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Der Israelit · 1923-05-03 · Heft 18 (3.5.1923) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 18 (3.5.1923)
Date
1923-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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r. »toi 1923 «ei! Israelit? 18 Sette 9 AlS ich noch klein war, Hatte ich vor dem Bater weniger Angst. Ich weiß noch, wie ich ihm' auf die Knie zu springen pflegte, wie ich ihm das Haar zerzauste, den Bart zerteilte und zu Zöpfen flocht, die Lippen ubereinanderbog; und wenn er mich böse anschauen wollte, drückte ich ihm' die Lider hinunter und schloß ihm einfach die Augen. Heute kann ichs nicht mehr ... Einmal — hörst du, Mameschi? — einmal, als ich krank war, erwachte ich und sah euch beide an meinem Bette stehen . . . Du hast so still, so herzensstill geweint; und der Water . . . Mameschi! . . . Vater hatte damals ein so schreckliches Gesicht. Vor Schreck schloß ich wieder die Augen . . . Und seit, damals kann ich dem Vater nicht mehr nahe kommen wie früher . . . Etwas hält mich zurück! Oft will mir das Herz aus der Brust springen und ihm zufliegen, und doch kann ich es nicht! Glaubst du, daß ich den Vater weniger lieb habe? Gott behüte! Ich habe Bater sehr lieb und gewinne ihn mit jedem Tag, mit jeder Minute noch lieber ... Wenn er auf mich zugeht, hüpft mir das Herz vor Freude, und es bebt in mir die Seele vor Hoffnung: gleich wird er mich bei der Hand fassen und an sein Herz drücken ... Vor dir zittere ich nicht: du hast mich immer und gleich lieb ... Du hast für mich immer Zeit, . und du umarmst und küßt mich jeden Augenblick ... Du bist immer, immer mein . . . Vater hat so viel Geschäfte! Ich weiß: er will, baß ich einmal reich sein soll! Jetzt willst du wohl, Mameschi, mein Geheimnis hören? Sch schäme mich! or der Mutter, sagst du, soll man sich nicht schämen? Es ist wahr . . . Und doch ... Weißt du was, Mameschi? Setzt dich hiet auf diesen Stuhl vor dem Fenster . . . Put so! Ach, wie schön die Sonne untergeht! Wie schön fallen ihre rötlichen Sttahlen aiuf dein edles, blasses Gesicht! Ach, Mameschi, wie schön, wie schön und edel bist du! Warte . . . Nun will ich mich dir zu Füßen setzen. Und du sollst mir, wenn ich erzähle, nicht ins Gesicht schauen. Ich will mich -auf den Fußschemel setzen und beim Erzählen zum Fenster hinausschauen ... Nein! ... So ists nicht gut! Ich werde mich vor der Sonne schämen. Siehst du: am Tage strahlt sie, doch am Abeno nimmt sie von uns Abschied, daß ich mich schäme, von mir zu sprechen ... Ich will meinen Kopf an deinen Schoß lehnen . . . Ich will meine Augen schließen, und du ... du leg mir noch deine Hand aus die Stirn. Ist es dir nicht zu schwer, Mameschi, wenn ich meinen Kopf so an dich lehne? Nein? Sechzehn Jahre ist dein Kind alt und hat ein sv leichtes, ein so kleines Köpfchen. Und ich selbst. . . Seufze nicht, Mameschi! Gott hat mich nicht zu karg bedacht: er gab mir zwar wenig Fleisch, dafür -aber viele andere guten Gaben: dich, oen Vater . . . Tage und Rächte mit wunderlichen Lräicmen. Und nun — das Geheimnis .... Nun sehe ich nichts. Mit geschlossenen Augen werde ich es melleicht doch erzählen können. Ich wills versuchen ... Es fällt mir so schwer! Wenn ich, es mir so überlege — so ist es