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Der Israelit · 1923-05-17 · Heft 20-21 (17.5.1923) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 20-21 (17.5.1923)
Date
1923-05-17
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nimmer IX. Jahrgang 2. Silvan 5683. hersrrsge geben vom Gruppenverband, der Palästina-Zentrale und der Jugend-Organisation der Agudas Zisroel sür Deutschland. Agudas Moel. Bon Oberraböiner A. S. Onderwhzer irr Amsterdam. Was jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Stück Judentum, das von Zeit zu Zeit ein-? geschlummert, jedesmal aber wieder, meistens mrsanft, erwacht, hat sich öfters in der Grün-; düng von Vereinen und Verbänden, die alle Juden umfassen wollen, geoffenbart. Es mußten diese Vereinigungen ebenso wie die Zerstreuung international sein. Jedesmal, wenn aus den membra disjekta ein Ganzes' geboren wurde, stieg ein Jubel auf, als wäre der rettende Engel geschaffen, der die wahre Erlösung bringen würde. So haben hintereinander Alliance, Bene-Berith- Loge und Zionismus die Herzen erzittern lassen vor Begeisterung und Bewunderung, vor unbegrenzter Verehrung und glühender Energie; und sie waren für unendlich viele Leute die brennenden Fackeln, die für Israel das Licht dev Zukunft entzünden würden, nicht aber für die jüdische Welt-Orthodoxie, da diese Verbände, Mährend sie den Idealen nachstrebten, die den Grundgedanken und die Endziele dieser Vereinigungen bildeten, die orthodox-jüdische Auffassung dabei höchstens tolerierten. Günstigenfalls war die Thora Privatsache. Privatsache! Tie heilige, das ganze Leben in allen seinen Verzweigungen durchströmende Religionsüberzeugung Privatsache? Tie Wahrheiten des Judentums, die in Talmud und Codices' bis ms Deinste verkörpert sind, sind aber immer für den gläubigen Juden der Lebensinhalt, ohne welcher! Nie Welt undenkbar und das Dasein eine Sinnlosigkeit wäre. Wohl fühlte sich der seiner Thora bewußte einzelne orthodoxe Jude den geistigen Angriffen gegenüber unbesiegbar. Seine Glaubenstreue hatte gegen wissenschaftliche, politische und ökonomische Gewalt sich behauptet. Wer die Mrsse als solche war weniger gut beschützt. In Verschiedenen Ländern kamen bedenkliche Erscheinungen von Wfall und Entfremdung zum Vorsthein. Wer Spuk von religiösem Mhilismüs Zeigte sich in Ost und West und brachte Schrecken «nd Entsetzen hervor. Erst allmählich wurde man sich bewußt, es mit einer epidemischen Krank- Heit zu tun zu haben, begriff mau, daß hier ein Welhvroblem um Lösung rang. Wias historische Judentum mit feinem unerbittlichen Anspruch auf Gehorsam gegen Thora und Tradition schienmit Untergang bedroht zu fern. Aber auch von außen war die Judenheit «rrk gefährdet. Me mittelalterlichen ^rfolgunjfeft, die man beendet wähnte, feierten Orgien in den bestialischen Ausschreitungen,' die sich wüste Mrd'enl in verschiedenen Judenzentren zu- Hulden kommen ließen. Und da, wo eine soge- «annte Zivilisation eine derartige Barbarei nicht Willigen konnte, trat an dessen Stelle ein raffiwerter Antisemitismus, der durch Zurücksetzung «nö Ausschluß Juden und Judentum zu vernichten trachtete. Aus dem Verlangen, endlich für immer diesem ein Ziel zu setzen, wurde der Zionismus geboren. ßker Zionisnrus, der Israel ein Land, sein heiliges Land, schenken wollte, wo es unter eigener