Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 20-21 (17.5.1923)
- Date
- 1923-05-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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17 ’i'ißtt VläLier" Meim ber Aguda den modernsten hygienischen Anforderungen entsprechend geführt wird. Den Kindern lvird eine streng religiöse, wie auch allgemeine jüdische Erziehung zuteil. Außerdem genießen sie einen den Stratsgeschen entsprechenden Unterricht in weltliche,; Fächer,;. Bis nun waren viele jüdische Kinder zum Teil auch nichtjüdischen Privatpersonen zur Pflege übergeben worden. Biele'Kinder wurden zu Bauern aufs Land geschickt und man kann sich leicht denken, daß weder die Behandlung daselbst eine ideale, noch die Erziehung eine jüdische war. Die Aguda unterhält auch große Werkstätten in Meidling, einer Vorstadt von Wien, wohin yielc der Kinder, wenn sie ein Alter von 14 Jahren erreicht haben, zur Erlernung eines Handwerks geschickt werden. Ich habe diesen Platz besucht und fand, daß er alle erforderlichen modernen Einrichtungen besitzt und mit einem anderen Kinderheim verbunden ist. Me Knaben werden dort zu Tischlern, Drechslern, Schustern, Adetallarbeitern, Mechanikern, Elektrikern, Schmieden, Schlossern und Goldschmieden angelernt. Den Werkstätten schließen sich große Gärten an, in welchen den Kindern im Sommer Gelegenheit geboten wird, Bodenkultur zu betreiben. Ich habe auch das Waisenhaus der Aguda in Baden, den; berühmten Kurort, besucht. Das Haus steht' inmitten von Weingärten und Wäldern. Die Anstalt ist schon seit 2Vä Jahren in Betrieb. Als ich im Waisenhaus war, wurde dort gerade eine Feier abgehalten. Die Kinder rezitierten Gedichte und führten ein jiddisches Stück auf. Ich muß gestehen, daß diese Aufführung auf mich einen tiefen Eindruck gemacht hat. Die Tragödie dieser Pogromwaisen ist in ihren Augen zu lesen. Ein kleiner Waisenknabe hat ein Gedicht über einer; Pogrom ausgesagt. Die Tränen würgten feine Stimme. Er hat, das Gedicht miterlebt, dluf die Zuhörer machte der Kleine einen tiefen Eindruck, und Weniger; blieben die Äugen trocken. Das Waisenhaus in Baden ist ein illdusterbeispiel der Reinlichkeit, Ordnung und Bequemlichkeit. Der Berwalter ist der Anstalt mit Leib und Seele ergeben. Die Kinder werden natürlich in allen jüdischen Fachern unterrichtet. Wenn sie 14 Jahre alt geworden sind, werden sie in die Wiener Werkstätten geschickt, um ein Handwerk zu erlernen. Selbstverständlich war es mit großen Schwierigkeiten verbunden, die Existenz der Anstalt zu sichern. Wie schwer aber -auch diese Arbeit im Anfang war, den Waisen hat es nie an etwas gefehlt. In der jüngsten Zeit haben die Agudamitglieder in der Schweiz eine große Summe für das Waisenhaus aufgebracht, neue Häuser wurden gekauft, um die Anstalt zu vergrößern und noch 100 Kirwern die Aufnahme zu ermöglichen. Die neuen Gebäude sind außerordentlich schön und bequem, Von Blumen und Gärten umgeben. Laut einem Bericht, den mir Wiener Agudasührer vorgelegt haben, hat die Organisation in der Zeit 'vom 15. Juli bis 15. September 1922 eine Summe von 18 Millionen K. für die Hilfsarbeit ausgegeben. Zirka 1500 Personen sind durch die Aguda unterstützt worden. Bon diesen Geldern wurden 8 Millionen K. für Hilfszwecke in andere Länder geschickt. In dieser Summe sind auch die für die Hungernden Solchet-Rußlands angewiesenen Beträge inbegriffen. die Vermittlung der amerikanischen Hilfsadministration sind an die leidenden Juden in Rußland Lebensmittelpakete geschickt morde;;. Nicht weniger als 1744 solcher Pakete, derer; jedes 10 