Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1923)
- Date
- 1923-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 »: 18 u. 14 •mißten Audenheit Wiens vsröffsntlicht, worin unter Führung des Präsidiums der Kultusgemeinde Vertreter verschiedener jüdischer Gruppen und Organisationen die Regierung zu entschiedener Aufrechterhaltung der Staatsautorität gegenüber den antisemitischen Ausschreitungen aufgefordert wird. Es wird wohl niemand glauben, daß diese Erklärung oder etwa die Vorstellung, die in einem ähnlichen Sinne der bayrische G e m e i n d e v e r b a n d bei dem Ministerpräsidenten in München erhoben hat, geeignet wäre, den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen oder auch nur die in wohl-" wollender Neutralität verharrenden Regierungsbehörden der beiden Staaten zum kräftigeren Schutze der bedrohten jüdischen Existenz zu veranlassen. Aber man wird nichtsdestoweniger einen derartigen Schritt durchaus billigen nüissen, da er an sich unschädlich und dabei einfach ein natürlicher Ausfluß des mit jedem Tage stärker provozierten jüdischen Ehrgefühles ist. Diese Kundgebungen stärken außerdem nach innen den Willen zur geschlossenen und kraftvollen Abwehr und werden auch nach außen bei denjenigen nicht unbeachtet bleiben, die sonst im Lärm des Tages und unter dem 'Drucke ihrer eigenen wirtschaftlichen oder politischen Interessen beim besten Willen oft nicht merken, in wie furchtbarer Weise die .Hydra des blutrünstigen antisemitischen Menschenhasses in ihrer nächsten Nähe ihre Giftzähne zeigt. Ganz anders dagegen steht es mit demjenigen Mittel der Abwehr, zu dem die Wiener Z ionisten griffen, indem sie vor einigen Wochen und zwar aus gerechnet an einem Sabbat eine große öffentliche Deinonstrationsversammbing gegen den Judenhaß in einen der größten Wiener Säle einberiefen. Die Folgen dieses Aktds, den man unüberlegt nennen möchte, wenn er nicht der oft schon in die Erscheinung getretenen zionistischen Politik des Kraftmeiertums und des Säbelrasselns entspräche, sind unfern Lesern bekannt. Er hat lediglich zu einem wilden Anfflackern der im.Hakenkreuz-Pöbel aufgespeicherten Progromülst und zu weiteren Auswirkungen des Wiener akademischen Judenhasses geführt. Trotz dieser Tatsachen findet es die Zionistische Jüdische Rundschau" angemessen, mtt einer Belobigung des Wiener Judentums wegen seines „mutigen Kampfes für seine Ehre und seine Rechte" (gemeint ist die obenerwähnte Erklärung) einen Angriff auf — den „Israelit" zu verbinden, dessen Haltung als „ghettohafte Aengftlichkeit" charakterisiert wird. Wenn die „Jüdische Rundschau" künftig so bescheiden sein will, daß sie in der Veröffent- « ■Sf -v (lichung von Kundgebungen nach Art dsr Wiener KultuSgemeinde-Erklärung in der Tat einen besonderen „Mut" erfordernden „Kampf für Recht und Ehre" erblickt, so soll uns das gewiß recht sein. Im übrigen aber ziehen wir es vor, aus den in den Jahrtausenden der jüdischen Bolksexistenz bewährten Methoden unserer Väter zu lernen, die m i t t e n i m Ghetto und mit -all ihrer .„ghettohaften Aengftlichkeit" innerlich aufrechte Männer bis zum Gefängnis und zum Scheiterhaufen blieben, statt daß wir, wie es die „Jüdische Rundschau" wünscht, die Straßendemagogie kleiner und großer Tagespolitiker einfach ins Jüdische übersetzen und damit die Lage von Hunderttausenden unserer Brüder und Schwestern skrupellos der schwersten Gefährdung ausfetzten. GrwisieMreiheit im 20 Jahrhundert Unsere Leser finden an anderer Stelle .inen kurzen Bericht über die Verhandlungen des deutschen Reichstages in Sachen der religiösen Gewissensfreiheit int „Freistaat" Sachsen. Die vom Reichsminister Oes er in seinen Ausführungen erwähnte neue Verordnung des sächsischen Unterrichtsministers trägt das Datum des 9. März und hat folgenden Inhalt: Urlaub an Lehrer oder Schüler an religiösen, staatlich nicht