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Der Israelit · 1923-03-22 · Heft 12 (22.3.1923) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 12 (22.3.1923)
Date
1923-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Mage za Ar. 12 des „Israelit" Stern und Irrlicht. Historische Wovetle ans MeLHars Krßeörmg. Die Straßen Tur Schimons ergrauten im ersten Morgenltcht, das langsam die Nacht vertrieb. Im großen Hofe „Bar Deromas" flatterten die Hühner von ihrem Steige herab und gackerten in den lichtenden Tag. Immer rascher wichen die Nebel, immer eiliger machten sich am Himmel die Sternlein eines nach dem andern davon. Und die Dattelpalme auf grünem, taunassen Grunde bewegte, vom Morgenwinde geküßt, die Blätter wie im stillen Frühgebete. Aus ihrem Gemache trat bedächtig und noch schlaftrunken CHanna, die Tochter des Bar Deroma, ans Fenster. Ihr Herz fieberte, ihre Finger zitterten und ihre großen dunklen Augen spähten wie hilfesuchend weit hinaus über die judäischen Berge. „Schütze mich!" flehten ihre Rosenlippen, „schütze mich heute am Tage meiner Ehre und meiner Qual, meines Glückes und meines Schicksals!" Das Gackern der Hühner hatte Channa zuerst nicht geweckt, sondern sich in?ihre Träume hineingewoben. Sie hörte auch nicht den schneidend scharfen Ruf des Hahnes vom Nachbarhofe, sie sah vielmehr den scharfen Ton, sah ihn als Dolch, als gezücktes Schwert, das aus unbekannten Höhen sich herabließ — gegen ihre Brust. . . Beim zweiten Rufe von drüben sah sie aber schon deutlich den Jüngling aus Kusiba groß und gewaltig, wie er sich mit der starken gepanzerten Brust schützend vor sie aufpstanzte. Dann erst erwachte sie und ihre Lippen bewegten sich noch bei den letzten Ausschwingungen des Traumbildes: „Großer, Teuerer, schütze mich! . . ." Ein Huhn im Hofe, das größte und schönste, scharrte und Pickte ohne Unterlaß. Als wußte es, daß es heute, nach altem Brauch, seinen letzten Gang dem Brautzuge vorangehen sollte...!! ,' 1 HL Im gegenüber liegenden Hofe kündete zur gleichen Zeit der Hahn den Morgen an und der Jüngling aus Kusiba empfand die schrillen Töne wie Sieges rufe aus himmlichen Höhen, Kriegs-. Hörner erschallten . . . Und er erwachte wie im Taumel, wie im Siegesrausch. Er trat lächelnd ans Fenster. „Channa!" flüsterte er sich selber das schönste der Worte zu, „Channa, es ist unser Hochzeitslied, das der Vogel in den Morgen singt. Bis zum Abend ist es geschehen und du bist mein l" Wie von einer mächtigen Kraftwelle geschüttelt, riß der Jüngling beide Fensterflügel auf und seine nackte mächtige Brust hob und senkte sich wie die hochgehenden Wogen des Meeres. Von der Straße trabten zwei römische Legioniften der Kolontaltruppen vorbei. Ihre Pferde schäumten und ihre Stahlhelme leuchteten in die junge Sonne. Vor dem offenen Fenster machten die 'Soldaten halt. „He Jude!" schrie der eine, „Was machst Du da schon in aller frühe Lei offenem Fenster? Willst uns ausspionteren?" „Der Hebräer ist ein Spion", bekräftigte der andere. „Hat uns doch der Statthalter vor diesen schlauen jüdischen Spionen gewarnt. Also Jüngling aus Tur Schimon ..." Bar Kusiba antwortete ruhig: „Ich stamme nicht aus Tur Schimon, sondern aus Kusiba und habe mit Spionen nichts zu tun. Warum sollte ich auch in meinem eigenen Vaterlande? . . ." „Dein Vaterland? Du bist frech Jude.. Du glaubst wohl, daß Euer König noch am Leben sei. Den letzten von ihnen haben unsere Statthalter vor hundert Jahren schon an den Stadttoren Jerusalems gekreuzigt. Ihr glaubt wohl im Ernst, daß. er wieder zum Leben erwacht sei und noch den Thron von Judäa besteigen wird!?" „Ich spreche nicht von dem, der nicht mein König ist/ „Bist Du etwa ein Schüler von dem Alten in Jabne? Akiba heißt er." „Ja, das war ich." „Du lügst Jude, so oder so. Bist Du sein Schüler, dann konnten Dir doch nicht die Pläne Deines alten Lehrers entgehen! Weißt Du nicht, daß er vor einigen Tagen hier in Tur Schimon mit den Alten und Jungen beriet? WaS habt Ihr mit ihm gemein?" /,Jch sagte es schon, ich stamme nicht aus Tur Schimon, sondern aus Kusiba." „Der Alte war aber auch in Kusiba und hatte achthundert Jünglinge bei sich. Was tat er dort?" * „Er hat dort aus den Büchern der Schrift gelehrt." „Das könnte er aber doch gerade sogut in Jabne oder in Bne Berak machen. Warum wandert er von Ort zu Ort?" „Und warum sucht er überall die Eisenschmtede auf?" fügte auch der Andere hinzu. „Ich bitte Euch, mich mit Eueren Fragen zu verschonen, ich weiß nichts." Da griffen die Reiter voller Zorn mit starken Armen zum . Fenster hinein, als wollten sie den Jüngling herausziehen. Dieser aber riß sich mit einem Satze los und schlug mit eisernen Fäusten den Soldaten auf die Hände, daß diese blutunterlaufen hoch anschwollen. Die Legiontsten stießen einen wütenden Fluch aus, schwangen sich aber, nachdem sie sich umgesehen und überzeugt hatten, daß keiner Zeuge ihrer Niederlage war, auf ihre Pferde und trabten, so eilig sie diese trugen, davon.!; in. Der- Hochzeitszug setzte sich in Bewegung durch die Straßen von Tur Schimon, in denen zu beiden Seiten dichte Menscheuschaaren Spalter bildeten. Ein Fest der Freude und Wehmut zugleich war es für die ganze Stadt, mit Lachen und Weinen, Sang und Seufzer. Die Instrumente jubelten und schluchzten nnd die frohen Farben verloren sich in trübem Dunkel. Wie kalter Frost, der sich verdüsternd auf leuchtendes Kristall legt. . . Fast zwei Generationen lang ertönten keine Zimbel mehr in den Straßen der judäischen Städte, seitdem hier der Feind und mächtige Bedränger die Fuchtel schwang. Nur Tränen und Trauer, Zweifel und Zorn gab es noch, Asche auf dem gesenkten Haupte und Trübsinn im Herzen. Und jetzt wieder ein Hochzeitszug unter Sang und Mang und Schmettern der Trompeten. Die Sänfte der Braut war aus blauem, golddurchwirktem Purpur, die des Bräutigams aus festeren roten Stoffen zusammengesetzt, beide von seidenen, kunstgestickten Vorhängen geschloffen, daß man Braut wie Bräutigam nur durch blauen und roten Schleier sah. Blau war die Farbe des Friedens und der Hoffnung, die hatte die Braut gewählt. Rot' das Zeichen des wallenden Zornes — das Zeichen Bar Kusibas... Auf dem Haupte der Braut prangte ein weißes Diadem, der Bräutigam trug eine Krone aus grünlichem Golde. „Hatte nicht das Synhedrion zu Jabne das Tragen der Bräutigamskrone verboten?^ fragte man sich im Volke. Und einer trat an den Brautvater, Bar Deroma, heran: „Warum ließest Du es zu, Bar Deroma, was die Synode aus triftigen Gründen unter, sagt hat?" „Cs war der feste Wille Channas, von dem sie sich nicht abbringen ließ", entschuldigte sich Bar Deroma. „Vergeblich hielt ich ihr vor, es fei unstatthaft, vergeblich erklärte ich ihr, baß seit der Zerstörung unseres Heiligtums auch der Bräutigam die Zeichen der Trauer zu beachten hätte und Asche anstelle der Goldkrone tragen müsse. Vergebliche Mühe, sie weinte und flehte: „Auf das Haupt Bar Kusibas gehöre die Krone." Sie ließ es sich nicht ausreden. Und ihr herzzerreißend Weinen möge an Stelle des fehlenden Trauerzeichens auf dem Haupte Bar Kusibas gelten." Mchlüß folgt.) Kinderecke. mm Das Geländer und das Sach. Bon Heinrich Eiustädter. Nach Griesingen war ein neuer jüdischer Religionslehrer gekommen. Er hatte sich vorgenommen, seine ganze Kraft dem Amte z« widmen, für das er berufen worden war. Er wollte die Jugend durch seinen Unterricht befähigen, als glaubensstarke, überzeugte Jude» das Leben aufzunehmen, und auch auf die Erwachsenen durch die Art, wie er den Gottesdienst leitete, und durch belehrende und erbauende Vorträge einen religiösen Einfluß ausüben. Sein Vorgänger hatte den Religionsunterricht auf die wenigen Stunden beschränkt, die landesgesetzlich vorgeschrteben waren. Der neue Lehrer Amberg sah, daß in so kurzer Unterrichtszeit nicht viel zu erreichen war, und setzte darum Nachmittagsstunden zur Ergänzung ein. Leicht gewann er die Kinder für diese Aendermtg; denn er verstand es, sie zu fesseln um ihr Streben anzuregen. Hingegen machte iha einer der Gemeindevorsteher nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Er bezeichnete sich gern w „Fortschrittler", und als solcher war er für möglichste Angleichung an die anderen Bekenntniffe. „Wenn diese mit drei Reltgionsstunde« in der Woche auskommen, warum sollten bei uns nicht fünf hinreichen?" Amberg war bestrebt, mit seiner Gemeinde im Frieden zu leben. Darum' machte er dm Vorsteher einen Besuch und lenkte dabet die Unterhaltung auf den strittigen Gegenstand. „Herr Lenkmann", sagte er, „Sie BtUtgeti es gewiß, wenn ich das Ziel setze, daß die Kinder den ganzen Pentateuch erlernen, damit sie «J Verständnis der Thoravorlesung folgen und am ihre Pflichten aus den Quellenschriften kennet lernen können." ., „Nicht ohne weiteres", erwiderte lächeln" Herr Lenkmann. „Biele der Vorschriften des Pentateuch find nicht auf unsere VerhältriU anwendbar. .Ich halte es für eine unnötige Belastung der Kinder, wenn wir fle damit qrA len. Da lesen wir zum Beispiel: „Du M dir ein Geländer um dein Dach machen, am

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