Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1923)
- Date
- 1923-10-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 42 Der Israelit 18. Oktober 1923 hatte ihn jedoch bei den damaligen langsamen Verkehrswegen noch nicht erreicht. Aber die Eltern des jungen Mädchens verzweifelten schier. Herr Nachmann hatte die größten Anstrengungen gemacht, um einen Weg zur Befreiung seiner Tochter zu finden — es war alles vergeblich. Gerne hätte der bedauernswerte Mann sein ganzes Vermögen geopfert, um das einzige, heißgeliebte Kind zu retten. Er war nach Berlin zum großen Kurfürsten gereist, um dessen Vermittelung anzurufen. Er hatte auch eine Audienz erlangt und sich dem edlen, wohlwollenden Monarchen zu Füßen geworfen. Gern hätte dieser geholfen; allein, er konnte doch, wie er sagte, um eines Iudenmädchens willen dem Könige von Spanien nicht den Krieg erklären. Vor der Klosterpforte hielt eine schwerfällige Kalesche. Der Kutscher stieg von seinem Sitze und zog an der Glocke. Als die Pförtnerin erschien und nach seinem Begehr fragte, übergab er ihr ein großes, wohlversiegeltes Schreiben. Die Pförtnerin beeilte sich, dasselbe der Aebtissin zu überbringen. „Hochwürdige Aebtissin," sagte sie, „ein Reisewagen hält vor der Tür; eine vornehme, wie eine Nonne gekleidete Dame sitzt darin; von ihr soll ich Euch diesen Brief überreichen." Die Aebtissin nahm den Brief und betrachtete die Adresse, die sie nicht zu entziffern vermochte; sie besah das Siegel; es war, das sah sie deutlich, ein Klostersiegel; allein die Umschrift konnte sie nicht lesen. Sie nahm ihre Schere und öffnete den Brief; fremde Schriftzeichen starrten ihr entgegen. „Ich glaube gar," sagte sie, „das ist französisch. Ia, wer das lesen könnte!" „Sollte vielleicht die Novize ... ." wagte die Pförtnerin zu bemerken. „Du hast Recht; rufe die Novize herbei!" Bald stand Rosa, oder Schwester Maria, wie sie jetzt genannt wurde, vor ihrer Oberin. „Kannst Du diesen Brief da lesen?" fragte dieselbe. Rosa nahm den Brief und las die Adresse: „An die hochwürdigste Aebtissin des Klosters St. Sulpiz zu Erkelenz." (Schluß folgt.) Der Sommer ist p Ende. Von Jaacob Israel de Haan in Jerusalem. I. „Das Sommerende ist so schwer ertragbar, wie der ganze Sommer," sagt der Talmud. Und obgleich nun schon Jerusalem garnicht eine so talmudische Stadt ist, wie es den Talmudkennern zu sein scheint, weiß das hier jedermann. Es war dieses Jahr ein schrecklich heißer Sommer. Hitzwellen sind über das Land dahingegangen und haben alle unsere Kräfte gelähmt. Und dabei liegt Jerusalem noch aus Hügeln. Wie aber muß es erst in Tiberias gewesen sein. Und in Jericho. Doch schon in ein paar Tagen kann Wind und Regen kommen Seit Pessach haben wir keinen Regentropfen mehr gesehen. Die Menschen sehnen sich hier nach einem Herbsttag mit Wind und Regen, wie wir ihn in Holland haben. Aber andererseits soll es mit Regen doch noch dauern, bis das Sukkothfest vorüber ist, damit die schöne Sukkoth, die man hier gleich nach Rosch ha-schonoh aufstellt, keinen Schaden erleiden. Die Araber kommen schon wieder mit frischem Grün in die Stadt, das sie aus den Schluchten Transjordaniens, hinter Jericho, ohne Rast und Ruhe geraubt haben. Und doch war der Sommer schön. Aber alle Regengruben sind schon wochenlang leer. Sogar das große Wasserbassin, unter der Omar Moschee, woraus die hiesigen Armen umsonst Wasser holen können, ist ausgetrocknet. Die Regierung, die unbeschreiblich viel Verstand besitzt, gibt für Häuserbau nur dann die Erlaubnis, wenn auch