Regierung die harte Oberherrschaft der Kinde nicht mehr zu fürchten brauchte, konnte trotzdem den größten Teil der Orthodoxie keinesfalls befriedigen. Durch ihn wären wohl im günstigsten Falle Juden, aber u i cf) t, b a s I udcn t u m ge - r e t t e t wo r d e n. Für den glaubenstreuen.Juden aber erhebt sich unendlich weit über alle materiellen Fragen das religiöse Ideal. Für ihn erreicht die Bedeutung seines Judentums ihren Höhepunkt nicht nur in dem nationalen Bewußtsein oder gemeinschaftliche!: Rassegesühl, sonderrr in seiner religiösen Ueberzeugung, in den moralischen, ethischen und philosophischen Wahrheiten seines Glaubens. Wie Seligkeit eines von Gottes Willen geheiligten Lebens geht ihm über alle Schätze seines materiellen Wohles. Er trägt die Lasten und Gefahren, die mit seinen! Judentum verbunden sind, weil er an eine höhere Sendung glaubt, die ihm durch seine Religion anvertraut wurde. Vernachlässigt er diese Aufgabe, dann entsteht eine Luftleere, worin er nicht atmen kann. Judentu:n ist ihm Religion, keine politische oder genealogische Vagheit, die je nach Umständen, wie Zeit, Raum, Wällen, Geschmack, Bedürfnis allerlei Formen nnnehmen kann. Eine Religion, die Dogmen und Theorieen inbezug auf höhere oder einfachere Probleme aufstellt, und sich in einem reichen, tausendfach schattierten Tatenleben manifestiert. Mit dieser Religion gewafsnet, trotzt er nicht nur dem Kamps, sonvrrn er fühlt sich dabei auch unbesiegbar, sodaß er in unverwüstlichen! Optimisnrus immer Hoffnung hegt. Ohne Religion ist ihm das Judentum entseeltes Wesen, eine Scheingestalt, ein eur Zeichen verschwundener Größe, die nur Erinnerungen erweckt, aber keinen wirklichen Wert hat. Kein Wunder, daß der Zionismus im allgemeinen die Orthodoxie nicht nur kalt ließ, sondern ihr sogar gewissermaßen gefährlich erschien. Sieh da, der Anlaß, der die Agudas Jisroel ins Leben rief. Wie erhalten wir Judentum? war die brennende Frage, die man sich stellte. Vor allem dadurch, daß wir das Ansehen der Thora, das ewigbleibende Grundgesetz, da wo es zum Wanken gebracht wurde, wieder stützen. In allen Zentren, wo Juden ansässig sind, muH die Fahne von Bibel und Talmud, von Ehrfurcht sür die Bibeltradition aufgepflanzt werden. Biele waren in ihrer Bewunderung sür. Wissenschaft und Kunst, in ihrem Streben nach allgemeiner Bildung und gesellschaftlichem Wohlftoub auf Irrwege geraten und hotten ihr Judentum vergessen. Wlarum ging wie ein helleuchtender Blitzstrahl der 'Gedanke durch die Köpfe hervorragender Zeitgenossen, durch gemeinschaftliche Zusammenarbeit und mit vereinten Kräften das religiöse Element zu verstärken, damit es der Verführung widerstehen könne. Dieser Gedanke ist es,' der zum Zusammenrufen der Ko nsti tutionsversammlung der Llgudas Jisroel am Dienstag den W. Mai 1912 in Kattowitz geführt hat. In leidenschaftlichen Herzensergüssen haben dort einige Führer des' orthodoxen Judentums ihre Seelenfreude geäußert über die Tat, fache, daß die Zusammengehörigen endlich einander wiedergefunden hatten. Durch die organisatorische Vereinigung hoffte man das große, heilige Ziel, die Erhaltung des orthodoxen Judentums leichter erreichen zu können. Unter den Mitteln dazu wurde das Studium der Thora vorangestellt. Ehrfurcht, Liebe und Bewunderung für die jüdische Literatur sollen den Eckstein