anerkannten Feiertagen soll nur gewährt werden: 1. für die römisch-katholische Ä-irche am Fronleichnamsfest, am Donnerstag nach Trinitatis, am Feste Peter und Paul am 29. Juni, am Feste Maria Himmelfahrt am 16. August, am Feste Allerheiligen am 1. November und am Feste Mariä Empfängnis am 8. Dezember; 2. für die israelitische Religionsgesellfchaft an den beiden Neujahrsfesttagen im September oöcr Oktober und am Berföhnungsfeste 8 Tage nach dem Neiljahrsfeste. Die israelitischen Lehrer und Schüler find außerdem auf Antrag, der für die Schüler von ihren Erzieh u n g sp fli chti g e n schriftlich zu stellen ist, an beit Sonnabenden (Sabbaten) uitb den hohen israelitischen Festtagen vom Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten in der Schule zu befreien. Das Verbotder Andachten, Gebete und Kirchenlieder außerhalb der Religionsstunden, also bei Schulfeiern und amtlichen Lehrerversammlungen, gilt nur nicht für die Schulen katholischer Minderheitsgemeinden, denen früher die einstweilige Erhaltung ihres konfessionellen Charakters ausdrücklich zugesichert worden ist. Wie nran sieht, ist durch diese Verfügung der empfindlichste und unsittli ch st e Eingriff in die Gewissensfreiheit erfreulicherweise beseitigt: es kann fürder auch in Sachsen kein jüdisches Kind mehr zwangsweise zur Begehung einer Todsünde durch Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten an Sabbat und ' 29 Mch z IM Feiertagen angehalten werden. Angesichts dieser Tatsache wird man sich vorerst damit zufriedengeben können, daß der Schulbesuch an Sabbaten und Feiertagen immerhin obligatorisch bleibt, obgleich auch diese Bestimmung eines demokratischen Staatswesens durchaus unwürdig ist. Welches Recht hat der Staat, jemanden, der die Nachteile eines unregelmäßigen Schulbesuches auf sich nehmen will, durch kasernenmäßiges Reglementieren in seiner Freih nt zu beschränken? Kann ehrlicherweise heute jemand behaupten, daß in einem Staate wie Sachsen durch, das Fernbleiben weniger jüdischer Kinder der Schulbetrieb auch nur die geringste Störung erleiden 'könnte? Immerhin — die jüdische Gesamtheit wird die Bemühungen der Parteien und Organisationen, deren Aufklärungsarbeit die Abänderung des Zwangserlasses zuzuschreiben ist, mit aufrichtigein Dank anerkennen. Gleichzeitig kommt aus der Schweiz die erfreuliche Kunde, daß auch die Berfolguii gsMaßregeln in Zürich, durch die den jüdischen Kindern das Martyrium der Sabbatentweihung auferlegt werden sollte/aufgeschoben sind und von einer höheren Instanz noch einmal nachgeprüft werden sollen. Eine Lehre sollte man allenthalben aus diesen Kämpfen um die Seele unserer Kinder gerade in solchen Staatswesen, die sich demokratisch nennen, jedenfalls ziehen: Die jüdische Schule ist eine Zeitforderung von noch nie dagewesener Aktualität. Je mehr der Staat im Bewußtsein feines volkstümlichen Charakters statt des alten Zwanges der Körper, wie ihn der Feudalstaat kannte, die zwangsmäßigc Beeinflussung der Seele vom frühesten Kindesalter an als .Höheziel seiner Schulpolitik betrachtet,- desto gebieterischer erhebt sich die Pflicht für alle religiösen Kreise, insbesondere aber für die jüdischen Eltern, den Kindern Stätten zu schaffen, in denen sie froh und fröhlich, dem göttlichen Gesetze in Denken und Leben hingegeben, zu freien, geschlossenen, religiösen Per-, sönlichkeiten heranzureifen vermögen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte kein materielles Opfer zu groß sein. Ger Zionismus und die Manische Orthodoxie. Von Lrtauensis. „Wie dürfen gesetzestreue Juden, wie die litauischen Orthodoxen, Gegner der Zionisten sein?", frug nach neulich ein eifriger Zionist aus der „Poalei Zion"-Fraktwn. Hat denn Pa-/ Als Jisroel aus Mtz-ajim zog, — da — so bemerkt der Sohar hakodosch in seiner tiefsinnigen Art — nrrv SVv 1B1K0, empfanden sie den Geschmack des Sterbens, bis