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Der Israelit · 1923-10-18 · Heft 42 (18.10.1923) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 42 (18.10.1923)
Date
1923-10-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 42 D er Israelit 18. Oktober 1923 von der Hitlergarde die Verstimmung gegen das Reich in Bayern ganz und restlos für den Judenhaß nutzbar gemacht. Cs wird berichtet, daß die bayerischen - Umstürzler, die mit der Ausarbeitung der Losungen gegen die Reichsregierung und die übrigen Vertreter der offiziellen deutschen Politik beschäftigt sind, massenweise Flugblätter verbreiten, die meist kurzgefaßte, hetzerische Schlagworte zum Inhalt haben und beinahe sämtlich die doppelte Anrede „An die Nationalsozialisten" ^und „An die Antisemiten" enthalten. Auf solche Weise wird alles, was antisemitisch ist, als offizielle Stütze der bayerischen Umstürzler angerufen. Und Herr Kahr schweigt! Zur Entwicklung der englischen Palästina-Politik. Die englische Reichslonferenz mit ihrer Fülle von Anregungen und kritischen Auseinandersetzungen zu allen Tagesproblemen der weitschichtigen britischen Weltpolitik hat naturgemäß auch neue Antriebe zur Klärung und Weiterentwicklung der arabisch-jüdischen Palästina-Frage gebracht. Nach den Erklärungen des Herzogs von Devonshire in der Konferenz, die im Prinzip ein Bekenntnis zu den bisherigen Grundsätzen der Samuel'schen Verwaltung bedeuteten, kommt nun die etwas sensationell wirkende Nachricht, die Regierung habe beschlossen, neben der „Iewish Agency" auch eine „Arabische Agentur" mit öffentlich-rechtlichem Charakter einzurichten. Von zionistischer Seite wird verbreitet, die Ausführung der Idee sei ausdrücklich von der Zustimmung beider Parteien abhängig gemacht worden. Noch ehe jedoch die Zionistische Organisation sich äußern konnte, haben die Araber die' ihnen gebotene Hand bereits zurückgewiesen und erklärt, sie verlangten nicht eine zweite, arabische, sondern die Beseitigung der Jüdischen Agentur. Es erscheint schwer begreiflich, daß die englische Regierung ihren Plan in die Oeffentlichkeit gelangen ließ, ehe sie einer Annahme von arabischer Seite sicher war; will man daher England keine grobe Ungeschicklichkeit unterstellen, so liegt der Gedanke nahe, daß es sich bei dem Ganzen lediglich um eine Konzession an die Zionistengegner im englischen Parlament handeln sollte, denen man jetzt einen neuen Beweis für die verhandlungsunfähige arabische Widerhaarigkeit geliefert'hat. Eines ist klar: die Bagatellisierung der Balfour-Erklärung konnte kaum durch einen feierlicheren Akt der englischen Regierung vor aller Welt ins Werk gesetzt werden als durch das Angebot der „Arabic Agency". Die „Iewish Agency" in ihrer Einzigkeit war eigentlich der letzte Rest des zionistischen Traumes von einem auf politischem Wege erstehenden ^.jüdischen Palästina". Die Doppelagentur sollte demgegenüber das Symbol des a r a b i s ch - jüdischen Palästina werden. Dieses Symbol aber genügt dem zu stärkstem Machtbewußtsein erwachten Arabertum nicht mehr. Es wünscht ein schlechtweg arabisches Palästina, in dem die Juden als Minderheitsnation wie in allen Golusländern des Ostens eine Art innerer Autonomie, aber keinerlei politische Vorzugsstellung genießen sollen. Man wird gut tun, darüber volle Klarheit walten zu lassen. Oktober-Abonnement. Bei Redaktionsschluß dieser Nummer ist die Schlüsselzahl 1100 Millionen, was einem Abonnementsdetrage von 550 Millionen entspricht. Wir haben trotzdem die Nachnahmen der letzten Tage freibleibend auf 400 Millionen belassen und werden nunmehr bei denjenigen Abonnenten, von denen bisher für Oktober dieser Betrag noch nicht eingezogen wurde, die fehlende Differenz durch Nachnahme nacherheben. Wir bitten