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Der Israelit · 1923-05-17 · Heft 20-21 (17.5.1923) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 20-21 (17.5.1923)
Date
1923-05-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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mm Enriks. Kiue Kkostergeschichte aus Spanien. Bon A. Gchoer- (Fortsetzung.) III. Im tiefsten Innern wußte es .Enrika, daß der Greis, der ihn an der Hand führte, kein anderer als' Ambrosius war. Mer konnte er seinen Sinnen trauen? 'Tiefe Bewegungen, diese Stimme, diese Kleider, es waren doch nicht die des Ambrosius. Und der Gedanke ließ nicht von ihm: Hexen werk! . . Wieles und Schauerliches hatte er gerade in diesen Fastentagen aus dem Munde der Mönche über die Macht des „Bösen" gehört, der es äuf gute junge Christenseelen abgesehen hatte! ... Und doch ließ er nicht -die Hand aus der des Alten, der ihm ermutigend zusprach: „Keine Angst, Enrika, es.staffiert dir nichts!" „Bisst du es, Ambrosius, heilger Vater?" konnte Enrika mit der Frage nicht mehr zurückhälten. Seine Lippen bebten, daß die Worte nur stoßweise herauskamen. „Ich bins, Enrika, hier und eben bin ich ich . . . Denn in Wahrheit bin ich nicht Ambrosius', sondern der Alte deiner Träume, den du so fürchtest . . . Aber gerade diesen hast du nicht zu fürchten, eher den 'Ambrosius . . ." „Ambrosius und nicht Ambrosius? . . . Aber ich sah dich doch auch schon so, in dieser Gestalt, in diesen Kleidern." „Gewiß, in dieser Gestalt und in dieser Gewandung, als Alten, der nichts gemein hat mit Ambrosius, hast du mich schon oft genug gesehen, an dieser Stelle. Tu sollst bald alles wissen . . ." „Bald'? . Was soll ich wissen? ..." -Enrika bekreuzte sich ein übers andere Mal und murmelte Beschwörungssprüche. Der Alte siel ihm in die Hand: „Wie oft sagte ich es dir, Enrika, nicht alles den^ finsteren Mönchen abzusehen . . ... Laß auch das ewige Dichbekreuzen. Es' gibt hier keine Spukerscheinungen und keine bösen Geister . . . Ter in mir vor dir steht, ist dein Onkel, der Bruder deiner Mütter, die im Sterben liegt ... Wir haben keine Zeit zu versäumen. Auch die Kleine, dein Schwesterchen, wartet deiner. Komm! ..." . „Mütter? ... Schwester? . . . Heiliger Vater .Ambrosius, es überfällt mich Todesangst! ..." „Stille, Kind, komme!" „Wohin?" „Zu Mütter und Schwester, zu deinen Brüdern und Volksgenossen, armes abgeirrtes Kind. Wrst bald alles wissen . . . alles. Aber jetzt eile mit mir, die Minuten sind kostbar . Tie Augen Ambrosius füllten sich . mit Tränen und seine Rechte, die die Hand Enrikas umklammert hielt, zitterte. Enrika empfand so etwas wie Mitleid mit dem alten Mann, und er folgte ihm wortlos, voller Angst und Erregung. ' Lange gingen sie still nebeneinander her, durch enge, verschlungene Woge, bis sie zwischen Stämmen und Felswänden an einen reißenden Bach gelangten. Von dort führte ein schmaler, dunkler W!eg in eine Kluft hinein. Eine Meile tappten 'sie im Dunkeln, bis sic an einen rnachtigeit Stein gelangten, der beit weiteren Weg versperrte. Ambrosius klopfte und hantierte an diesem Stein vorsichtig herum, da öfftiete sich plötzlich eine Türe und ein dünner Sonnenstreifen teilte das tiefe Düster. Ambrosius, der die ganze Zeit die Hand des Knaben nicht los ließ, zog "diesen. eiligst in ein großes tiefes ' Gelaß