des' Gebäudes bilden. Tie Tradition des tägliche«, Thorastudiuins, die Israel sittlich und geistig zu einer beneidenswerten Höhe geführt hat, sollte sür die Aelteren wieder in Ehre gesetzt werden, während auf die religiöse Ausbildung der Jugend die meiste Sorge verwandt werden sollte. Tie große Unwissenheit in der jüdischen Literatur, die in Westeuropa mehr und tnehr zugenommen Hatz und dadurch dem Unglauben freie Zügel gelassen hatte, urußte in allererster Reihe überwunden werden. Zn dieser nach innen gerichteten Arbeit kam die apologetische Betätigung hinzu: die Thora und ihre treuen Anhänger zu schützen gegen die Eingriffe, die sie zu ertragen hatten. Tie gemeine Verleumdung, das unsinnige Geschwätz, die durch Haß und StumpfsInnigkeit in Bezug auf unsere Religion und ihre Anhänger verbreitet wurden, sollten auf kräftige Weise an den Pranger gestellt werden, um das wahre Bild des Judentums zu reinigen von all dem Schmutz, mit dem es durch den Antisemitismus besudelt wurde. - Natürlich konnte der Weltbund nicht versäumen, auch auf die materiellen Bedürfnisse der Judenheit zu achten. In den Ländern, wo die ökonomischen Existenzbedingungen für Juden außerordentlich schwer und drückend wären, sollte die Aguda durch politische und finanzielle Hilfe ihre brüderlichen Gefühle betätigen und durch energisches Auftreten und kakkräftige Unterstützung den: Solidaritätsgefühl des jüdischen Volkes Ansdruck verleihen. Taß Palästina bei all diesen! nicht vergesse« wurde, war selbstverständlich. Seine glühende Begeisterung für das heilige Land äußert der orthodoxe Jude bei allen Gelegenheiten. Sein Nativnatisnms ist denn auch ein Stück Religion, genau wie die Beschneidung und die Sabbatseier für ihr: ideale Werte hat. %ic Agudas Jisroel stellte also nicht nur, durch Zeitverhältnisse gezwungen, sondern auch zur Befolgung einer religiösen Vorschrift auf ihr Programm: Aufbau von Palästina, Förderung von Emigration und von Handel und Jirdustrie in Palästina.. So wurde die Agudas Jisroel. Von diesen Vorsätzen beseelt, fing sie ihre Arbeit an. Wiesen Gedanken ist noch immer ihr Streben.geweiht. Ihre zahlreichen, mit feurigem Enthusiasmus! arbeitenden Orts- und Jugendgruppen sind alle aufgebaut auf dem in Kattowitz gelegten Fundamente: Für Judentum und Judenheit' nach Thorageist. Me Beantwortung den Frage, was ja oder nicht nach jüdischem Geiste ist, hat die Aguda von Anfang cm nicht Laien überlassen, sondern in die Mnde der einzig dazu! Berufenen, einen Rat.jüdischer DhoragÄehrten gegeben. Was Urteil dieM Rates ist endgültig. In Angelegenheiten, die mit Religion nichts.$» tun haben, wird er sich natürlich nidyt mengen„ Glaubt er aus Grund religiöser Erwägungen sich auf scheinbar neutrales Gebiet begaben zu müsii sen, so unterwirft sich der Zentralrat auch n» diesem Falle in unbeschränkten! Vertrauen attf die Ehrlichkeit, die Umsicht und den Takt seines geistigen Führer deren Entscheidungen. «So wirb' der echte unverfälschte jüdische Charakter dev Aguda bewahrt. Niemand in der Welt kann nach unseren holländischen Begriffen etwas gegen die Agüda Hatzen. Ebensowenig wie der liberalste Jude es dem eiuzeluen Familienvater übelnehmen wird, wenn er seinen Haushalt in streng orthodoxe» Richtung feitet, genau so wenig wird er eine»

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