ein Regensammelbecken mit angebaut wird. Wir haben auch die Wasserleitung von den Salomonsteichen her. Aber die geben nicht immer Wasser. Aber die Leitung besteht. Also sagen wir: „Hamdillah". Wasserleitung bis in die Häuser gibt es nicht. Man muß das Wasser an öffentlichen Wasserkranen sich holen. Man holt es sich in Petroleumblechbüchsen von fünfzehn Liter Inhalt, die mittels Soda und Asche in Wasserblechbüchsen verwandelt werden. Stundenlang kann man da warten. Und ein Beamter hält unter den Petroleumblechbüchsen (ohne Unterschied von Rasse und Glauben, um einen geliebten Ausdruck unseres geliebten Sir Herbert Hamuel zu gebrauchen) Ordnung. Und falls jemand sich nicht gut Lenimmt, wird er gleich in die hinterste Reihe geschickt. Und da kann man keine Berufung einlegen. Wir schicken unseren alten Srur zum Wasserholen. Doch der sagt uns, er sei krank. Und so müssen wir das Wasser kaufen und der Preis ist zwei Piaster die Blechbüchse. Wir halten dem Wasserverkäufer, Jesaja, Kapitel 55, Vers 1 vor. Aber er kann nicht lesen. Die Wasserverkäufer haben sich zu einem Trust zusammengetan, genau so wie es bei Wibaut erzählt wird. - Zum Beispiel: wir kaufen unser Wasser bei einem alten syrischen Weib, das, gebeugt von zwei fünfzehn-Liter- Büchsen, unsere ganze Gegend unsicher macht. Jeden Tag sagt sie uns, wir seien ihr noch von gestern einen Piaster schuldig. Wir haben uns das zum Schluß nicht gefallen lassen und ihr gekündigt. Und nun, denkt an, kein Wasserverkäufer will uns liefern. Wir seien die Kunden dieser syrischen Frau. Und so haben wir mit ihr zu leben und zu sterben. Und drum sahen wir uns gezwungen, für zwei Büchsen mit Wasser fünf Piaster zu bieten. Denn bei einem Piaster extra springt der Trust auseinander. Und nun können wir so viel wir wollen Wasser haben. Und wenn wir des abends durch die Jaffastraße spazieren und hier und dort uns zu einem kleinen Täßchen Kaffee hmsetzen. Und der Wind beginnt etwas zu wehen. Ja, dann fühlen wir, daß wrr von diesem syrischen Wasserweibe unabhängig geworden sind. Die bedrängte Brust atmet tief auf. Und die ärgste Hitze ist wieder vorbei. II. Der Gouverneur, General Storrs und feine Frau laden uns mit einer hebräischen Einladung zu sich ein, ::m den Mandub es Sami, Sir Herbert Samuel mit Gemahlin zu begrüßen., die nun wieder zurüägekommen sind. Des morgens kommt Sir Herbert nach Jerusalem. Und schon nachmittags sind wir zum Tee geladen. Wegen des großen Dersöhnungstages und des Laubhüitenfestes geht es nicht anders. Wir gehen mit dem Oberrabbiner unserer Gemeinde, R. Chajim Sonnen- Cfeld, zum Empfang. Zwar haben wir viele Beschwerden gegen Mandub es Sami. Aber am Tag vor dem großen Versöhnungstage macht der greise Oberrabbiner sich doch auf, um dem High Commissioner ein glückliches Cneues Jahr zu wünschen. Es ist wieder das bunte Gewimmel, welches wir in den Worten ausdrücken: „alle braven Leute kommen". Wir danken General Storrs und Faru für die Einladung. Auch Oberrabbiner Kuck und Meier sind da. Wir setzen uns zum abbessinischen Bischof mit seinen kooptischen Gesellen. Sobald der Mandub es Sami eintritt, spielt die Musik einen Marsch. Sir Herbert beginnt nun seinen Rundgang. Fest und förmlich, wie immer seit drei Jahren. Die Zionisten sagen, er sehe gut aus. Die Anti-Zionisten sagen, er würde schlecht aussehen. Und plötzlich kommt Rabbi Kuck auf uns zu. Und mit R. Chajim spricht er ein paar schnelle und heiße Worte von Versöhnung, so dicht vor dem großen Versöhnungstag. Und R. Chajim, so alt, mit den sanften