nichts: ein Netz aus einigen wunderlichen Strahlen, — und doch lastet es mir ciüf dem Herzen. wie ein Stein. Es ist kein Kieselstein, kein Stein von der Gasse oder vom Felde . . . Es ist ein kostbarer Stein; er strahlt und leuchtet . . . Er liegt mir ttes in der Brust und erfüllt mein ganzes Wesen, alle in eine Glieder mit seinen Strahlen, mit seinem heimlichen, warmen, lebendigen Licht . . . Das Licht soll nicht verlöschen, Mameschi! Es verlischt so vieles! Hörst' du, Mameschi! Nein, warte, so einfach und geradeaus beginnen kann ich doch nicht ... Hör aber! Weißt du noch, Mameschi, daß du mir gestern etwas Kleingeld gabst? Weißt du es noch? Ich habe davon noch nichts ausgegeben, und doch fehlt mir schon etwas ... Es fehlt mir ein Zehnerl! Ob ich es verloren habe? Nein. Du gibst mir doch' das Geld, damit ich davon armen Leuten, armen Kindern, denen ich bei meinen Spaziergängen begegne, Almosen gebe . . . Armengeld werde ich doch nicht verlieren! Ob ich es wegaegeben habe? Gewiß. Ob einem Armen? Ich weiß es nicht. Vielleicht ja, und vielleicht auch nicht. Hör nur zu, vielleicht wirst du es jelbst verstehen! Gestern gingdie Sonne ebenso' schön unter. Vielleicht noch schöner ... Du hast mich schauen gelehrt, und ich schaue und sehe, was andere meinesgleichen nicht sehen. Darum gehe ich am liebsten ganz allein spazieren. Gestern ging ich hinter die-Stadt, du weißt, zu der Stelle am Flusse, von wo aus man sie ganz überblickt. Die Häuser türmen sich übereinander, immer höher and höher; und die Häuser, die weiter stehen, wollen ,über die anderen hinüberschauen und auch etwas von Gottes Welt sehen; darum ragen sie, je weiter sie stehen, umso höher hinauf. Und die Sonne sieht im Untergehen auf sie herab und übergießt sie mit ihrem Lichte, nimmt Abschied von ihnen, küßt sie. Und ich .sehe, wie' die Schatten diesen letzten Strahlen nachjagen, wie. sie sich immer mehr und mehr verdichten und wie sie fließen und iibemU eindringen, wy sie nur können. Sie erfüllen alle Zwischenräume zwischen den Häusern, alle freien Plätze zwischen den Mauern, und sie heben und jagen das letzte rötliche Sonnenlicht hinauf, in den Himmel, aus dem es kommt. Geht zur Ruhe, ihr Strahlen, jetzt ist unsere Zeit! Gute Nacht! . . . Und es wird allmählich dunkler und dunkler und der Himmel immer tteser und tteser. Bald werden, einer nach dem andern, die Sterne aufleuchten. Und wie ich das alles sehe, komme ich zur Schreinergasse, zu der letzten Gasse der Stadt, die so steil hinuntergeht. Und so kam ich zum Flusse, wo die alte Schul steht . . . Und ich kam ganz nahe an die alte Schul heran. Am Tage sieht sie schrecklich aus: Armselig, baufällig, ganz schwarz vor Alter. Die Spinnen wollen aus Mitleid die emgeschlagenen Fensterscheiben überweben. Und auf dem Hügel gegenüber, am anderen Ende der Gasse, steht die schlanke, spitze Christenkirche und lacht . . . Doch am Abend sah die alte Schul ganz anders aus. Zum ersten Male sah ich sie gestern so. Ein leichter, lieblicher, dunkelblauer Nebel umhüllte sie. Die Fenster ohne Scheiben waren garnicht blind. Sie blickten ernst und tief in die Welt hinaus. Und die Gesimse oben lebten und rührten sich beinahe. Die gemalten Löwen wollten sich von der Mauer losreitzen. Gleich werden sie zu brüllen anfangen. Glaubst du, daß