Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1923)
- Date
- 1923-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Inhaltsübersicht. Au alle Lhoratreuen tm Lande! — Gruppenverband der AgudaS JiSrorl ln Halberstadt. — i. Leitartikel: Zeichen der Zeit. — 2. Wochenrundfchau: Die Wahlen in Palästina. — Der Fall Badt. — 3 Kleines Feuilleton: Von K. W.: Professor Dr. Abraham Berliner s. A. zum SO. Geburtstag. — Bon Rafael Brenner in Köln: Der Preistreiber. — (Sie will keinen Juden in der Familie.) — 4. Aufsätze: Von Fr.: Aushebung der kurhesfischen Steuergesetze für Israeliten. — 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin (Abzugsfähigkeit der jüdischen Gemeindesteuern). — Warschau sProtest des Warschauer RabbinatS). — Warschau (Die Pessach-AuSschreitungen in Warschau). — Warschau (Die Tragik eines jüdischen Städtchens). — Warschau (EtnwanderungSnorm). — Bukarest (Die neue Verfassung und die Juden). — Jerusalem (Demonstrationen in Jerusalem). ~ Jaffa (Die Sabbaifrage in Jerusalem). — 6. Personalien. — 7. Briefkasten. — 8. Vermischtes. — 8. Frankfurter Berichte. — IS. Vereins kaiender. — 11. Gebetzeiten. — 12. Familtennachrichten. — 13. Feuilleton- Beilage: Bon A. Hyman: Das Ehrengeleit. — Abraham »Dukes der jüdische Polenherzog. — 14. Ktnderccke: Rätsellösung. Gruppesverdand der AgudaS Zisroel in Salberstadt sin Sie nereftrlidfien Ortsgruppen. Betrifft die Vorarbeit für die Kenefsio gedaulo. 1. Es sind zunächst die Jahresbeiträge einzuziehen und nach Halberstadt zu zahlen (Postscheckkonto des Gruppenverbands der Agudas Jisroel in Halberstädt ist Nr. 18901 Berlin.) Als Mindest-Jahresbeitrag für 1923 einschließlich der Kopfsteuer) sind 5000 Mark pro Mitglied festgesetzt (kaum die Kosten einer Tagesmahl-- zeit, also sehr wenig!) Erwartet wird viel mehr. Tatsächlich hat eine Ortsgruppe, die mit dem Inkasso schon fertig ist, keinen Beitrag unter 10.000 Mark, doch.eine stattliche Anzahl zwischen 50.000 und 100.000 Mk. aufzuweisen. Sozialer Ausgleich ist allenfalls insofern zulässig, daß tatsächlich Unbemittelte weniger als 5000 Mark, andere dafür umso mehr zeichnen. 'Ter Jahresbeitrag kann auf Wunsch in Quartalsraten gezahlt werden:. Wahlrecht erlangt jedes männliche Mitglied durch Zeichnung von mindestens 5000 Mk. und Zahlung von mindestens 1250 Mk. Wo die Beiträge pro 1923 schon eingezogen sind, ist der etwaige Fehlbetrag an 5000 Mark als Kopfsteuer nachzuerheben. 2. Von den eingegangenen Beträgen sind 5000 Mark pro Mitglied für die Zentralkaffe der Agudo an den Gruppenverband nach Halberstadt abzuführen. Bis zur Hälfte des Ueber- Kleines Willeton. Prof. Sr. Abraham Berliner f. A. zum so. Geburtslag. Von K. W. Prof. Dr. Abraham Berliner war ein Mann des zielkräftigen und bewußten Lebens, der gedankenticfen und sinnersüllten Tat. Kein Heiliger, sondern ein Gerechter. DieS zu wiffen, tut deshalb not, wett die Menschen ihre wenigen Großen immer gern durch einen Hettigenschimmer von sich abheben, um ihnen nicht mehr nacheifern zu müssen. Um sie in eine grundsätzlich andere Art von Menfchsein einzuordneu, die doch niemand erreichen könne. Die Heiligen find die faulen Ausreden des Gewissens. Der Gerechte ist sein Sporn. Mitten tm Leben das Heilige aufrtchten heißt deS Gerechten Ziel. ES war Abraham Berliner's Lehre und Tat. Es ist unser geweihtes Gesetz. ES sei unser Weg. Die Wiederkehr des 88. Geburtstags des verewigten Meisters verpflichtet mich, sein Wirken der jüdischen Oeffentlichkett abermals ins GedächrniS zurückzurufen. Kein Lobgesang solle«: diese Zetten dem Verblichenen sein, denn dazu ist der Raum zu eng und der Inhalt zu klein. Mein Wunsch ist eS, den ich dieser Biographie vorauSschicken milchte, daß ein jeder der Her Irrstzltt. schusseS über MM Mark pro Mitglied kann je nach Bedarf die Ortsgruppe einbchalten; die übrige Hälfte des Ueberschusses abzüglich der Einziehungskosten ist wiederum ftir die Agudo- Zentralkasfe an den Gnrppenverband nach Halberstadt zu überweisen. Zu den Reisekosten der Abgeordneten nach Wien wird auf Wunsch der Gruppenverband nach Maßgabe seiner Mittel beisteuern. 