der Allmächtige sie heilte, denn so heißt es: LN'rvb *f?n 'm und Gott zog vor ihnen. Im Einzelschicksal und auch im Geschicke der Gesamtheit gibt es Momente, die den Menschen elend und sterbensunglücklich machen. Man har lange, lange Jahre einem Ziele zugestrevt und endlich hat man es erreicht. Das so heiß Ersehnte ist erlangt, das so sehnsüchtig Erwartete ist endailtig Ereignis geworden. Und da empfindet der Mensch eine ungeheure Leere: sein Leben ist inhaltslos geworden. „Das also ist das Ende meiner heißen Wünsche, so also schaut das mit allen Fasern des Herzens ersehnte, mit allen Muskeln des Körpers erarbeitete Ziel aus?", fragt sich der zagende Augenblicksmensch und ringt verzweifelt die Hände und fühlt die große Leere im Herzen. j ES ist die Tragik des Erreichten, daß man alles ‘ bisher Erstrebte vergeudet glaubt, weil man nun ziellos geworden ist. Auch Jisroel zur Zeit der Befreiung aus Mizrajims Sklavenjoch mußte Aehnliches empfinden. Lange Jahrzehnte, tränen- und leidensreiche Jahrhunderte. hatte die Mutter dem Kinde, der Vater dem Sohne von einer goldenen Zukuyft erzählt, die die Erlösung aus hartem Dienste und die Befreiung vom egyptischen Geiste bringen wird. Sehnsüchtig hatte ein ganzes Volk eine Zukunft erträumt, da man frei.leben wird, eigener Herr seiner Entschlüsse und Handlungen sein darf. Und endlich war dem Volke ein Mosche erstanden, sie waren frei und zogen aus dem Lande, d"s sie mit Schweiß und Blut und Tränen getränkt halten. Doch was war dies? „Das ist die Erlösung?" fragten die in Mizrajim stumpf Gewordenen. Ein Morgen wie jeder Morgen! Ein Sonnenaufgang wie jeder Sonnenaufgang! Ueberall graue Alltäglichkeit. „WaS nun", fragten die Befreiten, „das sehnsüchtig, ersehnte Ziel haben wir erreicht, jetzt sind wir ziellos geworden, keinen Inhalt hat unser Leben mehr, wozu das Leben?" — Und sie suhlten, sich unsäglich krank und unglücklich, nn»B aj>8 Ivprs, sie verspürten den Geschmack des Sterbens. Doch der Aügüttge heilt Jisroels Kinder rasch. , Ihr habt Euer Ziel erreicht, ein neues zu erstreben ist eure künftige Aufgabe, d.nvdb ^rr 'm, „Und Gott. zog vor Ihnen". „Ich", spricht der Ewige", .,bin nun augenscheinlich euer Führer und Leiter, der Lenker euerer Geschicke. Mir strebet nach! :riYüS Min! Lernet von mir Barmherzigkeit, Mildtätigkeit, die ganzen Register jüdischer Empfindungen, umaewandelt in Mizwobtat. i Jetzt hobt ihr ein neues Ziel und lebet eurem Ziele. ' U«S Spätergeborenen, die wir uns die Erfahrungen einer viettausendjährigen Geschichte. zu Nutze macken sollen, sei dieses „Wö vpro-Empfangen" des aus Mizrajim befreiten Volkes eine große Lehre. Jede Arbeit, die der Einzelne verrichtet, jedes iel, das der Klall erstrebt, prüfen wir von diesem tandpunkt. Ist diese Arbeit, ist dieses Ziel unsere Kraft und unsere Sehnsucht wert? Wird sich nickt bei Erreichung unseres Zieles unserer Herzen die große Inhaltslosigkeit des Erreichten bemächtigen? Und wahrlich! Die jüdischen Ereignifie der letzten Jahve rechtfertigen den Ruf nack einer solchen einehenden Prüfung Wie viele Hoffnungen haben wir egraben, wie viele Träume von eine" schönen, goldenen Zukunft als freies, selbständiges Volk, waren eben nichts anderes als Träume. Heute, da schon die Denkenden in dieser Bewegung mit nüchternem Auge die Zwecklostgkeit eines Zieles erkennen, das uns selbst bei Erfüllung nichts als Enttäuschung und Inhaltslosigkeit bringen würde, weil es eben nur ein p o« litischeS Ziel ist, mahnt uns doppelt in der Geschichte der Erlösung Jisroels nur den Weg zu wählen, „vor dem Gott geht". Mordechay. Kleines Feuilleton. Schabbos Sagohaul. Bon Jakob Teßler in Nürnberg. Ueber die Benennung der „Große Sabbat" haben wir eine Fülle origineller Erklärungen und auch an dieser Stelle wurde schon manches darüber geschrieben. Eine weitere Interpretation, die der lveffentlichkeit