das mein Geheimnis ist? Nein, Mameschi! Das alles sehe ich erst jetzt, wie ich es dir erzähle; mit den gestrigen Augen sehe ich es. Ach, Mameschi, wenn ich reich. wäre! . Was ich dann täte? Ich würde. die alte Schul wieder aufrichteni Ich will, daß auch sie 'hoch ist und in den Himmel hinausragt! Und sie muß höher sein, weil sie tiefer steht! Und ein goldenes Dach soll sie hahen und kristallene Fensterscheiben! Hörst du, Mameschi, so denke ich es mir: man kann ja auch ohne Schul auskommen; denn Gott ist überall ... Wo nur eine Träne fällt, die merkt er! Wo jemand die Augen zu. ihm erhebt, den sieht er! Wo nur ein bekümmertes Herz seufzt, oas hört er. Wenn man aber schon eine Schul hat, so soll sie hoch, schön, strahlend und würdig sein. So dachte ich es mir auch gestern. Und plötzlich hörte ich ein Weinen! Ein leises und trauriges Weinen, süß und traurig und so seltsam ergreifend. Und ich glaubte — Mameschi, die Wahrheit zu sagen, wollte ich es glauben, und ich wandte mich absichtlich nicht um, um es möglichst lange glauben.zu können — ich glaubte, daß das Weinen und das Schluchzen aus der alten Schul kommt . . . daß dort drinnen, in dunkelblauen Nebel gehüllt, die Seele der alten Schul sitzt und weint ... . j Und sie beklagt sich,, daß die Sonne ihr unrecht tut . . , daß sie ganze Garben ihres goldenen Lichtes auf das Kirchendach ausschüttet und ihr raum einen Strahl gönnt . . . Sie wirft ihr am hellsten Mittag nur einen blassen Strahl wie ein Almosen zu . . . Und dieser Strahl gleitet über sie weg und stiehlt sich fort, wie verschämt! ... Aber es war nicht die Schul . . . Es war eiu kleines Mädchen ... Es lag inr Sande, suchte.etwas und weinte ... Als ich mich umwandte, sah ich erst nur ihr abgetragenes Kleidchen wie einen dunkelgrauen Fleck auf dem gelben Sande und ein Paar ausgetretene Schuhe! . Und noch etwas sah ich ... Marneschi, ich schäme mich ... es wird mir so warm . . . Stelle dir vor: eine Flut rote, ganz feuerrote Haare . ... Funken stoben aus ihnen . . . „Was weinst du, Mädchen- und was suchst du i„r Sand?" Ihre Mutter hatte sie etwas kaufen geschickt und ihr ein Zehnerl mitgegeben. Jemand stieß sie im Vorbeigehen an, und das Zehnerl fiel in den Sand . . . Darum weint sie ... Ich — wenn ich Gott weiß was verloren hätte, ich rate nicht weinen! Ich fragte sie: „Wars ein großer Zehner oder ein weißes Zehnerl?" „Ein weißes!" sagte sie und wendet sich nach mir garnicht um. „Ich will dir suchen helfen," sage ich. Ich bücke mich, tue so, als ob ich suchte, und finde ihr ein weißes Zehnerl. „Hier hast du es!" Sie sprang vor Freude auf und warf sich mit einem Ruck des Kopfes die rote Haarflut in den Nacken . . . Und unter den Haaren kam wie unter einer Wolke ein kleines alabasterweißes Gesichtchen zum Vorschein . . . Und Augen waren darin, Mameschi, Augen . . . Rein, Mameschi, die Augen kann rch nicht beschreiben! ... So bfd Freude leuchtete in Ihnen Die ganze Nacht träumte ich von diesen Augen, Das ist mein ganzes Geheimnis, Manreschi! Du lächelst? Lache nicht, Mameschi! Die Augen vergehe rch niemals .... . Mameschi ... Darf ich wieder einmal in die Schreurergasse gehen, mir wieder .... die alte Schul anschauen? . . . rrm attn °?2xrin wp p-Tpora u aai po^ btiüwo »min dx tos mxa p2 norm p.2 ’JXJtOn 11NÜ22 XCB2 Dil