Dollar wert ist, sind durch die Aguda nach Rußland überwiesen worden. Die Aguda hatte auch eine Volksküche in Kiew eröffnet gehabt. Die erforderlichen Mittel wurden vom Zeutralbureau der Aguda in Wien und mich von den Ugudaorganisationeu anderer Länder beigesteuert. Der Talmud Thoraschulverein, welcher in Verbindung mit der Aguda erhalten rvird, existiert schon seit 80 Jahren. Das ist die einzige. jüdische Elementarschule für Knaben und Mädchen. Der; armen Kindern werden hier Mahlzeiten geboten. Sie iverden auch mit Kleidung versehen.' Die Ausgaben der Schule be laufen sich auf 25 Millionen K. rnonatlich. Di« l3 ' re Aguda könnte noch mehr ersprießliche Arbeit leistenwenn ihr die nötigen Fonds zur Berfügrrng stünden. Zu diesem Zwecke appelliert die Aguda an die amerikanischer; Juden, hauptsächlich an die Orthodoxie, ihr zu Hilfe zrr kommen. Wenn man der; rein menschlicher; Charakter der Hilfsarbeit berücksichtigt, müßte man erwarten, daß die Aguda hierin nicht nur Von den orthodoxen, sondern von allen jüdischen Kreisen unterstützt wird. (2723, 2? dazu die äußeren, materiellen und wirtschaftlichen Kräfte nxc) in durch die Geschlechterfolge sich immer rnehr ausprägerrden Typen und deren durch die mit der vermehrenden Fortpflanzung verbundene Aufzucht und Erziehung gegebenen Erhaltung und Weitergabe von Geschlecht zu Geschlecht — entstehen und sirrd Völker. Die Typisierung selber von Verschiedenerlei beeinflußt und veranlaßt: 1. von außen: z. B. Meeresküste, Klima, umgebende Völker, Gefahren und dcrgl.; 2. von innen: a) nicht willeusmäßig: Veranlagung, Temperament und dergl.; b) selbsterzieherische Ergebe nisse. Worts, folgt.) zur Kenessio Gedau!o. „Die Kenessio gedaulo ist aus den 4. Elul nach Wien einberufen" . . . „Die Kenessio gedaulo soll das Organisationspr.ogrcmrm und das Organisationsstatut festlegen." Es ist noch erst Weniges zu diesem Punkte — und tauschen wir uns nicht, ists in gewissem Sinne der Hauptpunkt — durch die Presse gegangen. Mer das Wenige hat Anspruch, beachtet zu werden. Programm ist nur Systematik der praktischen Verwirklichung der Agudas Jisroel-Jdee. Was ist Agudas Jisroel-Jhee? Das ist derjenige Gedauke, welcher A. der Organisation den Sirrn, Inhalt, die Seele, B. dem Programm Bestimmung, Richtung und Ziel gibt. Do für uns außer der lebendigen Einheit von nn 'O’O’n .T'Olp es reine andere prinzipielle Grundidee gibt, kann die Idee der Agudas Jisroel rrur von dieser Grundlage aus und drrrch Besinnung auf sie bestimmt werden. A. Agudas Jisroel ist ein schon jetzt mit bestimmten faktischen, historischer; und psychologischen Tatsache;; verknüpfter Begriff und bezeichnet ohr;e Zweifel zunächst, wenn man auf ihr Werden zurückschcmt, nach Verkörperung drängenden Willen 'jüdischen Klall - Lebens. Diesen; Willensdrang dürfen und können wir Berechtigung nur zuerkennen, d. h. uns selber ihm nur hingeben, wenn er nicht in formloser Gefühlsduselei sich gibt, sondern nach bewußter Aufgabenerfüllung, Zielerstrebuirg drängt. Und diese 'Aufgaben könne;; als bei einem Klall- 2Wlen naturgenräß nur Gesanrtheitsausgaber; fein. Welches sind nun die allgemeinen Gefamtheitsanfgaben von Jisroel? Diese Frage ist hier bei der Suche nach der Idee nicht müßig. Denn Aufgabe, als Lebensaufgabe eines Lebendigen erfaßt, kann ja nichts anderes sein als die sich im Leben offenbarende Idee des Wesens dieses Lebendiger;. I. Gesamtheitsaufgabe Jisroels ist die (5a> füllung seiner Bestimmung als Volk, ai?n n2?27rr, TOD*?, die Vervollkommnung (Bereitstellung sagt schon etwas zu viel) des Volkes für den TOD