zukommen zu lassen und mit ihr direkt nach Cleve zu reisen. Es war an einem Freitag Morgen — Frau Nachmann buck die Sabbatbrote: sie mußte in einemfort mit der Schürze über die Augen fahren, damit die Tränen sich nicht mit dem Teige mischten. Da öffnete sich die Türe und Rosa stürzte herein. Mit lautem Aufschrei umarmte die glückliche Mutier die wiedergefundene Tochter, wiewohl ihre Hände, voller Teig, den Anzug des Mädchens beschmutzten. Bald kam auch der Vater nach Hause, und daß auch seine Freude grenzenlos war, brauchen wir wohl nicht zu sagen. Die ganze Stadt nahm Anteil daran. Der Sabbat wurde als ein besonderer Festtag gefeiert und alle Armen der Stadt und der Umgegend wurden reichlich beschenkt. Sonntags kamen auch Lesers Eltern und Geschwister von Düren, sodaß jetzt die Freude vollständig war. Die Geschichte erregte großes Aufsehen weit und breit im ganzen Lande und auch in Erkelenz erfuhr man, wer die französische Nonne gewesen, welche die Gastfreundschaft der Aebtissin genossen. Daß Leser und Rosa ein glückliches Paar wurden, hochgeachtet von den Mitmenschen und wohltätig gegen Arme, braucht wohl nicht erzählt zu werden. Den Anzug der französischen Nonne sowie den der Erkelenzer Novize bewahrten sie gut auf als ein kostbares Angedenken an Gottes gnadenreiche Hilfe. Wenn Leser am Sederabende seinen Kindern und Tischgenossen von der Befreiung aus Aegypten erzählte, so berichtete er auch jedesmal, in welch wunderbarer Weise er seine geliebte Frau be-' freit und gerettet hatte. Ein christlicher Leser schreibt der C. V.-Zeitung: „Ein kleines unbedeutendes Ereignis hat beim Erzählen immer so viel Interesse erregt, daß man mich Wiederholt zur Veröffentlichung aufforderte! Ich komme der Anregung mit etwas schlechtem Gewissen nach, weil ich die Spalten einer vielgelesenen Zeitschrift eigentlich als zu wertvoll betrachte. Ich war viele Jahre Herausgeber eines großen wissenschaftlichen Werkes, das mit 600 Mitarbeitern zusammenwirkte. Jeden Band, der etwa 1000 Seiten umfaßte, mußte ich vertragsgemäß innerhalb von neun Monaten fertigstellen. Da hieß es, keine Minute zu verlieren. Mein Tag aber war mit Verwaltungsangelegenheiten, Besprechungen, Briefwechsel und Telefongesprächen voll besetzt. Ich konnte deshalb meine wissenschaftlichen und Redaktionsarbeiten nur in der Nacht erledigen. Anfangs schlief ich dabei regelmäßig ein; nur