3. Sofort nach Einziehung der .Beiträge ist ein Mitgliederverzeichnis, enthaltend Namen, Wohrmngsangabe und gezahlten Beitrag jedes Mitglieds, nach Halberstadt zu schicken, damit daselbst schnellstens die Verteilung der Abgeordneten auf die einzelnen Ortsgruppen errechnet werden kann. ('S .7 der Wahlordnung lt. Blätter' Nr. 5.) 4. Diejenigen männlichen Mitglieder von Jugendg nippen, die nicht ohnehin auch der Ortsgruppe angehören, erwerben das Recht zur Wahl durch Zählung einer Kopfsteuer von 1000 Mark und wählen zusammen mit den Mitgliedern der Ortsgruppe. 5. Ueber die Art der Aufstellung der Wählerlisten folgt Nachricht später. Gruppenverband der Agudas Jisroel in Deutschland. Zu dem Leitartikel und unserem Wochenschauartikel „Zeichen der Zeit" in Nr. 12 des „Israelit" über die L e h r e r f r a g e gingen uns mehrere Zuschriften zu. Ein Freund unseres Blattes teilt uns einen Fall aus der jüngsten Vergangenheit mit, der beweist, daß es in Wirklichkeit garnicht so sehr schwer sei, die Widerstände mancher zu vorsichtiger Gemeindevorstände, zu überwinden, die vielleicht weniger aus Engherzigkeit, wenn auch diese oftmals vorkommt, als aus allzugroßer Aengfilichkeit sich scheuen, das Gemeinde'budget und die Anforderungen an die Gemeindemitglieder zu überlasten, wenn sie den Beamten die tarifliche Besoldung zugestehen. — Es handelt sich um eine Religionsgesellschaft von mittlerem Umfang, die kein Steuerrecht besitzt und deren Budget völlig durch freiwillige Leistungen der Mitglieder aufgebracht wird.!Turch energische Behandlung des Problems durch einige weitblickende Gemeindemitglieder wurde die Frage der Beämtenibesoldung nach staatlichem Tarif innerhalb weniger Wochen einer Lösung zugeführt, dadurch daß die Mitglieder anstelle des seitherigen, höchst unzulänglichen Mitgliederb ertrag es sich verpflichtet haben, die _ «p'NIM Aufbringung bet Beamte** VsAw. Lchrercke-Mter (die Gemeinde besitzt eine GlementarschulF durch prozentuale Leistungen zu garantieren.!Turch diese Regelung soll die Aufbringung der erforderlichen Gehaltssumme auch dann gesichert bleiben, wenn eine nicht vorherzusehende.weitere Geldentwertung eine Steigerung der Gehälter herbeiführen sollte. Trotz der' wirtschaftlich außerordentlich ungünstigen Zeit, deren Auswirkungen sich besonders in dem betreffenden Gebiet sehr fühlbar machen, ist es einigen Herren aus den Kreisen der Gemeinde in Ärzer Zeit gelungen, die 100 Prozent aufzubringen. „Mlerdings ist es sehr bedauerlich, so schreibt der Einsender weiter, daß diese Arbeit gerade aus Lehrerkreisen dadurch erschwert wurde, daß, ein Lehrer, der auf Grund seines Anstellungsvertrages als einziger der Beamten seither schon tariflich besoldet wurde, nach langem Hin und Her, trotz seiner — allerdings unverbindlichen — gegenteiligen Zusage seinen Posten verläßt und in den kaufmännischen Bermf Übertritt- Es geht nicht an, immer nur von den Lehrern Idealismus zu verlangen und ihnen Opfer zuzumuten, aber e§- sollte auch selbstverständliche Pflicht jedes angemessen besoldeten Lehrers sein, bei dem einmal erwählten Beruf auszuharren und nicht den. Kollegen das schlechte Beispiel der Fahnenflucht zu geben, wo diese nicht durch ungenügende Bezahlung erzwungen ist. — Es erscheint auch angebracht, auf das oft übersteigerte Selbstgefühl, namentlich mancher jüngeren Lehrer hinzuweisen, die oftmals noch sehr des freundschaftlichen Rates und der Leitung von wohlmeinenden älteren Beratern 'bedürfen, die aber, wenn sie das Seminar verlassen haben, glauben, nun fertige, reife Menschen zn sein, , die über alles allein am besten urteilen können. Gerade der Lehrer sollte wissen und beherzigen, daß wichtiger wie das Lehren das Lernen ist und daß der Mensch nie auslernen kann. „In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt — wir können natürlich nur von lokalen Erfahrungen sprechen und wollen damit nicht verallgemeinern — daß es vielfach beklagt wird, wenn jüdische Lehrer die Uebernahme von jüdischen Privatstunden ablehnen und ihre freie Zeit anderweitig verwertet. Es sind Fälle bekannt geworden, daß fromme Lehrer Musikstunden, Stunden an Kinder von Okkupationsbehörden (Frankenbezahlung?) gegeben und jüdische Privatstunden abgelehnt haben, obwohl ihnen dafür jeder verlangte Satz bewilligt worden wäre. 