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Der Israelit · 1923-04-12 · Heft 15 (12.4.1923) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 15 (12.4.1923)
Date
1923-04-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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§ pp I u •ir If.’ii ■■;;iin Das Ehrengeleit. Kirre MorLriegs-AsveLe a«s dem jüdische« Hste«. Bon A. Hyman. I. Tias strahlende Gesicht des kleinen Feiwel mußte man scheu, als er die Düren in sein neuerbautes Häuschen einsetzte. Denn dieses Haus hatte seine eigene Geschichte. Will sonst Jemand ein Haus Sauen, so verschafft er sich zuerst die notigen Kapitalien, dann bespricht er sich mit einem Baumeister, sucht bei der Behörde um die Baugenehmigung nach, die er, je nachdem, wie er die Beamten/für sich, mit Hilfe klingender Münzen zu gewinnen versteht, früher oder später erlangt, und ^es kann dann mit dem Bau Begonnen werden. Anders Eer machte es unser Feiwel. 3 er den Plmr für den Neubau faßte, 'verfügte er über keine Kopeke. Auch sonst nannte er an beweglichen oder unbeweglichen Gütern nichts sein eigen. Er dachte weder an Architekt, noch an die wvhllöblichen Stadtbchörden. Nicht einmal für Baunraterial und Zimmerleute war er besorgt. Aber der Plan stand ihm klar por Augen und nahm mit jedem Tage festere Gestalt -an und er brachte ihn auch zur Ausführung. Und nun war das Haus fertig „von den Grundmauern bis zu den Pfosten". Gerade kein Palast, eigentlich nur eine armselige Holzbaracke. Mer kein Palastbewohner hat je nur annähernd eine so ehrliche und tiefe Freude erlebt wie die des Feiwel, als er die Düren einsetzte. Was wissen diese großen Herren, die sich ihre Villen bauen lassen oder sie fertig zum Einzüge kaufen, von der Freude dessen, der sich sein Heim selbstmit eigenen Händen errichtet hat? Ter kleine Feiwel im litauischen Städtchen Kratinik 'war durch keine besonderen Eigenschaften oder Verdienste ausgezeichnet. Weder war er gelehrt, noch reich, noch von edler Herkunft. Arm und ehrlich wandelte er still die Bahnen seines kleinen LGens, kaum von jemand beachtet. Mt achtzehn Jahren kam er, da vaterlos und verlassen, zum Militär und er diente zweiundzwanzig.Jahre lang. Ein Vierziger kam er heim, ein Invalide mit nur einem Auge, alt vor der Zeit und verbraucht, und er ernährte sich als Lastträger. Er hatte Genügsamkeit gelernt und klagte nie. Er fand Mch ein gleichgeartetes Weib, das mit ihm?trug und das karge Brot ohne Murren teilte. Wenn Feiwel fünfzig Kopeken im Tage verdiente, dankte er seinem Schöpfer. Kr Ruhe und Frieden floß ihr kleines Leben dchin. Bis FeiwÄ den Gedanken faßte oder richtiger, vom Gedanken ersaßt wurde, sich ein eigen Hmrs m bauen, just zu einer Zeit, da er keine fünf Kopeken für Brot in der Tasche hatte. | Es ist schwer zu sagen, wie der Gedanke bei Feiwel gekommen und ausgereist ist. Zumeist war es die Angst vor dem „Hekdesch" (Gemeircheherberge), in dem er heimlos in den Tagen des Atters sein Leben zubringen müßte, die chn bewog, unter allen Umstanden rechtzeitig für ein eigenesHeim zu sorgen.' Upd eines Tages bekam sein waghalsiger Plan gleichsam einen Ruck durch eine höhere; .Gewalt. Ein Feuerzeichen von oben gab derH * Ausschlag. An einem Sommermorgen wütete' eine Feuersbrunst und verheerte, von Ostwind