hinunter und sofort schloß sich von selbst die Türe hinter ihnen. Sie standen in einem? viereckigen nicht allzu großen Raume. Enrika sah zur Ostseite, der Türe gegenüber, eine kleine Holzlade, zu der ein paar Stufen führten. Auf der Wlle, mit der die Lade verhängt war, leuchteten große goldgestickte Buchstaben, die gleiche Quadratschrift, wie er sie aus den geheimen Büchern des Ambrosius bereits kannte. Zn der Mitte des Raumes stand ein Tfsch und nebenher einige Stühle. An der Decke hing an einer dünnen Kette eine Oellampe, die den Raum mit schwachem, mattem Licht versah. Enrika bebte, schwieg und staunte. Ambrosius warf sich müde und abgespannt auf einen der Sessel und gab Enrika ein Zeichen, neben ihm Matz zu nehmen. Stille und Schwere herrschte im Raunte. Enrika saß stumm mit nassen Augen und brennendem Kopse wie im Fieber, die Augen auf die Goldschrift auf dem Umhang gebannt, und Ambrosius hielt den Kopf in beide Hände gepresst, tief in Gedanken versunken. Da erhob Ambrosius plötzlich den Blick zu dem.Jungen. Seine Stimme bebte vor Erregung. „Enrika, ich ahnte.nicht, in die Lage zu kommen, dir schon in diesem zarten Kindesalter das große, heilige Geheimnis zu offenbaren. Allein die große Stunde nahte ohne unser Zutun, nahte heran, ohne nach deiner großen Jugend zu fragen. Und nun, Enrika, raffe dich auf und sei ein Mann, wie es der Moment erheischt. In deine Hand lege ich das Schicksal und die Zukunft deines kleinen Schwesterchens, des letzten Ueberrestes deiner großen Familie. Ich hatte andere Pläne mit dir. Ich hoffte, dich großziehen, lehren und leiten zu können, bis in die Jahre der Reife. 'Dann hätte ich dich in den großen Eid eingeweiht, den ich von deinem Vater übernommen habe, es ihnen zu vergelten, was sie ihm und unserer Familie angetan . . . Aber du bist noch einjunget Kind und früher aus den Klosterträumen gerissen, als gedacht war, so.verschone ich dich mit den anderen Enthüllungen ..." .Düstere Stille folgte diesen Worten. Da saßen 'die beiden Menschen, der Alte und der Junge' nebeneinander, sahen sich verstohlen in die Augen, als wollte der Eine bis in die tiefste Seele, des Anderen dringen. 'Aber beide mißtrauten einander. Der Alte traute der Jugend seines Schutzbefohlenen nicht recht und Enrika war es zumute, als sei er in einen Zauberbann verhext worden. Er kämpfte mit dem Drange, sich zu erheben und eiligst davon zu lausen. Da - stand Ambrosius, auf und trat ganz dicht an' den Knaben heran. „Weißt du, mein Kind, wo du dich hier befindest? Es ist das Bethaus deiner Brüder, deiner Glaubensgenossen, der Juden. Du bist In de, wie all de i ne Bäte r -- treu zum jüdischen Glauben hielten. Und ich bin nicht der Klosterbruder, nicht der heilige Vater Ambrosius, ich bin dein Onkel Joch a n a n. Tort im Rebenzimmer liegt deine Mutter in den letzten Zügen ... Und neben ihr steht ihr Tö-chterchen, deine Schwester und wartet deiner, ihres einzigen Annehmers und Schützers, wenn die Mütter bald die Augen geschlossen hat . , . Auch einige deiner Verwandten, der letzten Ueberreste unserer hervorragenden - Familie, sind im Sterbezimmer im Gebete vereinigt. — — — Und es ist nicht das erste Mas, daß du hier bist. Seitdem deiner Mutter auf dem Krankenlager klar geworden, daß eine Genesung nicht zu erwarten sei, war sie von unwiderstehlicher Sehnsucht