D”rOTBS> ,21p2lbx2 '2 Personalien. Buttenw lesen, 26. April. Carl Sänger, der letzte hiesige männliche Träger der Familie Sänger, die seit nahezu 150 Jahren durch ihre hervorragenden Mitglieder die Führer und Leiter unserer n^np stellte und am meisten dazu beitrug, ihr den berechttgten Ruf einer wahrhaften ‘tnupu cx zu verleihen, ist in die Ewigkeit eingezogen. Carl Sänger erreichte das gesegnete Alter von 82 Jahren. Als Sohn von Rabbi Jossef 1841 geboren, weihte er sick dem Kaufmannsstand und reichte in jungen Jahren seiner Kousine, der Tochter unseres unvergeßlichen Rabbiners Jomtow Sänger V'ST, die Hand zum Ehebunde. Nach wenigen Jahren riß ihm der unerbittliche Tod die ebenbürtige Gattin von der Seite. In zweiter Ehe gab er in einer Schwester des vor kurzem in Frankfurt a. M. verstorbenen Geheimrat Dr. Elieser Rosenbaum r» seinen kleinen, verwaisten Kindern eine neue Mutter. Trotz vieler harter Schicksalsschläge blieb er stets der treue, aufrechte mi.m, der in seinem großen sinB2 Trost und Stütze fand. Von einer beispiellosen Friedensliebe und Hilfsbereitschaft beseelt, war er bei Groß und Klein — Jude und Nichtjude — gleich beliebt und geschätzt. Bon seinem sel. Vater besaß er wunderbare Kenntnisse einer Heilmethode, speziell für Schnitt- und Brandwunden und Hautkrankheiten, die ihn befähigten, in Fällen, wo alle ärztliche Kunst zu versagen drohte, rettend einzugreifen. Ungezählte verdanken ihm so ihr Leben. Me nahm er Entgelt dafür, - alles tat er in selbstloser Weise opS'. Kein Wunder, daß sich seine N1N 12 zu einem wahren bb»,i »n»p gestaltete. Neben der ganzen Gemeinde und zahlreich selbst aus weitester Feme herbeigeeilten Verwandten gaben ihm viele Hunderte Nichtjuoen aus der ganzen Umgegend das, letzte Geleite. Auch der politischen Gemeinde diente er jahrzehntelang als Mitglied der Verwaltung. Im Namen der Familie, der jüdischen und politischen Gemeinde dankte Herr Lehrer Sonn dem Heimgegangenen in warmen Worten für das von ihm Geleistete, ihm besonders für seine 40 jährige Tätigkeit als am 2'". Nicht so rasch werden seine alten, zu Herzen gehenden »WM verhallen. ' c. ' ^'7 In der Reihe der Ehrengräber, an der Serie des von ihm so hochverehrten, ihm vor wenigen Jahren im Tode vorausgegangetten Schwagers Rabbi Jakob Sänger r'Str fand er seine letzte Ruhestätte. - " n"am Briefkasten. ft Br. Köln. Jargonlieder, die nur die Liebe besingen, können genauso wenig als jüdische Lieder angesprochen werden, wie Gedichte dieses Genres in anderer Sprache. Geeigneten Zusendungen jüdischen Inhalts sehen wir: gern entgegen. Maurice Schwab, Helttnrer. Frs. 12.— für Abonnement, FrS. 8.— für Spende verbucht. Lehrer Kin K- ES wirkt nicht sehr erhebend, wenn einer, der vielleicht für seine Person weniger zu klagen hat, seinen tm harten Lebenskämpfe stehenden Berufsgenossen in der Weise, wie Sie eS tun, in den Rücken fällt. UebrigenS-haben wir Ihre Zuschrift dem-Autor zugestellt, der Ihnen sicherlich die Antwort nicht schuldig bleibt. Rene Salamon, Scherweiler. Ihr Brief samt Inhalt eingetroffen. 391. I. Berlin. ES handelt sich uw die Gutsverwaltung Dr. I. Neubauer in Hermannsburg, Post Wiesent A. D. Oberbayern. @ Herrn B. Gaukönigshofen. Sie schulden bis inkl. Mat Mk. 850.-

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