Augen und dem zärtlichen, lichten Angesicht, sagt: „Zwischen uns ist kein Unfriede . . . wir wünschen ganz Israel ein glückliches Einschreiben und eine glückliche Besiegelung." Raw Kuck spricht auch zu uns. Schon sehen Zionisten und Agudisten: die Rabbinen Sonnenfeld und Kuck sind im Gespräch. Ein Tag vor dem großen Versöhnungstag. Und wenn der Oberkommissar auf uns zukommt, steht der greise Oberrabbiner aus. Sir Herbert legt seine harte, kurze Hand in die milde, schwache Hand des alten Rabbis. Die Macht des Himmels und die Macht der Erde. R. Chajim spricht aus hebräisch seine Glückwünsche aus. Und ichC verdolmetsche es. Sir Herbert antwortet auf englisch. Auch mit den Rabbinen Bernstein und Jungreis werden ein paar freundliche Worte gewechselt. Sir Herbert, der auenfcheinlich die Monatsschrift des Misrachi der Niederlande nicht liest, gibt auch mir die Hand. „Eehts gut" fragt er fast streng. Ich denke an Sidna Abdullah, wie der doch liebenswürdig fragen konnte: „Wie geht es, Ihnen? Wie fühlen Sie sich? Allah gebe, daß es Ihnen gut gehe". „Er ist unser Bruder," sagt R. Chajim. „Ja, aber er stellt sich uns in den Weg," sagt Rabbi Jungreis. Und R. Chajim: „Alles zum Guten. Alles zum Guten. Purim kam durch Achasverus." Unser aller Freund Jerachmiel hat wieder viele Gäste bei sich im Hotel. Und wir bekommen zum Lunch wieder Kompotte, ohne daß wir etwas extra bezahlen müssen. Und auch die Kartoffel sind jeden Tag gar. Der Mittagwind kommt. Und der Sommer? „Vorbei, vorbei," sagt die Ewigkeit. Und wir sehen ein, daß es so ist. (Im Auszug übersetzt von H. K.). Gipfel amerikanischer Reklame. In einer amerikanischen Zeitung preist sich ein Chasan für die hohen Feiertage mit hohen Worten an und reproduziert dabei einen Zeitungsbericht über feine Leistungen im vorigen Jahre, der folgende erhebende Stellen enthält. „R. Todres Fonte nahm P i k t o n (Stadt in der Union) im Sturm. Der große Künstler vom Omud. der Karufo des Machsor, die Nachtigall des Almemor, der Wundermann von der Tongabel, R. Todres Fonte, betete mit einem verstärkten Doppelchore von vierzig Sängern, daß feine Töne alle Himmel spalteten und man förmlich sah, wie Satan * zappelte, der Ankläger eiligst davon lies, und der Verteidiger allein das Feld behauptete. Der Andrang an der Synagoge war fv groß, daß vierzig Polizisten über die Ordnung wachen und darauf sehen mußten, daß all diejenigen, die durch die Türe nicht mehr kamen, sich nicht durch die Fenster hineindrängten oder aufs Dach stiegen. Es gab zwanzig Verwundete..." in. Sommerende. Das Neujahrsfest ist vorüber. Gestern Abend haben wir „kapores" geschlagen. Und wer nicht weiß, was das bedeutet, kann die Leute fragen, die immer hebräisch sprechen und die immer schreiben, es sei nicht wahr. Unsere Salga hat natürlich ein weißes Huhn gehabt. Wir haben ihr gesagt: „Salge, wir werden Dir ein großes Huhn kaufen . . . denn Du hast viel gesündigt." „Ja Salääm" (O, Allerhöchster), hat Salge da ausgerufen: „ich viele Sünden . . . was tu ich denn? . Ich habe keinen Mann ... ich habe keine Kinder ... ich gehe nicht aus ... ich bin kein Zionist ... was tu ich." Wir haben auch für den kranken kleinen Jsak, den wir Jizchok rufen, einen weißen Hahn gekauft. Aber wir mrchten, daß für ein angeborenes Gebrechen selbst ein weißer Hahn nicht hilft. Es sei denn, daß der Heilige ein Wunder tun wird. Für Samucha haben wir ein braunes Kücken. Aber schwarze Hühner taugen, nichts. Unsere Salga hat das ganze Jahr heillose Angst vor schwarzen Hühnern und schwarzen