getragen, in einigen Stunden ganze Straßenzüge. Auch die Wohnstätte Feiwels - siel den Flammen zum Opfer. Von seiner armseligen Habe konnte er bloß ein paar Kopfkissen und feilten Talithbeutel retten. In den Städten der Umgebung regten sich nach gut jüdischer Art die Herzen und Hände, man brachte Geld, Kleider imb Brot zusammen, und die Verteilung im Städtchen ward von gerechten Leuten vorgenommen, sodaß keiner der Notleidenden übersehen wurde. Auch Feiwel bekam'für sich und seine Frau Kleider, drei Laib Brot und zehn Rubel in bar, eine Summe, wie er sie auf einmal nie besessen hatte. Und sofort stand ihm der Beschluß vor der Seele: dieses Geld soll der Grundstock für das geplante eigene Haus sein. Als seine Frau in der Scheune, wo die Obdachlosen vorübergehend Unterkunft fanden, jammerte und all die Verluste aufzählte: die SäbbaWeider, das Korbanmincha-Siddur, die Machsaurim, Slichoh und Kinoh, die Tische, Stühle und Pessachbecher, und ganz untröstlich tat, beschwichtigte sie Feiwel: „Nur nicht verzweifeln, Frau. Erstens haben wir alles mit Geduld und Tank hinzunehmen, was uns der liebe Gott schickt. Zweitens wird es unser- Glück sein, wir kommen so zu unserem Hause/" Und äls die Frau erstaunt um Aufklärung bat, gab er diese: „'Die zehn Rubel rühren wir nicht an. Meine Hände sind nicht abgebrannt und ich kann wie bisher weiter tragen und packen und das Nötigste verdienen. Für die zehn Rubel erwerbe ich mir draußen vor der Stadt ein Stückchen Boden, und dann baue ich .... Und wäre es nur eine Keine,' armselige Hütte, immer besser wie Hekdesch — —" Bei dem Worte Hekdesch erzitterte auch die Frau und erklärte sich mit allem einverstanden. Gesagt, getan! Schon wenige Tage nach dem Brande hatte Feiwel den Baugrund außerhalb der Stadt und der Bau konnte vor sich gehen. Tagsüber arbeitete er beim Aus- und Aufladen der Lastwagen, was das karge tägliche Bvot abwarf. Abends aber durchsuchte er die durch den Brand entstandenen Schutthügel und las alles Brauchbare auf: Nägel, Haken, Steine, Holz- und Ziegelstücke, halbverbrannte Balken; natürlich alles mit Einverständnis der Eigentümer, die schon zum großen Teile daran waren, sich schöne Häuser aus neuem Material zu errichten. Alles Material schleppte er auf seinen Schultern auf dm Bauplatz. Auch die Kaufleute, deren Ware er 'aus- und einlud, trugen zum Mau bei mit Kisten, Glasteilen,. alten Düren und derlei nützlichen Timgen mehr. Feiwel arbeitete mit Feuereifer an seinem, Mime. 'Schon morgens um drei, kaum daß die- Nachtschatten gewichen waren, war er zur Stelle. Er war Architekt, Maurer, Zimmermann, Glaser, WeiWnder und Handlanger in einer Person. Und verglich er, wenn er am Sabbat die Ruhe dazu hatte, seine wachsende Hütte mit den tot allen Ecken der Straße neuentstandenen und ent-i stehenden großen und schönen Häusern, so fühlte er es bis in die tiefste Seele, ftüe viel er vor all den Protzen, die aus Vergnügungssucht oder zu Gewinnzwecken bauen ließen, voraus hatte.- Er baute selbst, um dem HeAesch zu entgehen . .2 Wie der Vogel singend sich sein Nest zufam-' ***#j!lm wird nun nach all dem die Freude Feiwels und seiner Form ermessen, als bas Häuschen bis auf die Düren und Pfosten fertig zum Mnzichen dastand. . j n. : Aus dem stattlichen Amtsgebäude in dev Hauptstraße von Kratinik drang liMiche Musik in die Straße. 