dringend, keine Nachnahme zurückgehen zu lassen — 400 Millionen bedeuten 33 Friedenspfennige, bedeuten vier Fünftel von einem Laib Brot! Ist der „Israelit" eines ganzen Monats kernen Laib Brot wert? idtkh rrrr mb anVn Vs? xV . Frankfurt a. M., 17. Oktober. Verlag des „Israelit" G. m. b. H. Frankfurt a. M. Wunder und Naturgesetz. Don stud. chem. Ismar Kellner in Aerttn. In der mannigfachen Vielgestaltigkeit der natürlichen Erscheinungswelt sucht der menschliche Geist gleichsam nach einer erhöhten Warte, von der aus sich sein Auge über die Fülle der Einzelgeschehnisse orientieren kann. Er ringt nach Prinzipien, nach welchen er sie folgerichtig 121 131 *jina miteinander in Beziehung zu setzen hat, um aus der Vielheit der Erscheinungen eine systematisch gegliederte Einheit in seiner Anschauung zu gestalten. Diese Prinzipien, welche also über den ursächlichen Zusammenhang der Dinge Aufschluß geben sollen, „setzen" für den Menschen omit das natürliche Geschehen, d. h. sie sind die „Gesetze" der Natur. Das Kriterium ihrer Richtigkeit ist ihre durchgreifende Gültigkeit, und die Wissenschaft strebt an, sämtliche Tatsachen des Naturgeschehens nach ihnen zu erklären. Der denkende ’iirp jedoch mutz mit einem gewissen Vorbehalt diesem Bestreben der wissenschaftlichen Forschung gegenübertreten, und zwar im Hinblick auf solche Erscheinungen, welche aus dem Rahmen der Naturgesetzlichkeit in unverständlicher Eigenart heraustreten. Entspricht es wohl der traditionellen lleberlieferung, die Wunderwelt in den Kausalmechanismus des Naturgetriebes einzuordnen, oder vermittelt uns die .lim eine andere Auffassungsweise des Wunders, welche seiner wesentlichen Bedeutung besonders Rechnung trägt? — Es besteht in der jüdischen Forscherwelt eine starke Neigung dafür, in einem Ausgleichsbestreben mit der allgemeingültigen Weltbetrachtung das biblische Wunder in einer derartigen Anschauungsform zu modifizieren, sodaß. es mit den wissenschaftlichen Hypothesen nicht in Widerspruch gerät. Das Bestreben geht dahin, die naturgesetzliche Möglichkeit, sogar Notwendigkeit des Wunders zu erweisen. Was ein jedes biblische Naturphänomen als Wunder charakterisieren soll, das ist die seltsame lokale und temporelle Konstellation der Umstände, unter der es eingetreten ist. Nicht die Wundererscheinung an sich, als vielmehr der eigenartige Zusammenhang, in welchem sie mit den jeweiligen Verhältnissen und Situationen in Verbindung steht. Der Durchzug durchs Schilfmeer z. B. wäre nach dieser Auffassung allein dadurch als v3 gekennzeichnet, daß ein rein naturgesetzlicher Vorgang von Ebbe und Flut gerade im kritischen Augenblicke des ägyptischen Verfolgungszuges in Erscheinung treten mußte. — Sieht man von den Einwänden wissenschaftlicher Art ab, welche man in jedem speziellen Falle gegen die naturgesetzliche Auslegung des Wunders ins Feld führen könnte, so hat sie doch in prinzipieller Hinsicht vom Standpunkt religionsphilosophischer Perspektive aus zu denken zu geben: In den Sinnsprüchen beri"ipa,/npsni28yis wird uns von zehn Erscheinungen berichtet, welche am Rüsttage des ersten Sabbat erschaffen wurden. Und nach der Ansicht der ü'Q2N sind diese nur eine Auswahl aus der Fülle der anderen Wunder, welche ebenfalls am letzten Schöpfungstage bestimmt worden sind. niffattM s'2 712V 21172 18123 Ö*>121 nitfJ? Zehn Dinge wurden am7i22?'2ipin der Dämmerung geschaffen: Das große Schöpferwerde war über die Weltenöde gerufen worden, in den Kurze Bemerkungen zum ersten Blatte der Thora? Von Rabbiner Dr. Kekir Kanter, Iwittarr (Mähren). .Es ist nicht gut, daß der Mensch allein fei etc." Schon unseren Weisen fiel der Gegensatz von ny („Stütze) nnd >n33D („g egen ihn") aus. Soll die Frau dem Manne eine Stütze sein, dann darf