Katzen. Und heute, so kurz vor dem großen Versöhnungstag, ganz zu schweigen von der ausgestopften Schlange in der Apotheke. (Die alte Bibel.) Auf einem Pult in der Ausstellung lag ein Buch zur Schau. Es kam ein einfacher Mann herzu, besah es von allen Seiten. „Ein Prachtstück," sagt er, „nirgends ein Fehler, trotz der Spuren fleißiger Benützung und trotz des hohen Alters kein Makel — das nenne ich eine Arbeit. Stolz kann man auf jenen Handwerker sein." So sprach der Buchhändler. Ein eleganter Herr kam nun an die Reihe. Er öffnete das Buch ließ die Blätter durch die Finger gleiten. Und er suchte ihre Güte und bewunderte . sie. „Viele hundert Jahre alt und das Papier.^lkoch so weiß,, als ob es gestern aUs der Maschine gekommen wäre." Es war der Papierfabrikant, der so sprach. Und nun kam der Buchdrucker. Diesem hat es der deutliche und wie frisch scheinende schwarze Druck angetan, ehrfürchtig blickte er hinein und ließ der Arbeit seiner alten Vorgänger alle Gerechtigkeit widerfahren. Und nun näherte sich dem Pulte ein weißbärtiger Mann. Der schlug das Buch auf und blätterte darin hin und wieder, eine Melodie vor sich hinsummend. Empört über die respektlose Behandlung eines so alten Buches stellten ihn die drei zur Rede. Jener erwiderte gleichmütig. „Was geht mich die Arbeit des Buchbinders, des Papiermachers und gar jene des Druckers an diesem Buche an? Der Inhalt ist es, der zu mir spricht.. Da ist meine Heimat. Ich muß sehen, ob alle die schönen Dinge darin stehen, die meine Jugend verklärt haben. Ob die Erzählungen, die mir von meinen Vätern berichtet wurden, darin stehen, wie ich sie gelernt und gelesen habe. Ja, dieses Buch und sein Inhalt sind mein Eigentum.- Die sprechen zu mir in der Sprache meiner Väter und lehren mich, meinen Gott lieben und ehrfürchten. Ich kenne das Buch von außen und von innen, ich gehe mit ihm schlafen und stehe damit auf. Aus allen meinen Wegen begleitet es mich." And der Alte blätterte darin unbekümmert weiter. Verärgert verließen die anderen den Platz. Und auch der Alte, als er das Buch gründlich genug durchgesehen, legte es vorsichtig nieder mit dem Anfang nach oben, küßte es und verließ sinnend und in sich gekehrt den Raum. Salo Leiter, Lemberg. (Judenabkömmlinge als Höhlenbewohner.) In den Oasen der Sahara sind, wie Arnold Köllner in der „Weserzeitung" schreibt, die Hauptbewohner Araber, Berber und Judenabkömmlinge. Diese Abkömmlinge ägyptischer und altrömischer Kolonisten sind durch die Libysche Wüste bis in den westlichen Teil der Sahara gelangt. Schon zu Ende des 15. Jahrhundert sind sie zum Islam übergetreten; aber in ihren Gebräuchen und in ihrem Aeußeren ist die jüdische Abstammung doch unverkennbar. Etwa 6000 bis 7000 von ihnen sind Troglodyten, Höhlenbewohner, die in kraterartig aussehenden Erdlöchern hausen. Sie tun das, weil es in diesen Höhlen im Sommer kühl, im Winter wärmer ist. Sie haben sogar unterirdische Garten angelegt; denn nur im Boden ist genügend Feuchtigkeit zur Entwicklung der Vegetation vorhanden. Wie sehr bei den Troglodyten die jüdische Tradition noch nachwirkt, zeigt der Amstand, daß sie, wie es die orthodoxen Juden tun, die für den Sabbat bestimmten Speisen am Freitag kochen. Als Wasserhändler haben sie in den Oasen eine wichtige wirtschaftliche Aufgabe zu erfüllen. Sie sorgen dafür, daß die Dattelpalme, das wichtigste Nutzgewächs der Sahara, stets bewässert werden kann; denn eine einzige Palme repräsentiert bisweilen wegen ihrer großen Fruchtbarkeit einen Wert von zweihundertfünfzig Franken.