'Den zweiten Stock des-.Hauses bewohnte der Kreischef Karasof, und da er heute hohen Besuch aus der Provinzialhauptstadt hatte, nämlich den Vize-Gouverneur, so lud er die Noblessen des Städtchens mit ihren 'Damen ein,' um dem Gaste ein Leines 'Fest zu feiern, und nebenbei ihn mit Sang und Trank uud Tanz ein bischen gefälliger und gefügiger zu stimmen. Tenn, diese Besuche hatten amtlichen Charakter, und Herr Karasof liebte die übergeordneten Aentter nicht sonderlich, so suchte er denn durch schöne Abende den Inspektionen des Tages ein wenig vorzuarbeiten. Bor den Fenstern standen mehrere Neugierige, auch Juden, und unterhielten sich über das Fest und seine ttesere Bedeutung. „Es ist etwas daran," meinte Usiel, der Schmied im Gespräche mit seinem Freund Sännet, dem Uhrmacher. „Es wird schon seinen Grund haben, daß jetzt urplötzlich der Bize- Gouverneur ins S-tMchen kommt, ohne daß Vorher jemand was davon wußte/" ,/TU wußtest nichts, aber die Behörden werden schon was davon gewußt haben."" „Ich sollte es nicht wissen? .Was die Behörden wissen, weiß auch ich schon lange vorher. Ich kenne mich hinter diesenhohen 'Fenstern gut aus,"" behauptete Usiel gekränkt. „Aber 'Tu siehst ja, daß diesesmal Tein Wissen versagt und 'Deine hohen Beziehungen 'Dich im Stiche gelassen hciben/" ,Moraus ich schließen muß, daß die Sache diesesmal Karasof selbst ganz überraschend kam."" „Soweit mir bekannt, handelt es' sich um eine Anklageschrift, die gegen unseren Kreischef und seine Unterbehörden an den Gouverneur abgegangen ist/" „Auch i ch hörte davon. Sie häben unseren guten Karasof scharf eingesalzen beim Gouverneur, alle seine Verschlungen und Schandtaten sind dort einzeln aufgezählt/" „Und wer ist der Verfasser dieser Anklageschrift?" , „Kein anderer als Schmachof, der frühere Sekretär, den Karasof enllassen hat/' „Und was, glaubt Ihr, wird mit Karasof geschehen?"" , „Nichts wird mit chm geschehen; weder ihm^ noch seinem Assessor Gregor passiert was. Wenn auch alle Anklagen aufs Haar zutreffen, so weiß doch Karasof, wie in solchen Wllen mit dem rollenden Rubel zu arbeiten ist, und Ihr wißt ja, der Vize-Gouverneur ist auch 10 einer mit „ganz reinen Händen!" „So ist es. Unser Karasof sitzt so fest in seinem Amte, daß alle Teufel ihn nicht fortbewegen/" Am folgenden Tage, nachdem er eine ganze Macht durchgetanzt hatte, befand sich der mächttge Kreischef Karasof in seiner Amtsstube -in tiefer, sorgenvoller Unterhaltung mit seinem Assessor Gregor. ' „Schaffe Rat, lieber Freund,"" sing Karasof an. „Tie Sache steht schlimmer, als ich geglaubt habe. T-er Vize eröffnete mir, daß die Anklagen diesmal schr sIwer sind. Haarsträubende Tinge, und das Schlimmste, daß es der Teufel Me, alles wahr . . .'Der elende M- -geber erklärte sich bereit, all unsere ^Amtshandlungen"" mit Zahlen und Taten zu beweisen^ all die jungen Leute nynchaft zu machen, die wir für Geld vom Militär befreit haben, auch all die Häuser und Bauten, die ohne Genehmigung des Gouvernements, aber mit unserer; Erlaubnis hergerichtet oder neu erbaut wurden. Sogar die Aenderungen, die wir in den llvkurchevüchern vorgenvmmen haben, sind dort angeführt.!Der Mmvetneur selbst hafte bereits!

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