sie es nicht „gegen ihn" sein. Tatsächlich wird in diesem Verse aus die verschiedenen Arbeits¬ und Betätigungsgebiete des Mannes und des Weibes hingedeutet, die in Wirklichkeit entgegengesetzter Ratur sind; der Beruf des Mannes als Gatte und Vater ist grundverschieden von der Betätigung des Weibes als Gattin und Mutter. Auf diesem Gegensatz beruht auch die Harmonie eines wahrhaft glücklichen Ehelebens: daß jeder der Ehegatten auf seinem Gebiete sich betätige und sein Bestes leiste. *) Nach „Jalkul Hadrusch". i. Teil. j Greift aber einer der Gatten in den Wirkungskreis l des andern ein, dann entsteht in der Regel eine i Disharmonie, die das wahre Glück der Ehe untergräbt. Die Frau ist dem Manne nur dann eine wahrhafte „Stütze", wenn sie in ihrem Berufe völlig ausgeht, der grundverschieden ist von dem ihres Gatten. Daher 11332?>y. „Und zum Weibe sprach Er: stark vermehren werde ich Deine Schmerzen usw." ' Raschi z. St. übersetzt — nach Talmud Erubin 100 a — 1:122V mit ->22 (den Sorgen und Leiden der Kindererziehung), -311H mit 112^“ 1V2 und □MD ■nbn 22V2 mit m^D 1V2 (den Geburtswehen). Hier ist die Reihenfolge der Schmerzen sehr auffallend. Denn zuerst kommt doch 112^1 iV2. dann iiTbn 122 und zum Schluß erst 2^:2 iit: 122. Allein nach Ansicht unserer Weisen (Synhedrin 38a) waren schon Kain und Abel auf der Welt, als ihre Mutter Eva das göttliche Verbot übertrat. Daher traf sie als die erste Strafe -$2 □vja daß sie ihre (bereits geborenen) Kinder mit Schmerzen erziehen soll: was aber die Zukunft anbelangt, soll zuerst sein 1121V" 1V2 und dann rrrbn 172. „Und Adam nannte den Namen seines Weibes NIN usw." Die Benennung seines Weibes „Mutter aller Lebenden" steht in ursächlichem Zusammenhänge mit der Strafe, die dem Manne in den vorhergehenden drei Versen auserlegt wurde. „Im Schweiße seines Angesichtes" soll er fortan sein Brod erwerben, und die Sorge, sein Brod zu erwerben, wird ihn durch sein junges Leben begleiten, „bis seiner Rückkehr zur Erde". Der Mann wird daher wenig Zeit finden, sich um die physische und geistige Erziehnng seiner Kinder zu kümmern, sie so zu behüten und zu betreuen, wie es vielfach — zu wünschen wäre. Dies alles wird er vielmehr der Frau überlassen müssen; sie wird die Mutt er aller Lebenden sein. Für den ersten Brudermord führt der Midrasch drei Gründe an. Kain, so meint der Midrasch, geriet mit seinem Bruder Abel in Streit darüber, daß sie die Welt unter einander teilten. Der eine nahm die unbeweglichen, der andere die beweglichen Güter an sich. Dadurch gerieten sie in Streit miteinander, in dessen Verlaus Kain seinen Bruder erschlug. Nach anderer Ansicht stritten sie darüber, aus wessen Gebiet das zukünftige Heiligtum einst errichtet werden sollte; Kain verlangte, daß das Heiligtum auf seinem Gebiete errichtet werde, und dasselbe verlangte auch Abel (an^n rp2 iDinn2 1Q18 nr “121 rü'a). Als sie sich darüber nicht einigen konnten, erhob sich Kain und erschlug seinen Bruder. R. Huna hingegen meint, sie stritten sich wegen der Zwillingsschwester, die zugleich mit Abel zur Welt kam. Kain beanspruchte diese Schwester für sich unter Berufung-auf feine Erstgeburt und Abel beanspruchte sie für sich, weil sie seine Zwillingsschwester war. Dieser Streit führte dann zum Brudermord (ibni3 idix nr tan äs? mta hdinm). Drei Beweggründe sind es, die die Menschen veranlassen, die Waffen zu ergreifen, Krieg zu führen und ihre Brüder zu morden. Hunger und Liebe und religiöse Unduldsamkeit. Diese Gründe sind in der genannten Midraschstelle kurz angedeutet: Kain und Abel stritten um ihres Besitzes willen, keiner von ihnen gab sich mit seinem Besitze zufrieden, jeden gelüstete es nach dem Besitze des andern.

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