Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-10-18 · Heft 42 (18.10.1923) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 42 (18.10.1923)
Date
1923-10-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450275--70821-2527705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

TeuilUton Beilage kr.« i»rr Oer Israelit Die Nonne. Erzählung von M. Kesser. I. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts waren die Niederlande bereits vou Spanien abgefallen, während Brabant, das heutige Belgien. noch unter spanischer Herrschaft stand. Hierzu gehörte ein Streifen deutschen Landes, der nördlich von Aachen seinen Anfang nimmt und sich längs der belgischen und holländischen Grenze hinzieht. Das Städtchen Erkelenz gehörte noch zu den spanischen Niederlanden; aber schon hart an der Stadtmauer, nach Osten zu, begann das deutsche Gebiet. Die für Spanien geltenden Gesetze halten auch für die spanischen Niederlande Giltigkeit, und kein Jude durfte sich dort sehen lassen, ohne sich den größten Gefahren auszusetzen. An einem schönen Sommertage des Jahres 1652 hielt ein Reisewagen am Tore des Städtchens. Der Torschreiber trat heraus, um, der damaligen Sitte gemäß, die Namen der Durchreisenden aufzuschreiben. In dem Wagen saß ein schönes Mädchen von etwa neunzehn Jahren. „Rosa Bonneheure aus Nancy", meldete der Lutscher. „Wohin?" fragte der Torschreiber. „Reist zu Verwandten nach Cleve." — „Lann passieren." — „Halt!" rief plötzlich eine tiefe Stimme. „Wenn ich nicht sehr irre, so ist das die einzige Tochter des reichen Steuerpächters Nachmann aus Cleve.- Judendirne, wie kannst Du es wagen, in unser Land, in unsre Stadt zu kommen! Du bist dem Tode verfallen und wirst verbrannt werden." — So rief ein Jesuitenpater, der gerade vorübergegangen und stehen geblieben war. Er war aus Cleve gebürtig und kannte die dortigen Juden. Das junge Mädchen war zu Tode erblaßt und vermochte nicht Antwort zu geben. Der Lutscher sprang vom Bocke herunter und rief: „Ehrwürdiger Vater, Ihr irrt Euch! Die junge Dame ist keine Jüdin." „Hans, Hans, lüge nicht!" sagte der Pater, mit dem Finger drohend. „Ich kenne Dich wohl, Du dienst schon viele Jahre als Lutscher bei dem Juden Nachmann!" Der Lutscher warf sich dem Pater zu Füßen und umklammerte dessen Lnie. „Ehrwürdiger Vater," rief er, „ich bitte Euch, laßt uns ungehindert ziehen! Wenn Ihr aber Jemandem strafen wollt, so straft mich; denn ich allein bin der Schuldige. Meine Herrschaft hat mir auf das Strengste anbefohlen, das spanische Gebiet zu vermeiden. Ich aber wollte mir den großen Umweg ersparen. Schon auf der Hinreise nach Nancy, wo die Jungfrau ihre Großmutter, die alte Frau Ponneheure besucht hat, bin ich ungehindert durch Erkelenz gefahren, und nun dachte ich, es würde wieder gut gehen. Wie könnte ich meiner Herrschaft unter die Augen treten, wenn ich ihr die geliebte Tochter nicht wieder brächte!" Bei diesen Worten fing der Mann an, bitterlich zu weinen. Der Pater stieß ihn verächtlich fort. „Schweige," schrie er, „Du Lnecht eines Juden, und sei froh, wenn wir Dich ungehindert ziehen lassen!" llnterdeß hatte sich eine große Menge Volkes gesammelt; auch der Büttel war herbeigekommen, und der Pater befahl ihm, das zitternde Mädchen aus dem Wagen zu reißen und auf das Rathaus zu führen. Bald waren die Ratsherrn, an ihrer Spitze der regierende Bürgermeister versammelt, um das Urteil über die Jüdin zu sprechen, die auf spanischem Gebiet war betroffen worden. .Folterknechte mit ihren Marterwerkzeugen waren zugegen, um sofort die Tortur zu üben, wenn die Angeklagte es wagen sollte, das ihr zu Last gelegte Verbrechen zu leugnen. „Wie heißt Du?" fragte der gestrenge Herr Bürgermeister. „Rosa", antwortete das zitternde Mädchen. „Du bist Jüdin?" Leine Antwort erfolgte. Der Pater trat vor und hielt der Unglücklichen ein Lruzifir hin. „Da küsse!" sprach er. Das junge Mädchen wandte sich schaudernd ab. Jetzt stand es über allem Zweifel fest, daß man eine Jüdin gefangen hatte. Der hochweise Rat verurteilte sie, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Als das Urteil verkündet wurde, sank das Mädchen in die Lnie und fing laut an zu weinen. „Habt Erbarmen," rief sie, „begehet ' doch keinen so schrecklichen Mord an mir, schont mein junges Leben! Was habe ich getan, daß Ihr mich töten wollt? Lann ich dafür, daß der Lnecht mich ohne mein Wissen durch Eure Stadt fahren wollte?" „Es gibt ein Mittel," sagte der Pater, zu dem Mädchen hintretend, „Dein junges Leben zu retten." „O, nennt es mir, ich bitte Euch!" Der Pater hob das kniende Mädchen auf und sprach: „Vielleicht ist es zu Deinem Heile, Rosa, daß Du hierher gekommen bist. Schwöre Deine jüdischen Jrrtümer ab und bekenne Dich zum alleinseligmachenden Glauben, dann werden die gestrengen Väter dieser Stadt Dir Gnade erteilen und Dir das Leben schenken. Nicht