Gottes. Das meine ich so. Um nämlich für das Sprechen von Volk und Nation eine klare Grundlage zu schaffen. Zur Erhaltung der Menschheit trotz Sterblichkeit des Menschen dient die Fortpflanzung, T"i2- Fortpflanzung betrifft nicht nur den Körper (2723) und seine Aufzucht, sondern auch denGeist (2?, N2273) und seine Erziehung. Zeugung und Fortpflanzung ist aber zugleich Vermehrung, T2“n; also mehr als Arterhaltung. Der Wille des Schöpfers geht so mit der Vermehrung der Menschheit nicht iuj» nach der vermehrenden Erhaltung von körperlich anfgczüchteten, sondern von seelisch erzogenen Individuen. Summarische Vermehrung schafft aber noch keine Völker, sondern erst die Differenzierung von stammelterlichen Familien durch Verschiedenheit des iSichaustebeus in ihren Lebensspannullgen Jerusalem/ 3. Mai. Tie Regenperiode war gut und ausgiebig lvie selten in eii;em anderen Jahre. Wie aus Jaffa berichtet wird, versprechen die wogenden Felder in .den Kolonien, die Weinberge ‘ und Obstbäume ungewöhnlich gute Ernte. Die Alten und Gläubigen in den Kolonien sehen mit Hin-? blick auf die NC'Q27 im nächsten Jahre darin die Erfüllung der Verheißung: nx CO? YPllJCl rvwn ITC2 TO?« Der Mazzossteuerprozeß zlvischen den; Waad hair u;;d dem orth. Komitee der Aschkenasim kan; auch in der zweiter; Verhandlung um Dienstag nicht zum Mschluß. Es gab eine stelleilweise scharfe Auseinandersetzung zwischen den Rechtsvertretern beider Parteien Dr. de Haan und Dr. Schmetterling. Ersterer bestreitet das Recht des Waad auf Steuererhebung überhaupt, umsomehr aber seine Befugnis, den ihn nicht «anerkennenden Orthodoxen - Zwangssteuern aufzuerlegen. Schmetterling beruft sich auf, die höheren Rechte der Mandatsmacht, die durch ihre Vertreter in Palästina die Mazzosbesteuerung Vonseiten des Waad hair genehmigt hätte. Die Verhandlung wurde noch eimnal vertagt. Wiederun; hat uns die von finsteren Elementen betriebene Hetze ein Menschenleben gekostet. Ans einem Dienstweg wurde von geheimer Mörderhand der jüdische Polizist Jzchak Kohen meuchlings erschossen. Der Mörder ist bis jetzt nicht entdeckt. Die Bestattung des .Ernrordeten war eine stille Trauer- und Protestkundgebung von nachhaltiger Wirkung. Am Molltag (xöp '327) war von Rabb. Knk mit Rücksicht auf die Lage in der Diaspora und die Religionsverfolgungen in Rußland ein Taanith für ganz Palästina angesetzt. Wir lesen in dem in Jerusalem erscheinenden?x"l27''?3P u. a.: Erschütternd sind die Berichte über die Religionsunterdrücknng in Rußland, aber was soll man erst sage;;, wenn man die Vorgänge in Erez Jisroel beobachtet?! In „Emek Jsreel" wurdet drei neue Anfiedlungspunkte gebildet, die mehrere hundert jüdischer Familien umfasse;;. Und diese leben ohne Scho chet u;ü> ohne Miklvoh, ohne Beachtung der Speise- und Reinheitsgesetze. Und auch die Mi loh kommt hier in Vergessenheit, ganz wie im Lande Trotzkis. IXnb sieht es in der einzigen „jüdischen" Stadt Del Awiw viel besser aus, wo die Sabbatentwechung und Zuchtlosigkeit unter den Jüngern Mossi;;soh;;s immer inehr zunimmt? Mch in Jerusalem, der heiligen Stadt, begegnet man an; Sabbar Chaluzim mit brennende;; Zigarren im Munde, und eine Arbeiterküche versorgt täglich 500 Gäste mit un-- ritueller Kost, reich; ihnen wie zun; Hohne in den Pessachtagen Mazzoh und Brot'zugleich, all dieses in Jerusalem, der Stadt unserer Hoffnung. Groß ist der Schmerz über die Vorgänge in Rußland, aber noch lveit größer über das, was von Keren hajessod und Nationalfonds! unterstützter Sowjetgeist auf dem heiligen Boden Palästinas und Jerusalems angerichtet hat! .