nach dir, ihrem Kinde, geplagt,' denn mehr tvie zehn Jahre sind es her, daß du, damals ein Kind von nur drei Jahren, ihren Amten entrissen wurdest. Sie har dich seitdem tue mehr zu Gesicht bekommen. Da haben wir unter Lebensgefahr es so angestellt, daß sie dich zuletzt jede Nacht zu sehen bekam. Immer zur bestimmten Nachtstunde kamen drei Männer, auf die tvir vertrauen konnten und nähmen dich mit. dem Bette hinüber durch den dicken Wald irr die Höhle und ins Krankenzimmer der Mutter. Tu schliefst wohl, oder sähest oder hörest was in halbwachem Zustande und glaubtest am Morgen, baä Ganze fei ein Traum gewesen. Aber es war reine Wirklichkeit . . ." „Und sie, die Mutter, sah mich sirklich und auch das Mädchen sah mich?" „Sie sahen dich, sprachen zu dir und strichen dir die Haare. Tie Mutter segnete bio) unter vielen Tränen, und bir kleine Miriam, deine Schwester war dabei . . . Und der Alte war ich selbst und kein anderer, dein Onkel Jochanan aus-dem Hause Fereria, den die Welt unter dem Namen Sebastian oder Ambrosius kennt ... Glaube nicht an Hexenwerk und ähnlichen im Kloster gezüchteten Unsinn. Freilich bin ich im Besitz eines Pulvers, das einschläfernd auf diejenigen wirkt, die daran riechen, daß sich ihre Sinne betäuben und wie in einen Traumnebel verstricken. Man sieht, hört alles, spricht sogar und erlebt dennoch alles, wie in einem Traum. Dieses Mittel wandten wir auch auf dich an. Nun weißt du es . . „Also bist du dennoch ein Zauberer, Hexenmeister . . . Ich fürchte mich, laß mich davon eilen." Ambrosius verfärbte sich, aber er meisterte sich und sprach mit weicher Stimme: „Mein liebes Kind. Kennst du mich denn nicht? Bedenke doch, .mein Sohn, daß. ich dich bis hierher geführt und gebracht habe und bit als ich mit dir den Unterricht aus den geheimen Büchern begann, mir hoch und heilig in die Hand geschworen hast, mir in allem zu glauben, zu trauen, zu folgen, ohne zu fragen, ohne zu grübeln, ohne zu. zagen und zu zweifeln. Nun ist die große entscheidungsvvlle Stunde da, und sie soll dich so klein, so schwach, so ungläubig finden? ... Und Kind, indes du zagst und zögerst, haucht deine Mutter ihre letzten Züge ans . . . Willst du nicht, noch die letzten Minuten festhalten? Vielleicht erkennt sie dich noch! . Als aber Ambrosius im Vertrauert auf die von ihm gesprochenen Worte den Knaben jetzt mit Gewalt ins andere Zimmer nach sich ziehen wollte, rührte sich dieser nicht von der Stelle. Wie schlaftrunken murmelte er: „Last mich gehen, es ist alles-Lüge, alles Hexerei . . . Ich habe, keine. Mutter und keine Schwester . . . Ich glaube . . Mitten int Satze erhob er sich aber behende und trat wie drohend an Ambrosius heran: „So sage mir doch Alter, wer und was bist du? Ich schwöre, dir bei allein, was dir und mir heilig ist, bei Vater und Mutter, die ich nie gekannt, bei dem Namen des heiligen Bruders, meines Lehrers und Leiters Ambrosius, beim Namen dessen, der hier in diesem Raume nicht genannt werden soll . . . bei allen diesen schwöre ich dir, daß ich zu keinem Menschen nur mit einem Worte oder mit einer Miene sprechen werde von dem, was ich hier sah und-hörte . . . Kannst dessen sicher sein, ich werde nicht den Verräter spielen. Aber nun, laß mich gehen . . ." Ambrosins gab einen leisen Pfiff von sich

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