'Das . darf natürlich nicht sein. Wenn die Allgemeinheit Opfer, wenn auch selbstverständliche Opfer, für angemessene Lehrerbesol- Leser, der Berliner gekannt oder seine Schriften gelesen hat, sich ihn zum Vorbild eiserner Willensstärke mache. Ein wunderbar reiches Forfcberleben hat mit dem Tode Berliners am 7. Jjar 5675 — 7. Mai 1915 seinen Abschluß gefunden. Das Judentum hat damals einen seiner besten Söhne verloren. Abraham Berliner hatte eine Gelehrtenlaufbahn voll Segen und Kraft, von glücklichen Erfolgen aekrönt, zurückgelegt. Er wurde am 13. Zfar 5593 — 2. Mai 1833 zu Obersttzko (Posen) geboren. In seinem Vater fand er seinen ersten Lehrer, der ihn verständnisvoll zur Thauro führte. In dieser Erziehung liegt der Schlüssel zum Verständnis feines Entwicklungsganges. „Das ist der Segen, jener tiefen und gründlichenThaurostudien, wie sie die alte jüdische Erziehung vorschreißt, daß sie einen jeden zum jüdischen Forscher beö stimmt, daß sie den Geist zum unermüdlichen Suchen und Fragen auf religiösem Gebiet anregt und die Mitt el i hm reicht, in den Quellen selbst nach Aufklärung und Wahrheit zu suchen." Sein Vater war als Lehrer an der Normalschule in Obersttzko tätig. — Nachdem Berliner 1848 in Posen am Lehrerseminar (als 15 jähriger Knabe) das Lehrerdiplom erwarb, vertrat er schon oft seinen Vater, welcher damals kränklich war, und ein Jahr später starb. 1849 übernahm er die Stelle seines Vaters. Er heiratete später die Tochter des angesehenen Rabbiners von Obersttzko, Salomon Michael Struck. Berliner veröffentlichte die von Struck in hebräischer Sprache verfaßten Predigten im Jahre 1888. Nach einer kurzen Tätigkeit in Arnswalde (bet Berlin) 5 sivdette B. 1888 nach Berlin über. Hier wirkte er zu- ' erst an der Religionsschule der Talmud Thauro und trat bald in den Verkehr mit anderen großen jüdischen Gelehrten, z. B. — Zunz, Sachs und anderen mehr. Diese geben ihm eine Fülle von Anregungen, die sich zu literarischen Plänen gestalteten, deren Ausführung seine Lebensaufgabe bildere. Seine bekannte Raschiausgabe, welche 1865 erschien, machte ihn weit über die Mauern Berlins bekannt. Er wurde auf Grund dessen Ehrendoktor der Leipziger Universität. Von hier an beschäftigte er sich mit Nascht und dessen Schule bis an sein Lebensende. Ein Bortrag, welchen Berliner in den Mauern unserer Stadt gehalten hat, soll auch hier nicht unerwähnt bleiben: Blicke in die Geistes Werkstatt Raschts 1905. Er war Mttgründer der A d a ß I i s r o e l-G emeinde zu Berlin und hat stets für deren Gedeihen in hervorragendster Weise bis an sein Lebensende gewirkt. 1873 wurde das orthodoxe Rabbirrsrseminar in Berlin gegründet. Hier konnte Dr. Hildesheimer s. A. keinen besseren auf den Lehrstuhl für Geschichte und Literatur berufen als Berliner. Derselbe war ja nicht nur als großer Gelehrter der jüdischen Wissenschaft bekannt, sondern man wußte auch, daß er be. sähigt war, seinen Geist und seine Gesinnung auf seine Hörer zu übertragen. Nicht unerwähnt sollen Berliners Studien in Italien sein. — Früh erkannte Berliner, daß er sich für die Heranziehung alter Handschriften uüd Dokumente besonders eigne, was ihn veranlaßte, größere Reisen zu unternehmen. Berliner kam so nach Italien und besonders nach Rom. Hier stand Berliner nun an der Stätte des ältesten jüdischen Ghettos mit wachem Auge und suchte forschend nach den i» Archiven «nd Bibliotheken untergebrachien Materiali«,.