so, gestrenger Herr Bürgermeister und Ihr Herren Senatores?" „Ihr irrt Euch, ehrwürdiger Vater," sprach der Bürgermeister. „Wer bürgt uns dafür, daß die Dirne, nachdem sie sich zum Scheine hat taufen lassen, nicht zu ihren alten Jrrtümern zurückkehrt?" „Ich bewundere die Weisheit Eurer Gestrengen," sagte der Pater. „Freilich dürfte das Mädchen nicht zu ihren Eltern zurückkehren: es müßte hier bleiben und als Nonne in das Lloster St. Sulpiz eintreten." „In diesem Falle," sprach der Bürgermeister, „sind wir bereit, der Verurteilten Gnade zu gewähren. Wie meint Ihr, Ihr Herren?" Die Senatoren nickten zustimmend. „Willst Du, Rosa, Tochter des Juden Nachmann aus Cleve," fragte jetzt der Bürgermeister, „Deine Jrrtümer abschwören, die Taufe empfangen und als Braut des Erlösers bei den heiligen Frauen zu St. Sulpiz wohnen und bleiben bis an das Ende Deiner Tage?" Rosa antwortete nicht; ein Tränenstrom entstürzte ihren Augen. „Verschmähst Du unsere Gnade?", schrie der Bürgermeister. „Gestrenger Herr," unterbrach ihn der Pater, „laßt der Jungfrau Zeit, die Sache zu überlegen. Die hochwürdige Aebtissin von St. Sulpiz, deren Obhut wir sie übergeben wollen, wird sie schon für unseren heiligen Glauben gewinnen. Ich selbst will mich der Mühe unterziehen, diese Judenseele zu belehren und sie dem Himmel zuzuführen." n. In einsamer Zelle saß Rosa, still vor sich hinweinend. Urplötzlich war ein schweres Geschick über das junge Mädchen hereingebrochen, das sie um so härter traf, da sie in ihrem jungen Leben noch keinen Lummer erfahren hatte. Ihr Vater war einer der angesehensten Israeliten d'es Landes und hochgeachtet in seiner Heimatsstadt; ihre Mutter, eine Französin von Geburt, war eine sanfte und liebevolle Frau, die kein anderes Glück kannte als das ihres Gatten und das ihres einzigen Lindes. Umgeben von Liebe und Güte war Rosa im Schoße des Reichtumes herangewachsen. Nicht glaubte sie, daß ihr Glück auch erhöht werden könnte, und doch war es geschehen. Leser, der älteste Sohn des reichen Juden Baruch aus Düren, ein schöner und gebildeter junger Mann, war nach Cleve gekommen und hatte das Herz der schönen Rosa gewonnen. Baruch von Düren hatte während des dreißigjährigen Lrieges Lieferungen an die Heere der verschiedenen kriegführenden Mächte übernommen und ausgeführt. Er und sein ältester Sohn waren dadurch vielfach mit vornehmen Leuten in Berührung gekommen, und Leser hatte sich eine für die damalige Zeit seltene Bildung angeeignet. Unter Anderm sprach und schrieb er das Französische wie seine Muttersprache. Die Eltern der beiden jungen Leute waren froh und glücklich, daß sich deren Herzen gefunden, und so wurde denn das Verlobungsfest mit großer Freude begangen. Ein Eilbote wurde an die Mutter der Frau Nachmann nach Nancy geschickt, um ihr das freudige Ereignis zu melden. Der Bote kam zurück und brachte ein Schreiben mit, in welchem die Großmutter den dringenden Wunsch aussprach, ihre Enkelin noch einmal vor ihrem Tode zu sehen; sie fühle sich alt und schwach und bitte dringend, ihr diesen vielleicht letzten Wunsch nicht zu versagen. Herr Nachmann konnte nicht abkommen, seine Frau fühlte sich nicht ganz wohl, <md so beschloß man, das junge Mädchen der Obhut des treuen Hans anzuvertrauen, der schon viele Jahre als Lutscher bei Nachmann in Diensten stand. Glücklich war die Hinreise vorübergegangen. Die Großmutter hatte sich nicht wenig mit der holderblühten Enkelin gefreut und sie mit den besten Segenswünschen wieder entlassen. Diese sollten sich nicht erfüllen; entweder war das unglückliche junge Mädchen dem Tode geweiht, oder es mußte noch Schrecklicheres als den Tod erdulden. Für die heißgeliebten Eltern, für den zärtlich geliebten Bräutigam war sie auf jeden Fall verloren! Wochen vergingen, und der Lummer und der Schmerz des unglücklichen jungen Mädchens wurden immer stärker. Sie hatte, in der Hoffnung, daß ihr Vater und ihr künftiger Schwiegervater durch ihre einflußreichen Verbindungen für ihre Befreiung sorgen würden, zum bösen Spiele gute Miene gemacht und war scheinbar auf die Pläne des Paters eingegangen. In dem Letzteren, dem Beichtvater des Llosters, hatte sie einen Beschützer gefunden; sie bedurfte des Schutzes gar sehr, denn die Nonnen, meistens dem Bauernstände entstammt, waren sehr unwissend und gaben ihrem Abscheu gegen die Jüdin oft den rohesten Ausdruck. Wochen waren vergangen, und Rosa hatte von den Ihrigen kein Lebenszeichen erhalten. War sie von Vater, Mutier und Bräutigam vergessen? Der Bräutigam wußte allerdings noch nichts von dem schrecklichen Ereignisse; er hatte eine Reise nach Wien machen müssen, um die Ausstände, die sein Vater von den Laiserlichen zu fordern hatte, einzutreiben. Zwar war ihm gleich nach dem Unglücksfalle ein Bote nachgeschickt worden, um ihn zurückzurufen. Dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.